Der ewige Karneval - Wie viel Wandel verträgt die Fastnacht?


Referat (Ausarbeitung), 2007
17 Seiten

Leseprobe

Der ewige Karneval

Wie viel Wandel verträgt die Fastnacht ?

Vortrag gehalten am 24.3.2007 auf der Tagung der Brauchbeauftragten der Vereinigung der Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte in Obernheim/Baden-Württenberg

Referent: Günter Schenk, Publizist und Buchautor

Wie viel Wandel verträgt die Fastnacht ? Das ist die Frage, die Sie angesichts der aktuellen Entwicklungen zurecht stellen. Ist das noch unsere Fasnet, die wir jährlich feiern – oder sind wir längst nicht alle Teil eines globalen Unterhaltungsbetriebes geworden. Eines globalen Unterhaltungsbetriebes, der unter dem Etikett Karneval heute rund um die Uhr Stimmung macht.

Kein Zweifel: Karneval ist zwar immer noch der Name für einen Brauch – vor allem aber ist Karneval inzwischen auch ein weltweiter Markenbegriff wie etwa Coca Cola. Und so wie der für ein Erfrischungsgetränk steht, verbinden immer mehr Menschen mit Karneval heute ein Lebensgefühl. Kein schlechtes, identifizieren mehr und mehr Menschen Fastnacht und Karneval doch inzwischen statt mit einem Brauch lieber mit einer großen Party, gute Laune eingeschlossen.

Vor allem junge Menschen sind es, die das Fest nicht mehr als historisch gewachsene Schwellenfeier zur Fastenzeit begreifen, sondern einfach nur als schöne Zeit. Dieser Eindruck lässt sich belegen, Sie brauchen da nur in den zahllosen Internet-Foren zu stöbern, von denen es inzwischen ja Tausende gibt. Eine Art elektronischer Stammtisch ist das, wo jeder das loswerden kann, was ihm am Herzen liegt.

„Fasnet ist geil“ - hat da ein junger Mann aus dem Kinzigtal seinen elektronischen Freunden mitgeteilt, „vor allem sind das Tage und Abende, bei denen man nicht gepflegt aussehen muss. Razz, einfach eine alte Waldarbeiterhose an oder einen Schottenrock angezogen - und ab geht die Party. Was ich außerdem bei uns super finde ist, dass man so gut wie jeden, der in unsrer Straße wohnt, trifft...Meistens gibt es Kirschwasser und sonstige Schweinereien, als Verpflegung ist natürlich Bier immer dabei.“

Ich zitiere das deshalb ausführlich, weil es keine exotische Beschreibung der Fastnachtsfeier im Schwäbisch-alemannischen ist, sondern die exakte Momentaufnahme gelebten närrischen Alltags. Was der junge Mann da seinen Freunden beschreibt, finden sie inzwischen überall im Land.

Der schleichende Wandel vom Brauch zur Party lässt sich aber auch anders belegen. So fragte das Internetportal Sozioland - ein durchaus seriöse Internetquelle, weil sie auf alle Werbung und Links verzichtet - vor zwei Jahren knapp 1600 Bundesbürger, was ihnen Karneval, Fastnacht und Fasching bedeuten. Ob sie damit eher den Begriff Brauchtumspflege oder eine riesige Party assoziieren ? Gefragt wurden Alte und Junge, Fastnachts-Fanatiker und Karnevals-Muffel, Menschen aller Konfessionen.

33 Prozent der Befragten entschieden sich dabei mehr für die Brauchtumspflege, 48, 7 Prozent mehr für die Party. Auch diese Umfrage zeigte, dass vor allem die Jugend das Fest inzwischen ganz unverkrampft als große Feier wahrnimmt. Im Gegensatz zu den Alten, die in der Fasnet noch immer mehrheitlich die Pflege einer alten Tradition sehen. So brachten zwei Drittel der Twens die Fasnacht mit Party in Verbindung, acht von zehn der über 50jährigen dagegen siedelten sie eher im Bereich Brauchtumspflege an.

Auch wenn diese Umfrage im streng wissenschaftlichen Sinne nicht hundertprozentig repräsentativ ist - das Meinungsbild, das Sie vermittelt, ist sicher richtig.

In der öffentlichen Wahrnehmung der Fastnacht jedenfalls geht inzwischen ein Riss durch die Generationen, der von einem tiefgreifenden Wandel des Festes zeugt, von Veränderungen auch in der Einstellung zu närrischen Formen wie Maske und Kostüm, der mit einer Abkehr straff organisierter Fasnachtsformen einhergeht.

