Mit dem Ziel, die Periodisierung alter westfriesischer Sprachzeugnisse voranzubringen, soll nun die folgende Fragestellung untersucht werden: Lässt sich eine der ältesten westfriesischen Urkunden von vor 1410, die "Wilkerran van Wildinge" (OFO II 2), anhand der Hauptpunkte aus Versloots linguistischem Kriterienkatalog als altfriesischer Text einstufen?
In einem ersten Schritt werden bisherige Konzepte zur Periodisierung des Friesischen nachgezeichnet. Anschliessend sollen das Korpus und das methodische Vorgehen dieser Arbeit präsentiert werden. Auf diese Präsentation folgt dann die Analyse der ausgewählten Urkunde hinsichtlich der vier Hauptmerkmale alter Sprachstufen nach Versloot. Zuletzt werden die Ergebnisse dieser Analyse zusammengefasst.
In der diachronen Linguistik stellt sich nicht mehr die Frage, ob eine Sprache in unterschiedliche Sprachstufen eingeteilt werden sollte. Dass das Gliedern eines geschichtlichen Zeitstrahls, wie jenes der Sprachen, in unterschiedliche Perioden nicht unumstritten ist, zeigt sich unter anderem durch alternative Ansätze zur Zeitdefinition. Zum Beispiel bestimmt Koselleck historische Zeit nicht als linear und homogen, sondern als komplex und mehrschichtig (vgl. Jordheim 2012, 170). Der Entwicklung einer Sprache von 'alt' über 'mittel' zu 'neu' könnte ein solches Zeitmodell nicht mehr entsprechen.
Im sprachwissenschaftlichen Diskurs kann vielmehr zur Debatte stehen, ob einer Sprachstufe das prestigeträchtige Attribut 'alt' zusteht. Insbesondere bei der friesischen Sprache wird angezweifelt, dass sich eine alte Sprachperiode mit den vorliegenden ältesten Sprachzeugnissen nachweisen lässt (vgl. Bremmer 2009, 119-125). De Haan (vgl. 2001, 179) wirft in seinem Artikel zur Nomenklatur und zeitlichen Einteilung friesischer Sprachstufen auf, dass die allgemein akzeptierte Dreiteilung dieser Sprache zu hinterfragen und das altbekannte 'Altfriesisch' eine Fehlbezeichnung sei (vgl. ebd., 201).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bisherige Überlegungen zur Periodisierung des Friesischen
2.1 Klassisch und nachklassisch
2.2 Abkehr vom Altfriesischen
2.3 Rückkehr zu Alt-Mittel-Neu
3 Methodische Vorgehensweise
3.1 Korpus
3.2 Überlegungen zur Analyse
4 Hauptmerkmale alter Sprachstufen
4.1 Vokalqualität in unbetonten Silben
4.2 Vokaldehnung und Konsonantendegemination
4.3 Verbendungen
4.4 Flexion der Substantive
5 Zusammenfassung
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die linguistische Einstufung der westfriesischen Urkunde "Wilkerran van Wildinge" (OFO II 2) aus dem Jahr 1379. Ziel ist es, unter Anwendung des Kriterienkatalogs von Versloot zu prüfen, ob der Text trotz seiner Entstehungszeit noch als altfriesisch oder bereits als mittelfriesisch zu klassifizieren ist.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Periodisierung des Friesischen
- Analyse linguistischer Merkmale nach Versloots Kriterienkatalog
- Untersuchung von Vokalqualität in unbetonten Silben
- Analyse von Vokaldehnung und Konsonantendegemination
- Auswertung verbaler und substantivischer Flexionsendungen
Auszug aus dem Buch
4.1 Vokalqualität in unbetonten Silben
Campbell legt für das Altenglische dar, dass die ursprünglich unbetonten Vokale a, æ, e, i und u sich im Laufe des Mittelalters mehrmals in ihrer Qualität veränderten (vgl. 1959, 153–157). Neben dem Zusammenfall von æ, e, i > e verweist er darauf, dass a, u und o später auf unterschiedliche Weise in altenglischen Sprachgebieten zu einem unbetonten Hinterzungenvokal verschmolzen sind (vgl. ebd., 157). Dennoch lässt sich für das klassische Altenglisch bestimmen, dass zwischen drei Vokalqualitäten in unbetonten Silben unterschieden wurde: e, a und u (vgl. Versloot 2004, 270).
