Beobachtung der Vergangenheit. Eine Untersuchung der Rückversetzung in der Zeit im Film "Inception"


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführende Informationen zu Inception
2.1. Inhaltsangabe
2.2. Inception als Mind-Game Film

3. Inception als Zeitreisefilm

4. Die Darstellung der Vergangenheit in Inception

5. Zeitdarstellung als selbstreflexives Mittel in Inception

6. Fazit

7. Bibliografie
7.1. Filmverzeichnis:
7.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie kann Vergangenheit im Film beobachtbar gemacht werden? Der Film hat dafür verschiedene Methoden entwickelt wie beispielsweise die Rückblende oder die Montage. In einer Welt, in der Träume mit anderen Menschen geteilt werden können, verhandelt Inception (2010) verschiedene Darstellungsweisen der Vergangenheit und befasst sich dabei intensiv mit der Erinnerung, die in der Traumwelt Vergangenes beobachtbar macht. Doch »einen Traum aus der Erinnerung zu bauen, ist der schnellste Weg den Sinn dafür zu verlieren, was real ist und was ein Traum«,1 lehrt der Protagonist Dom Cobb seine Schülerin Ariadne und weist darauf hin, wie nah Erinnerungen und Träume beieinander liegen, sich beeinflussen und im Film sogar überlagern. Es folgt eine Vermischung der Realitäten und Zeiten: Die Vergangenheit wird in Cobbs Träumen zu seiner Gegenwart, die er wieder und wieder durchlebt.

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Rückversetzung in die Vergangenheit in Inception. Ziel ist es zu zeigen, mit welchen Mitteln Zeitlichkeit und Vergangenes vermittelt werden. Um einen Überblick über den Film zu bekommen, werden zunächst Inhalt und Erzählstruktur angerissen. Bezeichnend dafür ist Inceptions Zuordnung zu den Mind-Game Filmen, deren Charakteristika an Inception erörtert werden. Im zweiten Teil der Hausarbeit werden die Rekursionsphänomene der Erzählung näher untersucht. Dafür wird Inception zunächst auf sein Potential als Zeitreisefilm hin aufgearbeitet und dabei mit anderen Zeitreisefilmen verglichen. Anschließend werden die filmischen Mittel der Vergangenheitsdarstellung in Inception untersucht. Den verschiedenen Bildrealitäten von Traum und Realität, sowie der Überlagerung von Gegenwart und Vergangenheit wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Dadurch wird deutlich, wie Inception einen Gegenwartsbezug in Vergangenheit und Erinnerungen erzeugt. Eine abschließende Analyse von Zeit und Gedächtnis auf Selbstreflexivität soll zeigen, wie Inception auf sich selbst als Filmmedium verweist. Dabei wird auch auf die Beziehung von Film und Rezipient eingegangen.

