Ist Höflichkeit ein Resultat von Performativität nach J. Butler?


Essay, 2018

4 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Hochschule Darmstadt Fachbereich Media

Sommersemester 2018

Studiengang: Onlinekommunikation Modul: Gesellschaftswissenschaft Fachsemester: 2

Veranstaltung: Kommunikation Governance Datum: 11.08.2018

Essay

Ist Höflichkeit ein Resultat von Performativität nach J. Butler?

Nina Pertz

Wo fängt die Höflichkeit an und wo hört sie auf? Ist der Begriff Höflichkeit überhaupt de-finierbar und unterscheidet sich diese Definition je nach Kultur? Immer wieder fällt auf, dass Tou-risten in anderen Kulturen unhöflich auffallen, und sich dessen nicht einmal bewusst sind. So reiste ich im letzen Jahr nach Indonesien und kleidete mich meines Erachtens der muslimischen Kultur angemessen. Doch die Armlänge des Kleides war scheinbar zu kurz, weshalb ich mit der dort lebenden Bevölkerung hinsichtlich des Outfits in Konflikt kam. Einige weitere Touristen zeig-ten ein Verhalten welches weder Respekt, noch Akzeptanz gegenüber der anderen Kultur her-vorbrachte. Doch sind sich die Touristen der Folgen dieser nicht erbrachten Höflichkeitsformen in ihrem Verhalten bewusst? Der vorliegende Essay diskutiert, ob Höflichkeit ein Resultat von Performativität nach J. Butler ist. Dies klärt grundlegend auf, was Höflichkeit im Allgemeinen be-schreibt. Zudem setzt sich der Essay mit der Definition von Performativität nach J. Butler in Be-zug zur deutschen Höflichkeit auseinander. Hierbei werden vier Beispiele herangezogen, um den Sachverhalt zu verdeutlichen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen, dem der Erhalt zwischenmenschlicher Beziehung äußert wichtig ist. Die Beziehung pflegt er zum Großteil über die Sprache, weshalb er sich auf belanglose Kurzgespräche einlässt. Dies vermittelt dem Gesprächspartner eine soziale Wert-schätzung. Der Rechtswissenschaftler Braun beschreibt in seinem Werk Einf ü hrung in die Rechtsphilosophie, dass der Mensch seine Menschlichkeit erst durch sein sich Kümmern und durch die Gemeinschaft erfährt.1 Zusammenfassend bezeichne ich Höflichkeit als ein gutes Be-nehmen. Dabei stellt „gut“ keine universelle Eigenschaft dar, sondern ein subjektives Empfinden, weshalb sich das „gute Benehmen“ je nach Kultur unterschiedlich ausprägt. Zuvorkommenheit, gute Sitten und Respekt seinem Gegenüber ist Voraussetzung für Höflichkeit und stellt somit eine soziale Norm dar.2 Diese erlernt der Mensch meist in seiner frühkindlichen Erziehung durch seine Eltern.

Die US-amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler prägt den Begriff der Per-formativität in Ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter. 3 Sie geht davon aus, dass Bedeu-tungen und Diskurse Ihre Festigkeit durch permanente Wiederholungen erlangen und deren Be-deutungszuweisungen nicht einmalig geschehen, sondern durch die Wiederholung immer wie-der bestätigt werden müssen. Einige Handlungen, so auch die Tugend von Höflichkeit, haben sich durch den immer wieder stattfindenden Gebrauch so verfestigt, dass sie heute als selbst-verständliche Verhaltensweisen gelten. Butler beschreibt auch, dass jede Kopie oder Wiederho-lung eine Wandlung in sich birgt, weshalb sich bestimmte Normen über die Zeit verändern kön-nen.

