Die französische Sprachpolitik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Staat und Sprache von der Vergangenheit bis zur Gegenwart
2.1 Die Sprachsituation vor
2.2 Sprachpolitik während der Französische Revolution und im napoleonischen Empire
2.3 Sprachpolitik im 19. Jahrhundert
2.4 Die Krise des Französischen im 20. Jahrhundert

3. Die Sprachgesetzte von 1975 und
3.1 Loi Bas- Lauriol und Loi Toubon
3.2 Reaktionen
3.3 Le Dictionnaire des termes officiels de la langue francaise (16.3.1994)

4. Fazit: Die französische Sprachpolitik

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein glatzköpfiger, alter Mann mit einer Löwenhaut um den Rücken, eine Keule in der rechten Hand, einen gespannten Bogen in der linken Hand zieht eine große Menge an Menschen nach sich, die alle an den Ohren gefesselt sind. Die Ketten sind leicht und fein, aus Gold und Bernstein gearbeitet und an der Zunge des alten Mannes befestigt. Es wäre ihnen daher ein Leichtes sich loszureißen, aber sie folgen ihm munter und fröhlich in voller Bewunderung. Dieses Bild des Hercules gallicus wurde in einem der ersten gedruckten Bücher in französischer Sprache Champ fleury von Geoffroy Tory aus dem Jahre 1529 entdeckt und steht seit jeher als das Sinnbild der Sprache.[1] Der Hercules gallicus ist die Finesse, die Eleganz und die gesellschaftliche Anmut, durch die das Französische seine Sprecher an sich zu binden vermag und somit steht dieses klassische Bild der Hörigkeit als Allegorie für die Rolle des Französischen und der Beredsamkeit in Frankreich. Die Stellung, die das Französische auch heute noch hat, verdankt es nicht der Zahl seiner Sprecher, sondern dieser Feinheit, dieser Eleganz, dieser gesellschaftlichen Anmut.

In der vorliegenden Hausarbeit soll nun ein geschichtlicher Rückblick der französischen Sprachpolitik gezeigt werden, wobei besonderer Wert auf wichtige Ereignisse, wie unter anderem die Französische Revolution (1789) und die Julimonarchie (1830) gelegt werden soll. Des weiteren erfolgt ein Abriss bezüglich der Sprachgesetzte des 20. Jahrhunderts, dem Status als Weltsprache und dem Verhältnis zum Englischen. Es soll dargestellt werden, welche politischen Maßnahmen der Staat Frankreich ergriffen hat, um eine einheitliche Nationalsprache zu schaffen, diese im Landesinneren durchzusetzen und sie in der ganzen Welt als Kultursprache bekannt zu machen.

2. Staat und Sprache von der Vergangenheit bis zur Gegenwart

2.1 Die Sprachsituation vor 1789

Die Geschichte des Französischen ist schon sehr lange eng mit der des französischen Königtums verbunden. Zwar ist das Franzische literarisch gesehen nicht der schönste Dialekt der Langue d’oïl, aber Dialekt der Macht.[2] Wie es einst bei Nebrija galt: „siempre la lengua fue companera del imperio“, so ist auch in Frankreich die Sprache Begleiterin der Herrschaft. Erst durch die Begegnung mit der Kultur Italiens im 15. Jahrhundert, insbesondere das Zusammentreffen mit klassischer Gelehrsamkeit, mit dem klassischen Latein und dem Griechischen, sowie mit der Druckerkunst, die in Italien bereits weit entwickelt war, begann Frankreich erstmals an seiner Modernität bezüglich Kultur und Sprache zu zweifeln.[3] So bemühte man sich von nun an noch mehr um eine einheitliche Normierung der Sprache und die Sprachpolitik nahm einen festen Platz in Frankreich ein. Im Jahre 1539 befiehlt Francois I. den Gebrauch des Französischen in gerichtlichen Schriftstücken und Verwaltungsdokumenten an Stelle des Lateins. Die Texte mussten von nun an klar und eindeutig formuliert sein. Zehn Jahre später, 1549, erscheint die Défense et illustration de la langue française von Joachim du Bellay, der als ein großer Anhänger Italiens für die Gleichrangigkeit der französischen Sprache mit dem Latein und dem Griechischen plädiert und eine Nachahmung der klassischen Vorbilder für sehr bedeutend ansieht.[4]

