Stress und Gesundheit. Besteht ein Zusammenhang zwischen Stress und Infektanfälligkeit beim Menschen?


Bachelorarbeit, 2019

51 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG

2 ZIELSETZUNG

3 GEGENWÄRTIGER KENNTNISSTAND
3.1 Beschreibung der Herausforderungen unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelt
3.1.1 Wandel der Arbeits- und Lebenswelt
3.1.2 Heutige Arbeits- und Lebenswelt
3.2 Begriffserklärung Gesundheit vs. Krankheit
3.2.1 Modelle der Gesundheit
3.2.2 Krankheit
3.3 Begriffserklärung Stress und Stressreaktion
3.3.1 Stress
3.3.2 Stressreaktion
3.3.2.1 Körperliche Ebene
3.3.2.2 Verhaltensebene
3.3.2.3 Kognitiv-emotionale Ebene
3.4 Folgen von Stress
3.4.1 Körperliche Folgen
3.4.2 Psychische Folgen
3.5 Begriffserklärung Infekt und Infektanfälligkeit
3.5.1 Begriffserklärung
3.5.2 Immunsystem
3.5.2.1 angeborenes Immunsystem
3.5.2.2 Adaptives Immunsystem
3.6 Darstellung der gegenwärtigen Situation in Deutschland

4 METHODIK

5 ERGEBNISSE

6 DISKUSSION
6.1 Ergebnisdiskussion
6.1.1 Auswirkungen von Stress auf Bestandteile des Immunsystems
6.1.2 Auswirkungen auf die Infektanfälligkeit
6.2 Methodendiskussion
6.3 Ausblick

7 ZUSAMMENFASSUNG

8 LITERATURVERZEICHNIS
9 ABBILDUNGS-, TABELLEN-, ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
9.1 Abbildungsverzeichnis
9.2 Tabellenverzeichnis
9.3 Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

Die Zahlen der Krankmeldungen durch psychische Erkrankungen nimmt im Zuge des Wandels der Arbeits- und Lebenswelt immer weiter zu (Löhmer & Standhardt, 2017, S. 9). Hierbei stellt Stress einen wesentlichen Faktor dar, der zur Ausbreitung psychischer Erkrankungen führt (Frank, 2007, 225-226).

Doch auch körperliche Erschöpfungszustände und infolgedessen Krankheiten werden durch Stress ausgelöst (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 178-180).

Hierbei scheint Stress eine Wirkung auf das menschliche Immunsystem auszuwirken, welche einige Krankheitsbilder begünstigen könnte (Kaluza, 2018, S. 31-34). Dabei scheint Stress das Immunsystem nachhaltig zu beeinflussen und die Wirkung des Immun- systems zu vermindern (Kaluza, 2004, S. 23-24).

Im Zuge dessen stellt sich die Frage inwiefern Stress einen Einfluss auf das menschliche Immunsystem hat und ob sich diese gezielt nachweisen lassen.

Des Weiteren stellt sich die Frage, ob Stress tatsächlich dazu beiträgt, öfter krank zu wer- den und somit eine Anfälligkeit gegenüber Erkrankungen begünstigt.

2 Zielsetzung

Im Rahmen der Zielsetzung stellt sich die Frage, ob und inwiefern ein Zusammenhang zwischen Stress und Infektanfälligkeit beim Menschen besteht.

Es gilt hierbei, durch einen systematischen Review, eine Übersichtsarbeit zu erstellen. Dargestellt wird hierbei der aktuelle Forschungsstand zum Themengebiet Stress, Gesund- heit und Infektanfälligkeit. Hierbei wird zunächst die einschlägige Literatur herangezo- gen.

Anschließend werden, durch eine zuvor festgelegte Methodik, Literaturquellen auser- wählt. Durch diese werden Zusammenhänge, beziehungsweise keine Zusammenhänge, der beiden Variablen Stress und Infektanfälligkeit aufgezeigt und erläutert.

