Das Tiefeninterview am Beispiel der Studie 'Macht in der Ehe' von Marlene Bock (1987)


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Charakteristika des Tiefeninterviews

2. Die Methodologie des Tiefeninterviews
2.1 Tiefe des Interviews
2.2 Die Rolle des Forschers
2.3 Die Auswertung

3. Durchführung der Studie „Macht in der Ehe“
3.1 Probandinnenauswahl
3.2 Der Leitfaden
3.3 Ergebnisse der Studie
3.4 Kritik an der Studie

4. Kritisches Fazit des Tiefeninterviews

5. Quellenverzeichnis

1. Charakteristika des Tiefeninterviews

Das Tiefen-, oder auch Intensivinterview genannt, nimmt in der Gruppe der qualitativen Interviews eine Sonderrolle ein. Im Gegensatz zum Beispiel zum fokussierten Interview erfolgt die Sinnzuweisung des Gesagten nicht durch den Befragten, sondern durch den Forscher. Der Forscher interpretiert dabei die Aussagen, mit dem Ziel Bedeutungsstrukturen des Interviewten zu explorieren, welche dem Interviewten nicht bewusst sind beziehungsweise welche er nicht artikulieren kann. Die Sinnzuweisung nimmt der Forscher auf Grund eines theoretischen Konzeptes vor, welches er im Vorfeld der Untersuchung erarbeitet hat.

Das klassische Beispiel für ein Tiefeninterview ist die Psychoanalyse, in der der Therapeut nach den tiefer liegenden psychologischen Strukturen des Patienten sucht. Das Prinzip der Offenheit, wonach der Befragte die volle Kontrolle über die Bedeutung seiner Aussagen hat, wird beim Tiefeninterview folglich durchbrochen, da der Befragte keinen Einfluss auf die Interpretation seines Gesagten hat beziehungsweise die Interpretation in einem für ihn fremden Kontext vorgenommen wird.

Wiederum im Vergleich zum fokussierten Interview weist das Intensivinterview eine höhere Strukturierung auf, da die Prozesshaftigkeit des Interviews durch einem Leitfaden gegeben ist. Der Leitfaden dient als Orientierung für die Fragestellung des Forschers und als Maßstab für die Vergleichbarkeit mehrerer Interviews untereinander. Dabei ist für den Forscher darauf zu achten, dass er sich weder zu stark am Leitfaden festklammert, noch dass er zu stark von seiner Strukturierung abweicht. Im ersten Fall der „Leitfadenbürokratie“ besteht die Gefahr, dass die qualitative, in die tiefe gehende Funktion des Interviews verloren geht und nicht mehr von einer standardisierten Befragung zu unterscheiden ist. Im zweitgenannten Fall hingegen könnte die Vergleichbarkeit zwischen mehreren Tiefeninterviews zu einem Forschungskomplex verloren gehen. Marlene Bock, auf deren Studie „Macht in der Ehe“ dezidiert in den Kapiteln 2.4f. eingegangen wird, bezeichnet die Funktion des Leitfadens folgendermaßen: „der Interviewer...[benutzt]...den Leitfaden insbesondere dann, wenn er sich selbst unsicher fühlt, wenn situative Schwierigkeiten auftreten, der Befragte ‚zuviel’ oder zu ausweichend redet, als Abgrenzungsmittel dem Befragten gegenüber“ [1]. Damit der Leitfaden trotzdem der Informationsgewinnung dient, rät Bock zu folgendem Umgang mit dem Leitfaden:

Der Interviewer soll dem Befragten nicht die Struktur des Leitfadens aufdrängen, indem er zum Beispiel strikt die Reihenfolge der vorgegebenen Fragen befolgt. Der Forscher soll flexibel sein für eine vom Konzept abweichende Erzählungsstruktur des Befragten, da er so auf neue Interpretationsansätze stoßen könnte. Zudem bietet er dem Probanden durch die offene Empfangsbereitschaft die Möglichkeit, „den Themenab- und -verlauf mitzubestimmen“ [2].

Die aktive Einbindung des Interviewten in den Kommunikationsablauf ist zudem tragend für ein weiteres Charakteristikum des Tiefeninterviews, nämlich dass die Befragung „der Alltagskommunikation doch relativ nahe [kommt]“ [3]. Die Form des freien Gesprächs, das nicht offensichtlich am Leitfaden orientiert ist, soll eine vertraute Atmosphäre zwischen Interviewer und Befragtem herstellen, in der der Befragte eher dazu bereit ist, Themen anzusprechen, die er nicht ohne weiteres einer fremden Person erzählen würde. Dabei kann es sich zum Beispiel um „Fragen nach dem Einkommen, dem Sexualverhalten...[oder]...der Steuerehrlichkeit“ [4] handeln.

