Metaphorik und Symbolik in Erzählungen des Realismus


Examensarbeit, 2006

76 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Theoretische Erläuterungen
1.1 Die Novelle
1.1.1 Definition der Novelle
1.1.2 Storms Novellistik
1.1.3 Einordnung der zu untersuchenden Novellen in die Theorie
1.2 Definition Symbol und Metapher
1.2.1 Das Symbol
1.2.2 Die Metapher
1.3 Der Realismus

2. Symbol- und Metaphernverwendung der einzelnen Novellen
2.1.1 Einführung: Immensee
2.1.2 Interpretation der einzelnen Symbole/Metaphern
2.1.2.1 Das Haus
2.1.2.2 Der Garten
2.1.2.3 Die Vögel
2.1.2.4 Die Blumen und das Wasser
2.1.3 Zusammenführung
2.2.1 Einführung: Viola Tricolor
2.2.2 Interpretation der einzelnen Symbole/Metaphern
2.2.2.1 Der Garten
2.2.2.2 Das Bild(nis)
2.2.2.3 Die Fenster
2.2.2.4 Die Türen
2.2.2.5 Das Wasser
2.2.3 Zusammenführung
2.3.1 Einführung: Aquis Submersus
2.3.2 Interpretation der einzelnen Symbole/Metaphern
2.3.2.1 Der Garten
2.3.2.2 Die Bilder/Bildnisse
2.3.2.3 Die Tiere
2.3.3 Zusammenführung

3. Vergleich der Novellen

4. Storm und die Wahl und Verwendung seiner Symbole

5. Schlussbemerkungen

6. Erklärung §§ 10 Absatz 4 und 17 der Rechtsverordnung

7. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich vornehmlich mit der Analyse der Symbolik und Metaphorik in drei ausgesuchten Novellen Storms. Für die Wahl des Themas war vor allem ein Seminar maßgeblich, welches mein Interesse an den verborgenen Eigenschaften der Symbole geweckt hat. Storm benutzt in seinen Novellen sehr viel Symbolisches und weiß damit hervorragend die Stimmungen und Eigenschaften seiner Charaktere zu beschreiben. Leider ist gerade diese Leistung des Husumer Dichters in der bisherigen Literatur über seine Novellen selten beachtet worden.

Bei der Wahl der Novellen war vor allem eine Ähnlichkeit des Themas wichtig, um damit einen Vergleich der Symbolik zu ermöglichen. Unterschiede finden sich im Entstehungsdatum: Immensee (1849) steht für den Anfang von Storms Novellen, während Viola Tricolor (1873) und Aquis Submersus (1876) zu seinem Spätwerk gerechnet werden.

Zuerst wende ich mich einigen theoretischen Erläuterungen zu, wobei auch die ausgewählten Novellen in die Theorie eingeordnet werden.

Der Aufbau der Analyse der Novellen erfolgt schematisch. Diese sind nach ihrem Erscheinungsdatum interpretiert. Am Anfang stehen eine Inhaltsangabe sowie einige grundsätzliche Deutungen. Es folgt die Interpretation der einzelnen Symbole und Metaphern, die in der Novelle vorherrschen. Dabei ist nicht jedes kleine Detail herausgehoben, sondern ich beschränke mich auf die wesentlichen Symbole um diese dann möglichst genau zu analysieren. Nach jeder Novelle schließt sich eine Zusammenführung an, in der auf die Bedeutung der Symbole hingewiesen wird. Weiterhin enthält sie Aspekte der Novelle, die durch die Analyse der Symbolik nicht geklärt worden sind.

Die Interpretation der Novellen macht den Hauptteil dieser Arbeit aus. Die Gewichtung liegt demnach auf einer ausführlichen Deutung und nicht auf der Theorie.

Es folgt ein Vergleich der Novellen vorrangig in Bezug auf ihre Symbolik.

In einem weiteren Punkt gehe ich dann genauer auf die Wahl und Verwendung der Symbole Storms ein.

1. Theoretische Erläuterungen

1.1. Die Novelle

1.1.1. Definition der Novelle

Eisenbeiß offeriert in seinem Buch „Didaktik des novellistischen Erzählens im Bürgerlichen Realismus“ mehrere Definitionen der Novelle. Die bekannteste, die auch andere Autoren immer wieder anführen, ist Goethes: „…was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ (Eisenbeiß 1985, 88). Bei dieser Definition wird das Ereignishafte einer Novelle in den Mittelpunkt gerückt.

Eine genauere Definition bezeichnet die Novelle als eine Gattung, die zwischen Wahrheit und Fiktion steht, zum Sinnbildlichen und zur Ironie neigt und ein isoliertes Ereignis, eine „Geschichte also, die streng genommen nicht zur Geschichte gehört“, in den Mittelpunkt stellt (Eisenbeiß 1985, 89). Auch hier steht das Ereignis im Vordergrund, es wird aber auch die hohe Symbolhaftigkeit betont und die ironische Neigung.

Im 19. Jahrhundert gab es die vier Phasen der Novellentheorie. Die erste Phase nennt Eisenbeiß die „Vorurteilsbefangenheit“, was aus dem schweren Stand der Novelle als „untragische Komödie“ resultiert (Eisenbeiß 1985, 92). Die zweite Phase, die „Versachlichung“, kennzeichnet sich durch den Versuch Invarianten zu bestimmen und zwischen Erzählung und Novelle zu unterscheiden, was nicht geglückt ist.

