'T-Karten' und ihr Aufbau - Zu starke Unregelmäßigkeiten für ein Schema oder Variation gemeinsamer Ursprünge?


Hausarbeit, 2003
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. „T-Schemakarten“ und ihr Aufbau
2.1 Grundvoraussetzungen und Ursprünge der Kartografie des Mittelalters
2.2 Größenverhältnisse, Lage und Herkunft der drei Kontinente
2.3 Die Ausrichtung der Welt und verwendeter Symbolismus

3. Schluss

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Omnia in mensura et numero et pondere fecisti. Die von Gott geschaffene Welt ist nach Maß, Zahl und Gewicht bis in das kleinste Detail hinein geordnet.[1] Eine nach Regeln erschaffene Welt muss demnach erfass- und erklärbar sein, da ihre Schöpfung in keinem Bereich dem Zufall unterlag. Da die Bibelexegese keine Verbote der Beschäftigung mit der Erde und deren Gestalt formuliert hatte,[2] folgten zwangsläufig Versuche der Menschen, die von Gott geordnete Welt zu erklären und darzustellen. Einen besonderen Platz in der Abbildung der Welt und dem Weltbild nehmen dabei die TO-Schemakarten oder auch Radkarten ein. Besonders auch deshalb, weil sie parallel zu geografisch teilweise überraschend genauen Karten existieren.[3] Wie erklärt sich demnach, dass die Menschen bedingte Kenntnis von geografischen Lagen und Verhältnissen hatten und sich trotzdem mit einem Typus von Karte beschäftigen, der offenbar nicht die geografische Genauigkeit seiner „wissenschaftlichen Pendants“ aufweist. Wie kommt es, dass der Symbolismus einer T-Karte parallel zum Realismus einer Welt- oder Gebietskarte existieren konnte? Handelt es sich hierbei wirklich um eine Armut des Wissens, wie sie Leithäuser formuliert?[4]

Betrachtet man verschiedene T-Karten, sind diese nach einem, augenscheinlich immer gleich bleibendem, Schema aufgebaut. Scheinbar folgt ein großer Teil der Karten Gemeinsamkeiten wie der Anzahl und Aufteilung der Kontinente, dem kreisrunden Randozean (das „O“) oder den Grenzflüssen/ -meeren (angeordnet als „T“). Auch ist ein Großteil der T-Karten mit der Himmelsrichtung Osten nach oben ausgerichtet. Einige T-Karten haben diese Schemata allerdings nicht befolgt und weisen eine Ausrichtung zu anderen Himmelsrichtungen auf. Und auch der runde Randozean wird in einigen wenigen Karten nicht dem Schema des kreisrunden, allumschließenden Okeanos entsprechend berücksichtigt. Wie lassen sich solche Tatsachen erklären, wenn die von Gott geschaffene Welt doch ganz klar den Prämissen der göttlichen Ordnung, der Ordo unterlag? Trotzen diese Karten also, wissentlich oder unwissentlich, der Ordo ? Denn für den Menschen des Mittelalters kann nur eine Sichtweise richtig sein, beachtet man die Annahme der göttlichen Ordnung. Und am wichtigsten scheint, zu betrachten, aus welchen Gründen eine Karte ein Schema verfolgt oder eben auch nicht.

Ausführliche Studien, auf die hier maßgeblich zurückgegriffen wird, betrieben und betreiben hier Anna-Dorothee von den BRINCKEN in mehreren Werken[5] als auch J.B. HARLEY/ David WOODWARD[6]. Ebenfalls von herausragender Bedeutung für die Untersuchungen waren das Werk „Meister der Kartographie“ von Leo BAGROW/ Raleigh Ashlin SKELTON[7] als auch die Habilitation von Brigitte ENGLISCH „Ordo Orbis Terrae“[8]. Finden sich zur Bedeutung von T-Karten für das Mittelalter noch reichlich Autoren, die Studien betreiben oder betrieben, sind diese bei der kritischen Analyse des T-Schemas doch rar gesät. Die Ursprünge der T-Karten, ihre Adaptierung und Weiterentwicklung im Mittelalter sind ebenfalls gut dokumentiert und auch die Entwicklung der Kontinentenanordnung/ -gestaltung ist zahlreich untersucht worden. Allerdings fehlen bei Gesichtspunkten wie z.B. der Ausrichtung der Karte zu einer bestimmten Himmelsrichtung oft multiple Sichtweisen und auch umfassende Untersuchungen. So wird in vielen Studien oft nur auf einen Aspekt und eine Begründung eingegangen oder dieser angerissen.