Im Zuge der Literaturrecherche sollen Aufschlüsse zu folgende Forschungsfragen beant- wortet werden:

Welche Auswirkungen hat Stress auf einzelne Bestandteile des Immunsystems?

Haben die Auswirkungen von Stress, auf einzelne Bestandteile des Immunsystems, Ein- fluss auf die Infektanfälligkeit?

In einer anschließenden Diskussion sollen die Fragen erneut aufgegriffen werden und diese, soweit möglich, beantwortet werden.

3 Gegenwärtiger Kenntnisstand

3.1 Beschreibung der Herausforderungen unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelt

3.1.1 Wandel der Arbeits- und Lebenswelt

Seit gut zwei Jahrzehnten erlebt unsere westliche Welt eine große Veränderung. Dabei ist vor allem auch die Arbeitswelt betroffen. Durch vielerlei Faktoren wie Globalisierung, Digitalisierung, oder auch Flexibilisierung und Virtualisierung, entstehen tiefliegende Veränderungen in unserer Arbeitswelt und damit einhergehend unserer gesamten Lebens- welt (Kaluza, 2015, S. 50-51).

Auch die Lebenswelt erfuhr, durch den oben beschriebenen Wandel, eine Veränderung. Löhmer & Standhardt (2017) merken hierzu an, dass es kaum noch Zeit gibt, in denen unser Gehirn zur Ruhe kommt. Durch den Wandel zur ständigen Erreichbarkeit, verfallen wir in eine Art von „dauerbeschäftigt sein“. Auch sind wir hierdurch ständig erreichbar geworden für Werbung und Informationsbeschaffung (S. 22-24).

Die Herausforderung, dieses Wandels, für unseren Organismus ist hierbei recht einfach erklärt. Über Jahrtausende ist das biologische Stressprogram gleichgeblieben, da es kei- nen Grund zu Änderung bedurfte. Doch die nun auftretenden, von außen wirkenden Reize, so genannte Stressoren, sind neuartig für unseren Organismus. So musste der Mensch früher sein Territorium verteidigen und erfuhr körperlichen Stress, durch Kampf oder Flucht. Heutzutage erfahren wir viel häufiger seelischen Stress und weniger auf kör- perlicher Ebene. Wir erfahren immer mehr „Leistungsstress“ und versuchen Familie, Be- ruf und Haushalt in Einklang zu bringen. Hinzu kommt der Faktor Zeitdruck. Aus Um- fragen entstand ein Ergebnis, dass 50-80% (je nach Zielgruppe) aller Befragten regelmä- ßig unter Stress, durch Zeitdruck geschuldet, leiden. Ein Faktor den es für unsere Vorfah- ren nicht gab. Ein Stressor, der aus dem Wandel der Welt hervorging (Kaluza, 2015, S. 47-48).

Auch die Unsicherheit der Arbeitsplätze, in unserer heutigen Welt, stellt einen neu auf- gekommenen Stressor dar. So wurde früher als Stress empfunden, den ganzen Tag auf dem Feld zu arbeiten. Durch die steigende Mobilität und Flexibilität der Arbeitswelt ent- steht auch hier immer öfters seelischer Stress. Die Austauschbarkeit eines Mitarbeiters ist heute einfacher denn je und so steigt auch der Stress durch Verlustangst des Arbeitsplat- zes (Kaluza, 2015, S. 52).

Die Welt wandelte sich von einer, von körperlichem Stress „beherrschten“ Welt, zu einer, welche immer mehr und immer größeren Stress auf unser Gehirn ausübt.

