Arbeitslsoigkeit als Vorboten einer zukünftigen Gesellschaft ohne Vollerwerbsarbeit? Zur Problematik einer sich verändernden Erwerbsarbeitsgesellschaft.


Seminararbeit, 2002

33 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Arbeit als individueller Lebensinhalt – zum Begriff
2.1. Arbeitsmoral und Arbeitsethos – das Verständnis der Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft
2.2. (Erwerbs-)Arbeit und individueller Lebenslauf – die Strukturen der Ordnung und Sicherheit
2.3. Wie viel Sicherheit garantiert das Erwerbsarbeitssystem in der postmodernen Gesellschaft?

3. Leben ohne Erwerbsarbeit
3.1. Zum Begriff
3.2. Die Betroffenen
3.3. Individuelle Folgen von Arbeitslosigkeit
3.4. Gesellschaftliche Konsequenzen von Arbeitslosigkeit
3.5. Die Hintergründe – einige Beispiele
3.6. Die Auflösung der Zeit-Raum-Struktur als Folge der Rationalisierung

4. Aussichten für eine Arbeitsgesellschaft ohne Vollbeschäftigung
4.1. Arbeitszeitverkürzung als Patentrezept?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die letzte Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen schockten ein weiteres mal Arbeitnehmer und Politiker. Über vier Millionen Arbeitslose im bundesdeutschen Raum werden vor allem der verfehlten Arbeitspolitik der Regierung angelastet, eine Reaktion, die im Vorfeld des Wahlkampfes zwar normal, aber nicht ausreichend für eine Erklärung ist. Diese hohe Zahl an potentiellen, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossenen Arbeitskräften ist nicht ausschließlich rückführbar auf eine Politik, die unzureichende Maßnahmen der Bekämpfung unternommen hätte, was keinen Freispruch der bundesdeutschen Regierung darstellen soll. Eine Wirtschaft, die seit Jahren in einer konjunkturellen Flaute vor sich hin kriselt – und das weltweit - ist die Ursache dieses massiven Anstiegs der Arbeitslosenzahlen, eine Ursache also, der mit Maßnahmen unserer heutigen Politik nicht beizukommen ist, die lediglich „Flickschusterei“ betreiben kann, Löcher scheinbar verschließt, die wo anders neu entstehen.

Arbeit im Sinne einer Vollbeschäftigung scheint für immer weniger Menschen realisierbar zu sein. Vollarbeit – ein Grundphänomen unserer heutigen Gesellschaft – scheint mehr und mehr unbrauchbar und überflüssig zu werden. Dieses Phänomen ist nicht erst seit den 1970er Jahren bekannt – dem Jahrzehnt, in dem die Welt erstmals nach dem letzten großen Krieg und nach einer Periode unbegrenzt scheinendem wirtschaftlichen Aufschwungs von einer Wirtschaftskrise globalen Ausmaßes erschüttert wurde. Hannah Ahrendt prognostizierte bereits in den 1950er Jahren das Verschwinden der Arbeit aus der heutigen Arbeitsgesellschaft. Verschiedene Diskussionen in wissenschaftlichen Kreisen der Ökonomie, der Politik und den Sozialwissenschaften beschäftigen sich seither mit der Analyse dieses Problems und versuchen, Lösungsansätze für dieses Dilemma, was unser gesamtes Verständnis von Arbeit, aber auch der ganzen Gesellschaft in Frage stellt, zu finden. Die Zukunftsprognosen, die dabei abgegeben werden, sind sehr differenziert: „Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer sehen uns am Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte stehen, in der der Mensch endlich von mühseliger und stumpfsinniger Arbeit befreit sein wird. Skeptischere Leute malen dagegen das düstere Bild einer Zukunft, die geprägt ist von Massenarbeitslosigkeit, weltweiter Armut und sozialen Spannungen“ (Rifkin: 24).