Woran aber liegt diese unterschiedliche Wahrnehmung des Festes zwischen Alt und Jung. Ich vermute, es liegt vor allem an der Form von Karneval, die heute im Sommer gefeiert wird. Vor allem in den protestantischen Regionen, die bislang keine Fastnacht kannten - oder wo das Fest, wie in den ehemaligen Staaten des Ostblocks, politisch nicht gewünscht war, hat sich die neue Festform etabliert. Inzwischen feiern Schweden, Finnen, Norweger und Holländer Karneval im Sommer. Und auch entlang der Adria, in Ländern wie Montenegro, Mazedonien, Kroatien oder Italien, findet die sommerliche Form der Fastnacht immer mehr Anhänger. Wobei man hinzufügen muss, dass in Italien oder Kroatien inzwischen oft sogar zweimal Fastnacht gefeiert wird. Einmal zum traditionellen Brauchtermin im Winter, wo man meist ganz unter sich. Zum anderen noch einmal im Sommer, wo das Fest inzwischen fest zum Touristikprogramm gehört und von den örtlichen und überregionalen Fremdenverkehrsämtern entsprechend gefördert und immer häufiger auch finanziell unterstützt wird.

Der Aufstieg des Sommerkarnevals ist eng verbunden mit den Themen Migration und Mobilität. Mit gesellschaftlichem Wandel, der Raum für neue Festformen geschaffen hat. So waren es Einwanderer aus der Karibik, die sich in den 6oer Jahren mit dem Notting Hill Carnival in London erstmals eine närrische und damit gesellschaftlich wirksame Plattform schufen, die heute am letzten August-Wochenende mehr als eine Million Menschen auf die Beine bringt – und in vielen Dutzend britischen Städten längst ihre Nachahmer gefunden hat.

Aber auch anderswo ist der Sommerkarneval inzwischen eine Massenbewegung. Bis zu 30.000 Kostümierte sind so jährlich am letzten Maisamstag im dänischen Städtchen Aarhus unterwegs. Nicht viel weniger sind es zu Pfingsten in Kopenhagen. Mehr als eine Million Menschen kommen Ende Juli zum Sommerkarneval nach Rotterdam. Und Zehntausende sind es inzwischen auch im russischen Petersburg, wo man einen Sommerkarneval kennt, bei dem deutsche Fastnachtsgruppen besonders gern gesehen sind.

In Berlin ist der „Karneval der Kulturen“ heute das wichtigste urbane Fest, das bei gutem Wetter ebenfalls Hunderttausende von Menschen auf die Beine bringt. Eine Veranstaltung, die dem Bund Deutscher Karneval von Anfang an wegen der Verwendung des Begriffs Karneval ein Dorn im Auge war. „Für den ...Bezug auf ein tradiertes, in unserem jahrezeitlichen Brauchkalender klar ausgewiesenes Festgeschehen“ – ich zitiere hier aus einem Brief des BDK-Präsidenten (1998) an die Ausländerbeauftragte der Stadt Berlin – „können wir kein Verständnis aufbringen“. Für die höchsten deutschen Karnevalsfunktionäre waren die Berliner schlicht Etikettenschwindler. Genutzt hat der Brief , wie Sie wissen, übrigens nichts - vielleicht aber jene Kräfte in der Stadt mobilisiert, die seit kurzem ja jetzt ihren eigenen Karnevalszug zu Fastnacht durch die Berliner Innenstadt schicken.

Zurück aber zum Thema Sommerkarneval. Ja oder Nein ? Genau das wollte vor 2 Jahren auch das schon erwähnte Online-Portal Sozioland wissen. Die Antworten bestätigten den Trend, dass sich jüngere Menschen mit dem Termin einer närrischen Feier im Sommer leichter tun als ältere. So bejahten fast zehn Prozent der 19bis 24jährigen die Frage nach dem „Frohsinn bei 30 Grad“, aber nur 2,3 Prozent der über 50jährigen konnten sich vorstellen, im Sommer Fastnacht zu feiern.

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der ewige Karneval - Wie viel Wandel verträgt die Fastnacht?
Veranstaltung
Tagung der Brauchbeauftragten der Vereinigung Schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V70658
ISBN (eBook)
9783638619226
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vortrag gehalten am 24.3.2007 auf der Tagung der Brauchbeauftragten der Vereinigung der Schwäbisch-Alemannischen Narrenzünfte in Obernheim/Baden-Württenberg
Schlagworte
Karneval, Wandel, Fastnacht, Tagung, Brauchbeauftragten, Vereinigung, Schwäbisch-alemannischer, Narrenzünfte
Arbeit zitieren
Günter Schenk (Autor), 2007, Der ewige Karneval - Wie viel Wandel verträgt die Fastnacht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70658

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