Spiegelung und Inszenierung der Stadt in der Zeitschrift "Die Gartenlaube" 1880 bis 1900


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Presse und Stadt vor der Jahrhundertwende
2.1. Printmedien und Stadt – Eine Symbiose?
2.2. Die Gartenlaube – Profil und Erfolgsrezept
2.3. Die Stadt in der Gartenlaube – Ein Überblick

3. Spiegelung und Inszenierung der Stadt in der Gartenlaube
3.1. Die Stadt als Fortschritts-Motor – Industrie und Technik
3.2. Die Stadt als Schauspiel – Ausstellungen und Messen
3.3. Die Stadt als Lebensraum – Bürgerstolz und Wohnungsnot

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um zum Thema dieser Hausarbeit, der Darstellung von „Stadt“ in den Printmedien, insbesondere in der Familienzeitschrift „Gartenlaube“, hinzuführen, soll zunächst ein kurzer Einblick in die Geschichte der Presse im 19. Jahrhundert gegeben werden. Die Entwicklung der Massenpresse vor 1900 steht in engem Zusammenhang mit der Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Verstädterung. Der Zuzug in die Stadt riss bis zum 1. Weltkrieg nicht ab, vollzog sich aber vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, so dass die Stadtbevölkerung innerhalb von hundert Jahren auf das Sechs- bis Zehnfache anstieg.[1] Hatte die Parteipresse bereits in der Revolution von 1848 eine Rolle gespielt, traten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Generalanzeiger als „Prototypen der neuen Massenpresse“[2] vor allem in den Mittel- und Großstädten in den Vordergrund.[3] Die Finanzierung durch Anzeigen[4], sowie neue Drucktechniken und sinkende Papierpreise machten es möglich, die Zeitungen billiger zu verkaufen. Ein Massenpublikum konnte mit Hilfe der geringeren Preise und der neuen politischen Neutralität erreicht werden.[5] Auch die Vertriebsbedingungen änderten sich. Die Konzentration der Leser in den Städten erleichterte die Verteilung ebenso wie neue Transportmittel. Wurden Zeitungen bisher fast ausschließlich über Abonnements bezogen, kam nun in den Städten der Vertrieb an Kiosks oder durch Straßenverkäufer hinzu. Eine weitere Neuerung bestand darin, dass beim Leser statt einer ideologisch-politischen eine räumliche oder emotionale Bindung zu einem Blatt geschaffen wurde.[6]

Noch vor den Tageszeitungen gelang es den meist wöchentlich erscheinenden Zeitschriften, aus denen sich später die Illustrierten entwickeln sollten, bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine breite Leserschaft anzusprechen. Die vorliegende Hausarbeit verwendet als Quelle Die Gartenlaube, die 1853 in Leipzig von dem in liberaler Tradition stehenden Verleger Ernst Keil gegründet wurde. Die Zeitschrift, die bis 1944 erschien, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten deutschen Unterhaltungsmedien[7]. Keils Ziel war es, mit unpolitischen Themen und einem speziell auf die Familie zugeschnittenen Profil eine breite Leserschaft zu erreichen. Die Autorin Kirsten Belgum vertritt die These, dass die Gartenlaube durch ein breites Themenspektrum und überregionale Ausrichtung sogar die Interessen des gesamten deutschen Volkes angesprochen habe[8] und quasi die deutsche Jahrhundertwende-Identität im Querschnitt widerspiegele[9]. In erster Linie rekrutierte das Blatt seine Leserschaft aber aus der bürgerlichen Mittelschicht.

Die Zusammenhänge von Presse- und Stadtentwicklung sowie Profil und Erfolgsrezept der Gartenlaube sollen am Anfang der Hausarbeit erläutert werden. Anschließend wird versucht, die Darstellung von Stadt in der Gartenlaube gegen Ende des 19. Jahrhunderts anhand von Beispielen zu beschreiben. Die Frage, in welchem Kontext und aus welchem Blickwinkel die Stadt in den jeweiligen Texten geschildert wird, soll dabei im Vordergrund stehen. Es soll versucht werden zu analysieren, welches Bild von Stadt die Familienzeitschrift entwirft, wie Leben und Zustände in der Stadt beschrieben und gewertet werden und welche Eindrücke und Wahrnehmungen von Stadt sich daraus für den Leser ergeben. Für diese Hausarbeit wurden Ausgaben der Gartenlaube aus dem Zeitraum zwischen 1880 und 1900 untersucht. Aus Platzgründen ist die Auswahl der Artikel fast ausschließlich auf solche beschränkt, die im Zusammenhang mit der Reichshauptstadt Berlin erschienen sind.

