Motive und Erklärungsmuster für das Sporttreiben von Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren - eine empirische Studie in Greifswalder Sportvereinen-


Examensarbeit, 2006
117 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problem- und Zielstellung der Arbeit
1.2 Übersicht über die Literaturlage und den Forschungsstand

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Zur Rolle und Bedeutung von Sportvereinen in Deutschland
2.1.1 Die Entwicklung des Vereinswesens in Deutschland
2.1.2 Strukturbesonderheiten des Sportvereins
2.1.3 Bedeutung und Funktion des Sportvereins
2.1.4 Der vereinsorganisierte Sport in Ostdeutschland
2.1.5 Zur Sportvereinslandschaft in Greifswald
2.1.6 Aktuelle Probleme von Sportvereinen
2.2 Bedeutung von Spiel, Sport und Bewegung für die kindliche Entwicklung
2.2.1 Veränderte Kindheit
2.2.2 Die Bedeutung von Bewegung für die Entwicklung von Kindern
2.2.3 Die Auswirkungen von Spiel, Sport und Bewegung auf die
Persönlichkeitsentwicklung von Kindern

3.. Die empirische Studie
3.1 Zur Zielstellung der Studie
3.2 Fragestellungen der Studie
3.3 Zur Hypothesenbildung der Studie
3.4 Zur Methodik der empirischen Untersuchung
3.4.1 Entwicklung des Fragebogens
3.4.2 Planung der Stichprobe
3.4.3 Durchführung der Befragung
3.4.4 Qualität der Stichprobe
3.4.5 Datenauswertung
3.5 Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung
3.5.1 Soziale Determinanten der Sportvereinsmitgliedschaft im Kindesalter
3.5.1.1 Geschlecht
3.5.1.2 Altersstruktur
3.5.1.3 Wohnsitz der Kinder
3.5.1.4 Bildungskarriere der Kinder
3.5.1.5 Berufliche Stellung der Eltern
3.5.2 Subjektive Gründe für die Sportvereinsmitgliedschaft im Kindesalter
3.5.2.1 Motive für die Mitgliedschaft
3.5.2.2 Werte im Zusammenhang mit dem Sporttreiben
3.5.2.3 Auslöser für den Eintritt in einen Sportverein
3.5.3 Häufigkeit und Intensität des Sporttreibens im Sportverein
3.5.4 Formen zum Erreichen der Trainingsstätte
3.5.5 Häufigkeit von Wettkämpfen und Wettkampfebenen
3.5.6 Zusätzliches Sporttreiben außerhalb des Sportvereins
3.5.7 Schulsportnoten von Kindern in Sportvereinen
3.5.8 Sportvereinskarrieren (Dauer der aktuellen Mitgliedschaft/Vereinswechsel)
3.5.9 Höhe des Mitgliedsbeitrages
3.5.10 Wunschsportarten der Kinder

4.. Zusammenfassung der Ergebnisse

5.. Fazit

6.. Literaturverzeichnis

7.. Anlagen

1 Einleitung

1.1 Problem- und Zielstellung der Arbeit

Von vielen Wissenschaftlern und Pädagogen hört man in der heutigen Zeit Aussagen wie z.B. „Toben macht schlau“ (Zimmer, 2005) oder „Ohne Bewegung kein Leben“ (Breithecker 2002). Themen rund um die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die Entwicklung des Menschen und speziell für Kinder und Jugendliche finden derzeit nicht zuletzt aufgrund der PISA-Studie viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Es ist unumstritten, dass die sportliche Aktivität im Leben vieler Deutscher eine große Rolle spielt.

Etwa jeder Vierte Deutsche ist laut der Bestandserhebung des Deutschen Sportbundes (DSB, 2005, seit 20.05.2006 Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB)) Mitglied in einem Sportverein. Derzeit gibt es in Deutschland 89.870 Sportvereine (vgl. DSB Bestandserhebung 2005), in denen insgesamt rund 27 Millionen Menschen organisiert sind. Das entspricht 33% der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Der Anteil der Jungen und Mädchen zwischen 7 und 14 Jahren an den Sportvereinsmitgliedern insgesamt beträgt 19% (4.453.695 Millionen). Demzufolge treiben bundesweit 68% der Kinder dieser Altersgruppe Sport im Verein. Trotz der teilweise düsteren Zukunftsprognosen der Sportvereine („Auslaufmodell oder Hoffnungs-träger“, vgl. Nagel, Conzelmann & Gabler, 2005, S.52) verzeichneten diese 2005 für die Al-tersgruppe 7 bis 14 Jahre einen Mitgliederzuwachs. So nahm die Mitgliederzahl der Jungen um 1% (18.652) und die der Mädchen um 0,5% (12.833) zu (vgl. DSB Bestandserhebung 2005). Damit bildet der organisierte Sport in Sportvereinen die größte Kinder- und Jugendor-ganisation in Deutschland. Angesichts dieser hohen gesellschaftlichen Bedeutung des Ver-einssports und der imposanten Zahlen stellt sich die Frage, worin die große Anziehungskraft der Sportvereine und der Reiz des Vereinsports in Deutschland begründet liegen.

In den verschiedenen Medien wird vermehrt vor einer drohenden Krise der Sportvereine ge-warnt, obwohl die o.g. Zahlen dieser Annahme widersprechen. Nagel et al. (2005) berichten, dass der Vereinssport nach wie vor durch Wachstum gekennzeichnet ist (immer noch neue Vereinsgründungen, Mitgliederzuwachs). Die Mehrheit der Mitglieder (82%) ist mit ihrem Sportverein zufrieden oder sogar sehr zufrieden (vgl. Nage et al., 2005, S.53). Die Zahl der Vereine mit Mitgliederrückgang ist geringer als die Zahl der Vereine mit Mitgliederzuwachs. Diese Aussage muss jedoch gerade im Jugendbereich kritisch hinterfragt werden.

Einerseits zeigen die Zahlen der DSB-Bestanderhebungen ein steigendes Vereinsengagement von Jugendlichen an. Die Sportvereine sind mit Abstand die bedeutendste Jugendorganisation. Etwa 80% aller Heranwachsenden haben Erfahrungen in Sportvereinen gesammelt. Die Hälfte aller Jugendlichen zwischen 13 und 19 sind Mitglied in einem Sportverein (vgl. Baur, Brettschneider, 1994, S.33).

Andererseits bestätigen die Sportvereine, dass sich das Bindungsverhalten der Jugendlichen verändert hat. Einer steigenden Eintrittsquote steht eine wachsende Austrittsquote gegenüber. Das Fluktuationsverhalten der Jugendlichen und die Austritte aus den Sportvereinen nehmen deutlich zu (1978 35,1%; 1992 48,9%) (vgl. Rummelt, 1998, S.211). Die Eintritte in den Sportverein erfolgen heutzutage früher und in größerer Zahl. Gleichzeitig steigt der Anteil derer, die ihn früher verlassen. Wie lässt sich die Diskrepanz zunehmender Mitgliederzahlen im Jugendbereich und steigender Austrittszahlen erklären?

Eine erste Erklärung könnte darin liegen, dass die „positiven“ Mitgliederzahlen der DSB Statistik nicht ganz der Wahrheit entsprechen. „Sie weist nämlich nicht den Anteil der Sportvereinsmitglieder unter den Jugendlichen aus, sondern gibt die Addition aller Mitgliedschaften in Sportvereinen und den einzelnen Sportverbänden wieder“ (Baur, Brettschneider, 1994, S.28). Gerade in der Gruppe der Jugendlichen steigt die Anzahl von Mehrfachmitgliedschaften. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die „vermeintlich“ stetige Zunahme im Organisationsgrad auf die steigenden Mehrfachmitgliedschaften zurückzuführen ist. Der Anteil der vereinsorganisierten Jugendlichen muss nach unten korrigiert werden (vgl. Baur, Brettschneider, 1994, S.28-30).

Gleichzeitig wird davor gewarnt, die in der DSB-Statistik rückläufigen Zahlen mit einer Ab-sage der Jugendlichen an die Vereine gleichzusetzen. Die Sportentwicklung im Jugendsport-bereich muss vielmehr im Kontext zur Bevölkerungsentwicklung der Jugendlichen gesehen werden. Aufgrund des starken Geburtenrückgangs in den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung drastisch zurückgegangen. Diese Ent-wicklung schlägt sich natürlich auch in der Mitgliederstatistik dieser Altersgruppe nieder. Die Gründe für die steigenden Austritts- und Fluktuationszahlen der Jugendlichen und die daraus resultierenden Probleme für die Sportvereine werden in Kapitel 2.1.6 erläutert.