Im 17. und 18. Jahrhundert geht es vor allem um den Aufbau einer Nationalsprache und deren Standardisierung. Hierbei wurde besonders eine höfische Stilisierung der Sprache in Betracht gezogen, so dass es Aufgabe der 1635 durch Richelieu gegründeten Académie française war, eine Grammatik und ein Wörterbuch mit den Normen des Französischen zu definieren. Noblesse und élégance will man in die Sprache hineinbringen, eben das, was einen honnête homme auszeichnet.[5] Im Jahre 1647 erklärt Vaugelas, ein führendes Mitglied der Akademie, die Sprechweise des Hofes zum „bon usage“, die des Volkes zum „mauvaise usage“. Hier wurzelt bereits der Perfektionismus des Französischen. Aus diesem Grund macht die französische Sprache eine große internationale Karriere in Europa, wird zur Sprache der Höfe, sowie der europäischen Eliten und konkurriert erfolgreich mit dem Lateinischen als Sprache der Politik und Wissenschaft.[6] Das Wirken der Akademie prägte das Sprachbewusstsein der Franzosen entscheidend.

2.2 Sprachpolitik während der Französische Revolution und im napoleonischen Empire

Die Weltgeltung der französischen Sprache findet in der Revolution von 1789 bis 1799 ihre ideologische Übertreffung. Die Französische Revolution gilt als eine weitreichende Epochenzäsur, da die Sprache zu einem der ersten Instrumente der Herrschaft wird. Französischsprachigkeit wurde zur sprachpolitischen Zielstellung eines jeden Bürgers. Lange vor 1789 war die Ausbreitung einzelner neben dem Französischen gesprochener Regionalsprachen zurückgegangen, da durch die zentralistische Sprachpolitik des Absolutismus allein das Französische an Prestige gewann. Trotzdem waren zu dieser Zeit mindestens 6 Millionen Franzosen der Nationalsprache nicht mächtig und weitere 6 Millionen meisterten sie nur unvollkommen.[7] Die Mehrheit der Ansässigen im Elsass, in der Bretagne, in Flandern, in Okzitanien und auf Korsika, sowie im französischen Baskenland und in Katalonien beherrschten nur ihre Muttersprache. Ziel war es also, durch eine einheitliche Sprache eine Einheit der Nation zu schaffen, ohne dabei auf die Eliminierung der Regionalsprachen Rücksicht zu nehmen. Das Französische sollte der neuen Zeit so weit angeglichen und verändert werden, dass es seine neue Funktion als „langue de la liberté“ und „langue nationale“ erfüllen konnte.[8]

Die Nationalsprache sollte überall im Lande und in allen sozialen Schichten durchgesetzt werden, obwohl die weit verbreiteten Regionalsprachen als Barriere unübersehbar waren. Eine besondere Rolle für die politischen Diskussionen in den Provinzen spielten die Volksgesellschaften und die revolutionären Klubs, die in direkter Verbindung mit den Pariser Abgeordneten standen. Sie förderten die Verbreitung des Französischen aus eigenem Antrieb. Pariser Journalisten unter-stützen den Gebrauch des Französischen mit der Begründung, es sei keinem Leser zuzumuten, die Vielfalt der Sprachen in Frankreich zu erlernen, so dass es von höchster Wichtigkeit ist, nur eine allgemein verständliche Sprache zu fördern.[9] Neben dem großen Ziel, die „Sprache der Freiheit“ im gesamten Nationalstaat auszubreiten, sahen bildungspolitische Konzepte außerdem vor, vor allem die Kirche als Bildungsinstitution zu verdrängen und eine allgemeine Schulpflicht zu verwirklichen. Dieser Gedanke stand ganz im Sinne des Staates, das Volk durch die Überwindung von Unwissenheit aus der Unterdrückung und Unfreiheit zu führen. Die Regionalsprachen, auch patois genannt, galten als Ausdruck der Zersplitterung, Tyrannei und Unwissenheit. Wer gebildet sei, verstehe auch Französisch! Im „Prospectus“ vom 30.09.1790 heißt es:

Nous nous proposons de donner par forme de dictionnaire des définitions précises de tous les mots peu usités qui entrent nécessairement dans la langue constitutionelle et, sans nous étendre à la grammaire française, nous aiderons à substituer un idiome plus pur, plus uniforme à tous ces différens patois qui sont un reste grossier de la tyrannie féodale et une preuve honteuse de la distance et de l’abaissement où les Grands tenaient la multitude: La Langue française parlée dans toute l’Europe est à peine balbutiée dans plusieurs de nos provinces![10]

Die fehlende Sprachkompetenz in der langue de la liberté behinderte die Aus-breitung der Freiheit und Demokratie. Um dem entgegenzuwirken, setzte man zunehmend auf eine Politik der sprachlichen Vereinheitlichung des Landes, um das im Ausland renommierte Französisch auch im Landesinneren zu verbreiten. Die Jakobinischen Sprachpolitiker Domergue, Barrère und Grégoire waren vor allem im Jahr 1794 sehr aktiv. Man wollte alle vom Pariser Französisch abweichenden Dialekte und Sprachen, die ein einheitliches Denken verhindern, aus den Köpfen der Franzosen tilgen.

Nous devons tous avoir le même idiome, comme nous devons tous avoir la même pensée. La République, une et indivisible, dans son territoire, dans son système politique, doit être une et indivisible dans son langage.[11]

Die Jakobiner sahen die patois als Werkzeuge der Konterrevolution und in ihrem Kampf gegen jede Bedrohung revolutionärer Errungenschaften standen die regionalen Idiome fortan unter Anklage. So erklärte Barère am 27.1.1794:

Le fédéralisme et la superstition parlent bas-breton; l’émigration et la haine de la République parlent allemand; la contre-révolution parle l’italien, et le fanatisme parle basque.[12]

Durch derartige Berichte erzeugte man immer mehr den Eindruck, die Konterrevolution spreche bretonisch, deutsch oder eine andere Regionalsprache. Dadurch manipulierte man die Volksmassen in den betreffenden Provinzen und drängte die Regionalsprachen mehr und mehr zurück. Kurz vor dem Ende der Jakobinerherrschaft und dem Sturz von Robespierre erließ man ein Gesetz, dass alle Beamten Verwaltungsvorgänge nur noch auf Französisch dokumentieren dürfen, sonst käme es zu Entlassungen oder sechsmonatiger Haft.[13] Die Sprache der Freiheit war also nicht zum scherzen aufgelegt.

Nach dem Staatsstreich vom 9.11.1799 trat Napoleon als erster Konsul an die Spitze der Regierung. Obwohl Napoleone Buonapartes Zeit seines Lebens gewisse Schwierigkeiten mit dem Französisch hatte, entschied sich der gebürtige Korse für die Sprache der Aufklärung und ließ selbst das korsische „u“ aus seinem Namen entfernen.[14]

[...]


[1] Vgl. Trabant, Jürgen, Der Gallische Herkules, Tübingen: A. Francke Verlag, 2002. S.18.

[2] Vgl. Trabant, Jürgen, Der Gallische Herkules, Tübingen: A. Francke Verlag, 2002. S.21.

[3] Vgl. Trabant, Jürgen, Der Gallische Herkules, Tübingen: A. Francke Verlag, 2002. S.22.

[4] Vgl. Trabant, Jürgen, S.27.

[5] Vgl. Trabant, Jürgen, S.31.

[6] Vgl. Braselmann, Petra, Sprachpolitik und Sprachbewusstsein in Frankreich heute, Tübingen: Max

Niemeyer Verlag, 1999. S.4.

[7] Vgl. Bochmann, Klaus / Brumme, J.(Hrsg.), Sprachpolitik in der Romania, Berlin/New York:

Walter de Gruyter, 1993. S.64.

[8] Vgl. Bochmann, Klaus (Hrsg.), Sprachpolitik in der Romania, S.66.

[9] Vgl. Bochmann, Klaus (Hrsg.), Sprachpolitik in der Romania, S.71.f.

[10] Vgl. Bochmann, Klaus (Hrsg.), S.79.

[11] Vgl. Trabant, Jürgen, S.33.

[12] Vgl. Bochmann, Klaus, S.90.

[13] Vgl. Trabant Jürgen, S. 34.

[14] Vgl. Bochmann, Klaus, S.146 f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die französische Sprachpolitik
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Sprachwissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V70487
ISBN (eBook)
9783638616287
ISBN (Buch)
9783640277520
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitik, Sprachwissenschaften, Romanistik, Frankreich, Gallische Herkules, Académie Francaise, Regionalsprachen
Arbeit zitieren
Kristin Freitag (Autor), 2005, Die französische Sprachpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70487

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