Phraseologismen in der Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von Peter Bichsels "Kindergeschichten"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Zum Begriff der Kinder- und Jugendliteratur

2. Theorie der Phraseologie nach Harald Burger

3. Die Phraseologie in der Kinder- und Jugendliteratur

4. Die Phraseologie in Peter Bichsels „Kindergeschichten“
4.1. Allgemeine Bemerkungen
4.2. Untersuchte Phraseologismen
4.2.1. Ein Tisch ist ein Tisch
4.2.1.1. das Gesicht läuft rot an
4.2.1.2. die Hände zu Fäusten verkrampfen
4.2.2. Amerika gibt es nicht
4.2.2.1. sich den Fehdehandschuh vor die Füße schmeißen
4.2.2.2. in Saus und Braus leben
4.2.2.3. sich jmd. vom Hals schaffen
4.2.2.4. die Köpfe schütteln
4.2.3. Der Erfinder
4.2.3.1. unter die Leute gehen
4.2.3.2. die Stirn in Falten legen
4.2.3.3. keinen Sinn haben
4.2.3.4. mit dem Finger an die Stirn tippen
4.2.4. Der Mann mit dem Gedächtnis
4.2.4.1. Über das ganze Gesicht strahlen
4.2.4.2. Wer nicht hören will, muß fühlen
4.3. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Bei einer Untersuchung, die ein linguistisches mit einem literaturwissenschaftlichen Gebiet verknüpfen will, kommt es häufig zu Schwierigkeiten. Es ist auffällig, dass es zu den einzelnen Bereichen der Kinder- und Jugendliteratur und auch zum Gebiet der Phraseologie sehr viel Literatur gibt, aber das Thema anscheinend kaum im Zusammenhang untersucht wurde. Mir kommt es bei der vorliegenden Arbeit darauf an, zu erfahren, wie und welche Phraseologismen Peter Bichsel in seinen „Kindergeschichten“ verwendet und in welchem Umfang. Es ist wichtig, für eine solche Untersuchung zeitgenössische Literatur zu wählen, da einige Aussagen nur aufgrund der eigenen Sprachkompetenz getroffen werden können (Burger 1976, 322).

1. Zum Begriff der Kinder- und Jugendliteratur

In ihrem Buch „Kinder- und Jugendliteratur“ kommt Juliane Eckhardt zu dem Schluss, dass zum größten Teil ein weit gefasster Begriff der Kinder- und Jugendliteratur zum Tragen kommt. Zu diesem gehört die geschriebene und gesprochene Literatur sowohl ästhetischer als auch pragmatischer Art. Der Begriff umfasst somit alle veröffentlichte Literatur, die sich an heranwachsende Rezipienten richtet, erklärt Eckhardt. Dazu gehört aber auch die von ihr „intentionale Literatur“ genannte Variante, die zwar nicht ausdrücklich für Jugendliche verfasst wurde, aber trotzdem von ihnen gelesen wird.

Der Begriff der Kinderliteratur lässt sich nach Walter Scherf wie folgt definieren: „Alle mündlich oder schriftlich überlieferten Texte, die erstens ausdrücklich für Kinder bestimmt sind, zweitens aus der Literatur für Erwachsene ausgewählt und für Kinder bearbeitet sind, drittens von Kindern tatsächlich aus dem Gesamtangebot heraus gelesen werden, viertens von Kindern selbst hervorgebracht werden, fünftens als Mittel schulischer Belehrung verwandt werden.“ (Eckhardt 1987, 26)

Die Übergänge zwischen Kinder- und Jugendliteratur werden als fließend angesehen, weshalb der Begriff oft in dieser Kombination auftritt und man nicht von Kinderliteratur und Jugendliteratur spricht. Trotzdem gibt es auch Stimmen, die der Meinung sind, dass Kinder zwischen dem fünften und sechsten Lebensjahr anders lesen als beispielsweise Kinder zwischen dem 11. und 12. Lebensjahr. Wer eine solche Meinung vertritt, wird die Begriffe Kinder- und Jugendliteratur sicher nicht gemeinsam nutzen. Hier ist auch in der neueren Forschung noch keine Einigkeit erreicht worden. Gerade in Bezug auf die Rezeption von Phraseologismen, mit denen sich die folgende Arbeit beschäftigen wird, gibt es kaum Forschungsliteratur.