Es ist nicht zu verkennen, dass die Sportvereine aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung und Veränderung vor neuen Herausforderungen und Aufgaben stehen. Das gemeinwohlorien-tierte Sportvereinswesen ist zunehmend geprägt durch veränderte Erwartungshaltungen der Mitglieder (mehr Forderungen, weniger Unterstützung, erwarten eine umfassende Dienstleistung für ihren Beitrag usw.), Steuerungs- und Reorganisationsprobleme und einen zunehmenden Finanzdruck. Gleichzeitig ist eine zunehmende Attraktivität kommerzieller Sportanbieter und des informellen Sportsektors zu verzeichnen. Besonders ostdeutsche Sportvereine unterliegen seit der gesamtdeutschen Vereinigung verschiedenen Transformationsprozesssen und mussten bzw. müssen sich neuen gesellschaftlichen, finanziellen, personellen und sozialen Veränderungen stellen.

Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald hatte ausschließlich während der Wendezeit beim Übergang der ehemaligen Sport-, Betriebssport- und Wohnsportgemeinschaften in die neu gegründeten Sportvereine mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. Seit Anfang der 90er Jahre steigen jedoch die Mitglieds- und Vereinszahlen stetig an. Die Anzahl der Greifswalder Sportvereine hat sich von 22 im Jahre 1990 auf 73 im Jahre 2005 erhöht (Archiv des Sportbundes Hansestadt Greifswald e.V.). Der Vereinssport hat sich den veränderten Interessen der Bevölkerung durch ein breiteres Sportartenangebot gestellt. Die Stadt Greifswald hatte nach der Wiedervereinigung mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Eine große Herausforderung ergab sich im Bereich der Sportstättensanierung. 75% der Gesamtsportfläche war sanierungsbedürftig oder nicht nutzbar. Jedoch gelang es bis heute, durch zahlreiche Sanierungen und Projekte (z.B. Neubau der Mehrzweckhalle, Arndtsporthalle) die Bedingungen für den Greifswalder Sport zu verbessern.

Nicht nur für Sportvereine haben sich die „Lebensbedingungen“ (gesellschaftlicher, finanzieller Art) verändert. Nach Zimmer (1993) ist Kindheit eine bewegte Zeit und Kinder haben sowohl heute als auch früher ein unmittelbares Verlangen nach Bewegung. Diese spielt in keiner anderen Altersstufe eine so große Rolle wie im Kindesalter (vgl. Zimmer, 1993, S.12).

Von Seiten der Sportpädagogen, Mediziner und Psychologen wird jedoch seit Jahren auf die veränderte Lebenswelt der Kinder hingewiesen. Im Zusammenhang mit dem Wandel der Lebensbedingungen der Kinder sprechen viele Sport- und Bewegungswissenschaftler von „Verhäuslichung“, „Versportlichung“, „Fremdorganisation“, „Konsumzunahme“, „Bewegungsarmut“, „Kolonialisierung“ usw. Nach Bös (2003) ist die Bewegungswelt heutiger Kinder vorwiegend durch Medienkonsum und Bewegungsmangel geprägt. Immer weniger Kinder nehmen ihre Umwelt als Bewegungswelt wahr. Sport, Spiel und Bewegung gewinnen somit immer mehr an Bedeutung als Gegenwelt zur „virtuellen Realität“.

In regelmäßigen Abständen informieren die verschiedenen Medien über neueste Untersuchungen zum Thema fortschreitende Bewegungsarmut bei Kindern und daraus resultierenden Problemen. Eine Vielzahl von alarmierenden Statistiken gibt Auskunft über den hohen Anteil von betroffenen Kindern. Es kann festgehalten werden, dass bei 10- bis 14-Jährigen seit 1995 ein Rückgang der Fitness um mehr als 20% zu verzeichnen ist. Heute schaffen nur noch durchschnittlich 74% der Mädchen und 80% der Jungen die Kraft-, Ausdauer- und Koordinationsleistungen ihrer Altersgenossen aus dem Jahr 1995. Fast jedes fünfte Kind ist bei den 10- bis 12-Jährigen zu dick (vgl. WIAD Studie II, 2003, S.7).

Der Widerspruch zwischen der defizitären körperlichen Verfassung der Kinder einerseits und deren erhöhten sportlichen Aktivitäten durch Mitgliedschaften in Vereinen andererseits kann möglicherweise dadurch erklärt werden, „… dass die soziale Schere zwischen aktiven und inaktiven Kindern immer stärker klafft und die Anteile der sportlichen und unsportlichen Kinder jeweils größer werden“ (Brettschneider, 2005, Punkt 1)

Die vorliegende Arbeit widmet sich im ersten Abschnitt (2.1) der theoretischen Ausführungen der Problematik der Sportvereine (Rolle und Bedeutung der Sportvereine in Deutschland). Es werden zunächst die historische Entwicklung des Vereinswesens in Deutschland, die Strukturelemente und Funktionen der Sportvereine näher beleuchtet, bevor auf den vereinsorganisierten Sport in Ostdeutschland und speziell in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald eingegangen wird. Am Ende dieses Abschnittes sollen aktuelle Probleme und Herausforderungen der Sportvereine aufgezeigt werden.

Die Bedeutung von Spiel, Sport und Bewegung für die kindliche Entwicklung wird im Kapitel 2.2. des theoretischen Teils vorgestellt. Die veränderten Lebensbedingungen der Kinder, die Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung sowie deren Auswirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung finden ihre Erläuterung.

Aufgrund des theoretischen Hintergrunds und der Frage, worin die große Anziehungskraft der Sportvereine und der Reiz des Vereinssports in Deutschland begründet sind, entstand der Wunsch nach einer aktuellen Befragung zum Sporttreiben von Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren in Greifswalder Sportvereinen. Das allgemeine Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, mittels einer empirischen Untersuchung (schriftliche Befragung) die Motive und Erklä-rungsmuster für das Sporttreiben von Kindern im Sportverein zu ermitteln.

Die im Rahmen der Untersuchung gewonnenen Ergebnisse sollen Auskunft über verschiedene Aspekte (Motive, soziale Determinanten etc.) des Sporttreibens von Kindern in Sportvereinen geben. Der empirische Teil der Arbeit (Kapitel 3) befasst sich schwerpunktmäßig mit der Methodik und den Befunden dieser empirischen Studie. Im letzten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und diskutiert

1.2 Übersicht über die Literaturlage und den Forschungsstand

Im Rahmen dieser Arbeit wurde ein breites Spektrum an Literatur zu den verschiedenen Bereichen (1. Sportvereinsforschung, 2. Sportverhaltensstudien und 3. Bedeutung von Bewegung in der Kindheit) gesichtet. Die unterschiedlichen Literaturlagen und Forschungsstände der drei Teilbereiche sollen nachfolgend vorgestellt werden.

In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Publikationen und Untersuchungen im Bereich der (empirischen) Sportvereinsforschung. Seit Beginn der siebziger Jahre lässt sich diese Forschungsrichtung feststellen. „Sportvereine in der Bundesrepublik Deutschland“ (Linde 1972) war die erste größere empirische Studie in diesem Bereich. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden verschiedene Aspekte des Vereinswesens (Funktionen der Sportvereine für ihre Mitglieder, Umfang der Vereinsmitgliedschaften, Trennung nach Alter und Geschlecht usw.) analysiert. Schlagenhauf publizierte 1977 die gewonnenen Ergebnisse in einem ersten Band und Timm wertete 1979 weitere Aspekte des Sportvereinswesens in einem zweiten Band aus (Organisations-, Angebots- und Finanzstruktur der Sportvereine) (vgl. Emrich, Pitsch & Papathanassiou, 2001, S.40-42).

Der DSB und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft finanzieren seit 1978 die Finanz- und Strukturanalyse der Sportvereine in Deutschland (FISAS), welche sich umfangreich mit den Situationen und Problemen der Sportvereine befasst und die Untersuchungsansätze von Schlagenhauf (1977) und Timm (1977) teilweise weitergeführt hat. Die Ergebnisse der FISAS 1978 wurden durch den DSB (1982) veröffentlicht. Die Daten der FISAS 1982 und 1986 wurden aufgrund des großen finanziellen Aufwandes nur als unveröffentlichte Ergebnispapiere vorgelegt. Dagegen wurden die Ergebnisse der FISAS 1991 ausführlich von Heinemann, Schubert (1994) systematisch aufgearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Erstmals wurden Daten von Sportvereinen aus den neuen Bundesländern vorgestellt. Zusätzlich wurden umfangreiche Informationen über die Strukturmerkmale, die Mitglieder-, Personal- und Anlagenstruktur, die wirtschaftliche Lage sowie über die Aufgaben und Probleme der Sportvereine geliefert. Die Ergebnisse der letzten FISAS 1996 präsentierte die Autorengemeinschaft Emrich et al. 2001.

Die jährlich erscheinende Bestandserhebung des DSB (jetzt DOSB) präsentiert wichtige Informationen zur Mitglieder- und Vereinsentwicklung in den deutschen Sportvereinen. Jährliche Mitgliederzu und -abgänge, Zahlen der Sporttreibenden Bevölkerung in Sportvereinen, die Mitglieder- und Altersstruktur in den jeweiligen Landessportbunden und Sportarten und Vergleiche mit den Vorjahren werden anhand von Fakten präsentiert. Somit können Entwicklungstendenzen abgeleitet werden.

Seit der Wende gibt es eine Reihe von Publikationen, die sich speziell mit der Problematik der ostdeutschen Sportvereine befassen. Baur, Koch und Telschow (1995) und Baur, Braun (2001) liefern einen umfangreichen Untersuchungsbericht über die Sportvereine in Ost-deutschland. Baur et al. (1995) untersuchten die aktuelle Lage der Sportvereine und absehbare Entwicklungstendenzen in der Sportvereinslandschaft im Land Brandenburg anhand einer empirischen Untersuchung. Seit der Wiedervereinigung unterliegen ostdeutsche Sportvereine verschiedenen Transformationsprozessen. Während der Sport in der DDR zentralistisch orga-nisiert war, müssen sich die ostdeutschen Sportvereine nach der Wende wieder „reorganisie-ren“. Es erfolgt(e) ein Übergang der Organisationsstrukturen des westdeutschen Sports auf Ostdeutschland. Diese Problematik war auch Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Tagung der Universität Greifswald im Jahr 1999. „Breitensport in Ostdeutschland. Reflexion und Transformation“ heißt der erschienene Sammelband (Hinsching 2000) und setzt sich mit dem ostdeutschen Sport im Blickpunkt der Transformationsforschung und mit Entwicklungsproblemen des organisierten Sports in Ostdeutschland auseinander.

Weiterhin gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die sich der Thematik der Jugendlichen (Baur, Brettschneider 1994) und der Frauen und Mädchen (Klein 1995; Baur, Beck 1999) widmen.

Immer häufiger beschäftigen sich verschiedene Publikationen mit den gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen der Sportvereine. Vieles hat sich im Sport selbst, aber auch im Hinblick auf äußere Einflüsse verändert. Die gesellschaftlichen Bedingungen und die Sport-, Freizeit- und Gesundheitsinteressen der Menschen haben sich verändert und viele Mitglieder treten mit neuen Wünschen und Erwartungen an den Verein heran. Die Zahl der kommerziel-len Sportanbieter nimmt stetig zu und wird zunehmend zu einer Konkurrenz der Sportvereine. Gleichzeitig sind Sportvereine – was die Zahlen des DSB belegen – die bedeutendste gesellschaftliche Instanz für Kinder und Jugendliche. Viele Autoren beschäftigen sich regelmäßig mit dieser Problematik (z.B. „Sportvereine – Auslaufmodell oder Hoffnungsträger“, Nagel et al. 2005).

Rummelt (1998) beleuchtet in seiner Publikation „Moderne-Sport-Kommune“ den Sportverein zwischen Tradition und Moderne. Die Bedeutungszuweisungen, Problemfelder, die Krise des Ehrenamtes und Perspektiven der Sportvereine werden analysiert. Rummelt geht speziell auf das „Modernisierungsdilemma“ der Sportvereine ein.

Zusammenfassend lässt sich für den Bereich der (empirischen) Sportvereinsforschung feststellen, dass eine Reihe von anregenden und aufschlussreichen Publikationen und empirischen Untersuchungen vorliegt.

Zum Thema Sportverhaltensstudien steht dem Leser ebenfalls eine Vielzahl von interessanten Veröffentlichungen zur Verfügung. Sportverhaltensstudien bieten eine wesentliche Grundlage für eine bedarfsgerechte Sportstättenentwicklungsplanung. Zusätzlich liefern die empirischen Daten der Sportpolitik und -verwaltung handfeste Beweise für die Legitimation von Maßnahmen der Sportförderung. Anhand der aktuellen Datenbasis kann bedarfsgerechter auf die Bedürfnisse und Forderungen der Sporttreibenden eingegangen werden. Mit Hilfe von Sportverhaltensstudien können zusätzlich richtige Antworten auf die Veränderungsprozesse hinsichtlich der Sportangebote und –nachfragen gefunden werden. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Einwohnerbefragungen zum Sporttreiben und zur bewegungsaktiven Freizeit durchgeführt (z.B. in Münster, Paderborn, Köln, Wiesbaden, Neuss 2003, Herne 2004). Verschiedene Aspekte des Sportverhaltens der Bürger wurden untersucht: Häufigkeit und Dauer des Sporttreibens, Zahl der Sportler pro Sportart, Anzahl der Sportvereinsmitglieder, Organisationsformen des Sporttreibens, Motive usw.

Zu beachten ist, dass es sich vorwiegend um lokale bzw. regionale Sportverhaltensstudien handelt. Daher können die Ergebnisse nicht verallgemeinert bzw. bundesweit übertragen werden. Dennoch ist zu erkennen, dass die Sportangebote und die Sportnachfrage zunehmend auseinander gehen. Vermehrt werden von den Einwohnern Sportangebote im Bereich der Trendsportarten und im Gesundheitsbereich gefordert. Bisher sind jedoch vielerorts die „traditionellen“ Sportangebote in hohem Maße konstant geblieben. Auf die veränderte Sportnachfrage müssen die Städte reagieren, um negative Folgen für die Sportentwicklung und Sportvereine abzuwenden.

Alle nehmen sich des Themas „ Kindheit und Bewegung “ an, allerdings widersprechen sich die Berichterstattungen und Untersuchungsergebnisse.

„Zu dicke Kinder“, „Bewegungsarme Kinder“, „Fernsehsüchtige Kinder“! Diese einseitigen und negativen Bilder von Kindern werden vermehrt von den Medien (Focus, Spiegel u.a.) gezeichnet. Auch Ärzte und Pädagogen klagen über motorisch auffällige Kinder. In zahlreichen Publikationen und Studien wird über die veränderte Lebenswelt, die zunehmende Bewegungsarmut bei Kindern und den daraus resultierenden Folgen berichtet: abnehmende motorische Fähigkeiten, Probleme mit den Grundfertigkeiten (hüpfen, werfen, laufen, springen), Haltungsschäden und zunehmend übergewichtige Kinder (Zimmer 1993, 1997, 1998, 2003; Schmidt 1996; Brettschneider, Schierz 1993).

Auf der anderen Seite war der Organisationsgrad von Kindern in deutschen Sportvereinen noch nie so hoch wie heute. Kinder treten heutzutage mit einem jüngeren Alter in den Sportverein ein als früher (Brinkhoff, Sack 1999). Die Forschungsergebnisse von Schmidt, Hartmann-Tews und Brettschneider (2003) und die Zahlen der DSB-Bestandserhebung 2005 belegen übereinstimmend die hohe Bedeutung des Handlungsfeldes Sport im Kindesalter. Bei allen eingesehenen Untersuchungen bzw. Studien fällt auf, dass Sport in der Freizeitgestaltung der Kinder Platz „Eins“ einnimmt (vgl. Brettschneider, Bräutigam, 1990; Brinkhoff, Sack, 1999). Gegenwärtig treiben bundesweit 68% der Kinder im Alter zwischen 7 und 14 Jahren Sport im Verein (DSB-Bestandserhebung 2005). Umfassende Informationen zum Sportverhalten, zu den Sportinteressen und –bedingungen der Kinder und Jugendlichen präsentiert der Erste Deutsche Kinder- und Jugendbericht von Schmidt et al. (2003).

Interessante Ergebnisse über das Sportinteresse der heranwachsenden Generation, über ihre Vorlieben für bestimmte Sportarten, über ihre Bewegungssettings und über mögliche Zusammenhänge von Sport und Gesundheit im Kindesalter liefern die empirischen Studien von Brettschneider, Bräutigam (1990) und Kurz, Sack und Brinkhoff (1993).