Die Hauptproblematik kristallisiert sich klar heraus: langfristig betrachtet scheinen wir an die Grenze der Vollerwerbsarbeitsgesellschaft zu stoßen. Eine Gesellschaft ohne Vollerwerbsarbeit, eine Gesellschaft, die ein anderes Definitionszentrum haben wird als die, in der wir zur Zeit leben. Dieser Gedanke scheint unvorstellbar. Es ist also nicht nur ein Problem, was die Regierung mit bestimmter Arbeitspolitik zu lösen hat, auch nicht ausschließlich eins der Wirtschaftsunternehmen – wenn die hohe Arbeitslosigkeit nur ein Vorzeichen einer bevorstehenden Transformation der gesamten Arbeitsgesellschaft ist, müssen gesamtgesellschaftliche Normzuweisungen, kulturelle, soziale und ethische Kriterien der heutigen Zeit neu definiert werden. Einer sich auflösenden Erwerbsarbeitsgesellschaft steht ein traditioneller Arbeitsbegriff gegenüber, der gesellschaftlich sanktioniert und legitimiert ist. Momentan gilt: „Nur, was sich als Arbeit ausweist, erkannt und anerkannt wird, gilt als wertvoll“ (Beck: 16). Dieser Satz wird in absehbarer Zukunft nicht mehr so unreflektiert aussprechbar sein.

Die Problematik ist damit verdeutlicht. In dieser Arbeit werde ich versuchen, die Bedeutung der Arbeit für Individuum und Gesellschaft zu erklären und die Konsequenzen aufzeigen, die ein Leben ohne Erwerbsarbeit mit sich bringt. Die zentrale Frage wird sich mit einem der vielen Lösungsvorschläge befassen: welche Möglichkeiten gibt es, kurzfristig Arbeitslosigkeit zu unterbinden oder einzudämmen, um langfristig auf eine neue Gesellschaftskonzeption zuzusteuern, die ein Leben ohne Vollerwerbsarbeit möglich macht und ethisch, sozial sowie wirtschaftlich vertretbar ist.

2. Arbeit als individueller Lebensinhalt – zum Begriff

Der Begriff der Arbeit ist fest in unserer Gesellschaft und in unserem Verständnis von ihr verankert. Daher gehört das ökonomische System, in das die (Erwerbs-) Arbeit ebenso wie in andere gesellschaftliche Teilsysteme integriert ist, zum zentralen Bestandteil unserer modernen Gesellschaft. Nach Talcot Parsons ist das ökonomische System ein selbständiges Handlungssystem mit eigener Strukturbildung, die hinreichend ausdifferenziert sein muss, damit das ökonomische System effizient funktioniert. Parsons delegiert ihm die Funktion der Hervorbringung allgemeinzugänglicher Mittel, die austauschbar sind. Sobald sich das ökonomische System eng mit Wissenschaft und Technik verbindet, wie es bereits in der Industriellen Revolution des ausgehenden 18. Jahrhunderts erstmals im großen Rahmen geschehen und in modernen westlichen Industriestaaten die Regel ist, erhöht sich seine Eigenständigkeit und Dynamik. Die Konsequenzen zu skizzieren, die sich daraus für die Gesellschaft und das einzelne Individuum ergeben, soll Anliegen dieser Arbeit sein.