2. Einführende Informationen zu Inception

2.1. Inhaltsangabe Inception ist ein

Film des britisch-amerikanischen Filmregisseurs Christopher Nolan aus dem Jahr 2010. Dieser war zugleich auch Drehbuchautor und Produzent des Films. Mithilfe einer Maschine, die das US-Militär entwickelt hat, können Personen gemeinsam in eine Traumwelt eindringen und diese gestalten und kontrollieren. Das Verfahren wird ›Traum-Sharing‹ genannt. Da der Verstand im Traum effektiver arbeitet, vergeht die Zeit im Traum schneller,2 sodass fünf Minuten in der Realität eine Stunde in Traumzeit sind. Wird dabei ein Traum im Traum geschaffen, vervielfacht sich die Zeit exponentiell. Der Protagonist Dominick Cobb (Leonardo diCaprio) ist darauf spezialisiert, mithilfe dieser Technologie Geheimnisse aus den Gedanken seiner Zielpersonen zu extrahieren (im Original wird dieser Vorgang › Extraction ‹ genannt). Der japanische Geschäftsmann Saito (Ken Watanabe) gibt Cobb den ungewöhnlichen Auftrag, mittels des ›Traum-Sharings‹ einen Gedanken in den Kopf seines größten wirtschaftlichen Konkurrenten Robert Fischer (Cillian Murphy) zu pflanzen (im Original: › Inception ‹ ), sodass dessen zukünftige Handlungen unbewusst zu Gunsten Saitos ausfallen. Dafür stellt Cobb ein Team aus verschiedenen Spezialisten zusammen: ›seine rechte Hand‹ Arthur (Joseph Gordon-Levitt), den ›Dieb‹ Eames (Tom Hardy), den ›Apotheker‹ Yosuf (Dileep Rao) und die ›Architektin‹ Ariadne (Ellen Page). Doch da Cobb sein Unterbewusstsein im Traum nicht kontrollieren oder abblenden kann, steht dem Team nicht nur Fischers geschulte Extractor-Abwehr-Armee gegenüber, sondern auch Cobbs verstorbene Ehefrau Mal Cobb (Marion Cotillard), die in Form einer Manifestation von Cobbs Erinnerungen an sie auftritt. Sie versucht Cobb in der Traumwelt gefangen zu halten und ihn davon zu überzeugen, dass seine Realität nur ein Traum ist, aus dem er noch nicht aufwachen konnte. Nach einigen Komplikationen in der Traumwelt, die unter anderem auch Saitos geträumten Tod zur Folge haben, gelingt es dem Team, Fischer den fremden Gedanken einzupflanzen. Cobb muss sich nun im Limbus, dem rohen, ungeformten Unterbewusstsein auf die Suche nach Saito machen, um ihn von dort aufzuwecken. Im Limbus vergeht die Zeit viel schneller, sodass Saito, als Cobb dort ankommt, bereits ein alter Mann ist. Mit dieser Gegebenheit beginnt der Film, sodass die nachfolgende Geschichte eine Analepse bildet. Schließlich entkommen Saito und Cobb anscheinend dem Limbus, doch ob die Realität, in der sich Cobb am Ende des Films befindet, die tatsächliche Realität oder nur wie Mal behauptet eine weitere Traumwelt ist, lässt Nolan offen.

2.2. Inception als Mind-Game

Film Mit seinen zahlreichen Action-Szenen und den smarten Protagonisten, die um jeden Preis einen Auftrag erfüllen wollen, ähnelt Inception den James Bond-Filmen und kann daher den Actionthrillern zugeordnet werden.3 Der Verweis des Erzähl-Endes zurück auf den Anfang legt die Obsession Inceptions mit Rekursionsphänomenen offen: Analepsen, Rückblenden und Wiederholungen erzeugen in Inception eine achronologische, neue Erzählstruktur, die dem Zuschauer die Ereignisse des Films auf ungewöhnlichen Wegen vermittelt. Folglich beginnt Inception die klassische Erzählstruktur in Frage zu stellen. Derartige Rekursionsphänomene gelten auch als Charakteristikum der Mind-Game Filme.4 Die Bezeichnung Mind-Game Film benennt dabei kein Genre, sondern ein Phänomen, das auf verschiedene Genre angewandt werden kann.5 Komplexe Erzählstrukturen, die die Handlung nur schwer berechenbar machen, gelten als Hauptmerkmal dieser Filme.6 In Inception wird die Komplexität der Handlung durch ineinander verschachtelte Träume gesteigert. Ein derartiger Eintritt des thematisierten Rahmens in die gerahmte Handlung wie bei einem Mise-en-abyme ist ebenfalls typisch für Mind-Game Filme.7 Bezeichnend ist das Gedanken spiel als Leitmotiv: Die Wahrheit im Film wird zum Puzzle, das Zuschauer und Protagonisten lösen müssen.8 In Inception spielt Cobbs Team mit Fischers Bewusstsein. Zugleich spielt der Film aber auch mit dem Zuschauer, indem er Träume und filmische Realität in ihrer Bildsprache zunächst ununterscheidbar macht (vgl. Kapitel 4), sodass nicht nur den Figuren im Film, sondern auch dem Zuschauer die Abgrenzung von Traum und Realität schwer fällt. Inception konfrontiert den Zuschauer mit einer bewussten Auseinandersetzung mit seiner Wahrnehmung.9 Die Protagonisten des Films setzen sich mit epistemologischen Problemen und ontologischen Zweifeln auseinander,10 wie beispielsweise: Ist meine Welt real? Diese Fragen bringen dann auch den Zuschauer zum Nachdenken. Die Überlegungen sind vom Film intendiert, sodass das Denken des Zuschauers gelenkt und mit seinen Erwartungen gespielt wird.11 Indem die Handlung in Inception in das Bewusstsein der Figuren hineinverlegt wird, referiert das Gedanken spiel als Leitmotiv auf sich selbst.12 Dies gelingt in Inception jedoch nur mithilfe einer hochentwickelten Technologie, die auch ein Merkmal von Mind-Game Filmen sein kann.13 Das Denken wird in solchen Filmen von Maschinen manipuliert und der Kontrollverlust des Menschen über sich selbst aufgezeigt. Der Umgang der Menschen mit der neuen Technologie lässt Burnetts sogar erwägen, ob Inception als Beispiel für das ›Post-cinema‹ nach Shaviro gelten kann, da Ideen und Wünsche in Inception als wirtschaftlich manipulierbare Variablen benutzt werden.14 Auch zeigt Inception die Traumwelt als Alternativwelt für Menschen und thematisiert damit die ›Suche nach alternativen Formen des Seins‹,15 die das Post-cinema offenlegt.