Anfang des Jahres 2001 sorgten die empirischen Befunde von Brettschneider, Kleine im Zusammenhang mit der Sportstudie „Jugendarbeit in Sportvereinen – Anspruch und Wirklichkeit“ für viel Aufsehen. Die Studie zerstörte zum Teil die „heile Welt der Sportvereine“, weil die empirischen Befunde die reklamierten positiven Wirkungen eines Engagements im Sportverein nicht bestätigen. Die wichtigen sozialen Leistungen, die den Sportvereinen vom Staat zugeschrieben wurden, werden in dieser Studie angezweifelt. Diese Studie kam u.a. zu folgenden Ergebnissen: (1) Sportvereine sind weniger erfolgreich in ihrem Bemühen, die Jugendlichen in motorischer Hinsicht systematisch zu fördern; (2) Jugendliche Vereinssportler sind in ihrem Alkoholkonsum nicht zurückhaltender als Nichtmitglieder; Vereinsfußballspieler sind beim Konsum von Bier und Zigaretten Spitzenreiter; (3) Beim Konsum illegaler Drogen gibt es im Durchschnitt keinen Unterschied zwischen Vereinsmitgliedern und Nichtvereinsmitgliedern. Nach Brettschneider, Kleine sind in diesem Zusammenhang positive Einflüsse des Sportvereins nicht ableitbar. Aufgrund dieser recht „unerwarteten“ empirischen Befunde kann die Aufregung in Bereichen der Sportpolitik und –wissenschaft, in der Sportvereinslandschaft und in sozialwissenschaftlichen Bereichen verstanden werden (vgl. www.musin.de)

Weiterhin wurden in den letzten Jahren zahlreiche Projekte durchgeführt, die die Auswirkungen von zusätzlichem Sportangebot bzw. täglichem Sportunterricht auf die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern untersuchten (Bös 1993-1997; Müller 1996-2000). Positive Auswirkungen waren bereits nach kurzer Untersuchungsdauer zu beobachten (Ergebnisse siehe unter 2.2.3).

Abschließend bleibt festzustellen, dass die Zahl der Publikationen, Studien und Berichte steigt, die sich mit den veränderten Lebensbedingungen der heutigen Kinder und der Bedeutung von Spiel, Sport und Bewegung für die kindliche Entwicklung befassen. In einer Vielzahl der Berichterstattungen werden die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse vorwiegend negativ gedeutet. Die mit den Modernisierungsprozessen verbundenen Chancen der Optionsvielfalt werden selten thematisiert. Es wird der Verlust von angemessenen Bewegungsmöglichkeiten beklagt (vgl. Brettschneider 2005, Punkt 1.1.1).

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Zur Rolle und Bedeutung von Sportvereinen in Deutschland

Kinder, Jugendliche und Erwachsene treiben in verschiedenen Institutionen Sport. Die Sportvereine sind die größten, bekanntesten und beliebtesten Institutionen des Sports in Deutschland. Derzeit bestehen 72.356 Sportvereine in den alten, 15.448 in den neuen Bundesländern (ohne West/Ost-Berlin; DSB Bestanderhebung 2005). Für die deutsche Bevölkerung lässt sich im zeithistorischen Trend eine stetige Zunahme der Organisationsgrade nachweisen. Der Sportverein ist die unangefochtene Nr. 1 unter den Freizeitorganisationen. In keiner anderen Organisation sind so viele Bürger freiwillig vereinigt und sportlich aktiv tätig (vgl. Zahlen unter Kapitel 1.1).

Auf die beeindruckende Entwicklung, Strukturmerkmale, Funktionen und Probleme der deutschen Sportvereine wird im folgenden Kapitel näher eingegangen. Zusätzlich wird die Situation der ostdeutschen Sportvereine seit der Wiedervereinigung allgemein und im Besonderen die der Greifswalder Sportvereine betrachtet. Zum besseren Verständnis wird darauf hingewiesen, dass im Folgenden der Begriff „Verein“ mit dem Begriff „Sportverein“ gleichzusetzen ist.

2.1.1 Die Entwicklung des Vereinswesens in Deutschland

Das Sportvereinswesen in der Bundesrepublik Deutschland hat eine sehr lange Tradition. Erste Sportvereine im heutigen Sinne gründeten sich 1836 mit dem Hamburger Ruder-Club, 1861 mit dem Schlittschuhverein Frankfurt/Main und ab 1883 entstanden zusätzlich die selbständigen Spitzenverbände (1883 Deutscher Ruder-Verband, 1900 Deutscher Fußball-Bund).

Ein enormes und beständiges Wachstum verzeichnete der vereinsorganisierte Sport nach dem 2. Weltkrieg durch die Gründung des Deutschen Sportbundes (DSB) am 10. Dezember 1950. Seit 1950 stieg die Zahl der registrierten Mitgliedschaften von 3,2 Millionen auf rund 27 Millionen zum Ende des Jahres 2005 kontinuierlich an. Die Zahl der Sportvereine stieg im gleichen Zeitraum von knapp 20.000 auf nahezu 90.000. „Mit Recht kann der organisierte Sport in Deutschland deshalb von sich behaupten, ein gesellschaftliches „Schwergewicht“ zu sein“ (Meier, 2003, S.3).

Verantwortlich für die Erfolgsgeschichte des vereinsorganisierten Sports in Deutschland sind auch die immer wieder durchgeführten sportpolitischen Maßnahmen des DSB. Diese Aktionen hatten das Ziel, breite Bevölkerungsgruppen an die Sportvereine zu binden. Neben den traditionellen Zielgruppen der Sportvereine sollten neue Personen Zugang zum Verein finden. Der 1959 vom DSB initiierte „Zweite Weg“ propagierte breitensportliche Variationen der bislang wettkampfsportlich betriebenen Sportarten. Weitere Maßnahmen waren z.B. die Anfang der 70er Jahre breit angelegten „Trimm Dich“ und „Sport für alle“ Kampagnen, das Sportabzeichenprogramm und das 1989 gestartete Projekt „Sport für Aussiedler“ (vgl. Meier, 2003, S.3). In der ehemaligen DDR versuchte der 1957 gegründete Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) ebenfalls durch verschiedene Aktionen, die Bevölkerung zum Sporttreiben im Verein zu motivieren, wie z.B. durch die Laufbewegungen, die zentralen Turn- und Sportfeste in Leipzig, das Sportabzeichenprogramm, die Sportangebote in Schulsportgemeinschaften und durch die Spartakiadebewegungen.

Im Zuge dieser Initiativen öffneten die Sportvereine vermehrt ihre Sportprogramme Richtung Breitensport und neuen Sportformen und -gruppen, wie z.B. Jogging, Gesundheits- und Wellnesssport, Integration von Aussiedlern, Ausländer. Die Vielgestaltigkeit in Form, Angebot und Struktur war die Grundlage für den außerordentlichen Wachstumsprozess der Sportvereine (vgl. Baur, Braun, 2001, S.20; Meier, 2003, S.3).

Durch diese sportpolitischen Maßnahmen haben sich nicht nur positive Veränderungen eingestellt, sondern auch neue Anforderungen und zu lösende Probleme in den Vereinen ergeben. Das Streben nach Mitgliedergewinnung und Angebotsdifferenzierung wird zunehmend kritisch hinterfragt („Solidargemeinschaft oder Dienstleistungsgesellschaft?“) und in diesem Zusammengang werden Entwicklungen wie der „Werteverlust im Sport“ oder die „Entsportung des Sports“ (Heinemann 1998) bemängelt. Es vollziehen sich rasante Veränderungen in der Gesellschaft und Sportlandschaft und die Sportvereine müssen ihre Ziele und Strukturen den neuen Bedürfnissen anpassen.

Der gesellschaftliche Wandel und die damit einhergehende Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensstilen wirken sich auf den Sport und die Sportvereine aus. Auf der gesellschaftlichen Ebene lassen sich die Entwicklungen im Sport als Expansion und Pluralisierung der Sportkultur beschreiben und auf der Akteursebene als Veralltäglichung und Individualisierung von Sportengagement (vgl. Tab.1).

Tab. 1: Quantitative und Qualitative Veränderungen des Sports differenziert nach Gesellschafts- und Akteursebene (Quelle: Baur et al. 1995, S.15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Zuge der Expansion der Sportkultur werden immer breitere Bevölkerungsgruppen in den Sport involviert. Neben dem vereinsorganisierten Sport, der insgesamt noch immer Mitgliederzuwächse zu verzeichnen hat, nehmen die Angebote für andere Sportmöglichkeiten außerhalb der Sportvereine zu (kommerzielle Sportanbieter, Sporthotels, Reiseunternehmen, informeller Sportsektor).

Mit der Expansion geht eine Pluralisierung der Sportkultur einher. Die Inhalte des Sports (z.B. Sinn-, Sach-, Zeit-, Raum- und Sozialdimension) differenzieren und erweitern sich rasant. Um das traditionelle Sportartenspektrum gruppieren sich eine Vielzahl neuer Sportformen. Alte Bewegungsformen werden mit neuen Sportgeräten aktualisiert (Inlineskating anstatt Rollschuhlauf), neue Sportarten werden erfunden (z.B. Kitesurfen) und traditionelle Sportarten werden modifiziert (z.B. Beachvolleyball). Weiterhin werden die traditionellen Sinn- und Wertemuster (Leistungsprinzip: Erfolg, Wettkampf, Rekord, Ergebnis) durch neue, alternative Sinnmuster erweitert (hedonistisches Prinzip: Spaß, Fitness, Gesundheit, Körper-, Selbst-, Grenz-, Natur-, Risiko-, Abenteuererfahrungen, Erlebnis) (vgl. Baur et al. 1995, S.16; Baur, Braun, 2003, S.19).

