Exegese von Mk 10,13-16: Die Segnung der Kinder

Darstellung vor dem Hintergrund der Lebenssituation von Kindern in der Antike und ihre Relevanz für damalige und heutige christliche Lebensgestaltung


Quellenexegese, 2007
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1) Funktion und gesellschaftliche Stellung des Kindes in der Antike
1.1) Grundlegendes zum antiken Kindheitsverständnis
1.2) Die Rolle des Kindes nach römisch – hellenistischer Auffassung
1.3) Spezifische Merkmale des jüdischen Verständnisses

2) Griechische Begriffe für >>Kind<< und deren Verwendung im NT
2.1) >>teknon<<
2.2) >>pais<< / >>paidion<<
2.3) Verwendung und thematische Zusammenhänge im NT

3) Exegese von Mk 10,13-16
3.1) Übersetzung
3.2) Eigenständigkeit und Kontext von Mk 10,13–16
3.3) Syntaktische Analyse: Auffälligkeiten zum Wortschatz
3.4) Semantische Analyse: Die wichtigsten Sinnlinien des Textes
3.5) Das Logion in Mk 10,15
3.6) Die Bedeutung von >>basileia tou teou<<
3.7) Die abschließende Segenshandlung
3.8) Pragmatische Analyse: Deutungen zum >>Sitz im Leben<<
3.9) Wirkungsgeschichte

4) Mögliche Konsequenzen für heutiges Christ-Sein

Literaturverzeichnis

Einleitung

Zu einer der populärsten, neutestamentlichen Erzählungen gehört die Perikope von der Kindersegnung, wie sie bei Mk 10,13-16 überliefert ist. Mit ihr unmittelbar in Verbindung bringen heutige Leser stilisierte Darstellungen von Jesus und den Kindern, die seit dem 16. Jh. zu den beliebtesten Motiven christlicher Malerei zählen. Der Abdruck auf dem Titelblatt zeigt eine Darstellung von Lucas Cranach d. J. (um 1540), der mit ihr eine ikonographische Tradition eröffnete.[1] Zum unbedingten Repertoire zählt die Perikope bis heute auch im Religionsunterricht an Grundschulen, sie scheint in besonderer Weise für Kinder zugänglich zu sein.

Handelt es sich wirklich um eine nette, harmlose Geschichte speziell für Kinder? Ist sie tatsächlich oder scheint sie nur auf den ersten Blick relativ leicht verständlich? Ich möchte mit meiner Arbeit eine Antwort auf diese Ausgangsfragen geben.

Zur Erarbeitung eines angemessenen Hintergrundverständnisses gehe ich dabei zunächst auf die generelle Lebenssituation von Kindern in der Antike und ihrer Rezeption innerhalb des Neuen Testaments ein. Es folgt im Hauptteil die konkrete Exegese von Mk 10,13-16, deren Ergebnisse ich in der abschließenden Schlussbetrachtung in Beziehung zu den Ausgangsfragen setze und auf ihre Relevanz für heutiges Christ - Sein hin überprüfe. Auf diesem Weg komme ich zu dem Fazit, dass die zunächst erscheinende Harmlosigkeit der Erzählung ihr genaues Gegenteil ausmacht: Der tatsächliche Gehalt von Mk 10,13-16 ist zu verstehen als massive Kritik an bestehenden Verhältnissen und der Aufforderung zur kompromisslosen Nachfolgebereitschaft.

1) Funktion und gesellschaftliche Stellung des Kindes in der Antike

1.1) Grundlegendes zum antiken Kindheitsverständnis

Bedingt durch hohen Kinderreichtum und einen niedrigere Lebenserwartung ist für alle alten Kulturen eine verhältnismäßig junge Gesellschaftsstruktur kennzeichnend. Hierbei erhalten insbesondere männliche Kinder Bedeutung im Hinblick auf die Sicherung der Nachkommenschaft und als spätere Altersversorgung der Eltern. Ein modernes Verständnis von Kindheit als eine Form des Menschseins herrscht noch nicht vor, sondern bildet sich erst im Zuge der Aufklärung ab dem 16. Jahrhundert aus. Sowohl im Hellenismus als auch im Judentum wird die Phase der Kindheit defizitär angesehen und gilt lediglich als Vorstufe zum Menschsein. Im Mittelpunkt beider Kulturen steht daher die Frage, wie Kinder zu >>fertigen Menschen<< erzogen werden können. Im Hellenismus bildet sich hierbei die Philosophie der >>paideia<< heraus, während im Judentum Erziehung primär als allmähliche Heranführung und Praktizierung des Glaubens verstanden wird.[2]