2. „T-Schemakarten“ und ihr Aufbau

2.1 Grundvoraussetzungen und Ursprünge der Kartografie des Mittelalters

Bei dem Studium nahezu beliebiger Lektüre über das Mittelalter fällt einem zumindest ein Aspekt immer direkt ins Auge. Der Mensch des Mittelalters glaubte sich in einer von Gott geschaffenen Welt. Diese schuf Gott nach einem Prinzip der Ordnung, der Ordo.[9] Diese Ordo lässt sich über das gesamte Mittelalter in unzähligen Bereichen wieder finden. Sie hat Einfluss auf die Kunst, die Literatur, steht in einer Wechselbeziehung zur Religion und nicht zuletzt waren die Wissenschaften in Teilen von ihr geprägt. Man könnte also sagen, dass die Ordo das Leben des mittelalterlichen Menschen sowohl persönlich als auch gesellschaftlich geprägt hat.[10]

Macht sich die Ordo also bemerkbar in vielen Bereichen des mittelalterlichen Lebens, warum sollte man diese göttliche Ordnung dann nicht auch in mittelalterlichen Weltkarten suchen und finden? Denn schließlich ist die Welt nach der Ordnung Gottes erschaffen worden, somit musste sie für den mittelalterlichen Menschen auch mit Hilfe von Regeln erklärbar sein.[11] Betrachtet man eine Karte der Moderne, so wird man feststellen, dass sie ein geografisch exaktes Bild der Erde liefert. Je nach Art der Karte bietet sie noch diverse Informationen über Infrastruktur, Geländebeschaffenheit, Demografie, Klima u.a. Bei einer Karte des Mittelalters trifft dies nicht so umfassend zu. So dienen diese Karten meist nur einem Zweck. Sie basieren oft auch nur auf einem der obigen Aspekte.[12] Demnach gibt es z.B. Klimazonen-Karten, T(O)-Karten (oder auch Radkarten) und einen guten Anteil auf wissenschaftlich basierten Annahmen erstellte Karten.[13] Die T-Karten sind oft als die geografisch ungenauesten und archaischsten dargelegt worden. Joachim G. LEITHÄUSER sieht in den Karten sogar einen Beweis für die Armut des mittelalterlichen Wissens über die Erde.[14]

Aber man sollte hier berücksichtigen, dass parallel zu den T-Karten auch geografisch genauere Karten existierten. Gerade mit der Wiederentdeckung des ptolemäischen Gradnetzes im 15. Jhd. erlebt die Kartografie einen enormen Wissensschub und -durst. Bedenkt man hier, dass beispielsweise die Ebstorfer Weltkarte um 1235 oder die Herefordkarte um 1283 zeitlich gar nicht weit zurücklagen, ist dieser Fortschritt beachtlich.[15] Offenbar mangelte es den Kartografen also nicht an dem Wissen über die Gestalt der Erde, sondern vielmehr an der Fähigkeit, den Mitteln oder auch der Absicht diese so darzustellen.[16]

Bedenkt man dies, so scheinen die T-Karten Ausdruck einer Weltauffassung zu sein und stellen einen Erklärungs- und Abbildungsversuch der bekannten Ökumene[17] da. Wenn die T-Karten des Mittelalters eine von Gott geordnete Welt illustrieren sollten und das Weltbild des Mittelalters die Ordo zum Inhalt hatte, musste dann nicht folglich die T-Karte versuchen, die Ordo darzustellen? Wichtig hierbei ist aber, nicht aus den Augen zu lassen, dass die T-Karte in seiner ursprünglichen Form aus der Antike kommt. Das vorherrschende Weltbild der T-Karte ist demnach bereits ein Antikes. Es wäre allerdings gewagt, zu behaupten, das Mittelalter hätte es einfach übernommen. Vielmehr wurden die Grundformen der T-Karte im Laufe der Zeit auch mit christlichem Beiwerk geschmückt und gefüllt.[18] Dies könnte man als Anhaltspunkt dafür sehen, dass zwar das Wissen um die Gestaltung der Welt der Antike entspringt, das Weltbild des Mittelalters aber durchaus eigene Elemente einbringt und keine „Kopie“ des antiken Wissens benutzt.

[...]


[1] ISIDOR: Etimologias, ed. José OROZ RETA/ Jose Manuel A. MARCOS CASQUERO, introd. por Manuel C. DIAZ Y DIAZ, 2 Bde.², Madrid: 1993. S. 426.

[2] vgl. ENGLISCH, Brigitte: Ordo Orbis Terrae. (Die Weltsicht in den Mappe mundi des frühen und hohen Mittelalters, Bd.1, Textteil). S. 88.

[3] vgl. LINDGREN, Uta: Eine Abstraktion des Weltbildes: Schemakarten. in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 36 (1985). S. 23-32. hier: S. 24.

[4] LEITHÄUSER, Joachim G.: Mappae mundi. Die geistige Eroberung der Welt. Berlin: Safari-Verlag Carl Boldt und Reinhardt Jaspert 1958. S. 65. und S. 72.

[5] u.a.: BRINCKEN, Anna-Dorothee von den: Fines Terrae. Die Enden der Erde und der vierte Kontinent auf mittelalterlichen Weltkarten. Hannover: Hahnsche Buchhandlung 1992.

[6] HARLEY, J.B. / WOODWARD, Harley (Ed.): The History of Cartography. Volume One. (=Cartography in Prehistoric, Ancient and Medieval Europe and the Mediterranean). Chicago/ London: 1995.

[7] SKELTON, Raleigh Ashlin, BAGROW, Leo: Meister der Kartographie5.Berlin: Propyläen Verlag 1985.