Mit den Entwicklungen auf der Gesellschaftsebene dürften Sportaktivitäten auch im Leben des Einzelnen (Akteursebene) an Bedeutung gewonnen haben. Immer breitere Bevölkerungsgruppen bauen sportliche Aktivitäten als selbstverständliches Element in ihre Lebensführung mit ein (Veralltäglichung des Sportengagements). Dies gilt nicht nur für die Heranwachsenden, sondern zunehmend auch für Personen im frühen und höheren Alter.

Im Zuge der Pluralisierung und Differenzierung der Sportformen haben sich für den Einzelnen die Optionen und Wahlmöglichkeiten beträchtlich erweitert. Die Sportengagements individualisieren sich zunehmend, da jeder eine den persönlichen Interessen entsprechende Sportaktivität wählen kann (vgl. Baur et al. 1995, S.17/18; Baur, Braun, 2003, S.21).

Die skizzierten Entwicklungen deuten auf veränderte Problemlagen der Vereine, auf die zu einem späteren Zeitpunkt näher eingegangen wird (vgl. Punkt 2.1.6).

2.1.2 Strukturbesonderheiten des Sportvereins

Der Begriff des „Sportvereins“ nimmt in dieser Arbeit eine zentrale Rolle ein. Deshalb bedarf es zu Beginn dieses Abschnittes einer Begriffsklärung.

Der Sportverein ist eine freiwillige Vereinigung als frei gewählter Zusammenschluss von natürlichen (und nicht juristischen) Personen, die im Rahmen einer formalen – d.h. geplanten, ans Ziel der Vereinigung ausgerichteten und von bestimmten Personen unabhängigen – Organisationsstruktur gemeinsam ihre spezifischen Ziele verfolgen (Baur, Braun, 2003, S.49).

„Den“ Sportverein gibt es allerdings nicht. Jeder Sportverein ist in gewisser Weise einzigartig und nur schwer mit anderen Sportvereinen vergleichbar. Dies überrascht nicht angesichts der rund 90.000 Sportvereine in der Bundesrepublik Deutschland.

Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Ausprägungsformen von Sportvereinen: Einspartenvereine, Mehrspartenvereine, Kleinstvereine, Großvereine, Breitensport- oder Leistungsorientierte Sportvereine, Seniorensportvereine usw.

Zusätzlich werden Vereine dahingehend unterschieden, ob es sich um einen eingetragenen Verein handelt oder nicht. Einzig eingetragene Vereine sind rechtsfähig und nur in ihrem Namen können Verträge abgeschlossen werden. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die vorhandene bzw. fehlende Gemeinnützigkeit des (Sport-)Vereins. Wenn Vereinstätigkeit und Vereinszweck darauf gerichtet sind, „… die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern“ (Heinemann, 1995, S.128), dann liegt eine Gemeinnützigkeit vor. Sportvereine übernehmen zum einen die Verpflichtung, bestimmte Sportarten „für alle“ bereitzustellen. Zusätzlich erfüllen sie Funktionen (vgl. 2.1.3), die ohne ihre Existenz vom Staat in anderer Form gesichert werden müssten. Gemeinnützig anerkannte Sportvereine genießen besondere steuerliche Vergünstigungen (vgl. Heinemann, 1995, S.128).

Die Frage, welche grundlegenden Strukturmerkmale bzw. –besonderheiten Sportvereine aufweisen, kann aufgrund der unterschiedlichen Vereinstypen nur mit einem hohen Verallgemeinerungsgrad beantwortet werden. Die Besonderheiten von Freiwilligenorganisationen, wie z.B. dem Sportverein, müssen im Vergleich zu anderen, nicht freiwilligen Vereinigungen, herausgearbeitet werden.

Die Strukturbesonderheiten von Sportvereinen im Sinne des Idealtypus der „ehrenamtlichen, autonomen, freiwilligen Vereinigung“ werden anhand von fünf konstitutiven Elementen charakterisiert:

1. Freiwillige Mitgliedschaft
2. Orientierung an den Interessen der Mitglieder
3. Unabhängigkeit von Dritten
4. Ehrenamtliche Mitarbeit
5. Demokratische Entscheidungsstruktur (vgl. Digel, 1988, S.109).

1. Freiwillige Mitgliedschaft

Die Mitgliedschaft in einem Sportverein ist freiwillig und wird nicht durch Geburt oder Zwang (rechtlich, politisch, wirtschaftlich) begründet. Damit wird sichergestellt, dass Eintritt und Austritt unabhängige Entscheidungen für oder gegen die Leistungen des Vereins sind und ohne Konsequenzen für den Einzelnen bleiben. Entspricht das Sportangebot den Wünschen und Interessen (z.B. Ausübung bestimmter Sportarten, miteinander Sporttreiben) einer Person, kann sie dem Sportverein beitreten bzw. austreten, wenn deren Erwartungen nicht erfüllt werden (vgl. Digel, 1988, S.109).

Da die Mitgliedschaft im Sportverein freiwillig ist, muss dieser Mittel einsetzen, um die Mitglieder zum Eintritt oder Verbleib zu bewegen. Den Vereinen stehen im Gegensatz zu anderen Organisationen keine direkten Mittel (z.B. Geld) zur Verfügung, um ihre Mitglieder zu motivieren. Ihre Sportprogramme bzw. Ziele müssen attraktiv genug sein, um den Interessen und Ansprüchen der Mitglieder und neuen Entwicklungen im Sport gerecht zu werden. Das Sport- und Leistungsangebot der Sportvereine ist Grundlage der Mitgliedermotivation (vgl. Digel, 1988, S.109; Heinemann, Schubert, 1994, S.15).

2. Orientierung an den Interessen der Mitglieder

Die Orientierung der Vereinsziele an den Mitgliederinteressen ergibt sich als Konsequenz aus der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, da die (idealtypische) Gleichheit von Organisationszielen und Mitgliederinteressen für freiwillige Vereinigungen ein „Bestandserhaltungsgebot“ darstellt (vgl. Baur, Braun, 2001, S.27).

In einem Unternehmen bestimmt vorwiegend der Eigentümer oder Vorstand die Ziele, die i.d.R. auf Gewinnmaximierung ausgelegt sind. Es müssen Leistungen und Waren verkauft werden, um die Ziele zu erreichen. Das Unternehmen muss sich der Nachfrage von „Nicht-Mitgliedern“ (Konsumenten) anpassen. Die Beschäftigten bzw. „Mitglieder“ sind nur Mittel zum Zweck. Sie werden für ihre Arbeit bezahlt, jedoch steht die Befriedigung ihrer weiteren Erwartungen nicht im Zentrum der Interessen des Unternehmens. Der Vorteil dieser „Abkoppelung“ der Organisationsziele von den Mitgliederinteressen liegt darin, dass bei der Ziel- und Aufgabenerfüllung kaum Rücksicht auf die Motivation der Mitglieder bzw. Beschäftigten genommen werden muss (vgl. Digel, 1988, S.110).

Demgegenüber bestimmen im Sportverein die Mitglieder die Ziele. Vereinsziele und Mitgliederinteressen oder –motivationen sind im Idealfall nicht voneinander getrennt. Für die Vereine bedeutet dies, dass es ihr Ziel sein muss, die Mitgliederinteressen zu vertreten. Gleichzeitig müssen die Mitglieder ein Interesse an den Zielen des Vereins haben. Dies ist nicht automatisch so. Vielmehr stellt die Herstellung dieser Identität ein allgemeines Problem des Sportvereins dar (vgl. Abschnitt 2.1.6). „Deshalb sind für Vereine weiterhin jene Mechanismen konstitutiv, über die die Mitglieder die Ziele der Vereinigung beeinflussen können: Zur-Verfügung-Stellen von Ressourcen und demokratische Entscheidungsstruktur“ (Digel, 1988, S.110).

3. Unabhängigkeit von Dritten

Der Sportverein ist unabhängig von Dritten, wenn er seine Ziele eigenverantwortlich verfolgen kann. Diese Autonomie wird vorwiegend durch die freiwillige, ehrenamtliche Mitarbeit seiner Mitglieder und durch die Mitgliederbeiträge gewährleistet. „Sportvereine organisieren sich selbst, indem Mitglieder für Mitglieder Leistungen erbringen. Insofern stellen Sportvereine „Selbsthilfeorganisationen“ dar“ (Baur et al., 1995, S.20).