In der dritten Phase des „relativierenden Skeptizismus“ erscheint eine neue Definition: „Die Novelle ist eine künstlerisch gestaltete Erzählung und man könnte zur Absicherung hinzufügen: die zu verschiedenen Zeiten verschiedene Formmöglichkeiten und Problemstellungen bevorzugt, ohne sich jedoch darauf festzulegen“ (Eisenbeiß 1985, 93).

Die vierte Phase erhält keinen Namen, charakterisiert sich aber dadurch, dass die historische Novellenforschung weiter vorangetrieben wurde, es zudem gattungstheoretische Neuansätze gab und die kommunikativen Strukturen von Novellentexten analysiert werden (Eisenbeiß 1985, 94).

Eisenbeiß stellt nach seiner Analyse zusammenfassende Thesen über die Novelle auf, die alles Wesentliche beinhalten. Die Novelle ist eine Erzählung mittlerer Länge, sie hat die Tendenz sich auf isolierte Ereignisse oder Personen zu konzentrieren. Dabei neigt sie zu einer distanzierten Erzählhaltung. Die Novelle fordert häufig eine pointierende Formgebung und soll doch offen sein für Psychologisches und Lebensfragen. Sie hat eine Affinität zur Schilderung des Alltäglichen und Wirklichen, wobei novellistisches Erzählen aber einen hohen künstlerischen Anspruch erhebt (Eisenbeiß 1985, 94/95).

Auch Storm selbst hat sich mit der Novelle beschäftigt und eine eigene Definition aufgestellt:

Die Novelle, wie sie sich in neuerer Zeit, besonders in

den letzten Jahrhunderten, ausgebildet hat und jetzt in

einzelnen Dichtungen in mehr oder weniger vollendeter

Durchführung vorliegt, eignet sich zur Aufnahme auch des

bedeutendsten Inhalts, und es wird nur auf den Dichter an-

kommen, auch in dieser Form das Höchste der Poesie zu

leisten. Sie ist nicht mehr wie einst, "die kurzgehaltene Dar-

stellung einer durch ihre Ungewöhnlichkeit fesselnden und

einen überraschenden Wendepunkt darbietenden Begebenheit";

die heutige Novelle ist die Schwester des Dramas und die

strengste Form der Prosadichtung. Gleich dem Drama behandelt

sie die tiefsten Probleme des Menschenlebens; gleich dieser

verlangt sie zu ihrer Vollendung einen im Mittelpunkt stehenden

Konflikt, von welchem aus das Ganze sich organisiert, und demzufolge

die geschlossenste Form und die Ausscheidung alles Unwesentlichen;

sie duldet nicht nur, sie stellt auch die höchsten Forderungen der Kunst.

(Zuber 1969, 150)

1.1.2. Storms Novellistik

Regina Fasold versucht Storms späte Novellistik zu kategorisieren. Sie nennt einmal die Novellen nach eigenen familiären Problemen und die Novellen, die von der „Grundopposition zwischen Adel und Bürgertum beziehungsweise von Storms Widerstand vornehmlich gegen Adel und Kirche beherrscht seien“ (Fasold 1997, 116/177). Diese nennt sie chronikalische Erzählungen oder historische Novellen. Zuletzt zu nennen, in dieser Kategorisierung, sind die Künstlerschicksale. Immensee, als eine der zu untersuchenden Novellen, fällt aus diesen Kategorien heraus, weil sie zur beginnenden Novellistik gehört, man könnte sie aber vielleicht bei den Künstlerschicksalen einordnen, wenn man Reinhard als einen Dichter ansieht. Viola Tricolor gehört ganz eindeutig zu den Novellen der familiären Probleme. Aquis Submersus ist dagegen nicht in eine Kategorie einzusortieren, sondern gehört sowohl zu den Chroniknovellen, als auch den Künstlerschicksalen.

Fasold sieht als entscheidende Entwicklung zwischen der frühen und der späteren Novellistik Storms einen Durchbruch zu einer realistischen Schreibweise; unter anderem durch den Verzicht auf Stimmungsmalerei. Es entstehen klarere, objektivere Konturen, die zu einer adäquateren Wirklichkeitswiedergabe führen. (Fasold 1997, 117)

1.1.3. Einordnung der Novellen Storms in die Theorie

Nach diesen vielen Definitionen und Thesen sollen nun die drei von mir ausgewählten Erzählungen Storms charakterisiert werden. Immensee ist noch keine „richtige“ Novelle, da in ihr die unerhörte Begebenheit oder nach Storm der Konflikt (zumindest ein offensichtlicher) fehlt. Sie konzentriert sich aber auf einzelne Personen, Reinhard und Elisabeth, und hat eine mittlere Länge. Romantische Elemente und Naturschilderungen sind vordergründiger als ein neuartiges Ereignis, weshalb Immensee auch als idyllische Erzählung betitelt werden kann. Nach Klein gibt es aber auch die Möglichkeit, sie als lyrische Novelle zu bezeichnen: „Die Handlung tritt zurück hinter der Stimmung und nur die markanten Stimmungsaugenblicke sind festgehalten […]“ (Klein 1954, 236).

Viola Tricolor und Aquis Submersus sind dann schon als „richtige“ Novellen zu bezeichnen. In Viola Tricolor findet sich die unerhörte Begebenheit in der Geburt des eigenen Kindes von Ines und der sich damit verändernden Situation bei allen beteiligten Personen.

In Aquis Submersus ist das Ertrinken des kleinen Johannes das außergewöhnliche Ereignis.

Aufgrund des sehr geringen Unterschieds zwischen einer Novelle und einer Erzählung werden die beiden Begriffe im Folgenden synonym gebraucht und auch Immensee als eine Novelle betrachtet. „Die Erzählung steht mit ihrem Reichtum an Feinheiten und der verhältnismäßigen Kürze durchaus der Novelle gleich“ (Klein 1954, 11).

