Die Raumkomzeption im klassischen Theater: Theorie und ihre Anwendung an Hand von Molières "Le Tartuffe ou l'Imposteur"


Seminararbeit, 2004
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Dramatischer Raum

3 Möglichkeiten der Raumkonzeption
3.1 Neutralität
3.2 Stilisierung
3.3 Konkretisierung
3.4 Lokalisierungstechniken
3.4.1 verbale Lokalisierungstechniken
3.4.2 nonverbale Lokalisierungstechniken

4 verschiedene Bühnenformen und ihr Beitrag zur Illusionsbildung
4.1 antike Orchestrabühne
4.2 mittelalterliche Simultanbühne
4.3 Shakespearebühne
4.4 Hoftheater
4.5 Guckkastenbühne

5 Anwendung auf Le Tartuffe ou l’Imposteur von Molière

6 Zusammenfassung

7 Bibliographie

1 Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Raumkonzeption für die Inszenierung eines Dramas. Um in diesen Themenbereich einsteigen zu können, muss man sich zunächst das Begrifffeld abstecken. Welche Unterbereiche berührt das Thema Raumkonzeption? Welche Arten von Inszenierungen gibt es, worauf gründen ihre Konzepte, wie werden sie umgesetzt? Wie muss eine Bühne beschaffen sein, um eine bestimmte Inszenierungsart realisieren zu können? Wie nimmt man als Zuschauer eine Aufführung wahr und ist diese Wahrnehmung vom Dramatiker gewollt? Dient die Bühne als Reflektionsraum für das Bewusstsein der Figuren oder geht es nur um das Abbild eines realen Raumes? Als Zuschauer oder auch als Leser eines Dramas nehmen wir unbewusst Informationen auf und verarbeiten sie in einer Weise, sodass uns der Dramatiker in unserer Wahrnehmung lenken kann. Und um diese Informationsvermittlung über das Medium Raum und seine Gestaltung soll es in meiner Hausarbeit gehen.

In meiner Hausarbeit definiere ich zunächst den Begriff „Dramatischer Raum“. Das Verständnis dieses Begriffes in seinen zwei Inhaltsebenen ist elementar wichtig, um meinen weiteren Ausführungen in dieser Hausarbeit folgen zu können.

Anschließend gehe ich auf die Möglichkeiten der Raumkonzeption ein. Man kann den fiktiven Ort eines Dramas auf verschiedene Arten optisch im realen Raum umsetzen. Jede Art hat eine andere Funktion und möchte dem Zuschauer einen anderen Aspekt des Schauspiels näher bringen. Um dies zu erreichen bedient sich der Regisseur auch verschiedener Techniken, auf die ich im Rahmen der Möglichkeiten der Raumkonzeption eingehen werde.

Darauf folgt die Vorstellung verschiedener Bühnenformen und deren Beitrag zur Illusionsbildung. Im Laufe der Zeit entwickelten sich in unserem europäischen Kulturkreis voneinander sehr unterschiedliche Formen des realen Raumes einer Vorführung. Sie unterscheiden sich in ihren Möglichkeiten der optischen Umsetzung des fiktiven Ortes.

Anschließend möchte ich versuchen, die gewonnenen Erkenntnisse auf das Drama „le Tartuffe ou l’Imposteur“ von Molière anzuwenden. Im Anschluss darauf folgt meine Zusammenfassung meiner Hausarbeit.

2 Dramatischer Raum

Den Begriff „Dramatischer Raum“ muss man als Zusammenspiel zweier verschiedener Raumkonzeptionen verstehen. Der des realen Raumes und der des fiktiven Ortes. Der reale Raum ist der „ Bühnenraum als Schauplatz des Geschehens “ (Platz-Waury 1999: S.19). Er ist „ durch Bühnenform, Dekoration, Requisiten und Licht bestimmt “ (Platz-Waury 1999: S.19). Der fiktive Ort ist der Schauplatz des Theaterstückes, wie es dessen Handlung verlangt. Er wird bestimmt durch den Inhalt des Dramas. Helfend dienen die Fragen nach beiden Raumkonzeptionen. Kann man beim realen Raum fragen: „Wo wird das Theaterstück aufgeführt?“ So muss man nach dem fiktiven Ort fragen: „Wo spielt das Stück?“. Beide Raumkonzeptionen haben ein flexibles Verhältnis zueinander. Ein völlig leerer Bühnenraum kann beispielsweise jeden beliebigen fiktiven Ort darstellen, es ist aber auch möglich, dass sich der Bühnenraum gänzlich in den fiktiven Ort verwandelt. Dies geschieht durch die unterschiedlichen Arten der Raumkonzeption.

(vgl. Platz-Waury 1999: S.18-21).

3 Möglichkeiten der Raumkonzeption

Die optische Darstellung des fiktiven Ortes eines Theaterstückes hängt von der Art der Raumkonzeption ab. Sie „ zeichnet sich durch ein unterschiedliches Maß an Konkretheit aus “ (Platz-Waury 1999: S.20). Man unterscheidet Neutralität, Stilisierung und Konkretisierung als Grade der Raumkonzeption. Mit dem Grad der Konkretisierung des Schauplatzes verändert sich auch die Funktion des Raumes. „ Die Bühne kann einerseits völlig leer sein und damit jeden beliebigen Schauplatz darstellen. Der Bühnenraum kann sich andererseits vollständig in den fiktiven Aktionsraum verwandeln, […].“ (Platz-Waury 1999: S.19).

(vgl. Platz-Waury 1999: S.19/20, Pfister 1977: S.345-349).