3. Inception als Zeitreisefilm

»Der Traum als Traum ist Welt, und zwar nicht nur eine Welt unter anderen Welten, sondern die wirkliche Welt, in der der Träumende ist. Andererseits ist er [der Traum] aber, solange er die Welt ist, noch gar nicht als Traum. « (Uslar)16

Inception ist nicht als klassischer Zeitreisefilm ausgeschrieben, da seine Handlung primär die Beziehung von Träumen und Realität, sowie die Verarbeitung eines Traumas des Protagonisten thematisiert. Dass Zeit dennoch ein Leitmotiv des Films ist, zeigt sich schon in den ersten 15 Minuten, in denen drei Mal in Großaufnahme eine Armbanduhr gezeigt wird. 17 Der Sekundenzeiger der Uhr läuft beim ersten Mal plötzlich schneller und beim zweiten Mal langsamer als gewöhnlich. Diese Szenen sollen auf die unterschiedlichen Zeitverhältnisse von Realität und Traum aufmerksam machen. Zugleich stellen sie Zeitlichkeit als Charakteristikum des Films aus, der ebenfalls mittels Zeitlupe oder Zeitraffer manipuliert werden kann (vgl. Kapitel 5). Die Reise als Motiv begleitet den Film in Form von zahlreichen Transportmitteln und es ist bezeichnend, dass die entscheidende Traummission des Teams in einem Flugzeug stattfindet. Die Verbindung der Reise mit der Zeitthematik drängt sich daher in Inception auf.

Zudem finden sich auch Motive klassischer Zeitreisefilme wie Back to the Future (1985) wieder, sodass eine Untersuchung Inceptions hinsichtlich seiner Verhandlung von Zeitlichkeit neue Aufschlüsse über die Anwendungsmöglichkeiten des Zeitreisemotivs bietet. Die Vielschichtigkeit dieses Motivs, sowie dessen Wirkungsweise in Inception sollen aufgezeigt werden, um die Rückversetzung in der Zeit aufzuschlüsseln.

Doch was ist Zeitreise?, fragt sich der Philosoph David Lewis und meint: »Inevitably, it involves a discrepancy between time and time. Any traveler departs and then arrives at his destination; the time elapsed from departure to arrival […] is the duration of the journey.«18 Zeitreise ist also eine Reise durch die Zeit, in der der Zeitreisende von einem Zeitpunkt zu einem anderen springt.19 Dabei differenziert Lewis zwischen der ›external time‹, also der Zeit des Umfelds, aus dem und in das der Zeitreisende versetzt wird, und der ›personal time‹ des Zeitreisenden, sprich die Dauer seiner Reise.20 Unternimmt der Zeitreisende demzufolge eine Zeitreise, die auf seiner Armbanduhr eine Stunde dauert, kann er dennoch an einem Zeitpunkt zurückkehren, der nur eine Sekunde nach seiner Abreise stattfindet. Eine solche Verzerrung der Zeit ist dem Zeitkonzept von Inception nicht unähnlich: Während in der ›external time‹, in der Ariadne und Cobb schlafen, gerademal wenige Minuten vergehen, unterhalten sie sich im Traum bereits über eine halbe Stunde.21 Die Reise in der Zeit findet in Inception in den Träumen und damit im Kopf der Protagonisten statt. Demzufolge ist Inception hinsichtlich des Zeitreisemotivs mit Filmen wie Source Code (2011) und Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) vergleichbar. Auch in ihnen findet eine Zurückversetzung in der Zeit im weiteren Sinn als Gedankenspiel statt. Auch wenn eine Zeitreise nur im Kopf der Figuren stattfindet, empfinden sie diese als real und erleben die Dauer ihrer Reise dementsprechend genauso lebhaft, wie bei einer physischen Zeitreise. Allerdings werden die Figuren in Inception nicht in eine andere historische Epoche versetzt,22 sondern sie reisen in ihren Träumen an andere Orte, die zwar ihrer historischen Herkunftszeit entsprechen, aber an denen die Zeit unterschiedlich schnell vergeht.

