(...) Die umstrittene Geschichte der Sozialen Arbeit, speziell der Jugendfürsorge, lässt sich geschichtlich jedoch weiter zurückverfolgen. Schon im Mittelalter erkannte man, dass familiäre und dörfliche Pflege und Hilfe nicht mehr ausreichten um der Armut entgegen zu wirken. Öffentliche Fürsorge wurde notwendig. Um auch die früheren Anfänge in der Fürsorge, aufzuzeigen, beginnt die folgende Arbeit mit dem 15. und 16. Jahrhundert, wo die ersten Findel- und Waisenhäuser zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen aus den damaligen Hospitals, der bis dahin universellen Fürsorgeeinrichtung unter anderem auch für Alte und Kranke, hervorgingen.
Danach folgen das 18. und 19. Jahrhundert mit dem Pietismus, der Aufklärung und der Entstehung von Rettungshäusern. Mit dem Deutschen Reich und der Einführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes schließt der Text ab, da die folgenden Jahrzehnte zur relativ jungen Geschichte zählen und deren Ideen und Gesetze teilweise heute noch von Bestand sind.(...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgehendes Mittelalter und der Beginn der Neuzeit (ca. 1400 – 1650)
3. Pietismus und Aufklärung ( ca. 1650 – 1820)
4. Rückzug des Staates und Entstehung der Rettungshäuser (1820 – 1870)
5. Wiedererstarken der öffentlichen Fürsorge mit der Gründung des Deutschen Reiches (1870-1915)
6. Einführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes (RJWG) (1915 – 1925)
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung und zentrale Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, einen historischen Überblick über die Entwicklung der Kinder- und Jugendfürsorge in Deutschland von der Zeit des ausgehenden Mittelalters bis zur Weimarer Republik (ca. 1500–1925) zu geben und die Transformation von rein karitativer Versorgung hin zu staatlich organisierten Jugendämtern aufzuzeigen.
- Historische Entwicklung der Heimerziehung und Findelhäuser
- Einfluss von Pietismus und Aufklärung auf pädagogische Konzepte
- Rolle privater Initiativen und Rettungshäuser im 19. Jahrhundert
- Professionalisierung der Sozialarbeit und Gründung von Jugendämtern
- Bedeutung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes für die Autonomisierung der Jugendhilfe
Auszug aus dem Buch
3. Pietismus und Aufklärung ( ca. 1650 – 1820)
Der aufkommende Pietismus (religiöse Gegenbewegung zum Protestantismus) gab der Anstaltserziehung neue Anregungen. Die religiöse Seite von Demut und Unterordnung in der Erziehung wurden stark betont. 1695 baute August Hermann Francke (1663 – 1727) die „Halleschen Anstalten“. Nach seiner Vorstellung musste der Eigenwillen der Kinder gebrochen und Gehorsam erzwungen werden. Die Kinder wurden unter ständige Aufsicht gesetzt, um sie vor den „Verlockungen der Welt“ zu schützen. Zusätzlich mussten sie ständig einer nützlichen Beschäftigung, ausgerichtet nach Neigung und Fähigkeit, nachgehen, um sich früh auf die Berufsarbeit vorzubereiten. (vgl. ebd. S. 29) Es war kein Platz für Spiel und Fröhlichkeit. Man folgte der Forderung der polizeilichen Armenpflege und versuchte durch eine verbesserte äußere Umsorgung das Bettelwesen komplett abzustellen.
Zeitgleich entwickelte sich ein neuer „Organisationstyp“. Eine einzelne Person an der Spitze kümmert sich um soziale Probleme und deren Lösung. Somit wurde Francke zum ersten Unternehmer in der privaten Fürsorge. Als Träger fungierte eine Art Organisation („Gesinnungsfreunde“), die über Spenden für den Erhalt der Einrichtung sorgte. Derartige Initiativen blieben die Ausnahme, denn die Mehrheit der Kinder lebte weiterhin in den schlechtesten Lebensverhältnissen innerhalb der vorhandenen Einrichtungen. Man wollte nicht auf die Nutzung der kindlichen Arbeitskraft verzichten. (vgl. ebd. S. 29) In „fürstlichen Waisenhausstiftungen“ war die Kinderarbeit die Erwerbsarbeit, die den finanziellen Gewinn einbrachte. Die Unternehmer und gleichzeitig Führer der Häuser mussten ihre Familien ernähren. Der schulische Unterricht war Nebensache. Man rechtfertigte sich damit, „die Kinder dadurch zu guten Christen und nützlichen Gliedern der Gesellschaft erziehen zu können.“ (Post 2002, S. 15)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert das Forschungsfeld der historischen Kinder- und Jugendfürsorge und benennt die grundlegende Zielsetzung der Hausarbeit sowie die verwendeten Literaturquellen.