Erst daraus begründet sich seine relative Unabhängigkeit von Staat und Markt, aber gleichzeitig ergeben sich daraus auch die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Der Sportverein muss die Mittel für seine Zielerreichung aus eigener Kraft (Leistungsbereitschaft und Beiträge der Mitglieder, Spenden) aufbringen und nicht durch den Verkauf von Waren oder (Dienst-) Leistungen an Dritte und im Prinzip auch nicht durch staatliche Unterstützung.

Über ihre in den Sportverein eingebrachten sozialen und finanziellen Leistungen sichern die Mitglieder folglich dessen Autonomie und sich gleichzeitig ein weitreichendes Mitbestimmungsrecht über die Gestaltung und Umsetzung der Vereinsziele (vgl. Digel, 1988, S.110; Baur, Braun, 2001, S.28).

4. Ehrenamtliche Mitarbeit

Die ehrenamtliche, d.h. freiwillige, unentgeltliche und ohne direkte Gegenleistung erbrachte Mitarbeit der Mitglieder ist die wichtigste Ressource für die Sportvereine. Freiwillig bedeutet, dass die Mitarbeit von der Motivation und dem Belieben des Einzelnen abhängig ist. Wenn keine vertraglich vereinbarten, geldlichen Gegenleistungen bezahlt werden, spricht man von „unentgeltlicher“ Mitarbeit (vgl. Digel, 1988, S.110/111).

Diese Art der Ressourceneinbringung in den Verein hat den großen Vorteil, dass einerseits geldwerte Leistungen unentgeltlich erbracht werden und dadurch Kosten eingespart werden können und andererseits die Autonomie der Sportvereine realisiert werden kann.

Unter einer sozialen Perspektive erzeugt ehrenamtliche Mitarbeit Solidarität, indem die Mitglieder sich für „ihren“ Verein engagieren können. Unter einer organisatorischen Perspektive können die Mitglieder durch solidarische Zusammenarbeit und eigenes Engagement das Vereinsleben nach eigenen Interessen (mit-)gestalten (vgl. Baur et al., 1995, S.21).

5. Demokratische Entscheidungsstruktur

Die sozialen Beziehungen zwischen den Mitgliedern innerhalb des Sportvereins sind durch die Grundsätze Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit bestimmt (vgl. Schluchter, 1972, S. 161 zitiert nach Digel, 1988, S.111). Die demokratische Entscheidungsstruktur ist für den Verein verbindlich, denn nach der Satzung bestimmen die Mitglieder – direkt oder indirekt (in demokratischer Abstimmung) – gleichberechtigt über die Belange des Vereins.

Auf diesen Grundsätzen basierend legen die Mitglieder gemeinsam die Ziele, Leistungen und die Ressourcen- bzw. Mittelverwendung fest.

Im Sportverein beruht der Einfluss der Mitglieder nicht auf Privateigentum, sondern auf Stimmrecht. Das Mitglied entscheidet nicht für sich selbst, sondern für das Kollektiv. In diesen Punkten unterscheidet er sich von Unternehmen bzw. Verwaltungen, in denen vorwiegend hierarchische Entscheidungsstrukturen vorliegen.

Berücksichtigt der Verein nicht die Interessen und Wünsche seiner Mitglieder, muss er mit deren Widerspruch rechnen (vgl. Digel, 1988, S.111; Heinemann, Schubert, 1994, S.15).

Diese fünf charakteristischen konstitutiven Merkmale des Sportvereins treffen nur auf den idealtypischen Sportverein zu und sind selten in reiner Form in der Realität anzutreffen. So kann z.B. die finanzielle Unterstützung durch den Staat mit Auflagen verbunden sein und damit die Autonomie des Vereins einschränken. Es finden sich vermehrt kontinuierliche Übergänge zwischen der Unabhängigkeit von Dritten und weitgehender staatlicher oder marktwirtschaftlicher Einbindung. Ähnliche Probleme ergeben sich für die anderen Strukturmerkmale (vgl. Punkt 2.1.6).

Die Struktur des jeweiligen Sportvereins hängt nicht allein von diesen konstitutiven Merkmalen ab, sondern wird vielmehr durch zusätzliche, vereinsspezifische Tatbestände geprägt, wie z.B. Mitgliederstruktur, Leistungsprofil, leistungs- bzw. breitensportorientierte Sportausübung, wirtschaftliche Situation, Umfang des öffentlichen Interesses am Sportverein usw. Das Erscheinungsbild des Sportvereins wird erst durch das Zusammenwirken dieser einzelnen Variablen geprägt

2.1.3 Bedeutung und Funktion des Sportvereins

Der Sportverein leistet für das gesellschaftliche Leben einen unverzichtbaren Beitrag. Im Laufe der Jahre hat er immer mehr Aufgaben übernommen, die ihm teilweise von der Politik auferlegt wurden. Er erfüllt gemeinnützige, pädagogische, gesundheitliche und soziale Aufgaben, die ohne ihn vom Staat in anderer Form erbracht bzw. organisiert werden müssten.

Dazu gehören die u.a.:

- die soziale Integration
- die Gesundheitsvorsorge
- die sportspezifische Kinder- und Jugendarbeit
- einen „Sport für alle“ gewährleisten
- ein breites Spektrum an Sportangeboten zur Verfügung stellen
- Beiträge zur Sozialisation leisten
- die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung (Selbstkonzept)

(vgl. Heinemann, Schubert, 1994, S.14).

Fasst man diese Aufgaben und Leistungen zusammen, dann ergeben sich übergeordnet vier Funktionen der Sportvereine:

1. Gesellschaftsfunktion
2. Gesundheitsfunktion
3. Sozialintegrative Funktion
4. Pädagogische Funktion

(vgl. Grupe, 2005, S.48-51; Rummelt, 1998, S.202-209).

Rummelt (1998) weist dem Sportverein noch eine gesellschaftspolitische und sozio-kulturelle Funktion zu. Diese Bedeutungszuweisungen erklären auch die hohe Attraktivität der Sportvereine gegenüber anderen Sportanbietern. Im Folgenden wird auf die vier erstgenannten Funktionen näher eingegangen.

1. Gesellschaftsfunktion

Die Sportvereine sind unverzichtbare Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens geworden. In Greifswald waren am 31.12.2004 rund 63% (N =1668) der Kinder zwischen 7 und 14 Jahren Mitglied in einem Sportverein (vgl. Statistik Stadtsportbund Greifswald; Universitäts- und Hansestadt Greifswald, 2005, S.33). Damit stimmt Greifswald mit den Ergebnissen der DSB Statistik 2005 (68%) annährend überein. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung ergaben allerdings, dass jedes vierte Sportvereinsmitglied (25%) in Greifswald in der Altersgruppe von 7 bis 14 Jahren aus dem Umland kommt. Deshalb muss die oben genannte Prozentzahl relativiert werden. Realistisch gesehen treiben 47% (N =1251) der Greifswalder Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren Sport im Verein.

Gegenüber anderen Sportbereichen bzw. -anbietern ist der Sportverein die ideale Organisati-onsform für den Sport, weil er den Raum für vielfältige Körper-, Sport- und Bewegungserfah-rungen, sowie für Erlebnisse in der Gemeinschaft bereitstellt und weil er sich zunehmend zum Sozialisations- und Integrationsort entwickelt hat. Der Verein vermittelt Werte, die im Alltag immer mehr an Bedeutung verlieren: ein Miteinander, einen offenen Umgang, Fair-Play, Achtung usw. Weiterhin sind im Verein Regeln anzufinden, die für alle gelten.

Deshalb gehören die Sportvereine als wertevermittelnde Institutionen zu den Stabilitätsfaktoren der Bundesrepublik. Sportvereine fungieren als kommunale Teilöffentlichkeiten, die Einfluß auf kommunale Entscheidungen nehmen, um ihre Interessen durchzusetzen (über Parteien, Ratsmitglieder, Presse, Unternehmen) (Rummelt, 1998, S.203).

Dadurch, dass der vereinsorganisierte Sport Leistungen für den Staat erbringt, entsteht ein besonderes Verhältnis zwischen Sport und Staat. Die Sportvereine sind somit direkte und indirekte Bestandteile staatlicher Gesellschaftspolitik. Dadurch, dass der Staat den Vereinen immer mehr Aufgaben der Daseinsvorsorge überträgt, nimmt die Zweckgebundenheit der finanziellen Unterstützung zu und gleichzeitig die Autonomie der Vereine ab (vgl. Rummelt, 1998, S. 204).

