Ein Interpretationsversuch des Gedichtes Verfall von Georg Trakl


Seminararbeit, 2001

19 Seiten, Note: 2,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Analyse
1. Gedanklicher und inhaltlicher Aufbau
2. Form und stilistisch – sprachliche Gestaltung
2.1 Metrum, Rhythmus, Versform, Strophenform
2.2 Reimstruktur
2.3 Syntaktische und semantische Struktur
3. Interpretationsversuch und Darstellung des Verfallsmotivs
3.1 Allgemein
3.2 spezifische Analyse

III. Schlussbetrachtung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Verfall – wir assoziieren mit diesem Wort etwas Negatives, doch das Wort „Verfall“ alleine existiert für uns nicht. Unsere Gedanken bewegen sich in bezug auf diese Begrifflichkeit in eine andere Richtung. Wir suchen nach Hauptwörtern, die mit Verfall in Verbindung gebracht werden und sind nicht in der Lage, nur eine sachliche Definition dieses Begriffes zu finden; so sehr ist doch ein emotionaler Zusammenhang damit verbunden. Deshalb verbinden wir mit Verfall Wörter wie Krieg, Ruine, Pleite, Alterung und Wirtschaftskrise, um nur einige Beispiele anzuführen. Rational gesehen denken wir an ein Verfallsdatum, Verfallserklärung, Verfallserscheinung usw..

Aber im Ergebnis können wir das Wort „Verfall“ nicht genau erklären. Wir benötigen dazu Ereignisse.

Ich frage mich, ob meine Generation den „emotionalen Verfall“ aus eigener Erfahrung überhaupt beschreiben kann. Was verbinden wir mit diesem Wort?

Wahrscheinlich würden wir versuchen, ihn mit der biologischen Entwicklung des menschlichen Körpers zu erklären, oder aber an negativen Erlebnissen, die ein Gefühl von Traurigkeit und Hilflosigkeit in uns ausgelöst haben.

Sicherlich würden wir einen anderen Bezug zu Verfall herstellen, als dies Georg Trakl getan hat. Sein Leben lang war er auf der Suche nach seinem eigenen Ich. Das beweist er in der Mehrzahl seiner Lyrik, sowie in dem hier zu untersuchenden Gedicht „Verfall“.

Ich denke, der Verfall, über den Trakl in seinem Gedicht schreibt, können wir nur beschreiben; aber es mangelt uns an Sensibilität in der Weise, dass wir die Stimmung nicht wirklich nachempfinden können. Dennoch glaube ich, können wir unsere eigenen Erfahrungen entsprechend anwenden und gelangen vielleicht zu einer ähnlichen Erklärung.

Verfall – das Wort unterliegt meines Erachtens zusätzlich einer großen emotionalen Bindung. Daher ist es nicht möglich, nur eine sachliche Definition zu finden, ohne die subjektive emotionale Ebene in Bezug zu setzen. Versuchen wir das Wort Verfall zu erklären, so werden wir feststellen, dass objektive und subjektive Ebene miteinander korrelieren, wobei letztlich der subjektive Bezug erheblich sein wird.

Trakl hat für sein Gedicht den zutreffenden Titel Verfall gewählt. Mit der Art und Weise, wie er seine Gefühle zum Ausdruck bringt, führt er den Leser nicht nur in seine Gedankenwelt ein, sondern schafft es zudem, ein Interesse zu wecken.

II. Analyse

1. Gedanklicher und inhaltlicher Aufbau

Das Gedicht „Verfall“ von Georg Trakl bedarf einer eingehenden Erörterung; es ist nicht in einen Satz zu fassen.

Inhaltlich ist das Gedicht ist in zwei emotionale Abschnitte geteilt:

Die erste Strophe ist von Sehnsucht nach der Ferne, Reise und Freiheit des lyrischen Ichs erfüllt, was beispielsweise durch einen Vogelzug dargestellt wird ( V. zwei – vier ).

Das lyrische Ich steht an einem festen Platz, der dem Leser unbekannt ist und spricht über seine Beobachtungen in der Umwelt. Der Leser wird zwar in eine friedvolle Darstellung eines Herbstabends entführt, aber dennoch bleibt ihm nicht verborgen, dass das „lyrische Ich“ den Wunsch besitzt, mitreisen zu können (V. drei „frommen Pilgerzügen“).

In der zweiten Strophe wechselt sodann der Rahmen des Gedichts - die Szenerie spielt in einem Garten. Das lyrische Ich ist nun aktiv durch die Beschreibung seiner Gefühle „Träum ich...“ ( V. sechs), Vers sieben „Und fühl...“, „so folg ich...“ ) an der Handlung der Strophe beteiligt. Diese ist immer noch harmonisch in der Wortwahl dargestellt, jedoch bemerkt man erste Anzeichen des Umschwungs ( V. fünf „... dämmervollen Garten“, V. sieben „... Stunden Weiser kaum mehr rücken“).

