In dieser Arbeit sollen vier der bekanntesten antiken „italienischen“ Texte vorgestellt werden, nämlich die Formula di confessione umbra, die Sermoni subalpini, der Ritmo cassinese sowie der Ritmo di Sant’Alessio. Der Begriff „Italienisch“ steht deswegen in Anführungszeichen, weil selbstverständlich im Mittelalter die italienische Sprache im heutigen Sinne noch nicht existierte; es gab lediglich eine Vielzahl von Dialekten auf dem Boden des heutigen Italien, die aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangen waren und mit dem klassischen Latein in einem Diglossieverhältnis standen, wobei eine klare Funktionsteilung bestand: Das Latein, als Dachsprache fast ganz Europas, war die Sprache der Schriftlichkeit, während der Bereich der Volkssprache die Mündlichkeit war. Eben dieses Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist der Ansatzpunkt, der zum besseren Verständnis der hier behandelten Texte beitragen soll.
Es wird zunächst, in Anlehnung an Peter Koch (1993), auf die generelle Dynamik des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eingegangen und einen darauf aufbauenden Klassifikationsansatz vorgestellt. Nach einem kurzen Überblick über die historische und sprachliche Situation im mittelalterlichen Italien folgt die genauere Untersuchung der oben aufgeführten Texte; anschließend wird noch ein Ausblick auf die Entwicklung der volkssprachlichen Schriftlichkeit in Sizilien und Sardinien gegeben. Im Anhang finden sich Abschriften und Faksimili der behandelten Texte sowie Karten von Italien und Sardinien.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Mediale und konzeptionelle Einordnung von Dokumenten und Sprachdenkmälern
2.1.1 Kategorie A: Verschriftete Mündlichkeit
2.1.2 Kategorie B: Listen
2.1.3 Kategorie C: Zum mündlichen Vortrag bestimmte Schriftlichkeit
2.1.4 Kategorie D: Linguistische Spannungsfelder und Kontraste
2.2 Historisch-linguistischer Hintergrund
2.2.1 Zur Geschichte
2.2.2 Zur Sprache
2.3 Formula di confessione umbra
2.4 Sermoni subalpini
2.5 Ritmo cassinese
2.6 Ritmo di Sant’Alessio
2.7 Sizilien – die Scuola Siciliana
2.8 Sardinien
3. Schluss
4. Literatur
4.1 Texte
4.2 Faksimili und Karten
5. Texte
5.1 Formula di confessione umbra
5.2 Sermoni subalapini – Sermo X
5.3 Ritmo Cassinese
5.4 Ritmo di Sant’Alessio
5.5 Scuola Siciliana – Giacomo da Lentini: Sonett
5.6 Stefano Protonotaro: Canzone
5.7 Privilegio Logudorese
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit anhand ausgewählter antiker italienischer Texte. Ziel ist es, den Übergang von der lateinischen Schriftkultur zur volkssprachlichen Verschriftlichung im Mittelalter durch einen klassifikatorischen Ansatz zu erklären und regionale Entwicklungen, insbesondere in Sizilien und Sardinien, aufzuzeigen.
- Dynamik des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Mittelalter.
- Klassifikationsmodell für frühe romanische Sprachdenkmäler nach Peter Koch.
- Analyse zentraler religiöser und weltlicher Texte (u.a. Beichtformeln, Predigten, Ritmi).
- Entwicklung der volkssprachlichen Literatur und Schreibtraditionen.
- Sonderrolle Sardiniens im Kontext der mittelalterlichen Romania.
Auszug aus dem Buch
2.5 Ritmo cassinese
Der Ritmo cassinese, geschrieben auf einem Blatt des cod. 552, 32 im Archiv von Montecassino, wurde 1912 zum ersten Mal in einer Studie erschöpfend behandelt. Er entstand gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Mittelitalien, vermutlich in dem traditionsreichen Benediktinerkloster Montecassino, das, wie oben bereits angedeutet, damals linguistisches, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Gegend zwischen Latium, Kampanien und Abruzzen war. Es handelt sich um ein religiöses Gedicht (Kategorie C.5 – religiöse Poesie), das in unterhaltsamem Gewand („in veste giullaresca“) eine christliche Moral vermittelt. Dass es von einem gebildeten Autor verfasst sein muss, zeigen die zahlreichen Provenzalismen und Latinismen sowie der Aufbau des ritmo, getreu den Normen der klassischen Rhetorik mit einer captatio benevolentiae am Anfang, bevor die eigentliche Geschichte folgt.