2.1. Arbeitsmoral und Arbeitsethos – das Verständnis der Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft

Was bedeutet Arbeit eigentlich für den einzelnen Menschen? Und welche Bedeutung hat sie für unsere heutige Gesellschaft? Um diese Fragen zu beantworten, sollte zuerst der Begriff „Arbeit“ geklärt werden. Ich gehe von einer Differenzierung hinsichtlich „Arbeit“ als Arbeit im Sinne von einem Überbegriff aus, der Erwerbsarbeit, soziale und kulturelle Arbeit gleichzeitig beinhaltet. Mit „Erwerbsarbeit“ meine ich tatsächlich die Arbeit, die zum Erzielen eines Erwerbs in unserem heutigen rechtlichen Verständnis (also vertragliche Regelung, Versicherung, Gewerkschaft etc.) ausgeführt wird. Die Mehrfachbedeutung der Arbeit lässt schon erkennen, wie wichtig sie ist und welchen zentralen Bestandteil sie im individuellen Leben ausmacht. Arbeit ist einerseits eine „zielgerichtete menschliche Tätigkeit zum Zwecke der Existenzsicherung; sie ist tätige Auseinandersetzung mit der Natur und der vom Menschen geschaffenen Welt, um Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bereitzustellen“ (Schäfers: 140). Und weiterhin ist sie „die Grundlage aller menschlicher Zivilisation“ (Rifkin: 13). Sie inkludiert neben der Funktion der Existenzsicherung also auch eine soziale und kulturelle Komponente oder anders gesagt: neben dem Bedürfnis, selbst Mittel zum Über- und zum Besserleben bereitstellen zu können, wurzelt in der individuellen Arbeit auch das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, nach persönlichen Beziehungen und vor allem nach Sinn (Mieth). Individuelle Arbeit ist damit ein zentraler Bestandteil menschlichen Lebens und ein Grundphänomen der gesamten menschlichen Existenz.

2.2.(Erwerbs-)Arbeit und individueller Lebensverlauf – die Struktur der Ordnung und Sicherheit

Die menschliche Arbeit ist der zentrale Kern individuellen Lebens, um den herum sich die Existenz des Menschen aufbaut und über die er diese definiert. Sichtbar wird das vor allem daran, dass der gesamte Lebenslauf eines Menschen am Raster der Erwerbsarbeit ausgerichtet ist. Schulausbildung, Berufsausbildung, Erwerbsarbeit und Austritt aus dem Erwerbsleben folgen einer gewissen Zeit- und Ordnungsstruktur. Martin Kohli spricht in diesem Zusammenhang von der Institutionalisierung des Lebenslaufes: Institutionen garantieren (und fordern) einen reibungslosen Ablauf der einzelnen, in einer bestimmten Reihenfolge festgelegten Lebensstationen, deren zentraler Fixpunkt die Arbeit ist. „In modernen Gesellschaften ist das Nach- und Nebeneinander von Ereignissen, von Handeln und Erleben im Laufe des individuellen Lebens durch Karrieremuster und ‚Normalbiographien’ geregelt“ (Brose et. al.: 13). Die institutionelle Vorgabe einer Zeitstruktur wird damit zum Organisationsprinzip menschlichen Lebens – gültig und verpflichtend für jedermann. Es ist in dem Sinn richtig von einem allgemeingültigen Raster einer Lebensordnung zu sprechen, in der jeder Mensch eingepasst wird und sich innerhalb dieses Ordnungsrasters seine eigenen (begrenzt) individuellen Handlungsspielräume eröffnen kann. Dieses Raster lässt sich als kollektives Muster der Lebensführung bezeichnen (Brose et. al.). Verlassen Individuen dieses Muster werden sie als risikobehaftet eingestuft – ihr individueller Lebensverlauf weist Brüche auf, verläuft diskontinuierlich. Gesellschaftlich ist die Normalbiographie im sozialen und kulturellen Bewusstsein so stark als Norm verankert, dass es zu akuten Diskrepanzen kommt, wenn Biographien durch selbstgewollte oder fremdverschuldete Ursachen diskontinuierlich verlaufen.

2.3.Wie viel Sicherheit garantiert das Erwerbsarbeitssystem in der postmodernen Gesellschaft?

Die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt deutet darauf hin, dass Brüche in der individuellen Biographie in Zukunft vorprogrammiert sein werden. Die Prognosen, die zusammengefasst eins voraussagen, nämlich dass es für immer mehr Menschen immer weniger Arbeit geben wird, sind in Ansätzen schon eingetroffen. Die weltweit hohe und immer noch weiter wachsende Arbeitslosigkeit lässt keinen anderen Schluss zu als den, sich von der bisher propagierten Normalbiographie und einer kontinuierlichen Lebenszeitstruktur zu verabschieden, will man alternativen Modellen, die eine Vollerwerbsarbeitszeit ausschließen, jedoch eine zeitlich differenzierte Arbeitszeit für alle zu garantieren scheinen, eine Chance geben. Arbeit im Sinne einer lebenslangen, regel- und gleichmäßig verlaufenden Vollbeschäftigung wird allmählich als zentraler gesellschaftlicher Fixpunkt aufgelöst werden (auf die Ursachen und Hintergründe komme ich weiter unten noch zu sprechen).