1.2. Definition Symbol und Metapher

1.2.1. Das Symbol

Es bereitet große Schwierigkeiten den Begriff Symbol zu definieren. Bei jedem Versuch merkt man, dass mit „Symbol“ eigentlich fast alles gemeint sein kann. In bestimmten Zusammenhängen hat fast jedes „Ding“ einen Symbolwert, der sich aber mit dem Zusammenhang auch ändern kann. Trotzdem ist der Sinn eines Symbols nicht beliebig, denn es ist meist allgemeingültig und wird überall auf der Welt verstanden.

Bei einem Symbol geht es also darum, dass eine bestimmte Botschaft vermittelt werden soll, die jeder entschlüsseln kann, ohne dass der Sender seine Absichten lange erklären muss. Oftmals ist das durch die richtige Verwendung eines Symbols nicht notwendig. Aber vor allen Dingen kann man manchmal in einem Bild viel besser ausdrücken, was man meint. Frei nach dem Sprichwort: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Hier erkennt man auch deutlich die Ökonomieansprüche eines Symbols. Der Mensch kürzt und verkürzt, wo er kann, und gerade bei Symbolen handelt es sich um Abkürzungen eines ansonsten komplexen Sachverhalts.

Oftmals kann ein Symbol mehrere Intentionen haben und die Aufgabe des Empfängers des Symbols ist es dann, den richtigen Sinn aus dem Zusammenhang herauszufiltern. Dabei ist es natürlich notwendig, die verschiedenen Bedeutungen der einzelnen Symbole zu kennen.

Was nicht bekannt ist, kann auch nicht gedeutet werden. Es gibt aber auch keine objektive oder einzig richtige Deutung; vielmehr hängt es davon ab, wie der Einzelne das Symbol wahrnimmt und interpretiert.

Dabei spielen Konventionen und Diskurse, die den Menschen bekannt sind, eine wichtige Rolle. Storm hält sich an die Konventionen und gibt vor allem solchen Dingen einen Symbolcharakter, die für den Leser aus seinem allgemeinen Verständnis zu erschließen sind. Diese können jedoch auch in Abwandlungen auftreten, welche aber aus dem bekannten Wissen herzuleiten sind. Auf die Wahl und Verwendung der Stormschen Symbolik anhand von ausgewählten Wörterbüchern wird in Punkt vier näher eingegangen.

Gerade in der Literatur spielen Symbole eine große Rolle, da meistens für ein breites Publikum geschrieben wird und man sich bestimmter Bilder bedienen muss, die eine breite Masse auch versteht. Dass auch Storm sich bevorzugt Bildern mit hohem symbolischen Charakter widmete, macht folgendes Zitat deutlich: „Yet few interpretations of Storm’s Novellen could pass muster without reference to his use of symbols, for in the overwhelming preponderance of his fiction symbolism plays a central role”. (Artiss 1978, 15)

Nach Pongs ist die bewusste Symbolbildung in der Novelle am deutlichsten, weil sie eine klar gebaute und im Umfang überschaubare Kunstform darstellt.

1.2.2. Die Metapher

Die Metaphorik wird in dieser Arbeit mit der Symbolik zusammen behandelt. Die vorkommenden Metaphern sind der stärker ausgeprägten Symbolik untergeordnet. Wenn man beide Begriffe als ‚Bilder’ betrachtet, wie man das früher gemacht hat, sind sie fast synonym verwendbar: „Bild wird auch oft für Sinnbild (Gleichnis, Symbol) gebraucht […]“ (Brockhaus 1898, 1009); „Bildlicher Ausdruck, bildliche Bezeichnung, oder kurz Bild ist in der Sprache zunächst die Metapher […]“ (Meyers Lexikon 1894, 1019). Auch heute sind die Begriffe Bild und Metapher eng miteinander verknüpft: „Die Metapher verbindet zwei entgegen gesetzte Welten mit einem Reitersprung der Bildvorstellungskraft“ (Arnold/Detering 2001, 264)

1.3. Der Realismus

Die Epoche des Realismus wird im Allgemeinen zwischen den Jahren 1830 und 1880 angesiedelt. Der deutschsprachige Realismus begann erst nach der Revolution 1848 sich richtig durchzusetzen. Wenn man die Lebensdaten von Theodor Storm betrachtet, 1817 bis 1888, fällt auf, dass sein künstlerisches Schaffen genau in die Zeit des Realismus fällt. Da er sich selbst aber in erster Linie als Lyriker sah und erst dann als einen Novellenautor, fließen gerade in seine ersten Werke viele Gedichte, aber auch Märchen mit ein. Daher wird vielfach gesagt, dass Storm erst mit seinen späten Werken wirklich realistisch geworden ist.

Es findet sich noch eine weitere Definition für Realismus, nach Auerbach, für den Realismus die „ernste Darstellung der zeitgenössischen alltäglichen gesellschaftlichen Wirklichkeit auf dem Grunde der ständigen geschichtlichen Bewegung“ (Eisenbeiß 1985, 71).

2. Symbol- und Metaphernverwendung der einzelnen Novellen

2.1.1. Einführung: Immensee

Immensee ist eine der ersten Novellen Theodor Storms und wird als seine bekannteste erachtet. Die Hauptfiguren sind Reinhard und Elisabeth, die seit der Kindheit viel Zeit miteinander verbracht haben. Als Reinhard später in die Fremde geht, bricht der Kontakt ab und Elisabeth heiratet einen anderen Mann, Erich. Der Grund für diese Entscheidung ist einerseits, dass Reinhard sich nicht meldet und andererseits, dass ihre Mutter in gesicherten finanziellen Verhältnissen leben möchte, die Erich Elisabeth bieten kann. Als Reinhard und Elisabeth sich nach Jahren wieder sehen, entsteht der Eindruck, dass sie doch noch zueinander finden, der aber sofort wieder zerstört wird. Umschlossen wird diese Binnenhandlung von einem Rahmen, der aus zwei Episoden besteht, welche Reinhard im Alter beschreiben. Bei der Binnenhandlung handelt es sich um die Erinnerung des alten Reinhard.