Betrachtet man die metrische Form, so fällt auf, dass die Stanzen nicht dieselbe Verszahl aufweisen. Aus diesem Grund meinte man anfangs, es lägen Lücken vor, doch die Entdeckung des Ritmo di S. Alessio hat ein weiteres Indiz dafür geliefert, dass es sich hier um eine besondere Form der Dichtung handelt: eine relativ freie Folge von zwei bis neun acht- und neunsilbigen aufeinander bezogenen Reimen, geschlossen von zwei bis drei Elf oder Zwölfsilbern mit anderem Reim, wobei auch identische Reime vorkommen können – ein Reimschema, dessen Wurzeln in bestimmten technischen und kulturellen Mustern aus Frankreich liegen. Allerdings besteht vermutlich eine Lücke von zwei Zeilen (vor Z. 55), und der Text scheint aufgrund Platzmangels nicht vollendet zu sein; der Schlussvers Angeli de celu sete! ist zwar kein frappanter Abbruch, jedoch ebenso wenig ein klarer Schluss.
Die ersten drei Strophen bildet ein Prolog des Dichters, in dem er die Moral von der Geschicht’ ankündigt und sich selbst als einen darstellt, der um die Geheimnisse der himmlischen Welt weiß und die dem Irdenleben verhafteten Zuhörer dorthin zu führen gedenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Texte im Spannungsfeld zwischen lateinischer Schriftkultur und volkssprachlicher Mündlichkeit sowie Vorstellung des Klassifikationsansatzes.
2. Hauptteil: Detaillierte mediale und konzeptionelle Analyse sowie Untersuchung historisch-linguistischer Hintergründe und spezifischer Sprachdenkmäler.
3. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Texte als Vorreiter für den Ausbau der Volkssprache und Abgrenzung der sardischen Dokumente.
4. Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie digitaler Quellen.
5. Texte: Dokumentation der behandelten Quelltexte in Originalsprache und deutscher Übersetzung.
Schlüsselwörter
Italienisch, Mittelalter, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Volkssprache, Diglossie, Diskurstradition, Sprachdenkmäler, Romanistik, Sizilien, Sardinien, Benediktiner, Predigten, Beichtformeln, Scuola Siciliana.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Anfänge der volkssprachlichen Schriftlichkeit im Italien des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen mündlicher Tradition und der lateinischen Gelehrtensprache.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die soziolinguistische Einordnung früher italienischer Dokumente, die Analyse ausgewählter religiöser und weltlicher Texte sowie die Untersuchung spezifischer regionaler Entwicklungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine explikative Typologie ein besseres Verständnis für die Umstände der Produktion und Rezeption dieser frühen Texte zu schaffen und den Weg zur eigenständigen Volkssprache nachzuzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert primär auf dem Klassifikationsmodell von Peter Koch, das Texte anhand ihrer Entstehungsbedingungen, des Mediums (phonisch/graphisch) und der kommunikativen Ausrichtung (Nähe/Distanz) untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung (Typologie nach Koch), einen historisch-linguistischen Hintergrund und die detaillierte Untersuchung spezifischer Texte wie der "Formula di confessione umbra" oder der "Scuola Siciliana".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Volkssprache, Diglossie und verschiedene Diskurstraditionen, die die Wahl der Sprachform beeinflussten.
Welche Rolle spielt Sardinien in dieser Untersuchung?
Sardinien wird als Sonderfall betrachtet, da es aufgrund seiner historischen Isolierung eine eigenständige, von den Entwicklungen auf dem italienischen Festland weitgehend unabhängige Schriftentwicklung aufweist.
Wie unterscheiden sich die "Sermoni subalpini" von anderen Texten?
Die "Sermoni subalpini" sind eine Sammlung von Predigten, die durch ihre piemontesische Sprachform und ihre heterogene Mischung aus verschiedenen romanischen Einflüssen charakterisiert sind.
Welchen Stellenwert nimmt die "Scuola Siciliana" ein?
Sie gilt als die erste höfische Dichtung in italienischer Volkssprache und legte durch die Erfindung des Sonetts den Grundstein für die literarische Tradition, die später Dante beeinflusste.
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- M.A. Friederike Kleinknecht (Author), 2004, 'Italienisch': Religiöse Texte bis ca. 1250 - Ausblick auf Sizilien und Sardinien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70671