Es gibt aber Untersuchungen zur Syntax im Kinder- und Jugendbuch, welche in Teilen auf die Phraseologie übertragen werden können. Bernhard Engelen stellt fest, dass syntaktische Komplexität oft nicht erreicht wird und nur eine geringe mittlere Satzlänge vorherrscht. In solchen Kinderbüchern kann oft davon ausgegangen werden, dass der Leser auch kaum schwierige Phraseologismen finden wird, da die Textstruktur dafür nicht angelegt ist. In weiterer Forschungsliteratur wird die Ansicht der geringen Komplexität aber relativiert. Es wird hervorgehoben, dass auch ein sehr kurzer Satz für ein Kind schwierig zu verstehen sein kann, wenn er unter anderem veraltete Wörter enthält, während ein langer Satz, der zum Beispiel nur Aufzählungen beinhaltet, keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Auch die Rezeption von Phraseologismen kann für Kinder erschwert werden, wenn dieser für sie unbekannte Wörter enthält. Hier lässt sich aber auch feststellen, dass für jede Analyse die passenden Kinderbuchtexte herausgesucht werden. Ein Linguist der die Komplexität der Syntax beweisen möchte, nimmt sich ein anderes Buch als derjenige, dem es um das Gegenteil geht. Das zeugt von der Vielfalt und Heterogenität der Kinderliteratur, die es möglich macht, für jede These Textbeispiele zu finden, um diese zu untermauern. Es lässt sich folgern, dass von einer generellen Einfachheit der Syntax nicht gesprochen werden kann.

Man kann davon ausgehen, dass auch der Gebrauch der Phraseologismen nicht zu vereinfachen ist und auf das ganze Feld der Kinder- und Jugendliteratur ausgeweitet werden kann. Man wird diese Betrachtungen immer nur an einzelnen Beispielen vornehmen können. Meine Wahl des zu untersuchenden Materials fiel auf die Kindergeschichten von Peter Bichsel. Besonders interessant daran ist, dass sie oft nicht als solche angesehen werden (siehe Punkt 4.3.).

2. Theorie der Phraseologie nach Harald Burger

Sicherlich gibt es auch andere Einführungen in die Phraseologie, wie zum Beispiel die von Christine Palm, aber das Buch von Harald Burger besticht durch einen klaren Aufbau und eine übersichtliche Terminologie. Daher verwende ich sowohl seine Einführung als auch sein, in Zusammenarbeit mit Buhofer und Sialm verfasstes, Handbuch.

Nach Burger bestehen Phraseologismen aus mehr als einem Wort (Polylexikalität) und sind genau in dieser Kombination, eventuell mit Varianten, bekannt (Festigkeit). Im Handbuch wird dies noch ausführlicher beschrieben: Es handelt sich bei Phraseologismen um 1) eine Verbindung zweier oder mehr Wörter, die eine nicht voll erklärbare Einheit bilden (Idiomatizität) und um 2) eine Wortverbindung, die in der Sprachgemeinschaft gebräuchlich ist. Die beiden Bedingungen werden noch in ein Abhängigkeitsverhältnis gesetzt. Wenn die erste Bedingung zutrifft, dann auch unweigerlich die zweite, aber nicht umgekehrt.

Burger unterscheidet zwischen einer Phraseologie im weiteren und im engeren Sinne. Um als Phraseologismus im weiteren Sinne zu gelten, sind die beiden Faktoren Polylexikalität und Festigkeit (siehe oben) einzuhalten. Für die Phraseologie im engeren Sinn muss auch die Idiomatizität zutreffen, dass heißt Phraseologismen bilden eine nicht voll erklärbare Einheit. Hier findet sich der Unterschied zwischen Burgers Explikation in seiner Einführung, bei der es sich um den weiteren Sinn handelt und dem Handbuch, welches nach dem engeren Sinn definiert. Burger betont allerdings in seiner Einführung von 2003, dass eine strikte Abgrenzung zwischen den beiden Möglichkeiten kaum machbar und auch nicht mehr erwünscht ist.

Zur Polylexikalität ist zu sagen, dass die untere Grenze bei zwei Wörtern liegt, eine obere aber nicht angeben wird. Im Allgemeinen gilt der Satz als obere Grenze.

Burger bezieht bei seinen Untersuchungen auch Phraseologismen mit ein, die ausschließlich aus Synsemantika bestehen und keine Autosemantika enthalten. Das werde ich in meiner Untersuchung nicht tun, sondern die reinen synsemantischen Phraseologismen ausklammern, da ich der Meinung bin, dass sie den Kindern keine Rezeptionsprobleme bereiten.