Dass es sich um eine der früheren Novellen Storms handelt, lässt sich leicht an dem romantischen Einfluss feststellen, der in Immensee zu finden ist, so zum Beispiel an dem Märchen der drei Spinnfrauen, an der Legende des Mannes, der in die Löwengrube geworfen wird oder an den vielen Gedichteinschüben. Außerdem sind die einzelnen Situationen mit Überschriften versehen und so auch optisch voneinander abgetrennt. Reinhard wird hier als ein sehr künstlerischer Mensch dargestellt, der sowohl selber dichtet, als auch bekanntes Volksgut sammelt und aufschreibt. Hier lässt sich ein biographischer Zug feststellen, denn auch Storm war dafür bekannt, Lieder aus dem Volk zu sammeln und festzuhalten. Obwohl Reinhard jedoch viel in seiner dichterischen Welt lebt und zum Beispiel Elisabeth in seinen Gedichten mystifiziert (Waldeskönigin), lehnt er doch entschieden die Existenz von Engeln ab, was in einem Widerspruch steht. Es könnte aber verdeutlichen, das Reinhard noch nicht erkannt hat, wie sehr sich seine Gedanken in seinen Werken von seinen Taten in der Wirklichkeit unterscheiden.

Dass Reinhard nicht an Engel glaubt, wird in Verbindung mit seiner Geschichte von dem armen Mann in der Löwengrube erzählt. Die Löwen sollen ihn fressen, aber ein Engel errettet ihn. Hier ist eindeutig Storms religiöse Einstellung erkennbar, wenn Reinhard feststellt, dass es Löwen wirklich gibt, Engel aber nicht. Somit ist der Erlösungsgedanke nur eine Illusion.

Storm glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod und war dem Christentum eher feindlich gegenübergestellt. Der Engel könnte aber auch seine Beziehung zu Elisabeth symbolisieren, die es für ihn nur in einer Geschichte gibt, nicht aber im wahren Leben.

Ein weiteres Detail der Bekräftigung, dass Reinhard Elisabeth mehr als Inspiration sieht und sie nicht wirklich an seinem Leben teilhaben lässt, ist der Fakt, dass er ihr die Gedichte über sie nicht zeigt, sondern nur die Märchen, die er aufgeschrieben hat. Seine eigenen Produktionen, an denen sie ja fast „mitbeteiligt“ ist und in denen er seine Gedanken ausdrückt, zeigt er ihr nicht. Das geschieht erst zu einem späteren Zeitpunkt, an dem Elisabeth damit nichts anfangen kann und es sie eher befremdet, das jede Überschrift etwas mit ihr zu tun hat. Das Verhältnis zwischen ihr und Reinhard ist schon merklich abgekühlt. Trotzdem kann man es als einen Versuch werten, Elisabeth so seine Liebe zu gestehen. Er möchte sie an seinen Gedanken teilhaben lassen. Aus Elisabeths Reaktion lässt sich aber schließen, dass es dafür zu spät ist oder diese Geste nicht ausreicht.

Reinhard ist nicht in der Lage ihr direkt zu sagen, was er fühlt, aber er gibt nicht auf. Er weiß, dass er ihr noch etwas mitteilen muss, aber er wird sich des „erlösenden Wortes“ nicht bewusst. Das steht im Widerspruch zu seinen dichterischen Fähigkeiten, da er sich doch sonst immer ausdrücken kann. Für Raimund Belgardt liegt aber gerade darin der Schlüssel für seine Sprachlosigkeit:

Gegen eine Liebeserklärung, deren natürliche Folge eine Heirat ist,

sträubt sich vielmehr seine Dichternatur – er ist nur in das Lieben

verliebt. Daher tritt der Gedanke an eine personale Liebe gar nicht in

sein Bewusstsein (Belgardt 1969, 79).

Die Behauptung ihm käme eine wirkliche Liebe überhaupt nicht zu Bewusstsein, lässt sich aber nicht halten, wenn man dem Text weiter folgt. Als Elisabeth ihn zum Postwagen bringt, sagt Reinhard ihr, dass er ein Geheimnis hat, welches er ihr in zwei Jahren, wenn er wieder da ist, verraten will. Zwei Jahre sind eine lange Zeit, wenn man nicht genau weiß, was der andere für einen empfindet. Aber das scheint Reinhard nicht zu bemerken. Man kann vermuten, dass es sich bei diesem Geheimnis um Heiratsabsichten Reinhards handelt, daher hat er sich also schon Gedanken über eine dauerhafte Verbindung mit ihr gemacht.

