„Er [Gerstenberg] erkannte wie Dante die poetische Fruchtbarkeit der Kerkersituation und bot ein großes fünfaktiges Seelengemälde vom Hungertode Ugolinos und seiner drei Söhne, um das „Ausdulden“, die Bewährung menschlicher Würde unter den unwürdigsten Umständen, zu zeigen“ (Frenzel 1988, 770). In Gerstenbergs Drama „Ugolino“ findet sich eine äußerst spannend gestaltete Figurenhandlung, die den Inhalt des Dramas ausmacht. Es geht nicht so sehr um eine Handlung an sich, sondern um die Charaktere und ihren Umgang mit der Extremsituation des Hungerns.
…das Spiel dramatischer Kräfte und Entladungen,
welches darin ausgelöst wird, in seinem Ablauf einem ununterbrochenen und einheitlichen Drang, einer stetig weiterführenden Notwendigkeit gehorcht. Es ist die seelische Stimmung der Personen auf der Bühne, die zu Anfang des Dramas aus einem Zustand der Ruhe, der stillen Ergebung in Gottes Willen, gleichsam aufgescheucht zu qualvoll erregten, dem göttlichen Plan widerstrebenden Gefühlen, durch ihre ständig wechselnde, aber in ihrem Fluß lückenlos geschlossene Bewegung alle Teile desselben zu einem überzeugenden organischen Geschehen zusammenreiht, dessen dramatische Wirkung in dem Augenblick zuende geht, in dem die Stimmungsbewegung wieder eine Lage endgültiger Festigkeit erreicht (Hermann 1930, 12)
Dieses Zitat fasst ziemlich genau die Einstellungen der vier Hauptpersonen des Dramas zusammen. Immer wieder bäumen sie sich gegen ihren unwiederbringlichen Tod auf und wollen der Situation entfliehen, um dann wieder in eine ‚ruhige Hingabe’ zu verfallen.
Da gerade die Mittelpunktsstellung der Figuren den Reiz dieses Dramas ausmacht, habe ich mich entschlossen diese zu untersuchen. Als Hauptkriterien habe ich „Vernunft“ und „Emotion und Affekt“ ausgewählt. Ich halte mich bei der Explikation der Begriffe an das Duden Bedeutungswörterbuch. Vernunft ist demnach die „geistige Fähigkeit des Menschen, Einsichten zu gewinnen, sich ein Urteil zu bilden und die Ordnung des Wahrgenommenen zu erkennen und sich in seinem Handeln danach zu richten“ (Duden 2002, 988). Emotional handelt ein Mensch dagegen, wenn er „vom Gefühl bestimmt“ (Duden 2002, 312) ist und Affekt wird „als Reaktion auf etwas entstandener Zustand außerordentlicher seelischer Erregung, die Kritik, Urteilskraft und Selbstbeherrschung mindert oder ganz ausschaltet“ (Duden 2002, 72). Es wird sich zeigen, ob eine der beiden Kriterien zum Schluss überwiegt [...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Untersuchung der Figurenhandlung nach den Aspekten „Vernunft“ und „Emotion/Affekt“
1.1. Erster Aufzug
1.2. Zweiter Aufzug
1.3. Dritter Aufzug
1.4. Vierter Aufzug
1.5. Fünfter Aufzug
2. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Figurenhandlung in Heinrich Wilhelm von Gerstenbergs Drama „Ugolino“ unter den zentralen Aspekten „Vernunft“ und „Emotion/Affekt“. Dabei wird analysiert, inwieweit die handelnden Charaktere in ihrer Extremsituation zwischen rationalem Kalkül und affektgesteuertem Verhalten agieren und welche dieser beiden Kräfte in der psychologischen Dynamik des Stücks dominiert.
- Analyse der Vernunft- und Emotionsäußerungen im chronologischen Verlauf der Aufzüge.
- Untersuchung der psychologischen Ausnahmesituation der Kerkersituation und des Hungerns.
- Kontrastierung der Charaktere Ugolino, Anselmo, Francesco und Gaddo hinsichtlich ihrer Verhaltensmuster.
- Einfluss der dramatischen Rahmenbedingungen auf die Entscheidungsfähigkeit der Figuren.
- Explikation der Begriffe Vernunft, Emotion und Affekt im Kontext der literarischen Figurenanalyse.
Auszug aus dem Buch
1.1. Erster Aufzug
Anselmo, der mittlere Sohn Ugolinos, hat den ersten Redeanteil. Er wird schon mit seiner ersten Aussage als sehr emotional eingeführt: „Hilf dem armen Gaddo, mein Vater! Sein Anblick dringt mir ans Herz“ (S. 7). Auch Ugolino tut es Leid um seinen Sohn, trotzdem versucht er Mut zu verbreiten („Guten Mut, mein wackrer Anselmo“, S. 7), was als eine vernünftige Handlung gedeutet werden kann.
Anselmo ist enttäuscht von den Menschen und zeigt seine Emotion in der Bewertung des Turmwärters: „Ein tückischer Mann“ (S. 7). Ugolino aber wehrt sich dagegen, in den Menschen etwas Schlechtes zu sehen, er versucht daher das Ausbleiben des Turmwärters mit Vernunftgründen zu erklären (Krankheit, Unglück).