2. Die Methodologie des Tiefeninterviews

Verglichen mit anderen Interviewformen, besonders quantitativen, ist das Tiefeninterview weitgehend frei von einer einheitlich normierten Methode. Lediglich die Erstellung des Leitfadens gilt als die methodische Konstante über diese Interviewform hinweg. Das Fehlen einer standardisierenden Methodologie ist insofern bestimmend für das Tiefeninterview, als dass es somit seine Flexibilität erhält. Denn das Forschungsziel bei der Verwendung dieser Interviewform ist nicht die Generierung einheitlicher Ergebnisse, wie sie standardisierte Interviews fördern, sondern der Entwurf eines „kaleidoskopartige[n] Bild[es]“ [5] der Ergebnisse und Informationen der einzelnen Befragten.

Um dennoch eine methodische Vorgehensweise für eine Untersuchung mit Tiefeninterviews nachzuzeichnen, wird im folgenden beispielhaft auf die bereits erwähnte Studie „Macht in der Ehe“ von Marlene Bock eingegangen. Bock hat 1987 diese Studie durchgeführt, mit dem Forschungsziel eheliche Machtstrukturen aus Sicht der Ehefrauen zu explorieren. Methodisch hat sie mit fünf Ehefrauen Tiefeninterviews durchgeführt.

2.1 Tiefe des Interviews

Bevor auf die konkrete Methode der Studie eingegangen wird, stellt Bock grundlegende methodologische Vorüberlegungen zur Fragetechnik der Interviews an.

Um die angestrebten Machtverhältnisse zu ergründen reicht es nicht aus lediglich direkt nach den Machtstrukturen zu fragen, zum Beispiel dem Streitverhalten der Ehepartner, in welchem die Rollenverteilung offen zu Tage tritt. Für besonders wichtig hält es Bock darüber hinaus auf die Biographie der Befragten einzugehen, um aktuelle Verhaltensweisen in den Zusammenhang zur Vergangenheit zu stellen. Ausgehend von der Soziologie des Lebenslaufs rekurriert Bock auf Martin Kohli: „Kohli geht hier davon aus, dass die erzählte Lebensgeschichte der Befragten für den Zuhörer (Interviewer) produzierte Texte sind [...], mit denen der/die Befragte(n) – aus der aktuellen Situation heraus – ihr bisheriges Leben konstituieren.“ [6] Bock fährt fort: „Somit ist die erzählte Geschichte ein adäquates Mittel, Brüche in der Biographie der Befragten zu verstehen, und sie sagt darüber hinaus Grundlegendes über die Verarbeitungsmechanismen und damit auch über die psychische Struktur der Befragten aus.“ [7] Einen Bruch in der Biographie, welcher wertfrei zu verstehen ist, kann zum Beispiel die Übernahme einer Mutterrolle sein.

Der Rückblick auf einen Prozess ist eine Aufgabe des Tiefeninterviews, andernfalls bekäme der Forscher ein „fassadenhaftes Bild der Befragten“ [8], welches keine ursächlichen Erklärungen bietet.

[...]


[1] Bock, M.: Macht in der Ehe – Tiefeninterviews mit Frauen, Focus, Gießen, 1987, S. 26

[2] ebd., S. 27

[3] Lamnek, S.: Qualitative Sozialforschung, Weinheim, Basel, 2005, S. 371

[4] Habermehl, W.: Angewandte Sozialforschung, Oldenbourg, München, 1992, S. 189

[5] Bock, M., a.a.O., S. 25f.: daraus Zitat von Köckeis-Stangl, E.: Methoden der Sozialisationsforschung, in: Hurrelmann, K. (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung, 1980, S. 263

[6] Bock, M., a.a.O., S. 30

[7] ebd., S. 30

[8] ebd., S. 31

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Tiefeninterview am Beispiel der Studie 'Macht in der Ehe' von Marlene Bock (1987)
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V70823
ISBN (eBook)
9783638617222
ISBN (Buch)
9783638754736
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiefeninterview, Beispiel, Studie, Macht, Marlene, Bock
Arbeit zitieren
Eric Placzeck (Autor), 2007, Das Tiefeninterview am Beispiel der Studie 'Macht in der Ehe' von Marlene Bock (1987), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/70823

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