Elisabeth wird in der Sekundärliteratur immer unterstellt, dass sie sich völlig passiv verhält. Diese Aussage ist zu entkräften, denn sie verteidigt Reinhard gegenüber ihrer Mutter, die ihn diskreditieren will. Genauso lehnt sie die ersten beiden Anträge Erichs ab. Bedenkt man die Möglichkeit, dass Erich es nicht noch einmal versucht, wäre sie vielleicht allein geblieben. Von Passivität kann nicht die Rede sein. Doch sie scheint die vielen versteckten Hinweise Reinhards nicht zu verstehen. Wie schon erwähnt, gibt er ihr das Buch mit „ihren“ Gedichten und sagt ihr auch, dass er den Vogel, den Erich ihr geschenkt hat, nachdem seiner gestorben ist, nicht leiden kann. Elisabeth wird also nicht als passiv, sondern eher als naiv-kindlich dargestellt; sie ist mit Reinhards künstlerisch-geistiger Natur überfordert. Auch wenn sie Reinhard liebt, entscheidet sie sich doch für den bodenständigen Erich. Daher kann man davon ausgehen, dass ihre Mutter zwar großen Einfluss auf ihre Entscheidung hatte, sie diese aber letzten Endes selbst getroffen hat.

Interessant ist auch der Rahmen, den Storm um seine Binnenhandlung zieht. Die Novelle endet mit dem Hinauswandern Reinhards in die große weite Welt im frischen Morgenlichte und fängt mit dem an einem Spätherbstnachmittage, langsam die Straße hinab gehenden alten Reinhard an. Der Leser erfährt also schon am Anfang, welches Ende die Novelle hat, auch wenn das Hinauswandern in die Welt unter einem glücklichen Stern zu stehen scheint, zumindest, was die Tageszeit und die Lichtverhältnisse angeht (Sonnenstrahlen). Reinhard endet genauso, wie das Zithermädchen es in ihrem Lied vorhersagt: „…sterben, ach sterben soll ich allein“ (ImSe, 13). So sieht das auch Pastor: „Immensee als Dichtung aus der Perspektive des Sterbenden, der nun im Rückblick seine Vergangenheit als ‚Leben zum einsamen Tode’ begreift“ (Pastor 1988, 51). Der Rahmenschluss bleibt offen und der Leser ist gefragt, mit welchen Studien sich Reinhard im Alter beschäftigt.

Irmgard Roebling (aus Firges 2001, 27/28) fand in den Novellen Theodor Storms vier Grundstrukturen heraus. Als erstes ist zu bemerken, dass die „Grundperspektive des Erzählens das Erinnern“ (Firges 2001, 27) ist. Dies kann in Form einer Rahmenerzählung realisiert werden oder indem Erinnerungsepisoden in die Hauptgeschichte eingeflochten werden. In Immensee handelt es sich um einen Rahmen, der mit der Überschrift „Der Alte“ versehen ist und jeweils am Anfang und am Ende einmal auftaucht.

Als zweite Grundstruktur benennt Roebling, dass diese Erinnerung sich meist bis in die Kindheit zurückverfolgen lässt. Das „Kinderpaar, das in geschwisterähnlichen Verhältnissen aufwächst“ (Firges 2001, 28) und was dann meistens in einer tragischen Liebesbeziehung endet. Auch dieser Punkt lässt sich in Immensee nachweisen. Reinhard und Elisabeth kennen sich bereits aus Kindertagen und dort werden schon einige Aspekte genannt (zum Beispiel, das Elisabeth keine Courage hat), die für den späteren, unglücklichen Ausgang der Novelle maßgebend sind.

Bei den Frauenfiguren Storms handelt es sich zumeist um junge, kindhafte Mädchen oder Kindfrauen. Die Merkmale dieser Personen sind laut Roebling: eine zarte Gestalt, weiße Gewandung, zierliche Füße, leichter Schritt und sie haben oft eine Neigung zum Kränklichen und Zerbrechlichen. Es gibt viele Textstellen, die beweisen, dass Elisabeth zu diesen Frauen gerechnet werden kann: „anmutige Gestalt“ (ImSe, 4); „das schöne schmächtige Mädchen“ (ImSe, 17); „weiße mädchenhafte Frauengestalt“ (ImSe, 25); „leichte, zärtliche Gestalt“ (ImSe, 25); „blasse Hand“ (ImSe, 32). Oft wird sie in weißen Gewändern geschildert, wobei die Wahl der Farbe weiß entweder auf ihre Unschuldigkeit hinweist oder darauf, dass sie einen eher farblosen Charakter besitzt. Storm neigte dazu, seine Frauenfiguren nicht so auszuarbeiten wie die männlichen.

Als letzten Punkt kommt Roebling auf die Männerfiguren zu sprechen, die oft nicht in der Lage sind, ihre Aufgaben zu erfüllen. Sie übernehmen keine Verantwortung und gerade die Vaterfiguren scheitern oft. In Immensee ist von keiner Vaterfigur die Rede, sondern nur von den Müttern der beiden Hauptpersonen, wobei diese in ihrem Charakter nicht direkt eingeführt werden. Der Leser erschließt sich die Details aus ihren Handlungen. So kann man feststellen, dass Reinhards Mutter Anteil an dem Leben ihres Sohnes nimmt und wohl auch nichts gegen eine Verbindung zwischen Elisabeth und ihm einzuwenden hätte, aber nicht in die Geschehnisse eingreift. Als Ausnahme kann man hier den Brief sehen, den sie Reinhard schreibt, um ihn von der bevorstehenden Hochzeit zu unterrichten. Wahrscheinlich hat sie vermutet, dass Reinhard daraufhin etwas unternimmt, was aber nicht der Fall ist.

Elisabeths Mutter dagegen wird zwar auch nicht näher charakterisiert, macht aber einen deutlich dominanteren Eindruck, was die Handlung angeht. Sie ist nicht in der Lage auf die Bedürfnisse ihrer Tochter einzugehen, sondern denkt in erster Linie an ihre eigene finanzielle Sicherheit.

Um auf die Männerfiguren zurückzukommen, kann man eindeutig sagen, dass Reinhard mit seinen Aufgaben überfordert ist. Er fühlt sich zwar als der Beschützer von Elisabeth, wird dieser Anforderung aber in vielen Fällen nicht gerecht.