Die Thematik des Hungerns, um die es im Stück gehen wird, wird gleich in den ersten Sätzen angesprochen. Anselmo und Ugolino versuchen sich von ihrem Hunger abzulenken, indem sie ihre Energie auf Gaddo lenken, den jüngsten Sohn. Dieser will aber anscheinend nicht so im Mittelpunkt des Interesses stehen, denn er sagt: „Sei nicht traurig, mein Vater“ (S. 7). Auch Anselmo versucht den Vater zu trösten, was diesen noch verzweifelter macht. Nachdem er zuvor versucht hat die Situation mit Vernunft anzugehen, lässt Ugolino sich nun zu einem emotionalen Ausruf hinreißen: „Ha!“. Die Hoffnung verlässt Ugolino aber noch nicht. Denn auch wenn Ugolino und Anselmo sich gegenseitig bedauern, geschieht das auf dem Hintergrund der Suche nach vernünftigen Gründen für ihre Situation. Sie wurden wahrscheinlich über dem Unglück, das der Turmwärter angeblich gehabt hat, vergessen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in die Extremsituation des Hungers in Gerstenbergs Drama ein und definiert die methodischen Hauptkriterien „Vernunft“ und „Emotion/Affekt“.
1. Untersuchung der Figurenhandlung nach den Aspekten „Vernunft“ und „Emotion/Affekt“: In diesem Hauptteil wird die Entwicklung der Figuren chronologisch durch die fünf Aufzüge anhand ihrer Reaktionen und Äußerungen auf die Gefangenschaft untersucht.
1.1. Erster Aufzug: Der Einstieg zeigt die erste Konfrontation der Figuren mit ihrer Lage, wobei bereits die emotionale Belastung und das Ringen um vernünftige Erklärungsansätze deutlich werden.
1.2. Zweiter Aufzug: Die steigende Verzweiflung und der Einfluss des Hungers führen zu ersten Wahnvorstellungen und einer Zunahme affektiver Äußerungen sowie enttäuschter Hoffnung.
1.3. Dritter Aufzug: Das Scheitern des Fluchtversuchs von Francesco bildet den Mittelpunkt, was zu weiteren emotionalen Ausbrüchen und einer zunehmenden Sinnlosigkeit führt.
1.4. Vierter Aufzug: Die Isolation und die Schwere des Schicksals verstärken den psychischen Verfall der Charaktere, während gleichzeitig die Vernunft kaum noch greifbar ist.
1.5. Fünfter Aufzug: Im letzten Aufzug kulminiert das Drama in Affekthandlungen, bevor das Werk in eine transzendente Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod mündet.
2. Zusammenfassung: Das Fazit resümiert, dass in der Figurenhandlung des „Ugolino“ die Emotionen und Affekte gegenüber der Vernunft dominieren und die Extremsituation jede rationale Entscheidung unmöglich macht.
Schlüsselwörter
Ugolino, Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, Sturm und Drang, Vernunft, Emotion, Affekt, Kerkersituation, Hunger, Figurenhandlung, psychologische Analyse, Dramatik, Seelengemälde, Leidenschaften, Ruggieri, existenzielle Ausnahmesituation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die psychologische Dynamik der Figuren in Gerstenbergs Drama „Ugolino“ unter dem Einfluss von Hunger und Gefangenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Ringen um menschliche Würde in Extremsituationen, der Gegensatz zwischen rationalem Handeln und emotionalen Affekten sowie die Charakterisierung der Familienmitglieder.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob in der dargestellten Ausnahmesituation Vernunft oder Emotion die Handlungen der Figuren bestimmen und ob ein rationales Verhalten überhaupt möglich bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit verwendet eine chronologische Textanalyse entlang der Aufzüge des Dramas, ergänzt durch begriffliche Explikationen auf Basis des Duden-Bedeutungswörterbuchs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Äußerungen und Handlungen der vier Hauptfiguren in jedem der fünf Aufzüge des Dramas, um deren seelischen Zustand und Grad an Vernunft zu bewerten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Ugolino, Sturm und Drang, Vernunft, Emotion, Affekt, Kerkersituation, Hunger, Figurenhandlung und psychologische Analyse.
Welche Rolle spielt der Charakter Anselmo im Vergleich zu seinen Brüdern?
Anselmo wird als stark emotional geprägt dargestellt, dessen Handeln oft von Neid, Rachegelüsten und einer geringen Selbsteinschätzung motiviert ist, im Gegensatz zur impulsiven, aber handlungsorientierten Art von Francesco.
Warum spielt die Religion bzw. der Glaube an Gott eine abnehmende Rolle im Verlauf des Dramas?
Die Arbeit stellt fest, dass in der aussichtslosen Extremsituation die Bedeutung von Gottes Gerechtigkeit für die Charaktere schwindet, da keine Veränderung ihrer Lage eintritt, wenngleich Ugolino am Ende erneut Trost im Glauben sucht.
- Quote paper
- Franziska Hill (Author), 2006, Die Figurenhandlung in Gerstenbergs "Ugolino" unter den Aspekten "Vernunft" und "Emotion/Affekt", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71033