Die Träume werden vom Unterbewusstsein der Träumer bevölkert. Dieses arbeitet nicht immer rational, »sondern reagiert aufgrund von Gedanken, Vorstellung und Vorerfahrung«23 und arbeitet demzufolge eng mit dem Gedächtnis, sprich der Vergangenheit der jeweiligen Person, zusammen. Die Träume verschmelzen mit der Vergangenheit des Träumers und spiegeln sie dadurch wieder.24 Sie können beispielsweise mit Szenen aus der Kindheit des erwachsenen Träumers und zugleich seiner Jugendzeit bevölkert werden. Daher ist den Träumen keine eindeutige Zeitspanne der Vergangenheit des Träumers zuordnungsbar.25 Wie Marty in Back to the Future müssen sich die Träumer aber in den ihnen unbekannten Welten, die die Träume erschaffen, zurechtfinden.26 Dass die Welt nur ein Traum ist, ist dabei irrelevant, da sie sich für die Träumenden echt anfühlt. Die Motivabfolge Zeitreise – Veränderung – Lösungsversuch – Flucht Rückkehr hat Inception mit anderen Zeitreisefilmen daher zum Großteil gemein: Cobb und sein Team müssen in die Traumwelt, um einen Auftrag auszuführen. Dabei wird Saito getötet und er muss sein Leben im Limbus verbringen. Nach einer weiteren Traumreise gelingt es Cobb ihn zu retten. Gemeinsam fliehen sie aus dem Limbus und kehren in die vermeidlich reale Welt zurück. Im Vergleich dazu reist Marty in Back to the Future in die Vergangenheit und verhindert, dass sein Vater seine Mutter kennen lernt, wodurch seine eigene Existenz in Gefahr gerät. Nach einigen Schwierigkeiten gelingt es ihm, seine Eltern wieder zusammen zu bringen. Er repariert die Zeitmaschine und kehrt in seine Ursprungszeit zurück, deren Bedingungen durch sein Handeln in der Vergangenheit verändert wurde. Was Inception von Zeitreisefilmen wie Back to the Future unterscheidet, ist das Motiv der ›Veränderung‹, denn da in Inception die Reise in der Gedankenwelt der Figuren stattfindet, kann die Vergangenheit – und damit zusammenhängend die Gegenwart nicht verändert werden. Die Reise kann in Inception nur Auswirkungen auf die Zukunft haben, sollte die Manipulation von Fischers Unterbewusstsein gelungen sein, oder Saito von seiner Zeit im Limbus beeinträchtigt werden, doch das bleibt dem Zuschauer ungesehen.

