Entwickelt die gesetzliche Krankenversicherung bei ihren Versicherten ein Selbstverständnis für Gesundheit?


Hausarbeit, 2006

12 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Untersuchung der Fragestellung
2.1 Ausgangsthese
2.2 Gründe für ein Selbstverständnis
2.2.1 Moral Harzard
2.2.2 Entmündigung des Bürgers
2.2.3 Tolerierung von gesundheitsschädlichem Verhalten
2.2.4 Informationsasymmetrien
2.2.5 Unsolidarische Regelungen
2.3 Gründe gegen ein Selbstverständnis
2.3.1 Systemimmanente Faktoren
2.3.2 Alkohol- und Tabaksteuer
2.3.3 Einkommensverteilung eines Landes
2.3.4 Körperkult
2.3.5 Art der Lebensführung

3. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Ziel der Hausarbeit soll es sein, zu erörtern, inwieweit bestimmte Mechanismen der gesetzlichen Krankenversicherung (im Folgenden: GKV) in Deutschland dafür verantwortlich sind, dass sich bei den Menschen ein Selbstverständnis für das Gut Gesundheit entwickelt. Mit Selbstverständnis ist gemeint, gewisse Dinge vorauszusetzen oder als gegeben zu nehmen, ohne den eigentlichen Wert zu erkennen. Auf vorsätzlichen Missbrauch soll nicht eingegangen werden. In anbetracht der aktuellen Diskussionen um die PISA Studie[1] und des vorbildlich abschneidenden Schulsystems Finnlands, soll diese Hausarbeit immer wieder Verweise und Vergleiche mit dem finnischen Gesundheitssystem anstellen. Interessant ist immerhin die Tatsache, dass die öffentlichen Gesamtausgaben für Gesundheit in Deutschland rund 8,7%, in Finnland aber nur rund 5,7% des Bruttoinlandprodukts betragen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist jedoch nahezu gleich.[2] Werden also in Deutschland Leistungen über das medizinisch Notwenige hinaus beansprucht?

2. Untersuchung der Fragestellung

2.1 Ausgangsthese

Man könnte vermuten, dass die gesetzlich Krankenversicherten durch den in Deutschland immer noch sehr umfassenden Versicherungsschutz dazu animiert werden, ihre Gesundheit zu vernachlässigen. Das Selbstverständnis äußert sich darin, sich nicht selbst kümmern zu müssen, da die Krankenkasse die Versorgung übernimmt. Die Erörterung soll klären, inwieweit sich diese Vermutung bestätigen lässt.

2.2 Gründe für ein Selbstverständnis

2.2.1 Moral Harzard

In Versicherungssystemen trifft man grundsätzlich auf das so genannte Moral-Hazard-Phänomen. Darunter versteht man eine Änderung des Verhaltens in dem Bewusstsein, Versicherungsschutz zu haben und frei von den eigenen Handlungen gegen Risiken abgesichert zu sein. Da der Versicherte unabhängig von seiner eigenen Mitwirkung, jedoch bei Erfüllung bestimmter Zugangsvoraussetzungen, in den Genuss der Versicherungsleistung kommt, bestehen kaum Anreize der Mitwirkung nachzukommen. In der GKV tritt das gleiche Phänomen auf. Da Gesundheitsleistungen, abgesehen von Zuzahlungen oder Selbstbeteiligungen nichts kosten, kommt der Krankheitsvermeidung keine große Bedeutung zu. Möglicherweise werden Maßnahmen, die der Gesundheit zu Gute kommen, unterlassen oder Gesundheitsgefährdungen in Kauf genommen. Außerdem steigt die Nachfrage nach diesen Gesundheitsleistungen, da keine Rücksicht auf die Kosten genommen wird. Im Einzelnen hängt das Engagement des Patienten bei ambulanter Behandlung davon ab, wie schwierig die Mitwirkung ist, wie groß das subjektiv gefühlte Leiden ist und wie groß gleichzeitig die Zeitdifferenz zwischen den Arztbesuchen ist. Erfährt der Patient also durch die Behandlung eine große Belastung und sind seine Beschwerden eher gering, so wird seine Beteiligung am Heilungsprozess nicht sehr motiviert sein.[3]