Wie zu Anfang erwähnt, unterscheidet sich der Ausdruck von Benehmen von Kultur zu Kultur. Um auf Indonesien zurück zu kommen, der Islam gelang im 13. Jahrhundert nach Indo-nesien und verdrängte damit in Großteilen des Landes den Hinduismus und den Buddhismus.4 Somit änderten sich, unter anderem religionsbedingt, die Verhaltensnormen. Sowohl der Bud­dhist, als auch der Muslim dulden kein Nackbaden. Während im Islam mit sozialen Sanktionen zu rechnen ist, macht der Buddhist einen Gast aus Höflichkeit nicht darauf aufmerksam. Stellt dies einen Wandel von Performativität über die Zeit dar, oder ist dies die Folge der Entwicklung von Verhaltenskulturen verschiedener Religionen? Für mein Dafürhalten schließt die eine Frage die andere nicht aus, denn die Antworten auf diese Fragen lassen sich als schließender Kreis betrachten. Könnte nicht die soziokulturelle Evolution mit Performativität gleichgesetzt oder als Folge dessen betrachtet werden? In der Ausgangssituation sehen beide Kulturen das Nacktba-den als Verstoß des Verhaltenskodexes an. Ein Lösungsansatz, weshalb der Umgang unter-schiedlich gehandhabt wird, könnte sein, dass das Verhalten des Touristen Grund für einen Wandel in der permanenten Wiederholung des Diskurses ist. So entwickelte der Buddhist ein Toleranzverhalten in seinen Wertvorstellungen, um dem Tourist höflich gegenüber zu stehen. Meiner Meinung nach haben sich in jeder Kultur über die letzen Jahrzehnte bevorzugte Werte abgebildet, die als Gesamtheit der Diskurse den Inhalt der kulturbedingten Normen formen.

Des Weiteren lässt sich darüber diskutieren, welchen Einfluss Social Media auf den Wandel von Höflichkeit einnimmt. Den E-Mail Schriftverkehr gibt es seit etlichen Jahren. Genutzt wurde und wird die E-Mail beispielsweise zur Kommunikation zwischen Arbeitnehmern in einem Unternehmen. Höflichkeitsfloskeln wie Sehr geehrter Herr XY und die Grußformel am Ende der Mitteilung werden zum Großteil berücksichtigt. Doch mit dem Aufkommen von Social Media las-sen diese Floskeln beständig nach. Mit Sicherheit begibt sich der Nutzer auf Facebook in einem anderen Umfeld als auf der Arbeit mit E-Mails, jedoch ist das Verschwinden der Höflichkeit be-merkenswert. Mit sozialen Medien ist es möglich, innerhalb von Sekunden jemanden eine Nachricht zu hinterlassen, ohne diese Person persönlich antreffen zu müssen. Und genau diese zwei Aspekte lassen meines Erachtens die Höflichkeit schwinden. Mediennutzer können kurzfristig und schnell anonym eine Kurznachricht versenden, wobei zumeist kein Wert auf die äußerliche Einkleidung gelegt wird. Aber wie soll Höflichkeit transportiert werden, wenn non-verbale Kom-munikation keinen Einfluss nehmen kann? Höflichkeit ist auch ein Ausdruck von Emotionen, wo-bei ein Chat recht gefühlskalt erscheint. Lässt sich die klassische Definition von Höflichkeit auf die soziale Medien in der modernen Welt beziehen? Mir scheint, dass der Einfluss von Social Media auf die Höflichkeit einen merklichen negativen Einfluss einnimmt. In der Onlinekommuni-kation sind die Hürden, um Unhöflichkeiten auszudrücken viel geringer, da man sein echtes Ge-sicht verbergen und sich hinter einer Anonymität verstecken kann. Ob der Wandel der Zeit oder das schnelllebige Internet ausschlaggebend für den Rückgang von Höflichkeit bei der heutigen Jugend sind, lässt sich diskutieren. Anhand dieses Beispiels wird jedoch eindeutig, dass Perfor-mativität gravierende Wendungen annehmen kann, sobald sich die äußeren Einflussfaktoren wandeln.