2.1.2. Interpretation der einzelnen Symbole/Metaphern

2.1.2.1. Das Haus

Was in Viola Tricolor nicht als das Haus in die Augen fällt, so dass ich mich entschied die Symbolik in ‚Fenster’ und ‚Türen’ zu unterteilen, ist in Immensee klarer zu erkennen, besonders in der ersten Sequenz „Der Alte“. Es ist deutlich eine Bewegung von der Weite zur Enge zu erkennen. Er [der Alte] stand vor einem „hohen Giebelhaus“ (ImSe, 3), ging dann über „die weite Hausdiele“ (ImSe, 3), „trat […] in einen kleinen Flur“ (ImSe, 3) und kam über eine „enge Treppe“ (ImSe, 3) in „mäßig großes Zimmer“ (ImSe, 3). Das ist die erste Bewegung, an die sich eine zweite anschließt. Die Bewegung des Mondstrahls: er fiel durch die „Fensterscheiben auf die Gemälde an der Wand“ (ImSe, 4), rückte dann weiter und „trat […] über ein kleines Bild“ (ImSe, 4). Diese Verengung ist insofern von Bedeutung, als dass sie auf den Seelenzustand des Alten verweist. Während er spazieren geht, können sich seine Gedanken frei entfalten, doch sobald er nach Hause kommt, verengt sich alles und er ist nicht in der Lage von seinen Erinnerungen Abstand zu nehmen. Es ist, als würde er sie in dem „mäßig großen Zimmer“ in dem kleinen Bild von Elisabeth einschließen und sobald sein Blick darauf fällt, kann er sich der Vergangenheit nicht entziehen. Das Bild, was dann im weiteren Verlauf der Novelle keine Rolle mehr spielt, ist hier der Auslöser für den Blick in die Vergangenheit. Es könnte sich hierbei um das Bild handeln, das Erich von Elisabeth malt, damit sie es Reinhards Mutter schenken kann.

Interessant ist auch der weitere Verlauf der Novelle, denn schon in der nächsten Sequenz „Die Kinder“ nutzt der Dichter wieder eine Bewegung in Bezug auf das Haus, aber diesmal in umgekehrter Richtung: „beide Kinder [liefen] durchs Haus in den Garten und durch die Gartenpforte hinaus auf die Wiese“ (ImSe, 4). Hier sieht man deutlich, dass die Kinder nicht ins Haus wollen, sondern die Weite der Wiese erleben möchten. Häuser haben immer den Charakter des Feststehenden und Unwandelbaren (Brockhaus 1898, 8. Band, 881). Im Kontrast dazu steht allerdings, dass sie sich dann auf der Wiese ein Haus bauen. Vielleicht geschieht dies, um die erlangte Weite ein bisschen einzugrenzen. Ihre Kinderseelen streben nach Entfaltung, können aber aus ihrer angeborenen Charakterlage nicht heraus kommen. Daher auch das bald folgende Gespräch, in dem Reinhard Elisabeth vorwirft, sie hätte keine Courage. Das Haus auf der Wiese steht also für die fest verwurzelten Charakterzüge Reinhards und Elisabeths. Somit können sie sich von der Enge nie ganz befreien, was letztendlich auch zu der unausgefüllten Liebe führt. Interessant ist auch, dass Reinhard ihr gegenüber wenig Verständnis zeigt und sie fast zwingen will mit ihm weg zu gehen. Er will in die Ferne und ordnet dem alles unter, sogar menschliche Beziehungen, denn er würde seine Mutter und seine Freundin zurücklassen. Reinhard zeigt gegenüber Elisabeths Gefühlen wenig Rücksichtnahme.

Es erfolgt wieder eine Veränderung im Laufe der Novelle in Bezug auf das Haus. In der Sequenz „Da stand das Kind am Wege“ ist das Haus als ein Ort der Sicherheit und Behaglichkeit beschrieben, während alles, was sich außerhalb befindet, nicht „sicher“ ist: „…scheltende Stimmen trieben einen ganzen Schwarm solcher kleinen Gäste aus dem hellen Hause auf die dunkle Gasse hinaus“ (ImSe, 14). Auch wenn sich Reinhard nicht in seiner Wohnung aufgehalten hat, sondern im Ratskeller mit Freunden feierte, treibt ihn die Nachricht vom eingetroffenen Christkind doch wieder nach Hause, sozusagen in die Sicherheit; in Sicherheit auch vor den „falschen Augen“ (ImSe, 13) des Zigeunerkindes aus dem Ratskeller. Das wird dann auch Reinhard bewusst und er dichtet wieder: „Er wäre fast verirret und wußte nicht hinaus; da stand das Kind am Wege und winkte ihm nach Haus!“ (ImSe, 16). Eine Nachricht von Elisabeth bringt ihn also wieder dazu zu dichten. Man kann davon ausgehen, dass er das eine ganze Zeit nicht getan hat, denn sonst hätte er Elisabeth etwas davon geschickt.