Ein gutes Beispiel für Moral Hazard ist das Problem der Verschwendung von Arzneimitteln. In manchen Fällen wird ein verordnetes Arzneimittel, abgesehen von einer eventuellen Zuzahlung, kostenlos in der Apotheke beschafft, aus Angst vor Nebenwirkungen oder wegen einer unverständlichen Packungsbeilage jedoch nicht verwendet. Müsste der Patient das Arzneimittel jedoch komplett selbst bezahlen, würde er das Medikament entweder erst gar nicht kaufen oder trotz etwaiger Risiken verbrauchen. So ist anzunehmen, dass in Deutschland jährlich Massen von ärztlich verordneten Medikamenten von den Patienten nicht verbraucht, sondern gehortet und letztendlich weggeworfen werden.[4]

2.2.2 Entmündigung des Bürgers

Kerstings Wiedergabe von Dworkins Theorie zur sozialen Gerechtigkeit stützt die vorangehenden Behauptungen. Da die Krankenversicherung Teil eines Wohlfahrtsstaates ist, lässt sich der Kerngedanke, dass der Wohlfahrtsstaat den Bürger entmündigt, analog in der GKV anwenden. Die Ermutigung, Selbstverantwortung zu übernehmen, fällt im Wohlfahrtsstaat schwer. Das Unvermögen, die Lebensweise in eigener Regie zu gestalten, wächst. Die Individuen gehen, da sie rational handeln, nicht verantwortlich mit den Ressourcen der Solidargemeinschaft um, sondern ziehen den größtmöglichen Nutzen aus diesen fremdfinanzierten Mitteln. Ergänzend zu Moral Hazard wird hier der Begriff der Free-Rider-Mentalität bei Common-Pool-Problemen verwendet. Die Anreizstrukturen eines Marktes können Abhilfe gegen diese moralisch-sozialen Schwächen schaffen.[5]

2.2.3 Tolerierung von gesundheitsschädlichem Verhalten

Unter psychologischen Aspekten ist „Gesundheitsschädigendes Verhalten (...) in der Regel kurzfristig belohnend, seine Aufgabe fällt daher schwer und gelingt nur bei besonderer Anstrengung.“.[6] Der Einzelne muss zwischen seinen persönlichen Risiken und Präferenzen rational mit Auswirkungen auf die Lebensweise abwägen. Wenn er in der Gegenwart gesund ist, fällt es schwer, für die Gesunderhaltung bzw. gegen zukünftige, statistische Krankheitsrisiken Vorsorge zu leisten. So sind sich die meisten Raucher über die gesundheitlichen Folgen bewusst, dennoch werden sie in Kauf genommen. Ähnlich verhält es sich beim Alkoholkonsum: Die kurzfristig aufputschende Wirkung wiegt stärker als damit verbundene Risiken. Selbstverständlich muss sich das Individuum bei gesundheitsschädigendem Verhalten gegenüber der Solidargemeinschaft verantwortlich machen, was jedoch verdrängt oder ignoriert wird.[7]