In der dritten Strophe ändert sich die Stimmung des lyrischen Ichs ins Negative. Jetzt greift Trakl erstmals die Thematik des Verfalls auf. Bildete in den beiden ersten Strophen noch Fernweh das Hauptthema, so wird nun eine tiefe Verzweiflung erkennbar, die bis zum Schluss des Gedichts anhält. Plötzlich lässt es „ein Hauch von Verfall erzittern“. Das lyrische Ich sieht nicht mehr die Vögel, die friedlich daherziehen, sondern eine Amsel, die in „entlaubten Zweigen“ alleine das Ende des Herbstes beklagt. Man spürt die Todesfurcht.

In der vierten Strophe erzählt das lyrische Ich von „...blasser Kinder Todesreigen“(V. zwölf), „...dunkle Brunnenränder...“(V. dreizehn), „...fröstelnd blaue Astern...“(V. vierzehn), Wörtern, die den Tod beschreiben und ankündigen. Trakl will den Leser bewusst an seiner negativen Intension teilhaben lassen. Er trennt die letzten beiden Strophen zudem durch ein Komma, um seine Destruktivität in der Schlussstrophe steigern zu können.

Das Gedicht lässt jedoch den Leser über das Ende im Unklaren.

2. Form und stilistisch – sprachliche Gestaltung

2.1 Metrum, Rhythmus, Versform, Strophenform

Das Gedicht besteht aus vier Strophen. Die ersten beiden Strophen sind Quartette, sie bestehen aus jeweils vier Versen, die letzten beiden sind Terzette und beinhalten jeweils drei Verse.

Hier liegt die klassische Form eines Sonetts vor. Es ist die typische Gedichtsform des 16.

Jahrhunderts, die im 18. Jahrhundert fast spurlos aus der deutschen Lyrik verschwand und von

den Romantikern (1790 – 1850) wiederentdeckt wurde.[1] Trakl selbst wurde von ihr noch

beeinflusst, auch wenn er der Epoche des Expressionismus (ca. 1910 – ca. 1920) angehörte.

Das Sonett ist gekennzeichnet durch seine Zweiteilung, sowohl durch die formale als auch

die inhaltliche Form, sowie durch seine 5-füßige Jamben. Diese weisen hier nicht die gewünschte strenge Form auf.

Wie schon vorher in der Beschreibung des Sonetts erwähnt, ist die Zweiteilung des Gedichtes deutlich zu erkennen. Die ersten zwei Strophen beschreiben die realen Beobachtungen des lyrischen Ichs von seiner Umwelt und dienen dazu, den Leser in die Thematik des Verfalls einzuführen, während die letzten beiden Strophen in einer negativen Vision von ihm dargestellt sind. Dem Leser werden die Sorgen und Ängste des lyrischen Ich gezeigt.

Üblicherweise beginnt jeder Vers in dem Gedicht „Verfall“ mit einem Auftakt, ausgenommen sind die Verse zwei, sechs und elf. In Vers zwei und sechs hat der Autor absichtlich den alternierenden Rhythmus verlassen und die ersten beiden Wörter mit einer schwebenden Betonung versehen - würde auch hier wie bei den anderen Versen mit einem Auftakt begonnen werden, müsste in Vers zwei „folg“ und in Vers sechs „Träum“ unbetont und in Vers zwei „ich“ , sowie in Vers sechs ebenfalls „ich“ betont sein, jedoch sind jeweils beide Silben in ihrem Ausdruck gleichgestellt. Diese Ausnahme dient dazu das lyrische Ich und sein Anliegen hervorzuheben.

In Vers elf liegt eine weitere Besonderheit vor. Hier hat Trakl eine doppelte Senkung eingefügt, statt eine Elision zu verwenden - rostiger anstelle von rost`ger Wein. Bei der Anwendung einer Elision wäre der Rhythmus „rein“ geblieben.

Die Kadenz des Gedichtes ist durchgängig weiblich, d.h. der Vers endet auf eine Folge von Hebung und Senkung. Auf Grund dessen erzeugt der Autor klingende Versenden, die einen fließenden Rhythmus erzeugen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Reimstruktur

Das gesamte Gedicht besteht aus einem umarmenden Reim. Die Quartette weisen das Reimschema abba auf. Die Terzette haben das Schema cdc - dcd.

Vers eins „ läuten “, Vers vier „ Weiten “, sowie Vers sechs „ Geschicken “ und Vers sieben „ rücken “ zeigen einen unreinen Reim auf. Die übrigen Verse besitzen reine Reime, d.h. sie haben eine Übereinstimmung zweier oder mehrerer Wörter vom letzten betonten Vokal an.

Die Analyse, der in Reimposition stehenden Vokale, lässt keine klare Deutung zu. Auffällig ist nur, dass die Klangwerte des „i“, „e“ und des „a“ im ganzen Text zu verzeichnen sind. Ein

Beispiel hierfür findet sich in Vers vier „ E ntschw i nd e n i n d e n h e rbstl i ch klar e n W e it e n“.

[...]


[1] Vgl.: „Kleine deutsche Versschule“, von Wolfgang Kayser, S. 61

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Details

Titel
Ein Interpretationsversuch des Gedichtes Verfall von Georg Trakl
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Proseminar Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Note
2,2
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V7047
ISBN (eBook)
9783638144278
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretationsversuch, Gedichtes, Verfall, Georg, Trakl, Proseminar, Neuere, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Julia Weil (Autor), 2001, Ein Interpretationsversuch des Gedichtes Verfall von Georg Trakl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7047

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