3.1.2 Heutige Arbeits- und Lebenswelt

… die Zahlen der Krankenkassen über Fehlzeiten und die Zunahme psychischer Störungen deuten darauf hin, dass sich die Lage weiter verschlimmert. …. Doch die heutigen Anforderungen der Arbeitswelt, der enorme Zeit- und Leistungs- druck, führen nur allzu oft dazu, dass die Bedürfnisse und Warnsignale des Kör- pers ignoriert werden, mit den bekannten negativen Folgen für die Gesundheit, Lebensqualität – und schließlich auch für die Arbeit selbst. (Löhmer & Standhardt, 2017, S. 9)

Das größte Problem unserer heutigen Gesellschaft ist die Selbstverständlichkeit des be- ruflichen Wahnsinns. Wir erleben ständigen Leistungsdruck und müssen permanent „multitaskingfähig“ und gleichzeitig anpassungsfähig (an neue und größere Aufgaben) sein. Außerdem erfährt unser Gehirn eine ständige Überreizung durch Überflutung an Informationen (Löhmer & Standhardt, 2017, S. 22).

Eine Arbeit, in welcher sich das Individuum einen Sinn für sich findet, kann hierbei teil- weise Arbeitsbelastungen kompensieren (Alsdorf, Engelbach, Flick, Haubl, & Voswinkel, 2017, S. 21).

Auch die private Lebenswelt lässt wenig Zeit übrig, um abzuschalten. Ständig beschäftigt zu sein ist modern und dauerhafte Erreichbarkeit fast schon ein Muss. Überall, egal ob Radio oder Fernsehen, hört man nur von Problemen wie Klimawandel oder dem Überle- ben der nächsten Generation. Das menschliche Gehirn hat wenig bis gar keine Zeit um zur Ruhe zur kommen und Stille zu erleben (Löhmer & Standhardt, 2017, S. 22-25).

3.2 Begriffserklärung Gesundheit vs. Krankheit

3.2.1 Modelle der Gesundheit

In der Wissenschaft unterscheidet man zwei verschiedene Modelle der Gesundheit, das biomedizinische Modell und das biopsychosoziale Modell. Beim biomedizinischen Mo- dell, welches aus dem 19. Jahrhundert stammt, wird davon ausgegangen, dass die Ge- sundheit eines Menschen ein „als naturwissenschaftlich objektivierbarer Zustand biolo- gischer Organismen“ darstellt (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 18).

Nach diesem Modell stützt sich die Gesundheit immer auf wissenschaftlich festgelegte und belegbare/messbare Kriterien. Darunter fällt beispielsweise die Körpertemperatur ei- nes Menschen. Sie erfüllt eine Funktion des Organismus und ist belegbar durch Messung durch ein Thermometer. Krankheiten können, nach diesem Modell, nur auftreten durch eine genetische Disposition oder Fremdeinwirkung (wie durch Bakterien und Viren). Da- her sind auch die Behandlungsmöglichkeiten nur rein somatisch (auf den Organismus angepasste Methoden). Behandlungen sind beispielsweise die Gabe von Medikamenten oder die Unterziehung einer OP. Dabei wird dem Erkrankten jegliche Verantwortung für sein Kranksein und der entsprechenden Heilung entzogen. Psychische Krankheiten wer- den nicht anerkannt. Lediglich das körperliche Kranksein kann psychisches Unwohlsein auslösen, aber nicht umgekehrt. Krankheit wird in diesem Modell darüber definiert, ob eine Abweichung der, wissenschaftlich belegbaren, biologischen Funktionsweise eines Organismus vorhanden ist (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 18-19).

Das biopsychosoziale Modell steht für eine andere Definition von Gesundheit und löste im 20. Jahrhundert das biomedizinische Modell ab. Hierbei wird vor allem das Indivi- duum aktiv mit in die Verantwortung seiner Gesundheit gezogen. Das Modell definiert Gesundheit als Einheit. Diese Einheit ist gekennzeichnet durch biologische, psychologi- sche und soziale Faktoren, welche in direkter Wechselwirkung miteinander stehen (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 19).

Hierbei wird der Begriff der Krankheit nicht direkt, als gegensätzliches Extrem, der Ge- sundheit gegenübergestellt. Für einen „gesunden“ Menschen ist es nach diesem Modell völlig normal, hin und wieder (beispielsweise an einer Erkältung) zu erkranken. Aus- schlaggebend sind hierbei die Häufigkeit und Dauer der Erkrankung, sowie das subjektive Empfinden des Erkrankten. Nach diesem Modell ist folglich der Begriff der Krankheit ein Zustand, welcher zur normalen Gesundheit dazugehört und im ständigen Wechsel- spiel mit ihr steht (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 19-20).