[8] ENGLISCH: Ordo Orbis Terrae.

[9] ISIDOR: Etimologias. S. 124: „Et mundus per eum factus est.“

[10] Die Auswirkungen der Annahme von der Ordnung der Welt durch Gott kann in zahlreichen Standardwerken und Aufsätzen das Mittelalter betreffend nachgeschlagen werden. Die gesamte Auswirkung und Entstehung der göttlichen Ordnung des Mittelalters zu belegen und auszuführen würde den Rahmen der Untersuchung allerdings bei weitem sprengen. Ein Nachweis auf eine einzelne Literatur wäre demnach auch völlig unzureichend und einseitig belegt. Für einen Anriss der Begrifflichkeit und weiterführenden Verweisen siehe z.B.: Ordo, in: Lexikon für Theologie und Kirche. Siebter Band. (=Maximilian bis Pazzi).³ Hrsg. von Walter Kasper. Freiburg: Herder 1998.

[11] Nach AUGUSTINUS sind Zahlen eine den Menschen gegebene Möglichkeit, die göttliche Weisheit der Welt zu erkennen. (AUGUSTINUS: De doctrina christiana, ed. Joseph Martin, in: CCSL 32 (=Aurelii Augustini opera 6,1), Turnholt 1962, S. 7: “Omnis doctrina uel rerum est uel signorum, sed res per signa discernitur”

[12] So z.B. die Karten des Macrobius, die auf der Annahme der Klimazonen basieren. Für verschiedene Grundannahmen, auf denen Karten basieren, lassen sich noch Unmengen weiterer Kartentypen finden, z.B. eine Abbildung in dem um 1110 entstandenen Dialogi des Petrus Alfonsi (Petrus Alfonsi: Dialogi duo decim cum Moyse Judae, in: MPL 157, Sp. 535-672) (gilt als ältester Beleg einer Klimakarte).

[13] siehe z.B. zahlreiche Kartenentwürfe die auf der (wiederentdeckten) Geografie des Ptolemäus basieren.

[14] LEITHÄUSER: Mappae mundi. S. 65. und S. 72.

[15] Auch wenn die Karten oft nur genau waren in der Fähigkeit, die Welt in ihrer Gestalt abzubilden, also nicht mit genauen Enftfernungsmessungen und –verhältnissen zu verwechseln. Vgl. hier auch diverse Karten, die nach der ptolemäischen Geografie entwickelt wurden, so z.B. die überarbeiteten Karten von Francesco Berlinghieri aus dem Jahr 1482. Beachten muss man, dass beispielsweise die Ebstorfkarte zu den auf das 8. Jhd. zurückzuführende Mappa mundi zu zählen sind, dennoch aber ein T-Schema aufweisen.

[16] Die Unfähigkeit, runde Karten zu zeichnen, könnte auch das hartnäckige Vorurteil erklären, nachdem die Menschen des Mittelalters dachten, die Welt sei eine Scheibe. Dass das vorherrschende Weltbild des Mittelalters aber von einer Kugelgestalt ausging, lässt sich auch in zahlreichen Werken nachschlagen. Die Thematik soll hier aber nicht weiter ausgeführt werden. Einen Einstieg in die Thematik bietet beispielsweise: HAMEL, Jürgen: Die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde im europäischen Mittelalter bis zum Ende des 13. Jahrhunderts – dargestellt nach den Quellen. Münster: Lit Verlag 1996; oder auch: Uta LINDGREN: Warum wurde die Welt für eine Kugel gehalten? Ein Forschungsbericht, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 41 (1990). S. 562-574.

[17] zur Bedeutung von: Ökumene, in: Lexikon für Theologie und Kirche. Siebter Band. (=Maximilian bis Pazzi).³ Hrsg. von Walter Kasper. Freiburg: Herder 1998. Ökumene, als passives Partizip vom/ des griechischen Verbs „wohnen“ bedeutet in seiner ursprünglichen Form: die bewohnte Erde (um es genau zu nehmen bezog sich die griechische Bedeutung auf die von den Griechen bewohnte Erde). Im weiteren Geschichtsverlauf gewinnt es Unmengen an Bedeutungen dazu, je nach Zusammenhang. vgl. oben genanntes Werk.

[18] Ausführlicher widmet sich hier Brigitte ENGLISCH diesem Thema (vgl. ENGLISCH: Ordo orbis terrae Kap. 1.2), an dieser Stelle soll dies nicht tiefergreifend untersucht werden.

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Details

Titel
'T-Karten' und ihr Aufbau - Zu starke Unregelmäßigkeiten für ein Schema oder Variation gemeinsamer Ursprünge?
Hochschule
Universität Paderborn  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Einführung in die Geschichte des Mittelalters
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V70169
ISBN (eBook)
9783638614894
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
T-Karten, Aufbau, Unregelmäßigkeiten, Schema, Variation, Ursprünge, Einführung, Geschichte, Mittelalters
Arbeit zitieren
Bastian Hefendehl (Autor), 2003, 'T-Karten' und ihr Aufbau - Zu starke Unregelmäßigkeiten für ein Schema oder Variation gemeinsamer Ursprünge?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70169

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