2.2.4 Informationsasymmetrien

Neben den bisher aufgeführten Problemen, die für Selbstverständlichkeiten sorgen, ergeben sich weitere Zwangsläufigkeiten direkt aus dem System der GKV. Eine Ursache sind Informationsasymmetrien zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen. Aufgrund mangelnder Fachkenntnisse ist der Patient auf das Urteil und die Fähigkeiten des Arztes angewiesen. Möglicherweise würden Patienten kostengünstige Leistungen wählen, wenn sie genügend informiert wären. In diesem Zusammenhang ist auf das Sachleistungsprinzip der GKV hinzuweisen. Das in der privaten Krankenversicherung praktizierte Kostenerstattungsprinzip, oder zumindest die Unterschrift des Patienten auf der Arztrechnung, würden für mehr Transparenz und ein stärkeres Kostenbewusstsein sorgen. Bislang besteht jedenfalls ständig die Gefahr, dass Sachleistungen ohne jede oder falsche Vorstellungen von den tatsächlichen Kosten in Anspruch genommen werden.[8] Auch der staatliche Gesundheitsdienst Finnlands hat dieses Problem, denn er basiert ebenfalls auf dem Sachleistungsprinzip. Ferner lassen sich Informationsasymmetrien zwischen den Leistungserbringern und den Krankenkassen (bzw. den Kassenärztlichen Vereinigungen) erkennen. Die Abrechnungsstellen sind beim Nachweis der erbrachten Leistungen oftmals auf die Ehrlichkeit der Leistungserbringer angewiesen. Das deutsche Abrechnungssystem für ärztliche Leistungen, das mit einer Einzelleistungsvergütung nach Punktwerten arbeitet, trägt diesem Umstand nicht genügend Rechnung. Es bestehen keine kostensenkenden oder die Behandlungsqualität erhöhenden Anreize. Vielmehr könnten Ärzte motiviert sein, besonders viele Leistungen abzurechnen, um auf eine hohe Gesamtvergütung zu kommen. Die Einkommensinteressen könnten medizinisch unvernünftige Leistungen ausweiten.[9] Wenn Informationsasymmetrien ausgenutzt werden, kann es also zu einer angebotsinduzierten Nachfrage kommen.

[...]


[1] OECD Programme for International Student Assessment

[2] OECD: OECD in Figures. 2005 edition, OECD Publications, Paris 2005, S. 9, S. 11; Die Daten stammen aus dem Jahr 2003.

[3] Vgl. Hajen et al., a.a.O., S. 55, S. 65f.; Vgl. Stade, Uda: Anreizwirkungen in den Beziehungen zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse, Dr. Kovac, Hamburg 2004, S. 19f.

[4] Vgl. Komitee Forschung Naturmedizin e.V. (KFN): Phytotherapie leistet einen Beitrag zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen, Pressemeldung vom 26.08.1999,

URL: http://www.phytotherapie-komitee.de/News/m7_99.html, Zugriff: 30.03.2006

[5] Vgl. Kersting, Wolfgang: Theorien der sozialen Gerechtigkeit, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2000, S. 221ff.; Kersting beschäftigt sich in diesem Kapitel (IV) mit Ronald Dworkins Interpretation der liberalen Gerechtigkeit.

[6] Schwartz, F.W. (Hrsg.) et al.: Das Public Health Buch. Gesundheit und Gesundheitswesen, Urban & Fischer, 2. Auflage, München/Jena 2003, S. 145

[7] Vgl. Bohrmann, Thomas: Organisierte Gesundheit. Das deutsche Gesundheitswesen als sozialethisches Problem, Duncker & Humblot, Berlin 2003, S. 262f., S. 270

[8] Vgl. Bohrmann, a.a.O., S. 165; Vgl. Krpic-Mocilar, Thomas: Mitverantwortung für die eigene Gesundheit, Dr. Kovac, Hamburg 2003, S. 153; Vgl. Stade, a.a.O., S. 78

[9] Vgl. Stade, a.a.O., S. 139f.; Vgl. Hajen et al., a.a.O., S. 138f.

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Details

Titel
Entwickelt die gesetzliche Krankenversicherung bei ihren Versicherten ein Selbstverständnis für Gesundheit?
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Interdisziplinärer Grundkurs
Jahr
2006
Seiten
12
Katalognummer
V70435
ISBN (eBook)
9783638615976
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwickelt, Krankenversicherung, Versicherten, Selbstverständnis, Gesundheit, Interdisziplinärer, Grundkurs
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Anonym, 2006, Entwickelt die gesetzliche Krankenversicherung bei ihren Versicherten ein Selbstverständnis für Gesundheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70435

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