Der Begriff „Rollentheorie“ ist eine Sammelbezeichnung für sozialwissenschaftliche Bemühungen, die (mit Hilfe des Rollenbegriffs) einzelne oder zusammenhängende Hypothesen, über die Bedingungen regelmäßigen sozialen Verhaltens, formulieren und empirisch prüfen wollen. An diese Theoriediskussion knüpft sowohl der symbolische Interaktionismus als auch der strukturfunktionalistische Ansatz an.
Zunächst wird der konzeptionelle Aufbau beider Theoreme beleuchtet um daraufhin in einer anschließenden Untersuchung beide Ansätze vergleichend dar zu stellen. Es werden nicht nur Unterschiede und eventuelle Gemeinsamkeiten aufgezeigt, sondern es soll auch verdeutlicht werden, in wie weit beide Konzepte ineinander greifen, um somit zu erklären, ob diese die Anforderung einer umfassenden Sozialisationstheorie erfüllen.
Zur Verdeutlichung sollen dabei die geschaffenen Strukturen der Institution Schule dienen, die Verhaltenskonformitäten von Schülern hervorrufen. Aus dem Blickwinkel der beiden theoretischen Konzepte werden gleichzeitig zwei zentrale Fragen behandelt: Welche Funktionen hat die Schule in unserer Gesellschaft und wie erfüllt sie diese? Welche Sozialisationseffekte sind dabei zu beobachten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung:
2. Sozialisationstheoretische Konzeptionen
2.1. symbolischer Interaktionismus
2.2. Strukturfunktionalismus
2.2.1. Sozialisation nach dem struktur- funktionalistischen Theorieansatz
2.2.2. Institutionstheorie nach dem struktur- funktionalistischen Theorieansatz
3. Aufgaben und Funktionen schulischer Sozialisation
4. Schicht- und klassenspezifische Problematik schulischer Sozialisation …
4.1. … im Strukturfunktionalismus
4.2. … im symbolischen Interaktionismus
4.2.1. Eigene Rolleninterpretation und Identitätsentwurf des Schülers
4.2.2. Typisierung und Etikettierung des Schülers durch den Lehrer
5. Fazit:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen der Schule und ihre Sozialisationseffekte unter Rückgriff auf die sozialwissenschaftlichen Theorieansätze des Strukturfunktionalismus und des symbolischen Interaktionismus. Ziel ist es, die Diskrepanz und das mögliche Ineinandergreifen dieser Konzepte zu beleuchten, um die Bedingungen schulischer Sozialisation sowie deren Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung des Schülers und die Reproduktion sozialer Ungleichheit zu analysieren.
- Strukturfunktionalistische versus interaktionistische Perspektiven auf Schule
- Die Rolle der Institution Schule bei der gesellschaftlichen Selektion
- Soziale Ungleichheit und ihre Ausprägung im schulischen Kontext
- Prozesse der schülerseitigen Identitätsbildung (role-taking/role-making)
- Mechanismen der Etikettierung (Labeling-Approach) durch Lehrkräfte
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Eigene Rolleninterpretation und Identitätsentwurf des Schülers
Inhalte und Formen einer Kommunikation in pädagogischer Absicht wird auf Dauer durch die Institution Schule gestellt und von dieser in erheblichem Maße vorbestimmt. Dadurch spielt die soziale Kontrolle im schulischen Kommunikationsprozess eine erhebliche Rolle. Die Kommunikation des Unterrichts wird durch zwei dominierende institutionelle Vorgaben geprägt. Hierarchie und Zwang auf der einen, Leistung und Konkurrenz auf der anderen Seite.
Somit ist für den Schüler und den Lehrer die Teilnahme am Unterricht nicht freiwillig. Innerhalb der Zwangsveranstaltung Unterricht hat aber der Lehrer gegenüber dem Schüler eine ungleich höhere Definitionsmacht, da er seine Rolleninterpretation und Situationsdeutung durchsetzen kann. Der Schüler besitzt nur eine begrenzte Chance seine eigene Rolleninterpretationen und seine Identitätsentwürfe einzubringen. Schüler reagieren in ihren Schülerrollen mit Geduld oder mit Resignation. Ein geduldiger Schüler verfolgt seine Zukunftspläne, ein resignierter Schüler entwickelt stattdessen Strategien, da er sich in einer Institution bewegt die ihm übermächtig erscheint.
