Islamismus als Gemeinschaftsideologie


Essay, 2006

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Essay zum Themenblock III: „Zur Konstruktion von „Wir“ – Gruppen“

Islam(ismus) als Gemeinschaftsideologie?

„Seit über sieben Jahren halten die vereinigten Staaten die heiligsten Länder des Islams besetzt, […], sie plündern ihre Reichtümer, erteilen ihren Führern Befehle und demütigen ihr Volk. Die amerikanischen Ziele […] sollen auch dem Kleinstaat der Juden zugute kommen und von dessen Besetzung Jerusalems und der Ermordung der dort lebenden Muslime ablenken. Der sichtbarste Beweis dafür ist […] ihr Versuch, alle Länder der Region […] zu zerschlagen, um die Fortsetzung der schändlichen Besatzung der arabischen Länder durch die Kreuzfahrer [zu] garantieren.“[1] Dieses Zitat ist ein Auszug aus einem 1998 veröffentlichten „Manifest der internationalen islamischen Front für einen ğihād gegen die Juden und Kreuzfahrer“ und wurde unter anderem von Osama Bin Laden unterzeichnet. Aus der systemtheoretischen Betrachtungsweise der Soziologie ist am oben genannten Zitat zu erkennen, dass der Fremde (in diesem Fall der/die Amerikaner) im eigenen (arabischen) Umfeld als Bedrohung, oder sogar als Feind angesehen wird.[2]

Neben der Systemtheorie kam während des dritten Themenblocks im Seminar der psychoanalytische Ansatz zur Sprache. In diesem Essay werde ich beide Konzepte betrachten, um nicht nur die Konstruktion von „wir“ – Gruppen, sondern auch ihr handeln und wirken im Bezug auf die Problematik der zunehmenden Radikalisierung im Islam aus soziologischer Betrachtungsweise besser analysieren zu können. In der behandelten Literatur zur Konstruktion von „wir“ – Gruppen in modernen Gesellschaften stützten sich die Autoren zumeist darauf, dass „wir“ – Gruppen mit nationaler Identität einhergehen.[3] Jedoch neigen Muslime weniger dazu, eine Nation in religiöse Gruppen zu unterteilen, sondern eher dazu eine Religion in Nationen zu unterteilen. Diese Tatsache hebt die in diesem Essay behandelte Diskussion zur Konstruktion von „wir“ – Gruppen auf die Ebene eines religiösen Selbst- und Fremdverständnisses. Holz und Frosch behandelten in ihrem Aufsatz bereits die Problematik des Widerspruchs zwischen einem „ethnischen“ und einem „religiösen“ Fremdenbild. In diesem Falle wurden jedoch Muslime in Großbritannien als Fremde angesehen. Darum möchte ich in diesem Essay das religiöse muslimische Selbst- und Fremdbild mit Hilfe der genannten Theoreme analysieren. Die panislamische Ideologie ist für die Konstruktion einer islamischen „wir“ – Gruppenidentität elementar. Da dies das Thema meines Essays ist, werde ich der Diskussion von Panislamismus vs. Panarabismus keine Aufmerksamkeit schenken, vielmehr ersteres voraussetzen. Dabei werde ich mich lediglich mit der im Seminar zur Verfügung gestandenen Literatur kritisch auseinander setzen. Inwieweit treffen die Aussagen der Verfasser auf die ‘umma (muslimische Gemeinschaft) im Sinne einer „wir“ – Gruppe zu? Unterscheiden sich religiös motivierte Gruppen von anderen und welche differenzierten Selbst- und Fremdbilder herrschen im Islam vor?

Zwischen Religion und Fremdenfeindlichkeit besteht ein bedeuteter Zusammenhang. Um Fremdbilder zu konstruieren, werden Religionen durch politische Instrumentalisierung missbraucht, wodurch fremdenfeindliche Phänomene ermöglicht werden können. Ein Beispiel dafür wäre eine Ansprache Bin Ladens vom Februar 2003. Darin lobpreist er: die Kraft der ‘umma in den historischen Schlachten der Muslime, die die muslimischen Triumphe [in der Vergangenheit] gewährleistete. Deshalb läge es in der Natur der ‘umma sich selbst gegen die zionistische Kreuzzugsallianz zu verteidigen, die die sunnitische Gesellschaft mit einer Einführung von Demokratie irreführen wollen.“[4]

[...]


[1] Lewis, Bernhard: Die Wut der arabischen Welt, S. 18 - 19

[2] für Definitionen der „Fremd“- Begriffe verweise ich auf mein erstes Essay „Fremdentypologien“

[3] vgl. Bielfeld, Ulrich: Das Konzept des Fremden und die Wirklichkeit des Imaginären, in: Ders. (Hg.): Das Eigene und das Fremde, S. 107; vgl. auch Nassehi, Armin: Der Fremde als Vertrauter. Soziologische Beobachtungen zur Konstruktion von Identitäten und Differenzen in: KZfSS 47, S.451

[4] vgl. an-nafīr: hutba šaih al-muğāhidīn kāmila – (dt. der Aufbruch: eine bedeutende Ansprache des Führers der muğāhidīn), in: www.al-ğazīra.com (Hg.), 02.2003

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Islamismus als Gemeinschaftsideologie
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Wie wird man fremd? Konstruktion des Eigenen und des Fremden.
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
6
Katalognummer
V70206
ISBN (eBook)
9783638615143
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islamismus, Gemeinschaftsideologie, Konstruktion, Eigenen, Fremden
Arbeit zitieren
Christian Müller-Thomas (Autor), 2006, Islamismus als Gemeinschaftsideologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70206

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