Erst in der Sequenz „Immensee“ kommt es dann wieder zu einer bewussten Erwähnung des Hauses. Erst in der Beschreibung von Gut Immensee, wo Erich erklärt, dass die Spritfabrik von ihm ist, die Wirtschaftsgebäude von seinem Vater und das Wohnhaus schon von seinem Großvater gebaut wurde. Hier wird ganz deutlich der Aspekt hervorgehoben, dass Häuser Erinnerungen tradieren und auch das Andenken an einstige Bewohner bewahren. So betont auch Bächtold-Stäubli, dass Häuser einen Einblick in die menschliche Seele und in die Geschichte der Menschen geben (1987, 3. Band, 1552). Erich scheint sich dieser Tradition aber nicht bewusst, sondern betont nur, dass es jede Generation ein Stückchen weiter geschafft hat. Das Haus an sich wird dann sehr düster beschrieben: „Ein hoher, kahler Hausflur nahm sie auf, an dessen Ende sie links in einen etwas dunkleren Seitengang einbogen“ (ImSe, 24). Die erzeugte Düsternis weist auf die Stimmung hin, die Reinhard auf Gut Immensee erwartet. Erich und Elisabeth sind zwar verheiratet, aber es scheint zumindest für Elisabeth keine glückliche Verbindung, im Sinne von Liebe, zu sein. Ganz im Gegensatz dazu ist Erich glücklich, was auch die weitere Beschreibung des Hauses aufzeigt. Nach der Düsternis folgt der Gartensaal, welcher durch

zwei hohe, weit geöffnete Flügeltüren den vollen Glanz der

Frühlingssonne hereinfallen [ließ] und gewahrten die Aussicht

in einen Garten mit gezirkelten Blumenbeeten… (ImSe, 24).

Es ist nicht gleich ersichtlich, warum diese Szene der Helligkeit auf Erich verweist, aber die gezirkelten Blumenbeete beschreiben seinen Charakter und die Helligkeit führt direkt zu den Blumenbeeten und nicht auf eine freie Wiese oder dergleichen, wie sie Reinhard und Elisabeth aus ihrer Jugend kennen. Sie führt aber auch zu der Gestalt Elisabeths, die Erichs ganzes Glück ist.

Zum Schluss der Novelle spielt das Haus keine große Rolle mehr. Am Ende der Sequenz „Elisabeth“, als es für Reinhard und Elisabeth Abschied nehmen heißt, wird viermal innerhalb eines kleinen Textabschnittes die „Tür“ erwähnt, was vielleicht schon darauf hindeutet, das Reinhard nicht im Haus, also bei Elisabeth, bleibt, sondern die „Flucht“ wählt. Als Reinhard durch die Tür geht, öffnet sich vor ihm die große, weite Welt. Ganz im Gegenteil zur Eingangsszene, als der alte Reinhard von seinem Spaziergang kommt und immer mehr in die Enge seines Hauses hineingeht. So sehr er also gehofft oder geglaubt hat, dass er ohne Elisabeth leben kann, so sehr hat sich doch sein Leben zur Einsamkeit verengt.

Storm nutzt in Immensee verschiedene Möglichkeiten der Bedeutung des Hauses, einmal ist es die Enge, aus der man fliehen möchte, besonders in den Jugendjahren Reinhards und Elisabeths. Später entwickelt es sich zum Hort der Sicherheit. Gut Immensee dagegen benutzt Storm um die Stimmungen der darin lebenden Charaktere zu verdeutlichen. Das Düstere für Elisabeth und das Helle für Erich. Hier werden Licht- und Dunkeleffekte genutzt, um die Gefühle der Personen näher zu bestimmen.

2.1.2.2. Der Garten

Um einen gewissen Vergleich zwischen den Novellen herstellen zu können, ist dieser Abschnitt mit „Der Garten“ überschrieben, obwohl es sich größtenteils um Schilderungen der Landschaft handelt.

Die erste ausführliche Naturschilderung ist in der Sequenz „Im Walde“ zu finden. Es soll der Abschied sein, bevor Reinhard Elisabeth verlassen muss. Hier ist das erste Mal zu merken, dass Reinhard zwar gute Absichten hat („…ich [Reinhard] weiß einen Erdbeerenschlag; du [Elisabeth] sollst kein trockenes Brot essen“ ImSe, 9), aber nicht in der Lage ist, sich um Elisabeth zu kümmern. Er findet keine Erdbeeren und sogar den Weg aus dem Dickicht zu den anderen zu finden, fällt ihm schwer („An den Rückweg hatte Reinhard nicht gedacht“ ImSe, 10). Der Wald, oder an dieser Stelle noch genauer, das Dickicht stehen für die Seite von Reinhard, die nicht weiß, was sie will. Sein Charakter ist durch den künstlerischen Aspekt eher der Gesellschaft abgewandt und hält sich nicht an festgeschriebene Normen. Während der treue Erich eher mit dem zivilisierten Garten assoziiert wird, fühlt sich Reinhard in dem affekt-geneigten Wald wohler, also in seiner Position, in der er sich nicht entscheiden will, ob er mit Elisabeth ein bürgerliches Leben führen will. Das wird auch deutlich als Elisabeth wieder zurück will und Reinhard noch nicht: „’Mir graut!’, sagte sie [Elisabeth]. ‚Nein’, sagte Reinhard, ‚das muss es nicht’. Hier ist es prächtig’“ (ImSe, 10).

Wenn man weiterhin in dieser Szene die Rolle der Erdbeeren näher betrachtet, die für die Verführbarkeit des weiblichen Körpers stehen und somit für Elisabeth, wird deutlich, dass Reinhard und Elisabeth nicht zusammen kommen. Er findet keine Erdbeeren, dass heißt auch keinen Zugang zu ihrem „Körper“. Obwohl er ihr verspricht, dass sie kein trockenes Brot essen braucht, muss sie letztendlich doch in einer trostlosen Beziehung mit Erich verharren, da Reinhard nicht in der Lage ist, seine Versprechen zu halten.

Elisabeth kommt nicht alleine durch den dichten Wald, was Reinhard noch nicht einmal auffällt:

Bald aber hörte er hinter sich Elisabeth seinen Namen rufen.