Somit verteidigt er seine eigenen Handlungsspielräume und bewart seine Identitätsentwürfe indem er Problemlösungs- und Anpassungsstrategien (Taktiken) entwickelt. Diese Taktiken ermöglichen ihm unerlaubt zu handeln (schummeln, spicken, verdeckte Nebenbeschäftigungen), wodurch er Statusbedrohende Etikettierungen abwährt. Damit verfügt der Schüler über einen kleinen Spielraum für „role-making“. Typische Schülerstrategien sind abgeschirmtes Engagement (Vortäuschung von Interesse), Selbst- Engagement (Beschäftigung mit anderen Dingen), Geistige Absenz (Tagträumereien), Okkultes Engagement (die Betreffenden merken gar nicht dass sie abwesend sind) und Augensprache (Vermeidung des Blickkontakts mit dem Lehrer).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die rollentheoretische Betrachtung schulischer Sozialisation ein und skizziert den vergleichenden theoretischen Rahmen zwischen Strukturfunktionalismus und symbolischem Interaktionismus.
2. Sozialisationstheoretische Konzeptionen: Dieses Kapitel definiert die theoretischen Grundlagen des symbolischen Interaktionismus sowie des strukturfunktionalistischen Ansatzes zur Analyse von Sozialisation und Institutionen.
3. Aufgaben und Funktionen schulischer Sozialisation: Hier werden die zentralen gesellschaftlichen Funktionen der Schule, wie Qualifizierung, Selektion und Integration, auf Basis von Parsons und Fend dargelegt.
4. Schicht- und klassenspezifische Problematik schulischer Sozialisation …: Das Kapitel untersucht die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem, sowohl aus strukturfunktionalistischer Sicht als auch durch die Analyse von Schüler-Lehrer-Interaktionen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der theoretischen Gegenüberstellung zusammen und kommt zu dem Schluss, dass ein integrativer Ansatz notwendig ist, da beide Theorien allein für eine umfassende Sozialisationstheorie unzureichend sind.
Schlüsselwörter
Sozialisation, Schule, Strukturfunktionalismus, symbolischer Interaktionismus, Rollentheorie, soziale Ungleichheit, Identitätsentwicklung, Labeling-Approach, Qualifikationsfunktion, Selektion, Institution, heimlicher Lehrplan, Identitätsentwurf, Schülerstrategien, Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Funktionen der Schule und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Schule als Institution, den Einfluss sozialer Schichtung auf den Schulerfolg sowie Prozesse der Identitätsbildung unter dem Druck schulischer Zwänge.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine kritische, vergleichende Analyse des strukturfunktionalistischen und des interaktionistischen Theorieansatzes hinsichtlich ihrer Eignung für eine umfassende Sozialisationstheorie in Bezug auf die Institution Schule.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-diskursive Analyse, bei der existierende sozialwissenschaftliche Konzepte und Forschungsergebnisse gegenübergestellt und auf den schulischen Kontext angewandt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, gefolgt von einer Untersuchung schulischer Funktionen sowie einer detaillierten Analyse klassenspezifischer Benachteiligung und individueller Strategien der Rollenbewältigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Sozialisation, Strukturfunktionalismus, symbolischer Interaktionismus, soziale Ungleichheit und Rolleninterpretation geprägt.
Warum spielt die Unterschicht eine besondere Rolle bei der Untersuchung der schulischen Sozialisation?
Die Arbeit betont, dass das Schulsystem als eine Institution der Mittelschicht fungiert, was zu einer systematischen Benachteiligung von Kindern aus bildungsferneren Schichten führt, deren elterlicher Erziehungsstil nicht mit den schulischen Erwartungen korrespondiert.
Was besagt der "Labeling-Approach" in diesem Kontext?
Der Labeling-Approach erklärt, dass abweichendes Verhalten von Schülern nicht primär als Eigenschaft des Kindes, sondern durch die Typisierung und Etikettierung seitens der Lehrkräfte innerhalb der schulischen Interaktion konstruiert wird.
Warum kritisiert der Autor das strukturfunktionalistische Modell?
Der Autor kritisiert, dass der Strukturfunktionalismus zu stark auf gesellschaftliche Anpassung und Makro-Strukturen fokussiert und dabei die Individuierung sowie die subjektiven Handlungsspielräume der Schüler vernachlässigt.
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- Christian Müller-Thomas (Author), 2006, Funktion der Schule und ihre Sozialisationseffekte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70203