Auch die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, kurz WHO) definiert Gesundheit ähnlich zum biopsychosozialen Modell. Sie definiert Gesundheit als „well- being“ und beschreibt damit das „völlige körperliche, seelische und soziale Wohlbefin- den“ eines Menschen. Nach dieser Definition wäre jedoch so gut wie kein Mensch „ge- sund“, man kann diese als Utopie ansehen. Kein Mensch ist frei von medizinischen Feh- lern und trägt gesundheitliche Defekte mit sich, sei es eine angeborene leichte Sehschwä- che oder auch eine minimale Beinfehlstellung. Auch seelisch und sozial wird ein Mensch nie vollkommenes Wohlbefinden verspüren. Allein schon im Straßenverkehr, oder auf der Arbeit, finden wir uns täglich in solchen Situationen, und sind trotzdem nicht „krank“ (Koop, 2007, S. 68).

3.2.2 Krankheit

Ab wann man als krank gilt, kann also nicht genau definiert werden. Nach dem veralteten, biomedizinischen Modell, gilt man als krank, sobald Abweichungen der messbaren Normwerte im Organismus herrschen (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 18-19). Folgt man dem biopsychosozialen Modell, so ist Krankheit stets als Teil der Gesundheit anzusehen und nicht als Gegensatz. Die Krankheit steht in Wechselwirkung zur Gesund- heit und ist fester Bestandteil ihres Systems (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 19- 20).

Nach Definition der WHO ist jeder Mensch krank, der nicht körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden verspürt (Koop, 2007, S. 68).

3.3 Begriffserklärung Stress und Stressreaktion

3.3.1 Stress

Wenn von Stress gesprochen wird, gilt es, die drei unterschiedlichen Bestandteile (die Stresstrias) von Stress zu unterscheiden. Kaluza (2004) bezeichnet dies als sogenannte „Stress-Ampel“ (S. 13), mit welcher er die Zusammenhänge und Wechselwirkungen der einzelnen Bestandteile aufzeigt (siehe Abb. 1).

Als erstes sind hierbei die Stressoren zu nennen. Diese sind gekennzeichnet als Auslöser von Stress, durch äußere Bedingungen und Anforderungen. Als Beispiele ist hierbei der Stress auf der Arbeit, oder in der Partnerschaft, zu nennen. Der zweite Bestandteil ist die Stressreaktion. Dies ist die körperliche und psychische Antwort auf die eben genannten Stressoren. Typische Stressreaktionen sind beispielsweise Kopfschmerzen oder auch er- höhte Reizbarkeit. Der dritte Bestandteil sind die persönlichen Stressverstärker. Hierbei sind die innere Haltung, eingeprägte Motive und persönliche Einstellungen gemeint, mit welchen man auf eine belastende Situation reagiert. Sie sind oft mitentscheidend dafür, wann und wie stark eine Stressreaktion auftritt. Sie stellen quasi das Bindeglied zwischen Stressoren und Stressreaktion dar (Kaluza, 2015, S. 7).

Stress bezeichnet demnach ein in uns ablaufender Prozess, während einer belastenden Situation, geprägt von Einstellungen und Motiven unseres Selbst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Stress – was ist das eigentlich? Die „Stress-Ampel“ (Kaluza, 2004, S. 13).

Wie in Abbildung 1 zu sehen ist, beeinflussen die persönlichen Stressverstärker (Mo- tive/Einstellungen) unsere Reaktion auf die aufgetretenen Stressoren. Das Ergebnis dieser Wechselwirkung ist die Stressreaktion, die daraus folgt. Sie ist die kurzfristige, wie auch langfristige, Antwort auf die Stressoren (Kaluza, 2004, S. 13-15). Diese Reaktion wird im Folgenden näher erläutert.

