Simmel vereinheitlicht in der soziologischen Form des Fremden den begrifflichen Gegensatz von Wandern und Fixiertheit. Der Fremde ist der potentiell Wandernde, der die Gelöstheit des Kommens und des Gehens nie ganz überwunden hat. Hier definiert Simmel: den Fremden, der heute kommt und morgen bleibt. Der Fremde gehört aufgrund seines mobilen Charakters nicht ganz zur Gemeinschaft, trägt dadurch aber wiederum fremde Qualitäten in sein Umfeld herein. Das Beispiel des Händlers kommt diesem Typus am nächsten. Anders als bei Schütz, wie im späteren noch erläutert werden wird, ist der Fremde nach Simmel von vorn herein kein Unbekannter. Für den gänzlich Unbekannten verwendet Simmel den aus dem griechischen abgeleiteten Begriff des „Sirius“.
Während Simmel den Fremden in seinem Umfeld fixiert sieht und ihn trotz Mobilität als ein Element der Gruppe selbst betrachtet, muss sich nach Schütz, der Fremde einer Gruppe annähern und von dieser dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden. Kinder, Primitive, vor allem aber Gäste und Besucher zählen nach der schützschen Anschauung nicht als Fremde. Zudem zieht Schütz hier eine Parallele zwischen den beiden soziologischen Formen des Fremden und des Heimkehrers. Beide versuchen ihr relevantes System (Heimat oder Fremde) also die Welt um sich herum, zu einem beherrschbaren Feld zu ordnen, da sie in diesem fremd oder fremd geworden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Soziologische Formen des Fremden bei Simmel und Schütz
3. Integration und Gastarbeitertum
4. Der "marginal man" und der Kosmopolit
5. Reflexion und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht verschiedene soziologische Typologien des Fremden, insbesondere die Konzepte von Georg Simmel und Alfred Schütz, um deren Relevanz für moderne Integrationsphänomene und Identitätskonstruktionen kritisch zu hinterfragen.
- Vergleichende Analyse der Fremdenbilder von Simmel und Schütz
- Untersuchung des Integrationsbegriffs und dessen Scheitern am Beispiel des Gastarbeiters
- Diskussion des Konzepts des "marginal man" nach Robert Park
- Differenzierung zwischen dem "marginal man" und dem modernen Kosmopoliten
- Kritische Reflexion über die Objektivität soziologischer Betrachtungsweisen von Fremdheit
Auszug aus dem Buch
Der Gastarbeiter als Typus der sozialen Form des Fremden
Ein typisches Fremdenbild von nicht vollkommener Integration stellt der Gastarbeiter dar. Hinter dem Begriff des Gastarbeiters verbirgt sich in seiner ursprünglichen historischen Bedeutung ein Gast, der in der Zeit des „deutschen Wirtschaftswunders“ vorrübergehend in deutschen Betrieben beschäftigt sein sollte, um nach einigen Jahren wieder in sein Ursprungsland zurück zukehren. Der Gastarbeiter bleibt der Kultur seiner ethnischen Gruppe verhaftet und ist ein Ethnozentriker, der die eigene Wertvorstellung höher als die des Gastgeberlandes bewertet. Dies zeichnet sich dadurch aus, dass der Gastarbeiter im ständigen Kontakt mit seiner alten Heimat steht. Er passt sich dem Gastgeberland nur soweit an, in wie weit es für ihn im Rahmen seiner beruflichen Ausführung notwendig ist. Er besitzt eine „in group-Tendenz“ mit seiner eigenen ethnischen Gruppe. Diese symbolische Segregation führt zu einer sozialen Isolation und Gettobildung, was seine Assimilierung durch das Gastgeberland erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht.
Der Gastarbeiter ist ein besonderer Typus der sozialen Form des Fremden, der wie bereits erwähnt dazu neigt im Gastgeberland isoliert zu werden und mit dem Randseiter (marginal man) vergleichbar ist. Hierbei hat der „marginal man“ einen negativen Charakter inne. „Marginal man“ ist die Bezeichnung für eine Situation von Individuen und (Unter-) Gruppen, die eine Position am Rande einer Gruppe, einer sozialen Klasse oder Schicht, einer Gesellschaft etc. innehaben. Diese Bezeichnung trifft auf Individuen zu, die zwischen zwei Gruppen, Klassen oder Kulturen stehen und weder in der einen noch in der anderen voll integriert sind. Diese leiden allgemein unter Normen- und Rollenkonflikten, Statusunsicherheit, Desorientierung und werden häufig diskriminiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Begrifflichkeit des Fremden und Zielsetzung der vergleichenden Analyse von Fremdentypologien.
2. Soziologische Formen des Fremden bei Simmel und Schütz: Gegenüberstellung der Ansätze von Georg Simmel (Fremder als potentiell Wandernder) und Alfred Schütz (Fremder als sich annäherndes Individuum).
3. Integration und Gastarbeitertum: Analyse der Grenzen der schützschen Integrationstheorie am Beispiel des Gastarbeiters und der damit verbundenen sozialen Isolation.
4. Der "marginal man" und der Kosmopolit: Diskussion der Identitätskonzepte von Robert Park und Ulf Hannerz sowie die Frage nach der Einordnung des emanzipierten Juden.
5. Reflexion und Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der behandelten Theorien und Anregungen für eine weiterführende Problemanalyse.
Schlüsselwörter
Fremdheit, Soziologie, Georg Simmel, Alfred Schütz, Gastarbeiter, Integration, Marginal Man, Kosmopolitismus, Identität, Assimilation, In-Group, Migration, Rollenkonflikte, Ethnozentrismus, soziale Isolation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit soziologischen Typologien des Fremden und analysiert, wie das "Fremdsein" wissenschaftlich konstruiert und begrifflich gefasst wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Konzepte von Simmel und Schütz, die Dynamik von Integration, das Phänomen der Gastarbeit, das Konzept des "marginal man" sowie der Kosmopolitismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Konzepte der Fremdenbilder führender Autoren zu vergleichen und deren Weiterentwicklung sowie Problematiken in der heutigen Fremdentypologisierung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literatur- und Theorieanalyse der soziologischen Schriften zu den genannten Typologien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den soziologischen Definitionen des Fremden bei Simmel und Schütz, der Analyse des Gastarbeiter-Typus sowie der kritischen Diskussion des "marginal man" und des Kosmopoliten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Fremdheit, Integration, Assimilation, marginal man, In-Group-Tendenz und soziale Identität.
Wie unterscheidet Simmel den "Fremden" vom "Sirius"?
Simmel betrachtet den Fremden als jemanden, der kommt und bleibt, während er den "Sirius" als Begriff für den gänzlich Unbekannten verwendet.
Warum wird der emanzipierte Jude als "Fremder par excellence" bezeichnet?
Aufgrund seiner historisch-typologischen Rolle als kultureller Grenzgänger, der oft als positiver "marginal man" oder Kosmopolit innerhalb westlicher Gesellschaften fungiert.
- Arbeit zitieren
- Christian Müller-Thomas (Autor:in), 2006, Typologien des Fremden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70207