3.1 Neutralität

Das Hauptaugenmerk in der neutralen Raumkonzeption wird auf die Figuren und ihr Bewusstsein gelegt. Der Raum ist wenig konkretisiert, dargestellt wird weniger die Figur als Individuum, sondern eher die Figur als Vertreter einer sozialen Schicht oder einer Gruppe. Soweit es dafür von Nöten ist, wird der Raum spezifiziert, beispielsweise ein feudaler Raum zur Darstellung der majestätischen Würde einer Figur. Die Figuren sollen aber als möglichst selbstständig gelten, d.h. nicht von einem Raum abhängig oder durch einen Raum definiert sein. Der Raum soll nur eine „ reflektierende Funktion “ (Pfister 1977: S.349) haben, den Status der Figuren widerspiegeln, wodurch es zu einem Übergewicht von öffentlichen Schauplätzen gegenüber privater Räumlichkeiten kommt. Dies verleiht der neutralen Raumkonzeption einen abstrakten Charakter. Anwendung fand die neutrale Raumkonzeption beispielsweise in der griechischen Antike. Aus Mangel an Möglichkeiten „ finden sich wenige und dann immer bedeutsame Requisiten “ (Pfister 1977: S.357). Zudem war das Zentrum des Interesses die Innerlichkeit der Figuren, wodurch eine Konkretisierung des Bühnenraumes nicht als wichtig erachtet wurde.

(vgl. Pfister 1977: S.345/46, 348/49, 357).

3.2 Stilisierung

Auch bei der stilisierten Raumkonzeption hat der Raum eine reflektierende Funktion. Doch anders als bei der neutralen Raumkonzeption dient er hier nur nebensächlich als Abbild eines realen Raumes. Ihm fällt nun die Aufgabe zu, die Bewusstseinslage der Figuren widerzuspiegeln. Er dient nur noch als „ marginaler Rahmen, der in abstrakter Stilisierung den Schauplatz andeutet “ (Pfister 1977: S.346). Aus diesem Grund bleibt auch das Bühnenbild unspezifiziert und undefiniert. Es ist auf wenige aber bedeutsame Elemente beschränkt, welche allerdings durch ihre Darstellung keine absolute Interpretation zulassen. Dadurch erhalten das Bühnenbild als Ganzes und die Bühnenelemente im Speziellen mehrfache Bedeutung und liefern mehrfache Interpretationsansätze. Einerseits kann jeder Zuschauer selbst das Bühnenbild für sich interpretieren, andererseits interpretieren die Figuren das Bühnenbild für den Zuschauer, wenn das gleiche Bühnenbild durch die veränderte Bewusstseinslage einer anderen Figur eine andere Bedeutung bekommt und dadurch eine neue Interpretation zulässt. Die stilisierte Raumkonzeption fand Verwendung im klassischen französischen Drama oder im Drama der Weimarer Klassik.

(vgl. Pfister 1977: S.346, 348/49, 357).

3.3 Konkretisierung

Das Ziel der konkretisierten Raumkonzeption ist die Nachahmung der Wirklichkeit. Im Nebentext[1] des Theaterstücks ist das Bühnenbild in großer Ausführlichkeit bis ins kleinste Detail beschrieben. Hierbei kann man erkennen, dass „ der Raum […] nicht mehr peripherer Rahmen ist, sondern eine völlig neue Bedeutung erlangt “ (Pfister 1977: S.346). Durch eine Fülle an Requisiten werden die Umstände, in denen die Figuren leben, vergegenständlicht. Bei den Requisiten wiederum wird auf die „ Echtheit des Materials “ (Pfister 1977: S.346) geachtet, sodass „ die vollständige Illusion eines realen Raumes “ (Pfister 1977: S.346) erzeugt werden kann. So wird die Abhängigkeit der Figuren von ihrem Umfeld verdeutlicht. Die Figuren sollen als „ mit der Umwelt verwachsen “ (Pfister 1977: S.348) wirken, wodurch die Determination der Figuren durch die äußeren Umstände gezeigt werden soll. Das Zustandhafte des gegenständlichen Raumes dominiert die Figur, wodurch das Fehlen des autonomen Handelns einer Figur optisch realisiert wird. Vor allem bei Aufführungen von Stücken des Naturalismus oder von Dramen des späten 19.Jahrhunderts findet man die konkretisierte Raumkonzeption. Zum einen aus der Intention heraus, die Zuschauer durch visuelle Vielfalt und Schaueffekte in den Bann zu ziehen, zum anderen, um die Phantasie des Zuschauers zur Vervollständigung des ausschnitthaften Charakters des präsentierten Raumes zu benutzen. Der Zuschauer soll den fiktiven Schauplatz auf der Bühne als „Teil eines räumlichen Kontinuums“ verstehen und mit Hilfe seiner Phantasie baut er eine eigene Welt um diesen fiktiven Schauplatz auf.

(vgl. Pfister 1977: S.345-348, 357; Platz-Waury 1999: S.19).

[...]


[1] Nebentext: Der Nebentext umfasst „alles, was im gesprochenen Text nicht enthalten ist: Dramentitel, Vorwort oder Widmungsbrief, Personenverzeichnis, Akt- und Szenenmarkierung, Auftritt bzw. Abgang von Personen sowie natürlich alle Angaben zur Szenerie, der Schauspieleraktion, zu akustischen Phänomenen usw.“ (Platz-Waury 1999: S.31).

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Raumkomzeption im klassischen Theater: Theorie und ihre Anwendung an Hand von Molières "Le Tartuffe ou l'Imposteur"
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die französische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V71176
ISBN (eBook)
9783638628075
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raumkomzeption, Theater, Theorie, Anwendung, Hand, Molières, Tartuffe, Imposteur, Proseminar, Einführung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Daniel Wimmer (Autor), 2004, Die Raumkomzeption im klassischen Theater: Theorie und ihre Anwendung an Hand von Molières "Le Tartuffe ou l'Imposteur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71176

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