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Kinder in der Antike per se keine Bedeutung besitzen, sondern lediglich im Hinblick auf ihre zukünftige Rolle als Erwachsene. Ihre Position innerhalb der hierarchisch – patriarchalen Gesellschaftsordnungen von Judentum und Imperium Romanum ist entsprechend niedrig und spiegelt sich beispielsweise in Sitzordnungen beim Essen wider, bei der ihnen die Aufgabe des Tischdieners zukommt.[3]

1.2) Die Rolle des Kindes nach römisch – hellenistischer Auffassung

Im römisch – hellenistischen Raum endet die Kindheit bei Mädchen mit dem 12., bei Jungen mit dem 17. Lebensjahr, wobei diese mit der feierlichen Anlegung der >>toga virilis<< abgeschlossen wird. Bei Mädchen hingegen gibt es keine spezielle Zeremonie, die Hochzeit markiert bei ihnen den Übergang zur erwachsenen Frau.[4] Wie alle Familienmitglieder sind sie eingebunden in das System des antiken >>oikos<<, das ausgerichtet ist auf die >>patria potestas<<, die umfassende Gewalt des Hausvaters über seine >>familia<<. Da er nach römischem Verständnis die einzige Person eigenen Rechts verkörpert, leitet sich die Rechtsstellung der übrigen Familienmitglieder von ihm ab. Auch noch als Erwachsene unterstehen Kinder der Verfügungsgewalt ihres Vaters, die erst mit seinem Tod endet. Als unterste Glieder innerhalb des >>oikos<< wirkt sich Verarmung und wirtschaftliche Not besonders auf die jüngsten Nachkommen aus, die in die Sklaverei verpfändet oder ausgesetzt werden dürfen, wenn ihre Versorgung nicht mehr garantiert ist.[5]

1.3) Spezifische Merkmale des jüdischen Verständnisses

Im Unterschied zur römisch – hellenistischen Auffassung endet im Judentum die Kindheit sowohl für Mädchen als auch für Jungen mit 13 Jahren. Durch die meist frühe Verheiratung junger Frauen überträgt sich die Verfügungsgewalt des Vaters auf den Ehemann. Die Jungen werden mit dem Übergang zum Erwachsenenalter für mündig erklärt und sind aufgefordert, nach dem Gesetz zu leben, dabei müssen sie allen religiösen Verpflichtungen eines erwachsenen Mannes nachkommen. Ähnlich zum >>oikos<< ist auch die jüdische Familie gekennzeichnet durch die herausragende Stellung des Vaters, der ebenfalls das Recht zur Strafe besitzt, darüber hinaus aber auch die religiöse Funktion des Hauspriesters übernimmt.[6]

Grundsätzlich werden Kinder im Judentum als hohes Gut angesehen. Gemäß alttestamentlicher Überlieferung[7] gilt die Zeugung von Nachkommen als Auftrag Gottes, der entsprechend Ehe, Fortpflanzung und Geburt unter seinen Segen stellt. Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit hingegen gelten als Zeichen des Unglücks oder der Strafe Gottes. Logische Schlussfolgerungen eines derartigen Verständnisses sind im Verhütungsverbot und dem Verbot der Kindesaussetzung zu sehen. In erster Linie erhalten Kinder Bedeutung in ihrer Funktion als Nachkommen, die für den Fortbestand des auserwählten Volkes sorgen. Der Erstgeburt, insbesondere einer männlichen, kommt dabei eine herausragende Stellung zu, da sie als göttliches Eigentum betrachtet wird, das ausgelöst werden muss. Vor allem im rabbinischen Judentum wird Wert auf eine gründliche religiöse Unterweisung der männlichen Nachkommen gelegt, die als die zukünftigen Träger der Tora eine äußerst wichtige Funktion übernehmen.[8]

Generell werden Kinder in der Antike als unvernünftige, noch nicht denkende Wesen angesehen und zählen somit, ähnlich wie Frauen oder körperlich Behinderte, zu Mangelexistenzen, die Affinität zu gesellschaftlichen Randgruppen besitzen. Für eine angemessene Auslegung von Mk 10, 13-16 müssen diese Hintergrundinformationen unbedingt berücksichtigt werden, da sie, im Unterschied zur heutigen Auffassung, auf ein grundsätzlich anderes Kindheitsverständnis hinweisen.