Die Zusicherung der Projektmittel des Staates an den Sport ist in der Regel von konzeptionellen und organisatorischen Zusagen des Sports bzw. von der Einhaltung der staatlichen Vorgaben abhängig. Heinemann (…) spricht vor dem Hintergrund der oben dargestellten Einflußnahme von der „Vergesellschaftung des Sports“ (vgl. Rummelt, 1998, S.204).

2. Gesundheitsfunktion

Gesundheit ist eines der ältesten Motive des Sports und wird heute von vielen Menschen als primäres Motiv ihres Sporttreibens genannt. Dem zunehmenden Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung haben sich viele Vereine angenommen und inzwischen wird mit als vorrangiges Ziel das Anbieten und Betreiben von Gesundheitssport genannt (vgl. Grupe, 2005, S.50). Gerade bei älteren Menschen erlebt der Sportverein einen Boom. Seit dem Wirbel um die Gesundheitsreform haben sich die Wünsche nach Gesundheit und Fitness verstärkt. Viele Sportvereine haben ihre Angebotspalette erweitert oder umgestellt und bieten u.a. Rücken- und Wirbelsäulengymnastik, Seniorensport oder Koronar-Sport an.

Die Sportvereine leisten durch ihre verschiedensten Sportangebote einen aktiven Beitrag zur Gesundheitsvorsorge der Menschen. In Zeiten des Bewegungsmangels können Sportvereine „…zu einem verantwortlichen Umgang mit dem eigenen Körper anhalten, wozu neben angemessener körperlicher Belastung auch eine entsprechende Lebensweise erforderlich ist“ (Grupe, 2005, S.50). Die Sportvereine tragen zusätzlich durch eine aktive Lebensgestaltung zur Kostensenkung im Gesundheitswesen bei (vgl.Rumelt, 1998, S. 208).

Die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten verän-dert, denn Deutschland „veraltet immer mehr“. Das Potenzial an Kindern und Heranwachsen-den wird immer kleiner, aber andererseits sieht sich der vereinsorganisierte Sport mit einer immer älteren Bevölkerungsgemeinschaft konfrontiert. Während es früher im Bereich des Seniorensports wenige Angebote gab, haben sich, wie bereits oben dargestellt, die Vereins-programme heute Richtung Senioren- und Gesundheitssport erweitert. Verändert sich das Sy-stem Gesellschaft, dann verändert sich auch sein Subsystem Sport! Unter den demographi-schen Gesichtspunkten wird es für die Sportvereine in der Zukunft noch wichtiger, sich den veränderten (sportlichen) Bedürfnissen der älteren Bevölkerung anzupassen. Dies beginnt nicht zuletzt bereits bei einer gezielten Übungsleiteraus und -weiterbildung.

3. Sozialintegrative Funktion

Die Mitgliedschaft in einer Vielzahl von Sportvereinen ist für alle Bevölkerungsschichten möglich. Eine unerlässliche Voraussetzung für einen „Sport für alle“ in den deutschen Sportvereinen ist der recht kostengünstige Mitgliedsbeitrag. Sportvereine erweisen sich in höchstem Maße als integrierende Kraft, die z.B. soziale, berufliche, religiöse Unterschiede unter den Mitgliedern überwindet. Für alle Vereinsmitglieder gelten die gleichen Regeln, unabhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität, berufliche/schulische Stellung, Religion etc.

Sportvereine können Menschen, die von sozialer Isolation bedroht sind, einen Raum der Geselligkeit und Geborgenheit ermöglichen. „Sport kann ein Mittel sein, dass die Integration in ein soziales Netzwerk erleichtert“ (Brettschneider, 2003, S.51).

Die Kommunikation und Begegnung mit anderen Personen, das Eingebundensein in eine Gruppe „Gleichgesinnter“, sprich die Zugehörigkeit zum Sportverein, stellt ein hohes soziales Unterstützungspotenzial dar und kann zur Stärkung des Selbstbildes beitragen.

Das 1989 vom DSB initiierte Projekt „ Sport für Aussiedler“ kann als gelungen angesehen werden. Getragen von dieser Leitidee unternahmen die Sportvereine Anstrengungen, um Aussiedler oder ausländische Mitbürger in das Vereinsleben zu integrieren (vgl. Rummelt, 1998, S.205). Diese Initiative wurde aus Anlass fremdenfeindlicher Übergriffe um die Zielsetzung „Sport gegen Gewalt“ erweitert. Demzufolge wird dem Sport neben der integrativen auch eine präventive Funktion zugesprochen.

4. Pädagogische Funktion

Die Herausforderungen und Chancen der Sportvereine sind im Bereich der sozialen Unterstützung zu sehen. Sportvereine stellen zunehmend soziale Netzwerke dar. Das Vereinsleben ersetzt vermehrt das Familienleben (vgl. Schreiber-Rietig, 2005, S.56).

Traditionelle Strukturen wie Familie und Schule lösen sich immer mehr auf und werden ihrem Erziehungsauftrag nicht mehr gerecht. Gerade in dieser Zeit gewinnt der Aspekt der sportbezogenen Kinder- und Jugendarbeit immer mehr an Bedeutung.

Durch ihre pädagogische Arbeit vermitteln viele Trainer und Übungsleiter den Heranwachsenden gewisse Regeln und eine Sportmoral. „Die traditionellen Werte des Sports wie Kameradschaft, Fair-play, Solidarität, aber auch Achtung und Toleranz werden gleichsam über das Medium Sport in einem Akt sozialen Lernens und Handelns eingeübt“ (Rummelt, 1998, S.207). Viele Übungsleiter werden zu einer Art „ Sozialarbeiter“ und dienen besonders den Heranwachsenden zunehmend als Berater und Ansprechpartner bei Lebensproblemen.

Der vereinsorganisierte Sport kann dazu beitragen, Kinder und Jugendliche bei der Bewälti-gung von Entwicklungsaufgaben, von psycho-sozialen Belastungen und gesundheitlichen Beschwerden zu unterstützen. Es liegen Untersuchungen vor, die einen Zusammenhang zwi-schen einem längerfristigen und systematischen Sportengagement im Sportverein und der Identitätsentwicklung zeigen. So verfügen Sportvereinsjugendliche über ein positiveres Selbstbild, über eine höhere Selbstakzeptanz und sie sind zusätzlich ausgeglichener und zu-friedener als Nicht-Vereinsmitglieder (vgl. Brettschneider, 2003, S.50/51).

Hinsichtlich des Nikotin- und Drogenkonsums treten ebenfalls günstige Effekte der vereins-gebunden Jugendarbeit auf: Sportvereinsjugendliche sind in Bezug auf den Konsum von lega-len und illegalen Drogen deutlich weniger anfällig und gefährdet als Angehörige anderer Ju-gendgruppen. Gleichzeitig sind Gewaltbereitschaft und Aggressivität geringer ausgeprägt. Für das „soziale Immunsystem“ der Kinder und Jugendlichen erweist sich der Sportverein als sehr stabilisierend (vgl. Rummelt, 1998, S.207; Brettschneider, 2003, S.50/51). Diese Ergebnisse stehen jedoch im Widerspruch zu den Ergebnissen von Brettschneider, Kleine (2002) (vgl. Abschnitt 1.2).

Pädagogisch ist der Vereinssport auch im weiteren Sinne, indem er für alle Altersgruppen, soziale Schichten und für beide Geschlechter ein Sport- und Betätigungsangebot bereithält. Jedes Mitglied kann sich sportlichen Aufgaben und Anforderungen stellen, sich ausprobieren und mit anderen in sportlichen und sozialen Kontakt treten.

Die Bedeutung und Funktion der Sportvereine lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

Sportvereine sind Stätten der Kommunikation und der Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Altersklassen, Sportvereine fördern Toleranz, die unverzichtbar ist in einer pluralistischen Gesellschaft, Sportvereine ermöglichen insbesondere eine ständige Begegnung der Generationen, Sportvereine sind Übungsfelder für demokratische Strukturen und Tugenden und vermitteln praktische Konfliktlösungsstrategien, Sportvereine bieten jungen Menschen Gelegenheit, in zunächst überschaubarem Rahmen Verantwortung zu übernehmen, Sportvereine können Mitbürgern, die von Isolation bedroht sind, soziale Kontakte ermöglichen, Sportvereine leisten Beiträge zum sozialen Frieden durch die besondere Eignung des Sports zum gemeinsamen Handeln unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und zur Daseinsvorsorge durch eigenverantwortliche Wahrnehmung von Aufgaben, die sonst unvermeidlich von den öffentlichen Händen übernommen werden müssten (Pfeffer, 1996, S.106 zitiert nach Rummelt, 1998, S.209).

Für die Sportvereine wird es immer schwieriger, diese positiven „Bedeutungszuweisungen“ und Erwartungen zu erfüllen. Die zunehmenden Probleme und Herausforderungen sind auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Kapitel 2.1.6 wird sich verstärkt dieser Problematik widmen.

