Zu Blumenbergs Schaffenszeit wird dem Menschen die Bedrohung durch technischen Fortschritt vor Augen geführt. Vor Allem die Erfindung der Atombombe symbolisiert das Potenzial menschlicher Selbstzerstörung. Instanzen wie die Wissenschaft und Technik verändern unsere Erkenntnissituation. Sie erfordern dann die philosophische Reflexion, derer sich Blumenberg mit einer Geistesgeschichte der Technik annimmt. Dieser Essay wird sich mit dem von Blumenberg gezeigten Wandel im Verständnis des Technikbegriffes von der Antike bis in die Neuzeit widmen. Dabei stellt Blumenberg einen sog. Ordnungsschwund fest. Was bedeutet das für den Menschen und wie konnte die Technik dadurch in der Neuzeit triumphieren?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Antikes Wirklichkeitsparadigma und Technikverständnis
3. Der Demiurg bei Platon
4. Wandel im Wirklichkeitsverständnis: Vom Mittelalter zur Neuzeit
5. Die Entfaltung der technischen Moderne
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis der philosophischen Schriften von Hans Blumenberg den historischen Wandel des Technikbegriffs von der Antike bis in die Neuzeit. Dabei liegt der Fokus auf der Transformation vom antiken, an der Natur orientierten Verständnis hin zur neuzeitlichen Selbstbehauptung des Menschen, die Technik als autonome Gestaltungsmacht etabliert.
- Die philosophische Analyse des antiken "Techne"-Begriffs und der "Imitatio".
- Das Konzept des Demiurgen bei Platon als mechanisches Naturverständnis.
- Die Rolle des theologischen Voluntarismus für die Kontingenz der Welt.
- Die Entstehung des "Ordnungsschwunds" als Auslöser für menschliche Selbstbehauptung.
- Die Entwicklung neuzeitlicher Technik als Ausdruck der menschlichen Autonomie.
Auszug aus dem Buch
Die Transformation des antiken Wirklichkeitsparadigmas
Eine Geistesgeschichte der Technik besteht nicht aus der bloßen Abfolge voraussetzungsloser und zufälliger Erfindungen. Die philosophische Interpretation widmet sich vielmehr der verändernden Konzeption der Wirklichkeit, die technische Erfindungen möglich macht. Ein Beispiel bietet die optische Linse. Der verändernde Einfluss von Glas ist wohl auch in der Antike bekannt. Zu Galileos Zeit änderte sich das Wirklichkeitsverständnis dahingehend, dass man, als neue Sterne auftraten, zweifelte, ob alles Wirkliche auch sichtbar sei. Als Folge dieses neuen Wirklichkeitsverständnisses erfand Galileo das Fernrohr. Erst hier nutzte man das Wissen, des optisch verändernden Einflusses von Glas, um die Linsen so zu schleifen, dass dieser Effekt genutzt wird. Die Denkblockade des antiken Wirklichkeitsparadigmas, dass alles Wirkliche auch vollständig sichtbar sei, musste erst aufgelöst werden, damit die Erfindung möglich ist.
Betrachten wir zuerst das antike Wirklichkeitsparadigma und dessen Technikverständnis genauer. In der Antike findet sich die Technik in Natur und Kosmos eingebunden. Blumenberg schreibt dazu folgendes: „Erst eine vertiefte Interpretation des antiken τέχνη-Begriffs zeigt, daß auch das Verfertigte seinen Seinscharakter aus dem inneren Zusammenhang der Natur entlehnt und daß das durch τέχνη Seiende nur kraft solcher Entlehnung ein Seiendes genannt werden kann.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Blumenbergs Philosophie ein, die der Philosophie eine Rolle als "Sachverwalterin von Unerledigtem" zuweist, und skizziert das Ziel der Untersuchung des Technikbegriffs.
2. Antikes Wirklichkeitsparadigma und Technikverständnis: Dieses Kapitel erläutert die Einbettung der Technik in die Natur durch das Prinzip der "Imitatio" und stellt den Menschen als reinen Vollstrecker naturgegebener Möglichkeiten dar.
3. Der Demiurg bei Platon: Hier wird Platons Demiurgen-Mythos als mechanisches Schöpfungsmodell analysiert, das die Welt als eine technische, aber regelgebundene Konstruktion begreift.
4. Wandel im Wirklichkeitsverständnis: Vom Mittelalter zur Neuzeit: Der Übergang zur Kontingenz der Welt durch den theologischen Voluntarismus wird als Ursprung des "Ordnungsschwunds" identifiziert, der den Menschen zur Selbstbehauptung zwingt.
5. Die Entfaltung der technischen Moderne: Das Kapitel beschreibt, wie die Akzeptanz der Naturgesetze den Weg zur modernen, autonomen Technik ebnet und das Selbstverständnis des Menschen wandelt.
6. Resümee: Das Resümee fasst die zentralen Thesen zusammen: den Vorrang von Aktualität vor Potentialität in der Antike und die Entstehung des demiurgischen Willens zur Technik in der Neuzeit als Antwort auf die metaphysische Unsicherheit.
Schlüsselwörter
Hans Blumenberg, Technikbegriff, Antike, Neuzeit, Selbstbehauptung, Ordnungsschwund, Wirklichkeitsverständnis, Techne, Imitatio, Kontingenz, Voluntarismus, Demiurg, Naturgesetz, Geistesgeschichte, Potentialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Geistesgeschichte der Technik, wie sie von Hans Blumenberg entwickelt wurde, und untersucht den historischen Bedeutungswandel des Technikbegriffs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das antike Naturverständnis, die Rolle des Schöpfer-Demiurgen bei Platon, der Wandel zur mittelalterlichen Kontingenz und die moderne Selbstbehauptung des Menschen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie sich das Verständnis des Technikbegriffs von der Antike bis zur Neuzeit gewandelt hat und welche Bedeutung der "Ordnungsschwund" für den Triumph der Technik in der Neuzeit hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dem Essay verwendet?
Es handelt sich um eine geistesgeschichtliche und philosophische Analyse, die auf der kritischen Interpretation von Primärquellen Blumenbergs basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der kontrastierenden Darstellung von "Imitatio" in der Antike und dem "Ordnungsschwund" in der Neuzeit sowie der daraus resultierenden neuen menschlichen Handlungsautonomie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Selbstbehauptung, Ordnungsschwund, Kontingenz und das antike Verhältnis von Techne zur Natur definiert.
Inwiefern beeinflusste das Mittelalter das heutige Verständnis von Technik?
Durch den theologischen Voluntarismus des 14. Jahrhunderts entstand die Vorstellung einer kontingenten Welt, wodurch der Mensch seine Rolle als bloßer Nachahmer der Natur aufgab und zu einer konstruktiven Gestaltung überging.
Was meint Blumenberg mit dem Begriff "Ordnungsschwund"?
Der Begriff beschreibt den Verlust einer transzendent garantierten, teleologischen Weltordnung, der den Menschen verunsichert, aber gleichzeitig den Spielraum für seine eigene, demiurgische Selbstbehauptung eröffnet.
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- Amon Raun (Autor:in), 2019, Blumenberg über die Selbstbehauptung des demiurgischen Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704280