Er wandte sich um. „Reinhard.“ rief sie. „Warte doch, Reinhard!“

Er konnte sie nicht gewahr werden; endlich sah er sie in einiger

Entfernung mit den Sträuchern kämpfen; ihr feines Köpfchen

schwamm nur kaum über den Spitzen der Farnkräuter (ImSe, 9).

Alles, was sie mitbringen, als sie wieder bei den anderen ankommen, sind Hunger und Durst. Während beide im Wald kurz verweilen, zeigt Elisabeth Angst vor dem Wald („’Mir graut!’ sagte sie“ ImSe, 10), während Reinhard nur mit sich beschäftigt ist und sich sogar in einiger Entfernung von ihr hinsetzt und nicht neben sie:

Elisabeth setzte sich unter eine überhängende Buche und

lauschte aufmerksam nach allen Seiten; Reinhard saß einige

Schritte davon auf einem Baumstumpf und sah schweigend

nach hier hinüber (ImSe, 10).

Es ist zu erkennen, dass Elisabeth zwar Reinhards Schutz sucht und ihm auch vertraut, aber dass Reinhard nicht in der Lage ist, dies auch in der Wirklichkeit umzusetzen. In seinen ausgedachten Gedichten gelingt ihm das sehr wohl. Während sie also ohne Erdbeeren wiederkommen und den anderen somit nichts bieten können, war der Ausflug für Reinhard sehr produktiv, denn er schreibt sein erstes Gedicht. In diesem, wie in vielen anderen Gedichten, legt er seine Gefühle für Elisabeth dar. In der Wirklichkeit jedoch ist das nicht der Fall, was sich schon an der Ferne erkennen lässt, die er zwischen sich und Elisabeth im Wald aufbaut.

In der Sequenz „Daheim“ geht es auch nicht direkt um den Garten, aber um das Botanisieren, an dem Reinhard scheinbar viel Freude hat:

Um während der Ferienzeit eine bestimmte Unterhaltung

zu haben, fing er an, Elisabeth in der Botanik zu unterrichten,

womit er sich in den ersten Monaten seines Universitätslebens

angelegentlich beschäftigt hatte (ImSe, 17).

Deutlicher wird nicht geschildert, was Reinhard in der Fremde eigentlich gemacht hat. Hat er nun Biologie studiert oder war das nur ein Hobby? Es lässt sich aber darauf schließen, dass es ein eher naturwissenschaftliches Fach war, wenn er sich in seiner Freizeit mit Botanik beschäftigt. Hier lässt sich eine Frage beantworten, die sich durch sämtliche Sekundärliteratur zu Immensee zieht. Warum bleibt Reinhard passiv und kämpft nicht um seine Liebe zu Elisabeth? Es gab verschiedene Ansätze, diese Frage zu klären. Zuerst einmal spielen viele Faktoren in die Beantwortung hinein. Einer ist der, dass sie als seine Muse während seiner Studienzeit nicht bei ihm ist, was dazu geführt hat, dass seine Kreativität wahrscheinlich nicht genug Anreiz hatte. Zum anderen scheint das Naturwissenschaftliche eine Rolle zu spielen. Vielleicht wollte er in seiner Studienzeit gar nicht kreativ sein um seine Studien nicht zu gefährden. Am wichtigsten scheint also die fehlende Inspiration zu sein, sowohl durch die Abwesenheit von Elisabeth, als auch durch sein Studium, das Kreativität nicht zu fördern scheint.

In der Sequenz „Immensee“ folgt eine sehr ausführliche Naturbeschreibung. Reinhard ist auf dem Weg zu Gut Immensee der so beschrieben wird, wie seine ersten Eindrücke von dem Gut an sich sind. Diese Landschaftsbeschreibung dient der Erzeugung einer bestimmten Stimmung und zeigt gleichzeitig auch das ruhige Wesen Reinhards auf. So genießerisch, wie die Natur beschrieben wird, scheint auch sein sonstiges Leben abgelaufen zu sein. Es ist kein Ansatz von wehmütiger Erinnerung an vergangene Tage oder an Elisabeth zu merken, obwohl Reinhard in den vielen Jahren, die er weg war, die Heimat nicht gesehen hat. Erst als Erich ihm erzählt, dass er Elisabeth nichts von Reinhards Besuch gesagt hat, wird er nachdenklich. Das scheint aber nicht daraus zu resultieren, dass er sich unsicher wird, was den Besuch angeht, sondern eher, dass er sich Gedanken macht, wie Elisabeth sein Erscheinen aufnehmen wird. Reinhard weiß, dass Elisabeth sich mehr aus ihm gemacht hat, schon allein, weil sie Erichs Antrag zweimal abgelehnt hat, und dass sie sich mehr von ihm erwartet hat.

Die Beschreibung der näheren Umgebung ist abgeschlossen und der Blick des Lesers wird eingeengt auf das Sichtfeld Reinhards, der sich nun mit den Gegebenheiten des Gutes beschäftigt. Der Leser erfährt von der Beschaffenheit des Areals, sowohl von den angelegten Gärten (künstliche Natur), als auch von den Gebäuden, die sich dort befinden.

Nachdem Reinhard Elisabeth wieder sieht, ist das erste Mal eine Reaktion von seiner Seite aus verzeichnet:

[...]

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Metaphorik und Symbolik in Erzählungen des Realismus
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
76
Katalognummer
V71037
ISBN (eBook)
9783638617529
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Metaphorik, Symbolik, Erzählungen, Realismus
Arbeit zitieren
Franziska Hill (Autor), 2006, Metaphorik und Symbolik in Erzählungen des Realismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71037

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