3.3.2 Stressreaktion

Die Stressreaktion wir in drei Ebenen differenziert, auf welchen sich diese bemerkbar macht (Kaluza, 2015, S. 10). Aus dieser erfolgt eine allgemeine Aktivierung. Diese macht sich bemerkbar durch eine Veränderung der körperlichen Prozesse, der Gefühle und Ge- danken, sowie des Verhaltens (Kaluza, 2015, S. 12). Im Folgenden werden diese ver- schiedenen Ebenen erläutert.

3.3.2.1 Körperliche Ebene

Das körperliche Stresssystem, mit samt seiner Stressreaktion, stellt ein sehr komplexes, physiologisches Netzwerk dar. Dieses System hat die Aufgabe, den Körper in einem aus- geglichenen Zustand (Homöostase) zu halten, oder diesen wiederherzustellen (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 173). Nachfolgend wird dieser Vorgang erläutert.

Auf der körperlichen Ebene geschieht eine Mobilisierung von Energie. Diese Mobilisie- rung macht sich bemerkbar durch 3 Hauptmerkmale. Diese sind ein erhöhter Herzschlag, eine erhöhte Atemfrequenz und eine verstärkte Muskelspannung. Diese erzeugte Energie wird jedoch meist nicht benötigt und daher nicht abgebaut (Kaluza, 2015, S. 10-11).

Die genannte Energie-Mobilisierung geschieht durch das Zusammenwirken verschie- denster Hirnareale. Dieser Vorgang läuft blitzschnell und unbewusst ab. Dieses Phäno- men erklärt, warum in vielen Situationen sofortiger Stress auftritt, ohne bewusst über die Situation nachgedacht zu haben. Der Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) wird durch äußere Reize aktiviert und schüttet das Stresshormon Noradrenalin aus. Kommt es zu einer raschen Bewältigung der Stresssituation, erlischt die Aktivierung und somit auch die Ausschüttung des Hormons. Durch das schnelle Zerfallen von Noradrena- lin entspannt sich der Körper sehr rasch wieder. Wird die Situation jedoch weiterhin als gefährlich eingestuft, setzt sich die Reaktion in weiteren Hirnbestandteilen fort. Die ver- schiedenen Hirnareale reagieren mit einer sich aufschaukelnden Reaktion. Durch die ver- mehrte Ausschüttung von Noradrenalin, wird auch die Ausschüttung von Adrenalin an- geregt. Dieser Vorgang findet im Nebennierenmark, einem Teil der Nebenniere (Vegeta- tives Nervensystem), statt (Kaluza, 2004, S. 17-20).

Neben dieser Reaktion des Sympathikus und des Nebennierenmarks (Sympathikus-Ne- bennierenmark-Achse) kommt es zur Aktivierung der zweiten Stressachse, die so ge- nannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA). Durch die immer weiter andauernde Reaktion, wird auch der Hypothalamus angeregt. Hierbei kommt es zur Freisetzung des so genannten Corticotropin-Releasing.Faktors, welcher wiederum für die Ausschüttung des adrenokortikotropen Hormons (ACTH) in der Hypophyse führt. Dieses Hormon wiederum regt die Nebennierenrinde zur Ausschüttung von Glukokor- tikoiden an. Wichtigstes Glukokortikoid beim Menschen stellts das Hormon Cortisol dar (Kaluza, 2018, S. 23-25).

Cortisol verringert die Wirkung von Insulin und hebt dadurch den Blutzuckerspiegel an. Somit wird während der Stresssituation gewährleistet, dass sich genug Zuckermoleküle in der Blutbahn befinden und als Energielieferant zur Verfügung stehen. Des Weiteren bewirkt Cortisol eine Unterdrückung des Immunsystem. Bei kurzeitigem Stress wird das Immunsystem aktiviert. Um eine Überreaktion zu vermeiden, wird dieser Vorgang unter- drückt. Die genauen Wirkmechanismen sind noch überwiegend unbekannt (Kaluza, 2018, S. 31-34).