Die Festigkeit von Phraseologismen lässt sich unter anderem daran erkennen, dass sie verstanden werden, ohne dass auf die wörtliche Bedeutung zurückgegriffen werden muss. Sie steht also einem Großteil der Sprachgemeinschaft zur Verfügung. Dabei ist schwer feststellbar, welche Phraseologismen gebräuchlich sind und welche nicht. Das differiert aufgrund vieler Faktoren, zum Beispiel durch regionale Unterschiede.

Burger unterscheidet die Festigkeit von Phraseologismen in die psycholinguistische Festigkeit, die strukturelle Festigkeit (+die Relativierung der strukturellen Festigkeit) und in die pragmatische Festigkeit. Auf die pragmatische Festigkeit werde ich nicht näher eingehen, da sie für die folgende Untersuchung nicht relevant ist.

Zur psycholinguistischen Festigkeit ist zu sagen, dass Phraseologismen als Einheit gespeichert werden und somit wie ein Wort als Ganzes abgerufen und reproduziert werden können. Diese Einheit des Phraseologismus gilt nur mit Einschränkungen, da es möglich sein kann, bestimmte Komponenten umzustellen.

Die strukturelle Festigkeit zeigt sich darin, dass phraseologische Wortverbindungen häufig Irregularitäten und Beschränkungen (Anomalien) aufweisen.

Irregularitäten können morphosyntaktischer Art sein, indem in den Phraseologismus ältere Formen eingefroren sind (auf gut Glück), das verwendete Pronomen sich „auf nichts“ bezieht (es schwer haben) oder die Valenz des Verbs hinsichtlich der externen und internen Valenzen unterschiedlich ist.

Bei den Restriktionen unterscheidet Burger die morphosyntaktischen und die lexikalisch-semantischen Beschränkungen. Mit einem Phraseologismus sind bestimmte morphologische oder syntaktische Operationen nicht möglich, die man mit einer freien Wortverbindung durchführen könnte. Zum anderen ist ein Phraseologismus lexikalisch festgelegt. Würde man eine Komponente durch ein synonymes oder bedeutungsähnliches Wort ersetzen, hätte man unter Umständen schon eine freie Wortverbindung. Am stärksten trifft es hier die unikalen Komponenten. Bei ihnen handelt es sich um Bestandteile des Phraseologismus, die es in der heutigen Sprachwirklichkeit nicht mehr gibt, im Phraseologismus aber konserviert wurden. Das kann es für den Leser oft schwieriger machen, den Phraseologismus zu verstehen, wenn ihm die Bedeutung des veralteten Wortes nicht bekannt ist. Andererseits sind viele archaische Begriffe nur noch durch Phraseologismen einer weiten Sprachgemeinschaft bekannt.

Die Relativierung der strukturellen Festigkeit musste Burger einführen, weil nicht alle Phraseologismen die oben genannten Merkmale aufweisen. Es gibt auch eine Variation, das heißt, dass ein Phraseologismus eine oder mehrere Varianten hat, die auch bekannt und gebräuchlich sind. Burger unterscheidet fünf mögliche Variantentypen. Erstens die grammatische Variante in einer Komponente (Hand/Hände im Spiel haben), zweitens kann eine Komponente durch zwei oder mehr lexikalische Varianten ausgefüllt werden (schiefes Gesicht machen/ziehen), drittens kann es kürzere oder längere Varianten des Phraseologismus geben, viertens kann die Reihenfolge der Komponenten variabel sein und fünftens kann die externe Valenz variabel auffüllbar sein.

Eine andere Möglichkeit der Relativierung der strukturellen Festigkeit ist die Modifikation. Dabei wird der Phraseologismus nur für die Zwecke eines bestimmten Textes abgewandelt.

Auch diese Modifikation kann in den allgemeinen Sprachgebrauch eingehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Phraseologismen in der Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von Peter Bichsels "Kindergeschichten"
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V71031
ISBN (eBook)
9783638630740
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phraseologismen, Kinder-, Jugendliteratur, Beispiel, Peter, Bichsels, Kindergeschichten
Arbeit zitieren
Franziska Hill (Autor), 2006, Phraseologismen in der Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von Peter Bichsels "Kindergeschichten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71031

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