In Bezug auf unbetonte Vokale im Altfriesischen zeigt Boutkan in seiner Untersuchung zum ersten Rüstringer Manuskript, dass dort die Vokale i, e, a, o, u in unbetonten Silben deutlich voneinander zu unterscheiden sind (vgl. 1996, 32). Boutkan spricht trotzdem von einem System mit drei Vokalqualitäten, da die Verteilung von /i–e/ und /u–o/ vom Wirken der Vokalbalance und -harmonie abhängig ist (vgl. ebd., 27).
Dass zu einer bestimmten Zeit im Altfriesischen eine Unterscheidung von /a/ und /e/ bestanden haben muss, zeigt Versloot in seiner Untersuchung zur unterschiedlichen Entwicklung dieser Vokale in den modernen friesischen Dialekten Fēstewālnoardfrysk, Harlingerlānsk und Skiermūtseagersk (vgl. 2002, 66–68). Abgesehen vom Rüstringer Dialekt kann in den restlichen altfriesischen Dialekten nur diese qualitative Unterscheidung beobachtet werden (vgl. Versloot 2004, 271). Die Schreibung lässt sich allein noch an der Endung des Dativs Plural
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der Periodisierung von Sprachen und stellt die Forschungsfrage zur linguistischen Einstufung der Urkunde "Wilkerran van Wildinge".
2 Bisherige Überlegungen zur Periodisierung des Friesischen: Dieses Kapitel zeichnet den wissenschaftlichen Diskurs um die Dreiteilung des Friesischen nach und präsentiert die Ansätze von Sjölin, de Haan und Versloot.
3 Methodische Vorgehensweise: Hier werden das Korpus sowie die methodischen Schritte erläutert, nach denen die Urkunde anhand von Versloots Kriterien analysiert wird.
4 Hauptmerkmale alter Sprachstufen: In diesem zentralen Kapitel werden vier linguistische Kriterien für alte Sprachstufen definiert und auf das Korpus angewendet.
5 Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Untersuchung werden zusammengefasst und die Einordnung der Urkunde in den Kontext des Wandels vom Altfriesischen zum Mittelfriesischen vorgenommen.
6 Literaturverzeichnis: Auflistung aller verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Altfriesisch, Mittelfriesisch, Periodisierung, Sprachgeschichte, Westfriesische Urkunden, Wilkerran van Wildinge, Linguistischer Kriterienkatalog, Sprachstufe, Vokaldehnung, Konsonantendegemination, Flexionsparadigma, Substantivdeklination, Verbkonjugation, Altenglisch, Sprachwandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die sprachgeschichtliche Einordnung der westfriesischen Urkunde "Wilkerran van Wildinge" von 1379 und prüft, ob diese noch dem Altfriesischen oder bereits dem Mittelfriesischen zuzuordnen ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Die zentralen Themen sind die historische Periodisierung des Friesischen, der linguistische Vergleich mit anderen germanischen Sprachen sowie die morphologische und phonologische Analyse spezifischer Sprachmerkmale.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Urkunde anhand des linguistischen Kriterienkatalogs von Versloot zu evaluieren, um eine präzisere zeitliche Einordnung dieses Sprachzeugnisses vorzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet einen vergleichenden linguistischen Ansatz, bei dem das Korpus der Urkunde systematisch auf vier Hauptmerkmale alter Sprachstufen (Vokalqualität, Dehnung/Degemination, Verb- und Substantivflexion) untersucht wird.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen der Periodisierung diskutiert, die Methodik dargelegt und die Analyse der Vokal- und Flexionsverhältnisse der Urkunde durchgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Altfriesisch, Mittelfriesisch, Periodisierung, Sprachwandel, Flexionsparadigma und der spezifische Kriterienkatalog nach Versloot.
Warum ist die Urkunde "Wilkerran van Wildinge" für die Forschung besonders relevant?
Da sie aus dem Jahr 1379 stammt, gilt sie als eine der ältesten westfriesischen Urkunden und bietet somit einen wichtigen Anhaltspunkt, um den Übergang zwischen der alt- und mittelfriesischen Sprachperiode empirisch zu untersuchen.
Welches Fazit zieht die Autorin zur Sprachstufe der Urkunde?
Die Urkunde lässt sich nicht mehr vollständig als altfriesisch klassifizieren, da sie in vielen Merkmalen bereits Anzeichen einer Entwicklung zum Mittelfriesischen aufweist, obwohl vereinzelt archaische Strukturen erhalten geblieben sind.
- Arbeit zitieren
- Christian Schulz (Autor:in), 2019, Zur Sprachstufe einer westfriesischen Urkunde von 1379. Auf der Schwelle von 'Alt' zu 'Mittel', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/703375