Auch im Zeitreisefilm Source-Code findet die Zurückversetzung in der Zeit im Bewusstsein des Protagonisten statt. Dennoch schafft er es in dieser Form die Vergangenheit zu beeinträchtigen, sodass am Ende des Films die Gegenwart verändert wurde oder aber ein alternatives Universum entstand. Die unterschiedliche Gestaltung der verschiedenen Traumebenen in Inception erinnert an ebendieses Zeitreisemotiv der Multiplen Universen. Zumindest im Kopf der Protagonisten sind diese Welten real und sie können von der einen in die andere reisen. Abruzzese merkt jedoch an, dass es sich dann nicht um Zeitreise, sondern ›Universe travel‹ handelt.27 In Inception existieren die Traumwelten nicht unabhängig voneinander: Je tiefer die Traumebene, desto schneller vergeht die Zeit.28 So hat das Team auf der dritten Traumebene theoretisch mehrere Jahre Zeit für die Ausführung ihres Plans. Die Zeitlupensequenzen machen die Konsequenzen dessen sichtbar: Während Cobb in die Badewanne geschubst wird, läuft im tiefer gelegenerem Traum, in welchem er sich gerade auch befindet, die Zeit normal weiter.29 Der Kontrast in der Filmgeschwindigkeit veranschaulicht die starke Diskrepanz zwischen den Traum-Zeiten. Sie wird am deutlichsten, als der Van von Cobbs Team in der Traumwelt die Brücke herunter fällt. 30 Der freie Fall dauert tatsächlich nur wenige Sekunden, doch Arthur verbringt in der tiefer gelegeneren Traumschicht knappe drei Minuten in Schwerelosigkeit. Eine Veränderung des Bewusstseinszustands der träumenden Figur auf der einen Traumebene (hier: Das Gefühl von Schwerelosigkeit im Van) hat direkten Einfluss auf den nächst tiefergelegenen Traum (hier: Arthur befindet sich plötzlich in Schwerelosigkeit). Auf das Motiv der Multiplen Universen übertragen bedeutet das, dass die Beschaffenheit des Ursprungsuniversums das Paralleluniversum beeinflusst. Allerdings handelt es sich in Inception um physikalische Beeinflussungen und nicht um existenzgefährdende Veränderungen wie bei Back to the Future. In Inception findet die Beeinflussung kaskadenförmig statt: Nur der höher gelegene Traum kann den tiefer gelegeneren Traum beeinträchtigen. Die Existenz des tiefer gelegenen Traums ist an die Zeitlichkeit des höher gelegeneren Traums gebunden: Läuft die Zeit zum Schlafen im höheren Traum ab, ist sie zugleich auch im tieferen zu Ende, wenngleich sie dem Träumer um ein Vielfaches länger vorkam. Zeit wird dadurch relativiert und mithilfe der Traum-Sharing-Technologie in sich selbst gefaltet.31 Die Beeinflussung der Traumzustände auf die Zeit ist mathematisch erfassbar und die Zeit verhält sich folglich linear. Sie lässt sich auf mehrere Dimensionen aufspalten und ist letztlich als Zusammenfluss von parallelen Dimensionen konzipiert.32 So ist es Cobb und seiner Frau Mal auch möglich, fünfzig Jahre ihres Lebens in einem Traum zu verbringen, um dann als ›Alte Seelen‹ in jungen Körpern aufzuwachen,33 und ihr Leben erneut zu leben. Auch wenn diese gealterten Versionen von ihnen nur im Traum existierten, so hat sich die Zeit für sie real angefühlt. Sie kehren im vollen Bewusstsein des Erlebten an ihren Ausgangspunkt zurück, werden also tatsächlich in der Zeit zurückversetzt.34 Ihre Traum-Vergangenheit lässt sich dabei nicht von der Vergangenheit in der filmischen Realität unterscheiden; sie ist Teil ihres Wesens geworden. Dies zeigt sich in dem Erinnerungsgebäude Cobbs, in dem er im Traum seine Erinnerungen aufbewahrt.35 Darunter sind auch Erinnerungen an seine Traum-Zeit mit Mal wie beispielsweise der Zug, der für ihren gemeinsamen Selbstmord in der Traumwelt steht, durch den sie zurück in die Realität gelangen wollten. Genauso zeigt Saitos Fall in den Limbus die starke Differenz zwischen der Dauer des Traums und der historischen Zeit,36 denn was nur wenige Stunden in der realen Welt sind, wird auf mehrere Jahrzehnte in der Traumwelt ausgedehnt.

[...]


1 Inception. 2010. TC: 00:30:57 – 00:31:00, abgespielt im VLC Media Player.

2 Im Verhältnis zu den fünf Minuten der Wirklichkeit vergeht die Traumzeit schneller, da sich im Traum mehrere Stunden innerhalb von fünf Minuten abspielen. Für den Träumenden aber vergeht die Zeit erheblich langsamer, da er im Traum mehrere Stunden für fünf Minuten in der Wirklichkeit Zeit hat. Die Begrifflichkeiten ›schnell‹ und ›langsam‹ sind in Inception folglich immer an ein spezifisches Verhältnis gebunden.