2. Presse und Stadt vor der Jahrhundertwende

2.1. Printmedien und Stadt – Eine Symbiose?

Bei der Beantwortung der Frage, welche Rolle die Zeitungen und Zeitschriften in Bezug auf die Wahrnehmung von Stadt spielten, lassen sich aus der verwendeten Literatur zwei Haupttendenzen ableiten: Zum einen wird die Auffassung vertreten, dass Zeitungen und Zeitschriften die Stadt spiegelten, sich also gewissermaßen auf die durch städtische Leserschichten entstandene Marktlücke einstellten.[10] Zum anderen sind verschiedene Autoren der Meinung, dass die Printmedien als aktive Gestalter ein bestimmtes Bild von Stadt entwarfen, indem sie Veranstaltungen oder Entwicklungen erst in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückten.[11] Generell lässt sich vor der Jahrhundertwende eine Wandlung des Mediums von „Zeitung in der Stadt“ zu „Zeitung für die Stadt“ feststellen, d.h. vor allem die Tageszeitungen stellten sich auf Gewohnheiten und Interessen der Städter ein und schufen nicht selten eine besondere Bindung zu einer bestimmten Stadt.[12] Illustrierte und Familienzeitschriften dagegen waren eher überregional orientiert.

Stark verkürzt sollen die Funktionen der Zeitung in der Stadt auf einige Punkte zusammengefasst werden.[13] Zeitungen und Zeitschriften übernahmen für viele Städter eine informierende und führende Funktion. Ist die Frage, ob sie nun gleichermaßen allen Schichten als Orientierungshilfe dienten, auch strittig, so ist doch sicher, dass breite Leserschichten sie zur Wohnungs- und Arbeitssuche sowie zur Information über Freizeitgestaltung nutzten. Der zweite Punkt, der vor allem auch bei den Zeitschriften eine Rolle gespielt haben dürfte, war die Unterhaltungsfunktion. Fortsetzungsromane, das Feuilleton, Gedichte und nicht zuletzt Illustrationen mögen das veranschaulichen. Weiterhin porträtierten die Printmedien die Stadt, indem sie Journalisten mitten aus dem Geschehen berichten ließen.[14] Oft wurden dem Leser unbekannte Bereiche vorgestellt, wobei die Journalisten nicht nur beschrieben, sondern auch kommentierten und erklärten. Eine andere wichtige Funktion der Zeitungen und Zeitschriften war die der Integration. Der Leser als anonymes Individuum konnte sich durch das Medium sowohl mit den anderen Lesern als auch mit dem Reporter identifizieren[15] und sich so in eine scheinbare Gemeinschaft eingliedern.[16]

Die oft vertretene Meinung, dass Zeitungen und Zeitschriften die Stadt als eine Art Schauspiel inszenierten und somit das Stadtbild ihrer Leser beeinflussten, soll in den folgenden Kapiteln am Beispiel Gartenlaube diskutiert werden. Zusammenfassend lässt sich die These aufstellen, dass einerseits die Printmedien von der Entwicklung der Städte lebten, die neue Lesergruppen und Themen mit sich brachte, andererseits die Städte oft von Veröffentlichungen profitierten, in denen Veranstaltungen und Sehenswürdigkeiten vorgestellt und zum Teil regelrecht beworben wurden – man könnte von einer Art Symbiose sprechen.