Jürgens (2007) beschreibt hierbei das vegetative Nervensystem als unwillkürliches (au- tonomes) Nervensystem. Dieses kann durch den eigenen Willen kaum beeinflusst wer- den. Es wirkt direkt auf die Arbeit der inneren Organe und ist somit für die automatische Regulierung innerer Vorgänge verantwortlich (S. 164-165).

Es kommt auf körperliche Ebene also zu zwei Stressantworten. Im ersten Schritt wird der Körper blitzartig aktiviert. Es folgt eine rasche Energiegewinnung und der Organismus macht sich bereit für eine belastende Situation (Kampf oder Flucht). Bleibt diese Situation weiterhin bestehen, fängt der Körper an den Stoffwechsel umzustellen (Kortisolausschüt- tung), um somit dieser Situation weiter standhalten zu können (Eckert & Tarnowski, 2017, S. 25-27).

Die körperliche Stressreaktion kann sich durch folgende Anpassungen/Symptome be- merkbar machen (Kaluza, 2004, S. 183):

- Aktivierung und erhöhte Durchblutung des Gehirns
- Reduzierter Speichelfluss, folgend trockener Mund
- Erhöhte Atemfrequenz, Erweiterung der Bronchien
- Erhöhter Puls und erhöhter Blutdruck
- Schwitzen
- Erhöhte Schmerzanfälligkeit
- Abnahme der Verdauungstätigkeit
- Kalte Hände und Füße

3.3.2.2 Verhaltensebene

Die zweite Ebene wird als „offenes Verhalten“ bezeichnet. Hierbei versteht man das Ver- halten der jeweiligen Person, welches von außen betrachtet werden kann und während einer Stressreaktion auftritt. Diese Verhaltensänderung kann sich wie folgt äußern (Kaluza, 2015, S. 11):

- Durch hastiges und ungeduldiges Verhalten (schnelles Sprechen, Verkürzen von Pausen zwischen Sätzen, …)
- Durch Betäubungsverhalten (übermäßiger Alkohol-/Nikotin- oder auch Kaffee- konsum, Einnehmen von Schmerztabletten, …)
- Durch ein unkoordiniertes Arbeitsverhalten (alles gleichzeitig erledigen wollen, Vergessen oder Verlegen von Dingen, mangelnde Planung, …)
- Durch motorische Unruhe (Trommeln mit den Fingern, Wippen der Beine, …)
- Durch einen konfliktreicheren Umgang mit Mitmenschen (erhöhte Aggressivität, erhöhte Reizbarkeit schon durch Kleinigkeiten, …)

3.3.2.3 Kognitiv-emotionale Ebene

Ebene Nummer drei bildet die kognitiv-emotionale Ebene. Diese bezeichnet das in- nerpsychische, so genannte „verdeckte“ Verhalten, welches von außen nicht sichtbar ist. Bestandteile hiervon sind die Gedanken und Gefühle einer Person, die während einer be- lastenden Situation ausgelöst werden. Typische Stressreaktionen auf der kognitiv-emoti- onalen Ebene sind folgende (Kaluza, 2015, S. 11-12):

- Gefühle der inneren Unruhe (Nervosität)
- Gefühle und Gedanken der Unzufriedenheit (oft auch begleitet von Wut oder Är- ger)
- Versagungsängste
- Gefühle der Hilfslosigkeit
- Schuldgedanken
- kreisende Gedanken („Gedankenkarussell“)
- Denkblockaden
- Leere im Kopf („Blackout“)

Wichtig hierbei zu wissen ist, dass eine Stressreaktion immer individuell abläuft. Wäh- rend einige Leute in stressigen Situationen zunächst ein „flaues“ Gefühl im Magen ver- spüren, verspüren andere zuerst eine erhöhte Muskelspannung. Heutzutage geht man da- von aus, dass die individuelle Stressreaktion vor allem durch Erfahrungen, insbesondere frühkindliche Erfahrungen, geprägt wird und weniger erblich bedingt ist. Hierbei konnte nachgewiesen werden, dass Individuen, welche nach der Geburt zu wenig Aufmerksam- keit seitens der Mutter erhalten hatten, eine erhöhte Ausschüttung an Stresshormonen aufweisen (Kaluza, 2015, S. 31-33).