Weiterhin stellt sich die Frage, ob deutsche Höflichkeitsformen die Folge von Performati-vität nach J. Butler darstellen. Die Anrede mit Sie soll unter Erwachsenen eine Form von Höf-lichkeit sein, was ich allerdings in Frage stelle. Die pronominale Anredeform Ihr als Ansprache in der zweiten Person Singular diente ab dem 16. Jahrhundert der Ansprache gegenüber Re-spektspersonen, oder in vornehmenden Kreisen unter Familienmitgliedern. Das Pronomen Sie in der zweiten Person Singular galt als Steigerung von Höflichkeit um die Hierarchieebenen deutlicher voneinander abzugrenzen und entwickelte sich erst im 17. Jahrhundert.5 Die Auswahl der Anrede wird an Kriterien wie dem absoluten sozialen Status und dem sozialen Gefälle der Beteiligten festgelegt.6 Er bezeichnet die Positionierung einer Person in einem System der so-zialen Rangordnung und definiert sich über Kriterien wie dem Einkommen oder der Macht. Aber sollten diese Eigenschaften über den höflichen Umgang zwischen zwei Menschen entscheidend sein? In der Neuzeit galten Strukturen und Umgangsformen, die mit der sprachlichen Grammatik unterstrichen wurden. Diese Formen wirken sich bis zur heutigen Zeit weiter aus und sind mei-nes Erachtens veraltet. Betrachtet man die Hintergründe eines Pronomens, so wird deutlich, dass Respekt und Höflichkeit nicht durch die Ansprache ausgedrückt werden sollten. Deshalb stellen Höflichkeitsformen für mich kein Resultat von Performativität nach J. Butler dar. Mir stellt sich die Frage, ob die ständige Wiederholung des Diskurses nicht eher zur Entkräftung der Be-deutung von Höflichkeit beiträgt. Der Duden und die Erziehung geben die Verwendung der Höf-lichkeitsform Sie vor, doch ist den Deutschen dessen Bedeutung und Ursprung noch bewusst? Es ist oft zu beobachten, dass die Anrede eine Mehrfachfunktion erlangt. So wird statt dem Er-bringen von Respekt, persönliche Distanz oder Desinteresse signalisiert. Die ständige Wieder-holung der Höflichkeitsform ließ die eigentliche Bedeutung verblassen.

[...]


1 Vgl. Johann Braun. Einführung in die Rechtsphilosophie: Der Gedanke des Rechts, Mohr Siebeck Verlag, Passau, 2006, S. 279.

2 Vgl. Seite „Höflichkeit“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 22.07.2018, https://de.wikipedi-a.org/w/index.php?title=H%C3%B6flichkeit&oldid=179364741, zuletzt abgerufen am 02.08.2018.

3 Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main 1991.

4 Vgl. Seite „Wie wurde Indonesien ein muslimisches Land“. In: Avada. Bearbeitungsstand 06.11.2017, http://indone-sia-islands.com/de/wie-wurde-indonesien-ein-muslimisches-land/, zuletzt abgerufen am 02.08.2018.

5 Vgl. Seite „Pronominale Anredeform“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 09.06.2018, https:// de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pronominale_Anredeform&oldid=178155508, zuletzt abgerufen am 07.08.2018.

6 Vgl. Seite „Alltag im 18. Jh. - Anreden“. In Marquise, http://www.marquise.de/de/1700/buerger/anrede.shtml, zuletzt abgerufen am 07.08.2018.

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Details

Titel
Ist Höflichkeit ein Resultat von Performativität nach J. Butler?
Hochschule
Hochschule Darmstadt
Veranstaltung
Kommunikation Governance
Note
1,00
Autor
Jahr
2018
Seiten
4
Katalognummer
V703990
ISBN (eBook)
9783346187413
Sprache
Deutsch
Schlagworte
butler, höflichkeit, performativität, resultat
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Nina Pertz (Autor), 2018, Ist Höflichkeit ein Resultat von Performativität nach J. Butler?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/703990

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