2.2. Die Gartenlaube – Profil und Erfolgsrezept

Die Gartenlaube war zwar nicht die erste Familienzeitschrift, die nach 1848 gegründet wurde, sollte aber die bei weitem erfolgreichste werden. Die wöchentlich erscheinende Zeitschrift startete 1853 mit einer Auflage von 5 000, wurde bereits acht Jahre später mit bis zu 100 000 Kopien zu Deutschlands größtem Periodikum und erreichte 1875 eine Spitzen-Auflage von 382 000.[17] Was aber war es, das die Gartenlaube so erfolgreich machte? Zunächst wandte sich Keil nicht wie seine Konkurrenz an ein hochgelehrtes Publikum, sondern auch an weniger gebildete Leser. Als Familienmagazin sollte das Blatt „jedem etwas bieten“.[18] Die Beiträge waren daher universellen Inhalts, berichteten über Wissenschaft, Technik und Medizin ebenso wie über Kunst und Geschichte, klärten mit leicht verständlicher Sprache über kompliziertere Vorgänge auf und kommentierten aktuelle Probleme oder Ereignisse.[19] Kennzeichnend für die Gartenlaube waren neben zahlreichen Illustrationen die Fortsetzungsromane und Gedichte, die oft von bekannten Autoren wie Theodor Fontane, Theodor Storm oder Peter Rosegger verfasst waren.[20] Leserzuschriften erleichterten der Redaktion, die Interessen des Publikums abzuschätzen.[21]

Obwohl Ernst Keil sich auf unpolitischem Weg an ein Massenpublikum wandte und so weitgehend der Unterdrückung und Zensur[22] entging, habe er versucht, „das deutsche Volk mit der Gartenlaube zu politischer Reife zu erziehen“[23]. So hieß es im Gründervertrag von 1852: „Als Zweck und Tendenz dieser Zeitschrift wird ausschließlich Unterhaltung und Belehrung, diese aber auch in unterhaltender Form, bezeichnet. Politik, rein literarische Kritik und religiöse Polemik bleiben ausgeschlossen.“[24] Trotz des beschaulichen Stils, der scheinbar Idyllen und Attraktionen in den Vordergrund stellte, vertreten mehrere Autoren die Ansicht, dass die Gartenlaube keineswegs so unpolitisch war, wie es auf den ersten Blick scheint.[25] Patriotismus und nationales Gedankengut spielten eine große Rolle,[26] ohne jedoch zur Ausgrenzung des Fremden oder Internationalen zu führen.[27] In einer Zeit des sozialen Umbruchs durch Industrialisierung, Urbanisierung und Massenemigration stellte die Gartenlaube für ihre Leser eine Orientierungshilfe dar. Keil selbst begründete in einem Herausgeberkommentar von 1861 den wachsenden Zuspruch an Lesern folgendermaßen: Die Gartenlaube habe das Ziel, „ ein durch und durch deutsches Blatt“ zu sein.[28]

[...]


[1] S. dazu Kirsten Belgum, Popularizing the nation: audience, representation and the production of identity in Die Gartenlaube 1853-1900, Lincoln, Nebrasca: University of Nebrasca Press, 1998, S.6. In Europa lebten im Jahr 1800 noch 19 Millionen Menschen in der Stadt, 1900 war die Stadtbevölkerung auf 108,3 Millionen angewachsen. Die Zahlen wurden einem Thesenpapier von Anais Kramer aus dem Seminar „Städte im Umbruch“ entnommen. Quellenangabe: Thomas Krämer-Badoni, Die Stadt als sozialwissenschaftlicher Gegenstand.

[2] Rudolf Stöber, Deutsche Pressegeschichte. Das 19. und 20. Jahrhundert, Konstanz: UVK Medien, 2000, S. 232.

[3] Der Zusammenhang zwischen dem Zuzug in die Städte und der Massenpresse wird dargestellt bei Peter Fritzsche, Reading Berlin 1900, Cambridge: Harvard University Press, 1998, S.57ff

[4] Bei einigen Anzeigern betrug das Verhältnis von Anzeigen - zu Verkaufserlös schon vor dem 1. Weltkrieg 70 zu 30. S. ebd.

[5] Voraussetzungen für die Entwicklung der Massenpresse werden erläutert bei Belgum, Popularizing..., S.3-8.

[6] Ausführliche Informationen zu den verschiedenen Typen von Printmedien und ihrer Entwicklung finden sich in Stöber, Pressegeschichte.

[7] S. dazu Stöber, Pressegeschichte, S. 238 ff.

[8] Laut Kirsten Belgum, gelang es vor allem durch das Schaffen einer nationalen Identität, die Leser mit unterschiedlichem sozialen und regionalen Hintergrund innerhalb der gemeinsamen deutschen Nationalität zu vereinigen. S. dazu vor allem Belgum, Popularizing..., S.17f.

[9] Zur Theorie der Autorin s. ebd., Einleitung, S. XXIIIf.