3 Vgl.: Brütsch, Matthias: Traumb ü hne Kino. Der Traum als filmtheoretische Metapher und narratives Motiv. Marburg, 2011. S.279 in den Fußnoten.

4 Vgl.: Engell, Lorenz: „Michel Gondry: Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. in: Engell, Lorenz: Playtime: Muenchener Film-Vorlesungen. Konstanz, 2010. S.279.

5 Vgl.: Elsaesser, Thomas: „The Mind-Game Film.“ in: Warren Buckland (Hg): Puzzle Films: Complex Storytelling in Contemporary Cinema. Oxford, 2009. S. 14f.

6 Vgl.: Ebd. S. 19-22.

7 Vgl.: Engell, Lorenz: „Michel Gondry: Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Konstanz, 2010. S.279.

8 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." “Dream Space,” Parallel Time and Selfhood in Inception” in: Matthew, James (Hg): Time Travel in popular Media. NC Jefferson, 2015. S. 238.

9 Vgl.: Elsaesser, Thomas: „The Mind-Game Film”. Oxford, 2009. S.17.

10 Vgl.: Ebd. S. 15, 17.

11 Vgl.: Engell, Lorenz: „Michel Gondry: Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Konstanz, 2010. S.280f.

12 Vgl.: Ebd. S. 281. 13Beispielsweise in: Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004), Source Code (2011), Matrix (1999).

14 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“. NC Jefferson, 2015. S. 240f.

15 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“. NC Jefferson, 2015. S.240.

16 aus: Brütsch, Matthias: Traumb ü hne Kino. Der Traum als filmtheoretische Metapher und narratives Motiv. Marburg, 2011 S. 164. Hervorgehoben wie im Original.

17 Vgl.: Inception. 2010. TC: 00:03:55; 00:04:31 und 00:11:06.

18 Lewis, David: „Paradoxes of Time Travel“. in: American Philosophical Quarterly. Vol. 13. 1976. S. 145.

19 Burnetts erklärt dies am Bsp. von Back to the Future und Terminator (1984). Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“. NC Jefferson, 2015. S. 236f.

20 Vgl.: Lewis, David: „Paradoxes of Time Travel“. 1976. S. 146.

21 Vgl.: Inception. 2010. TC: 00:25:34.

22 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“. NC Jefferson, 2015. S. 236f.

23 http://lexikon.stangl.eu/2811/unterbewusstsein/ letzter Zugriff: 17.09.2015. Im Film Inception wird das Unterbewusstsein nur als unkontrollierbar spezifiziert.

24 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“. NC Jefferson, 2015. S. 238.

25 Vgl.: Ebd. S. 237.

26 Vgl.: Ebd. S. 245.

27 Vgl.: Abbruzzese, John. „On using the multiverse to avoid the paradoxes of time travel.“ in: Analysis Vol 61, No. 1. Oxford, 2001. S. 36

28 Vgl.: Inception. 2010. TC: 00:51:02 – 00:51:27.

29 Vgl.: Inception. 2010. TC: 00:09:26 – 00:09:57.

30 Vgl.: Inception. 2010. TC: 01:38:59 – 01:39:41 bzw. – 02:04:48.

31 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“.NC Jefferson, 2015. S. 245.

32 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“.NC Jefferson, 2015. S. 245.

33 Vgl.: Inception. 2010. TC: 01:14:46 – 01:14:51.

34 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“.NC Jefferson, 2015. S. 237.

35 Vgl.: Inception. 2010. TC: 00:53:46 – 00:58:25.

36 Vgl.: Burnetts, Charles: „"Downwards is the only way forwards." Dream Space, Parallel Time and Selfhood in Inception“.NC Jefferson, 2015. S. 237.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Beobachtung der Vergangenheit. Eine Untersuchung der Rückversetzung in der Zeit im Film "Inception"
Hochschule
Universität Konstanz  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Audiovisionen der Zeitreise
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V704077
ISBN (eBook)
9783346211477
ISBN (Buch)
9783346211484
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inception, Christopher Nolan, Zeitreise, time travel, time, Kristallbild, Deleuze, Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Jennifer Münster (Autor), 2015, Beobachtung der Vergangenheit. Eine Untersuchung der Rückversetzung in der Zeit im Film "Inception", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704077

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