2) Griechische Begriffe für >>Kind<< und deren Verwendung im NT

2.1) >>teknon<<

Der griechische Begriff >>teknon<<, bzw. der Diminutiv >>teknion<< wird mit 99 Vorkommen im NT am häufigsten verwendet und stellt dabei eine Vorzugsvokabel von Mt und Lk dar. Etymologisch stammt das Substantiv von >>tikto<< ab, was übersetzt werden kann mit >>gebären<< oder >>hervorbringen<<. Der ursprüngliche Wortsinn des Begriffes bezeichnet das Kind in seinem Abstammungsverhältnis zu seinen Eltern,[9] im NT herrscht allerdings eine symbolische Verwendung vor. Sie beschreibt, im Sinne einer geistlichen Kindschaft, das Verhältnis zwischen Jesus und seinen Anhängern, bzw. zwischen Apostel und Gemeinde.[10] In anderen Kontexten, besonders in der johanneischen und paulinischen Literatur, dient der Begriff zur Bezeichnung des Kindschaftsverhältnisses der Gläubigen zu ihrem väterlichen Gott.[11]

2.2) >>pais<< / >>paidion<<

>>Pais<< bezeichnet das Kind (ca. 7 – 14 Jahre) hinsichtlich seiner sozialen und gesellschaftlichen Stellung. Mit 24 Vorkommen im NT dient das Wort als Sammelbegriff für die in einem Haus unterstehenden Glieder. Besonders in den Haustafeln wird die Zugehörigkeit des >>pais<< zum >>oikos<< hervorgehoben, es steht dabei in semantischer Nähe zu >>doulos<<[12] oder >>uios<<.[13] Vor dem Hintergrund der Hauskirchen als frühchristliche Organisationsform fungiert der Begriff in der Briefliteratur auch in übertragender Bedeutung zur Bezeichnung der Zugehörigkeit der Gläubigen zur Gemeinde.[14]

In enger Verbindung hierzu steht der Ausdruck >>pais qeou<< (>>Gottesknecht<<), der ein zentrales Motiv der Septuaginta und des NT darstellt. Zur Betonung seiner engen Zusammengehörigkeit mit Gott wird Jesus, wie voran gegangene alttestamentliche Propheten, als leidender Gottesknecht bezeichnet. Er verkörpert dabei Niedrigkeit und Nähe zu gesellschaftlichen Randgruppen.

Der Gegenstand dieser Arbeit, die Markusperikope in 10,13-16, verwendet den Diminutiv >>paidion<<, der aufgrund seiner häufigen Verwendung[15] vermutlich ein ursprüngliches Jesuswort darstellt. Er bezeichnet den Säugling oder das Kleinkind und akzentuiert dabei seine Rangniedrigkeit sowie seine

Schutz- und Fürsorgebedürftigkeit, er kann aber auch auf die Unreife kleiner Kinder hinweisen, die noch nicht zwischen gut und böse unterscheiden können.[16]

[...]


[1] Vgl. Lindemann [1983], S. 97.

[2] Vgl. zu diesem Abschnitt Müller [1992], S. 161f.

[3] Vgl. zu diesem Abschnitt Eltrop [2002], S. 83 – 96.

[4] Vgl. Lindemann [1983], S. 82.

[5] Vgl. Müller [1992], S. 107 – 109, Scherberich [2005], S. 9 und Eltrop [2002], S. 83 – 96.

[6] Vgl. zu diesem Abschnitt Scherberich [2005], S. 16f..

[7] Vgl. Gen 1,28: „Seid fruchtbar und mehret euch!“.

[8] Vgl. zu diesem Abschnitt Müller [1992], S. 67 – 69, 124 – 131 und Lindemann [1983], S. 85 – 88.

[9] Vgl. hierzu u.a. 1Kor 7,14.

[10] Vgl. hierzu u.a. Mk 2,5 und 1Kor 4,14.17.

[11] Vgl. hierzu u.a. Röm 8,16 und Joh 1,12f. Zum gesamten Abschnitt vgl. Balz [1982], Sp. 817 – 820.

[12] Anm.: Im antiken >>oikos<< gehörte der Knecht zur Familie (vgl. Balz [1982], Sp. 12).

[13] Vgl. Balz [1982], Sp. 11 – 14 und Müller [1992], S. 200, als Belegstelle vgl. u.a. Mt 2,16.

[14] Vgl. zu diesem Abschnitt Müller [1992], S. 384 – 388, als Belegstelle vgl. u.a. Lk 1,54.

[15] 52 Mal im NT, bes. bei den Synoptikern, bei Markus ausschließlich (vgl. Balz [1982], Sp. 11).

[16] Vgl. zu diesem Abschnitt Coenen [2005], S. 1121, 1126 – 1129 und Balz [1982], Sp. 9 – 11, als Belegstelle vgl. u.a. Mk 9,37.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Exegese von Mk 10,13-16: Die Segnung der Kinder
Untertitel
Darstellung vor dem Hintergrund der Lebenssituation von Kindern in der Antike und ihre Relevanz für damalige und heutige christliche Lebensgestaltung
Hochschule
Universität zu Köln  (Evangelisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Ehe und Familie im Neuen Testament
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V71159
ISBN (eBook)
9783638624503
ISBN (Buch)
9783638794015
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Segnung, Kinder, Familie, Neuen, Testament
Arbeit zitieren
Ricarda Paas (Autor), 2007, Exegese von Mk 10,13-16: Die Segnung der Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71159

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