3.4 Folgen von Stress

Im Zuge der letzten Kapitel wurden vor allem die Symptome und Verhaltensänderungen, während stressigen Situationen, beschrieben.

Diese sind klar abzugrenzen von den Folgen des Stresses. Diese gehen aus dauerhaftem (chronischem) Stress und dessen permanenten Stressreaktionen hervor und beschreiben die Kurz- wie auch Langzeitfolgen, die daraus resultieren (Eckert & Tarnowski, 2017, S. 23-25).

3.4.1 Körperliche Folgen

Prinzipiell ist Stress nicht gesundheitsschädlich. Es bewirkt sogar eine Steigerung unserer Leistungsfähigkeit. Entscheidend ist der Wechsel zwischen Stress (Anspannung) und Entspannung (Kaluza, 2004, S. 23).

Wird die Stressreaktion jedoch zu lange oder zu oft aufrechterhalten, gerät der Körper in einen Erschöpfungszustand (Kaluza, 2015, S. 10-11).

Wie in Kapitel 3.3.2.1 erläutert wurde, geht eine dauerhafte Stresssituation mit einer er- höhten Ausschüttung von Kortisol einher. Kortisol ist essenziell für den menschlichen Körper und ist wichtiger Bestandteil des Stresssystems. Dieses Hormon hat eine immun- suppressive Wirkung auf den menschlichen Organismus. Dies bedeutet, dass die Immun- reaktion bewusst unterdrückt wird, um eine überschießende Immunreaktion zu verhin- dern. Bei dauerhaft erhöhtem Kortisolspiegel (durch lang andauernde Stressreaktionen und fehlender Erholungsphase) kommt es jedoch hierdurch zu einer Schwächung des Im- munsystems (Kaluza, 2004, S. 23-24).

Andere Quellen beschreiben ebenso positive und negative Wirkungen von Stress auf den Körper, wobei alle Wirkmechanismen noch lange nicht geklärt seien. Wichtig hierbei ist vor allem die funktionierende Rückregulation der Stressreaktion. Der gesunde Körper sollte dazu im Stande sein, während und nach belastenden Situationen, die Stressantwort in gleichem Maße wieder herunterzufahren, um das Immunsystem nicht nachhaltig zu schwächen. Bei funktionierendem Stresssystem ist der Körper im Stande dazu, die Ho- möostase selbst wiederherzustellen. Während einer Therapie für Stressbewältigung kann dies auch durch temporäre Gabe von Hormonen unterstützt werden (Knoll, Scholz, & Rieckmann, 2017, S. 178-180).

Kaluza (2004) spricht außerdem von negativen Auswirkungen auf die Entstehung und den Verlauf von Krebserkrankungen (S. 24).

Knoll, Scholz, & Rieckmann (2017) sehen die aktuelle Studienlage, in Bezug auf Stress und Krebsanfälligkeit, als zu ungenau an. Es gäbe kaum Studien, in welcher zwei identi- sche Modelle zur Stressbewältigung angesetzt werden. Somit sei die Studienlage noch nicht evident genug, um allgemeingültige Aussagen hierzu zu treffen (S. 215-216).

Nicht zu vernachlässigen ist außerdem das gesundheitliche Risikoverhalten durch Stress. Damit ist die gesundheitsschädliche Verhaltensweise, während und wegen belastenden Situationen, gemeint. Beispiele hierfür sind übermäßiges Rauchen oder auch unkontrol- liertes Essverhalten („Fressattacken“). Mit diesem Verhalten versucht die betroffene Per- son den Stress zu vermindern. Auf Dauer führt dies jedoch zur Verminderung der allge- meinen Gesundheit und infolgedessen zu einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit (Kaluza, 2004, S. 25).