2.1.4 Der vereinsorganisierte Sport in Ostdeutschland

Im Artikel 39 des Einigungsvertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR wurde festgeschrieben, dass die Strukturen des Sports in den zukünftigen neuen Bundesländern in Richtung „Selbstverwaltung“ umgestellt werden sollten, was u.a. hieß „...die öffentlichen Hände fördern den Sport ideell und materiell nach der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes“ (DSB, 2000, S.269). Damit wurde auf der Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes die staatliche Sportadministration einschließlich Organisationsstrukturen nach westdeutschem Muster ausgerichtet.

Auf der Ebene der Länder und Kommunen erfolgten die Strukturanpassungen sehr zügig.

In Greifswald wurde im Rahmen einer Aktivtagung aller Vereine am 19. April 1990 die Wahl eines ehrenamtlich arbeitenden Kreissportrates vorgenommen. Dieser beschloss am 20. Juni 1990 die Satzung des Kreissportbundes Greifswald e.V. Eine Satzungsänderung auf Umbennung in Stadt- und Kreissportbund gab es am 14. November 1990 nach entsprechender Beschlussfassung.

Bereits am 13. September 1990 erklärte der Kreissportbund seine Bereitschaft zum Beitritt in den zukünftigen Landessportbund Mecklenburg/Vorpommern mit 46 Vereinen und 8087 Mitgliedern (siehe Anlage 1). Am 29. September 1990 gründete sich in Güstrow der Landessportbund Mecklenburg Vorpommern. Auf dem 21. DSB-Bundestag am 15. Dezember 1990 in Hannover wurden dann die fünf neuen Landessportbünde Mecklenburg/Vorpommern, Brandenburg, Sachen-Anhalt, Sachsen und Thüringen in den DSB aufgenommen (Protokolle Archiv des Sportbundes Hansestadt Greifswald e.V.).

Die Vereinslandschaft dieser Landessportbünde ist überwiegend aus der Mehrheit der früheren Sportgemeinschaften hervorgegangen. Laut den Ergebnissen der ersten gesamtdeutschen Finanz- und Strukturanalyse der deutschen Sportvereine (FISAS) von 1991 sind rund „…77% der ostdeutschen Sportvereine unmittelbare Nachfolgeeinrichtungen und weitere 16,5 % „Abspaltungen“ früherer Sportgemeinschaften, aber nur 6% vollkommen neu gegründete Sportvereine“ (Baur, Braun, 2001, S.17). Dabei dominierten nicht die Großvereine, sondern kleinere Sportvereine, in denen Überschaubarkeit, soziale Nähe und Bindungen eine wichtige Rolle spielen (vgl. DSB, 2000, S.270).

Alle Vereine hatten in dieser Zeit einschneidende Strukturveränderungen zu bewältigen. Die neue Autonomie des Sports und die damit verbundene Selbstorganisation führten zu einem gewaltigen Umdenken in allen Vereinen.

Waren vor der Wende überwiegend Betriebe Trägereinrichtungen, die den Vereinen personelle und materielle Ressourcen zur Verfügung stellten, waren nun Finanzierungsengpässe an der Tagesordnung, die den Handlungsspielraum auch bei der Teilnahme an Wettkämpfen einschränkte. Aufgrund der geringen Wirtschaftskraft der Region fehlte es an finanzkräftigen Sponsoren, so dass viele Vereine trotz höherer Mitgliedsbeiträge finanzielle Probleme hatten und z.B. auf Aufstiegsmöglichkeiten in höhere Spielklassen verzichten mussten.

2.1.5 Zur Sportvereinslandschaft in Greifswald

Gab es 1989 in Greifswald noch 28 Betriebssport (BSG) - und zwei Wohnsportgemeinschaften (WSG) mit insgesamt 8964 Mitgliedern, so reduzierte sich dieser Bestand durch die Auflösung aller Sportgemeinschaften und notwendigen Neugründungen als eingetragene, gemeinnützige Vereine zum 31.01.1990 auf 22 Vereine mit 6063 Mitgliedern (Archiv des Sportbundes Hansestadt Greifswald e.V.). Der erhebliche Mitgliederverlust ist mit der Streichung von „Karteileichen“ und der damit verbundenen Korrektur von teilweise geschönten

Mitgliederstatistiken sowie dem Austritt von Mitgliedern aufgrund schwieriger privater Lebenssituationen und einer hohen Fluktuation der Bevölkerung durch Abwanderung vor allem in die alten Bundesländer zu erklären.

Durch die umfangreiche Bereitstellung von ABM-Stellen für die Arbeit in den Sportvereinen konnte der organisierte Vereinssport schnell stabilisiert und ausgebaut werden. Grob geschätzt kann man davon ausgehen, dass im Einzugsgebiet des Sportbundes Greifswald in der Zeit von 1991 bis 2000 über 500 auf ein Jahr befristete Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), Strukturanpassungsmaßnahmen (SAM) und Maßnahmen mit einem Lohnkostenzuschuss (LKZ)) insbesondere im Breitensportbereich der Vereine wirksam wurden (vgl. 17. Greifswalder Sportbundblatt, 2000, S. 3).

Positiv in Greifswald wirkte sich zu dieser Zeit die sehr gute Zusammenarbeit zwischen der kommunalen Politik (Bürgerschaft, Sportausschuss), der kommunalen Sportverwaltung (Sportamt) und dem Sportbund aus. Es wurde deutlich, dass die Universitäts- und Hansestadt Greifswald dringend ein Konzept über genaue Aussagen zum Zustand und Bedarf kommunaler Sportstätten benötigte, da der Sport im Freizeitverhalten der Bevölkerung an Bedeutung zunahm. So wurde u.a. unter der Regie des Sportamtes mit Hilfe der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald und des Instituts für Entwicklungsplanung und Strukturforschung Hannover 1993 eine Sportentwicklungsplanung für die Hansestadt Greifswald erarbeitet, die Modellcharakter für das Land Mecklenburg/Vorpommern hatte (vgl. Hinsching, 1996, S.103).

Im Ergebnis dieser Planung konnte ermittelt werden, dass von den 130.700 m² Gesamtfläche (u.a. Sporthallen, Sportplätze), die der Hansestadt Greifswald zur Verfügung standen, 75% sanierungsbedürftig oder nicht nutzbar waren. Darüber hinaus wurde auf der Grundlage des „Goldenen Planes Ost“ ein Fehlbedarf an Sportfläche von 99.242 m² Berechnet (Greifswalder Tagesblatt 4. Juni 1992; Sportentwicklungsbericht des Sportamtes Greifswald).

Durch die Nutzung verschiedener Landesförderprogramme und das gemeinsame Engagement von Kommune, privaten Investoren sowie Greifswalder Sportvereinen gelang es von 1990 bis 1999 etwa 87 Millionen D-Mark in die Verbesserung der Greifswalder Sportstätteninfrastruktur fließen zu lassen (Ostseezeitung vom 28.12.1999). Höhepunkte dabei waren der Neubau der Mehrzweckhalle und der Sporthalle in der Arndtstraße, die umfangreiche Sanierung des Volksstadions und des Sportparks am Dubnaring, die Neugestaltung von drei attraktiven,

kunststoffbeschichteten Kleinsportanlagen in den Neubaugebieten, die Eröffnung der privaten

Sportparks „barge“, „Schawi“ und „Sinus“ und nicht zuletzt die Übergabe des Freizeitbades. Damit verbesserten sich die Bedingungen für den Schul-, Vereins- und Freizeitsport.

Diese Entwicklung trug maßgeblich dazu bei, dass sich bei gleichzeitiger kostenloser Nutzung aller Sportstätten durch Greifswalder Sportvereine eine überaus positive Entwicklung der Vereinslandschaft vollzog. So konnte der Greifswalder Sportbund seit 1996 (12%) bis 2005 (19%, bei einem Landesdurchschnitt von 12%) kontinuierlich den höchsten Organisationsgrad der Bevölkerung in Sportvereinen aller 18 Sportbünde des Landes Mecklenburg/Vorpommern verzeichnen (vgl. Abb. 1 und 2).

[...]

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Motive und Erklärungsmuster für das Sporttreiben von Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren - eine empirische Studie in Greifswalder Sportvereinen-
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
117
Katalognummer
V70102
ISBN (eBook)
9783638622561
Dateigröße
1433 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Motive, Erklärungsmuster, Sporttreiben, Kindern, Alter, Jahren, Studie, Greifswalder, Sportvereinen-
Arbeit zitieren
Kristin Petschaelis (Autor), 2006, Motive und Erklärungsmuster für das Sporttreiben von Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren - eine empirische Studie in Greifswalder Sportvereinen-, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70102

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