2. Ausgehendes Mittelalter und der Beginn der Neuzeit (ca. 1400 – 1650): Das Kapitel behandelt die frühe Form der Versorgung von Waisen in Hospital-Einrichtungen und die repressive Armenpolitik jener Zeit.
3. Pietismus und Aufklärung ( ca. 1650 – 1820): Hier werden die Auswirkungen religiöser Strömungen auf die Anstaltserziehung und die spätere Kritik der Aufklärung an diesen Strukturen beleuchtet.
4. Rückzug des Staates und Entstehung der Rettungshäuser (1820 – 1870): Das Kapitel beschreibt die Vernachlässigung der staatlichen Fürsorge nach den napoleonischen Kriegen und den Aufstieg privater, religiös geprägter Rettungshäuser.
5. Wiedererstarken der öffentlichen Fürsorge mit der Gründung des Deutschen Reiches (1870-1915): Es wird analysiert, wie Industrialisierung und neue Sozialreformen zu einer Professionalisierung und staatlichen Verantwortung für die Jugendfürsorge führten.
6. Einführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes (RJWG) (1915 – 1925): Dieses Kapitel widmet sich der Institutionalisierung der Jugendhilfe und dem Meilenstein der Gesetzesverabschiedung zur Autonomisierung der Jugendfürsorge.
7. Schlussbemerkung: Die Autorin fasst ihre Erkenntnisse zusammen und würdigt die Bedeutung einzelner Pioniere und Vereine bei der Entwicklung der heutigen Jugendamtsstrukturen.
Schlüsselwörter
Kinderfürsorge, Jugendfürsorge, Heimerziehung, Pietismus, Aufklärung, Rettungshäuser, Sozialarbeit, Armenpflege, Reichsjugendwohlfahrtsgesetz, Jugendamt, Sozialreform, Professionalisierung, Geschichte der Sozialen Arbeit, Waisenhäuser, Familienpflege
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit bietet einen historischen Überblick über die Entwicklung der Kinder- und Jugendfürsorge in Deutschland, ausgehend vom Spätmittelalter bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten gehören die Veränderung von Erziehungsidealen, die Rolle von Kirchen und privaten Initiatoren, der Einfluss des Staates sowie die rechtliche Entwicklung der Jugendhilfe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Jugendfürsorge von einer bloßen Unterbringung in Armen- und Waisenhäusern zu einem institutionalisierten, staatlich koordinierten System (Jugendamt) gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturgestützte historische Analyse, die primär auf den Fachwerken von Peter Hansbauer und Wolfgang Post basiert.
Was steht im inhaltlichen Mittelpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch und behandelt die unterschiedlichen Epochen der Fürsorge, angefangen bei der "Verwahrung" im Mittelalter bis hin zur Etablierung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes 1922.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Professionalisierung, Anstaltserziehung, Autonomisierung der Jugendhilfe und den Übergang von privater zu öffentlicher Fürsorge geprägt.
Welche Rolle spielte das "Rauhe Haus" in Hamburg?
Das von Johann Heinrich Wichern gegründete "Rauhe Haus" markiert einen Wendepunkt, da dort eine sozialpädagogische Ausbildung für Erzieher etabliert wurde und neue Konzepte wie die familienähnliche Gruppenbetreuung entstanden.
Warum war das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz ein Meilenstein?
Es gilt als Meilenstein, da es die Jugendhilfe erstmals reichsweit unter einem einheitlichen Begriff zusammenfasste und die Konzentration der Aufgaben in speziellen Jugendämtern sowie die Abgrenzung zur Armenfürsorge rechtlich festlegte.
- Quote paper
- Diana Biendarra (Author), 2005, Ein historischer Überblick über die Kinder- und Jugendfürsorge vom ausgehenden Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71056