Hierbei sollten nochmal speziell die Folgen für das Herz angesprochen werden. Haurand (2015) merkt hierzu an, dass das Herz direkt dem vegetativen Nervensystem unterliegt und durch Adrenalin eine vielfach erhöhte Aktivität aufweist. Durch dauerhaft erhöhten Blutdruck und Puls (als Folge von Stress) werden Krankheiten, wie Arteriosklerose oder arterielle Hypertonie, stark gefördert. Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen heutzutage immer noch die häufigste Todesursache in Deutschland dar. Stress begünstigt in vielen Fällen diese Erkrankungen. Außerdem wirkt sich das gesundheitsschädliche Verhalten, durch Stress, indirekt negativ auf das Herz-Kreislaufsystem aus. (S. 43-51).

Des Weiteren können auch orthopädische Erkrankungen durch Stress ausgelöst und be- günstigt werden. Dies lässt sich durch die erhöhte Muskelspannung und ein erhöhtes Schmerzempfinden erklären. Hierdurch werden Verkrampfungen und Verspannungen der Muskulatur begünstigt und stärker wahrgenommen. Fehlhaltungen und Blockaden können als Folge auftreten. In den meisten Fällen kommen körperliche und psychische Stressfolgen zusammen und nehmen Einfluss auf den Bewegungsapparat (Hachenberg, 2015, S. 57-60)

Dem hinzuzufügen spricht Jakobeit (2015) von einer Vielzahl an Erkrankungen des Ma- gen-Darm-Traktes, welche durch Stress ausgelöst werden. Diese reichen von kurzzeitigen Symptomen, wie Durchfall oder Magenschmerzen, bis hin zu Entzündungen der Schleim- häute von Magen oder Darm. Ein immer häufiger auftretendes Beschwerdebild stellt hier- bei das Reizdarmsyndrom dar. Dabei erhöht sich vor allem die Häufigkeit des Stuhlgangs. Außerdem sind Durchfall, Verstopfung, Blähungen, oder auch ein Völlegefühl, Erschei- nungen dieser Erkrankung (73-82).

Weitere körperliche Folgen sind die Entstehung von Stoffwechselerkrankungen wie Dia- betes oder auch Einschränkungen der Sexualität. Hierbei kann eine Folge der Libidover- lust oder auch Impotenz darstellen (Kaluza, 2004, S. 187).

Eine weitere Folge von Stress ist die Verkürzung der Telomere in körpereigenen Zellen. Die Telomere bezeichnen das Ende der Chromosomen, welches sich bei jeder Zellteilung verkürzt. Sie sagen aus, wie oft sich eine Zelle teilen kann und dienen als Indikator für die Lebenserwartung der Zelle. Unterschreiten die Telomere einen bestimmten Bereich, kommt es zu Komplikationen nach der nächsten Zellteilung. Informationen gehen verlo- ren, die Zelle verliert ihre Funktion oder stirbt ab. Es wurde nachgewiesen, dass chroni- scher Stress zur deutlichen Verkürzung der Telomere führt und Zellen somit schneller altern lässt (Epel et al., 2004).

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Stress und Gesundheit. Besteht ein Zusammenhang zwischen Stress und Infektanfälligkeit beim Menschen?
Hochschule
Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement GmbH
Note
2,1
Autor
Jahr
2019
Seiten
51
Katalognummer
V704506
ISBN (eBook)
9783346184023
ISBN (Buch)
9783346184030
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systematischer, Review, Literaturarbeit, Literaturrecherche, Stress, Krankheit, Infekt, Infektanfälligkeit, Psychologie, Pädagogik, Stressreaktion, Cortisol, Hormone, Gesundheit, Abwehrreaktion, Immunsystem, Corona
Arbeit zitieren
Dominik Conrad (Autor), 2019, Stress und Gesundheit. Besteht ein Zusammenhang zwischen Stress und Infektanfälligkeit beim Menschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/704506

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