[10] Vgl. auch die auf den Wertewandel bezogene Organtheorie und Spiegeltheorie, erklärt bei Stöber, Pressegeschichte, S.292.

[11] Beiden Ansätzen s. z.B. bei Vanessa R. Schwartz, Setting the stage. The Boulevard, the press and the framing of everyday life, in: dies., Spectacular realities. Early mass culture in Fin-de-siecle Paris, Berkeley: University of California Press, 1998, S.32. Peter Fritzsche vertritt die 2. These u.a. auf S.46.

[12] S. dazu Fritzsche, Reading Berlin, S. 72-86 sowie Stöber, Pressegeschichte, S.234.

[13] Die folgende Zusammenfassung stützt sich in erster Linie auf Schwartz, Setting the stage (wie 9.) und Fritzsche, Reading Berlin. Beide vertreten die Auffassung, dass die Zeitung vor allem als eine Art Wegweiser und Orientierungshilfe in der Stadt diente.

[14] Schwartz spricht vom Reporter als „Mann der Straße“, s. S.42. Besondere Bedeutung erhielten in diesem Zusammenhang Reportage und Interview.

[15] S. dazu Belgum, Popularizing..., S. 100f.

[16] Schwartz spricht von einer Teilnahme an einer Art konstruiertem Kosmos. S. dazu besonders Setting the stage, S.26ff und 43.

[17] Die Konkurrenzblätter „Daheim“ und „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ kamen über 70 000 nicht hinaus. Statistik s. bei Stöber, Pressegeschichte, S. 239.

[18] Belgum. Popularizing..., S.XII.

[19] Im Gegensatz zu den Tageszeitungen befasste sich die Zeitschrift nicht mit dem tagesaktuellen Geschehen, sondern eher mit für die jeweilige Zeit relevanten Themen von allgemeinem Interesse.

[20] Weitere Erfolgsfaktoren beschreibt Kirsten Belgum auf S.12ff.

[21] S. zum Konzept der Gartenlaube Stöber, Pressegeschichte, S. 239f; auch: Ernst Bollinger, Pressegeschichte 1840-1930, die goldenen Jahre der Massenpresse, Freiburg, Schweiz: Universitäts-Verlag, 1996, S. 31ff.

[22] In den Jahren um 1848 waren Keils liberale Blätter mehrmals der Verfolgung und Unterdrückung durch die Reaktion ausgesetzt; 1852 entwickelte er während seiner Inhaftierung für „revolutionäre publizistische Aktivitäten“ die Idee für die Gartenlaube. S. dazu Belgum, Popularizing..., S. 13.

[23] „Sein Ziel wurde es, ein möglichst breites Publikum der deutschen Mittelklasse zu erreichen und aufzuklären, weil (wie es ein früher Artikel der Gartenlaube ausdrückte), Freiheit nur in einer ‚relativ eiheitlich gebildeten und tugendhaften Gesellschaft mit den gleichen Interessen’ möglich sei.“ Übersetzt nach Belgum, Popularizing..., S.14.

[24] Zitiert nach Stöber, Pressegeschichte, S.239.

[25] S. z.B. Wilmont Haacke, zitiert ebd, S. 33 oder Kirsten Belgum, Popularizing..., S. 12ff.

[26] S. dazu vor allem Belgum, Popularizing... Kapitel 1.

[27] Immer wieder erschienen auch Reportagen aus aller Welt oder Beschreibungen fremder Kulturen. Auch dem aufklärerischen Konzept der Gartenlaube hätte radikaler Nationalismus entgegengehandelt. S. Belgum, Popularizing..., S. XIII.

[28] S. ebd. S.21.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Spiegelung und Inszenierung der Stadt in der Zeitschrift "Die Gartenlaube" 1880 bis 1900
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Europäische Städte im Umbruch. Sozial- und Wahrnehmungsgeschichte urbaner Zentren im 19. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V71182
ISBN (eBook)
9783638628303
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spiegelung, Inszenierung, Stadt, Zeitschrift, Gartenlaube, Europäische, Städte, Umbruch, Sozial-, Wahrnehmungsgeschichte, Zentren, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Anne Krenzer (Autor), 2002, Spiegelung und Inszenierung der Stadt in der Zeitschrift "Die Gartenlaube" 1880 bis 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71182

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