Traditionelle Zeitstrukturen brechen zum Teil jetzt schon weg. Die Frage was danach kommt, ob es einen adäquaten Ersatz für die Vollerwerbsarbeit geben wird, beschäftigt eine Reihe von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern. Es ist keine rein ökonomische Frage, die Frage, wie wir unseren Lebensunterhalt in Zukunft bestreiten und unsere Existenz damit sichern werden. Sondern es ist vor allem auch eine soziale, kulturelle und ethische Frage. Was ersetzt uns den Wert der (Erwerbs-) Arbeit? Was tritt an die Stelle des Ideals bürgerlicher Arbeit, die so stark mit Sinngehalt besetzt ist?

Eine Gesellschaft ohne Erwerbsarbeit ist in den westlichen Ländern unvorstellbar. Sie ist Kern des individuellen Lebens, ein Grundphänomen, wie oben bereits erwähnt. Mit ihr verbunden sind Moral und Wertmaßstab einer bürgerlichen und demokratischen Gesellschaftsvorstellung – Arbeit ist heute „zum fast alternativlosen Wert- und Integrationskern moderner Gesellschaften geworden“ (Beck: 17).

Die Ethik der (Erwerbs-) Arbeit ist historisch gewachsen, nichts, was plötzlich auftauchte und auch nichts, was so einfach aus dem Bewusstsein wieder verschwinden oder ersetzt werden könnte. Beck skizziert diese historisch verfestigte Verankerung am Modell der griechischen Polis und dem neuzeitlichen Bürgertum und ihrem jeweiligen Verständnis von Arbeit. Besonders das bürgerliche Wertideal des individuellen und schöpferischen Schaffens, verbunden mit einer ganz spezifischen Rationalität, wie sie Max Weber in der „Protestantischen Ethik“ analysiert, hat einen festen Platz im Bewusstsein des modernen Menschen, ist Wertmaßstab und Garant für Stabilität und Ordnung: Arbeit bedeutet Ordnung, Ordnung bedeutet Sicherheit. Eine Arbeitsgesellschaft ist eine Ordnungsgesellschaft, in der alles geregelt und regelbar ist, planbar und sicher, geprägt und verfestigt von Institutionen und Organisation innerhalb eines demokratischen und rechtlich abgesicherten Rahmens (Beck). In einer Arbeitsgesellschaft definiert sich das Individuum durch seine Arbeit. In einer demokratischen Arbeitsgesellschaft hat es Anspruch auf Arbeit – das Recht auf Arbeit.

Verliert der Mensch alle Bezugspunkte ohne die Arbeit im Sinn einer Vollerwerbsarbeit?

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Arbeitslsoigkeit als Vorboten einer zukünftigen Gesellschaft ohne Vollerwerbsarbeit? Zur Problematik einer sich verändernden Erwerbsarbeitsgesellschaft.
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Insitut für Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
33
Katalognummer
V7075
ISBN (eBook)
9783638144414
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitslsoigkeit, Vorboten, Gesellschaft, Vollerwerbsarbeit, Problematik, Erwerbsarbeitsgesellschaft
Arbeit zitieren
Dörte Göhler (Autor), 2002, Arbeitslsoigkeit als Vorboten einer zukünftigen Gesellschaft ohne Vollerwerbsarbeit? Zur Problematik einer sich verändernden Erwerbsarbeitsgesellschaft., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7075

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Arbeitslsoigkeit als Vorboten einer zukünftigen Gesellschaft ohne Vollerwerbsarbeit? Zur Problematik einer sich verändernden Erwerbsarbeitsgesellschaft.



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden