Nachdem schon Hongkong und Macao 1997 von den Engländern an die Volksrepublik China zurückgegeben worden war, oder, wie von Meissner angedeutet, Hongkong nach allmählicher Dekolonialisierung von der VR nun ‚rekolonialisiert’ werde (vgl. Meissner, S. 236), ist die Rückführung Taiwans in ‚den Schoß des Mutterlandes’ das noch ausstehende Ereignis. Dass Taiwan diesbezüglich anderer Auffassung ist, ist bekannt. Im Folgenden versuche ich, anhand
des vorliegenden Textes und weiterer herangezogener Literatur Parallelen und Unterschiede zwischen Festlandchina und Taiwan herauszuarbeiten. Ihnen gemeinsam sind zweifellos die überdimensionalen Führerfiguren von Mao Zedong und Chiang Kai-shek, die es zu Lebzeiten jeder auf seine Weise verstanden hatten, durch jeden noch so frischen Wind hindurch an ihrer Macht festzuhalten – Mao machte sich die Revolution zunutze und Chiang ließ das Kriegsrecht dauerhaft verhängen, um eben eine solche zu verhindern. Und noch über ihren Tod hinaus sind sie präsent, unter anderem durch ihre monströsen Grabmäler (Mahnmäler?) – dem Mao-Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und der Chiang Kai-shek Memorial Hall im Zentrum von Taipeh. Während sich in der VR um die Figur von Mao schon beinahe ein ‚Popstarkult’ entwickelt hat, ist man in Taiwan unter der Regierung der Demokratischen Fortschrittspartei zu einer eher gemäßigten Huldigung des Generalissimo übergegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Volksrepublik China und Taiwan
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen und politischen Divergenzen sowie Gemeinsamkeiten zwischen der Volksrepublik China und Taiwan, mit einem besonderen Fokus auf die unterschiedliche Entwicklung der beiden politischen Systeme und die Herausforderungen einer möglichen Wiedervereinigung.
- Historische Aufarbeitung der Führungskulturen von Mao Zedong und Chiang Kai-shek
- Vergleich der Transformation von Autokratien zu demokratischen Strukturen
- Analyse des Umgangs mit historischen Traumata und der Erinnerungskultur
- Diskussion über geopolitische Einflüsse und die Herausbildung einer taiwanesischen Identität
Auszug aus dem Buch
Die Volksrepublik China und Taiwan
Unterschiede lassen sich vor allem in Hinblick auf eine Entwicklung von einer Autokratie zu einer Demokratie feststellen: wo in der Volksrepublik 1989 eine friedliche Studentendemonstration blutig niedergeschlagen worden war, deren Augenmerk vor allem auf politischer Veränderung und demokratischen Zugeständnissen gelegen hatte, wurden in Taiwan oppositionelle Parteien und Vereinigungen formell legalisiert (vgl. Schubert, S. 215) – übrigens zwei Jahre nachdem die KMT das permanente Kriegsrecht nach 38 Jahren aufgehoben hatte.
In der Volksrepublik hingegen wurde einmal mehr der Ausnahmezustand verhängt, um den ‚konterrevolutionären Aufstand’ (vgl. Spence, S. 872) auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit militärischen Mitteln zu zerschlagen. Bis heute hat man sich in der KPCh nicht von diesem ‚Vorfall’ distanziert, wohingegen sich immerhin (nach 48 Jahren) die KMT unter Lee Teng-hui 1995 für die während der Niederschlagung des ‚er-er-ba-shijian’ Aufstands von 1947 für die vom Militär verübten Verbrechen bei den Angehörigen entschuldigt hat (vgl. Schubert, S. 215).
Zusammenfassung der Kapitel
Die Volksrepublik China und Taiwan: Dieses Kapitel vergleicht die politischen Machtstrukturen, den Umgang mit den Führerfiguren Mao und Chiang sowie die gegensätzliche demokratische Entwicklung beider Regionen seit dem 20. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Volksrepublik China, Taiwan, Mao Zedong, Chiang Kai-shek, Demokratisierung, Autokratie, KMT, KPCh, Erinnerungskultur, Identität, Wiedervereinigung, Koreakrieg, Containment, Kriegsrecht, Politische Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit behandelt die komplexen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan und analysiert die Unterschiede in ihrer politischen sowie gesellschaftlichen Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen der Vergleich der Führungspersönlichkeiten Mao Zedong und Chiang Kai-shek, der Prozess der Demokratisierung in Taiwan im Gegensatz zum Festhalten an autokratischen Strukturen in Festlandchina sowie der Einfluss der Geschichte auf die heutige Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die divergierenden Entwicklungen beider Kontrahenten zu schaffen und die Schwierigkeiten einer möglichen Wiedervereinigung vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen politischen Pfade aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in diesem Essay verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Literaturanalyse, bei der historische Ereignisse und politische Entwicklungen anhand von Fachliteratur wie Gunter Schubert, Werner Meissner und Jonathan Spence gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem Vergleich der Herrschaftskulturen, der Aufarbeitung blutiger historischer Ereignisse, wie den Niederschlagungen von Protesten, und der Rolle internationaler Faktoren wie dem Koreakrieg für die heutige Situation Taiwans.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text?
Zu den prägenden Begriffen zählen Demokratisierung, Autokratie, Erinnerungskultur, Identität, Volksrepublik China, Taiwan und das politische Erbe von Mao und Chiang.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Grabmäler in der heutigen Erinnerungskultur?
Sie betrachtet das Mao-Mausoleum und die Chiang Kai-shek Memorial Hall als Symbole der Vergangenheit, wobei sie feststellt, dass in Taiwan bereits ein Übergang zu einer gemäßigteren Form der Huldigung stattgefunden hat, während in der VR ein intensiver Personenkult um Mao fortbesteht.
Welche Rolle spielt die "taiwanische Identität" laut der Arbeit?
Die Autorin argumentiert, dass sich über die Jahrzehnte eine eigenständige taiwanische Identität entwickelt hat, die durch eine erzwungene Wiedereingliederung in die Volksrepublik nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
- Quote paper
- Rike Pätzold (Author), 2006, Die Volksrepublik China und Taiwan, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70608