Herren und Diener im Theater Molières


Seminararbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Rollen die von Dienern übernommen werden
1.1. Informanten
1.2. « régulateurs du climat comique »
1.3. Befehl und Gehorsam
1.4. Beobachter
1.5. Vertraute
1.6. Ratgeber
1.7. Helfer
1.8. Intriganten
2. Weitere Charakteristika der Dienerfiguren
2.1. Kühnheit
2.2. Eitelkeit und Machtposition
2.3. gesunder Menschenverstand
2.4. Dreistigkeit
2.5. Feigheit
2.6. Fantasie und Vielseitigkeit
2.7. Herren und Diener: Abhängigkeit und Respektlosigkeit

III. Schluss

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

I. Einleitung

Nur sehr selten findet man in der Literatur Theaterstücke ohne Dienerfiguren. In der Tradition der Komödie z.B. haben die Diener eine sehr wichtige Funktion: dramaturgisch gesehen, fungieren sie als Intriganten und Vorantreiber der Handlung, psychologisch gesehen sind sie, wie Konrad Schoell hervorhebt, die Verkörperung der Vitalsphäre und der praktischen Lebensbewältigung.[1] Des weiteren sind es die Diener, die in erster Linie die Verbindung zwischen dem Publikum und dem Werk herstellen: als amüsierte Zeugen tragen sie dazu bei das komische Klima zu schaffen. Äußerst selten finden sich deswegen Expositionen ohne Dienerfiguren: zu Beginn des Stückes sind diese Figuren notwendig, um die bedeutenden Szenen vorzubereiten, dem Zuschauer wichtige Informationen zukommen zu lassen sowie um ihn zum Lachen zu bringen. Des Weiteren bedarf es bei den Dienerfiguren – im Gegensatz zu den meisten anderen Nebenfiguren – keiner Erklärung für ihre Präsenz auf der Bühne. Sie sind präsent durch ihre dramaturgische Funktion sowie durch ihre Funktion als Diener[2], d.h. durch ihre Verbindung zu ihrem jeweiligen Herrn.

Auch bei Jean-Baptiste Molière sind in allen - oder zumindest in fast allen - Theaterstücken Diener auf der Bühne präsent. Bei manchen von diesen Dienern handelt es sich um stumme Rollen, sie treten nur kurz in Erscheinung, sprechen kein Wort und finden daher auch nur sehr wenig Beachtung. Doch es gibt auch so manche bedeutende Dienerfiguren in Molières Theaterstücken, Figuren die zur Strukturierung des Stückes beitragen und zuständig für die komischen Effekte sind. Dies sind die Figuren, die in der folgenden Arbeit näher betrachtet werden. Diese Dienerfiguren stehen in fast allen Werken Molières in einem sehr engen Verhältnis zu ihren Herren bzw. Herrinnen – oder zumindest zu einer Person der jeweiligen Familie – weswegen ich versuchen werde, insbesondere auch das Herren-Diener Verhältnis der betroffenen Figuren näher zu beleuchten. Da es mir jedoch nicht möglich ist, mich mit allen Dienerfiguren Molières zu beschäftigen werde ich mich in dieser Arbeit auf die vier Rollen beschränken, die meiner Meinung nach am meisten über Molières Diener aussagen.

Zum einen handelt es sich hier um die Figur des „Sganarelle“ aus Molières „Dom Juan“, dessen Bedeutsamkeit u.a. dadurch unterstrichen wird, dass er sich in fast allen Szenen des Stückes auf der Bühne befindet, wodurch diese Figur viel weiter ausgearbeitet ist, als es sonst meist der Fall ist bei Molières Dienerfiguren.[3] Auch die Figur des „Scapin“ aus den „Les fourberies de Scapin“ – das erste Werk Molières in dem es sich bei der Titelfigur um einen Diener handelt – werde ich näher betrachten. Da es meiner Meinung nach einige bedeutende Unterschiede zwischen den männlichen und den weiblichen Dienerfiguren gibt, habe ich mich des Weiteren für „Dorine“ aus „Tartuffe ou l’imposteur“ und „Toinette“ aus „Le malade imaginaire“ entschieden. Anhand dieser Figuren werde ich versuchen zu beleuchten, wie die Diener in Molières Theaterstücken dargestellt werden, welches Verhalten sie ihren Herren gegenüber an den Tag legen und welche dramaturgischen Aufgaben sie in dem jeweiligen Stück übernehmen können.

II. Hauptteil

1. Rollen die von Dienern übernommen werden

1.1. Informanten

In den Expositionen ist eine Hauptfunktion der Diener, das Bild des Protagonisten zu entwerfen: der Diener befindet sich als enger Vertrauter seines Herrn genau in der richtigen Position um diese unentbehrlichen Informationen zu liefern.

In der ersten Szene des „Dom Juan“ sagt Sganarelle zu Gusman, dass es ihm keine Mühe bereitet, seinen Herrn zu verstehen: „Je n’ai pas grande peine à le comprendre moi“ (I,i). Des weiteren zeichnet der Diener in diesem Gespräch ein äußerst negatives Bild von seinem Herrn und bereitet so die Ankunft von Dom Juan vor :

... Je t’apprends (inter nos) que tu vois en Dom Juan, mon maître, le plus grand scélérat que la terre ait jamais porté, un enragé, un chien, un diable, un Turc, un hérétique, qui ne croit ni Ciel, ni Enfer, ni loup-garou, qui passe cette vie en véritable bête brute, en pourceau d’Épicure, en vrai Sardanapale... (I,i)

Im „Tartuffe“ bereitet Dorine das Publikum vor indem sie Cléante – Orgons Schwager – vom Betrüger und dem verblendeten Herr des Hauses erzählt (I,ii). Auch ist es Dorine, die dem Zuschauer schildert, wie Tartuffe sich mästet, ohne Rücksicht auf die kranke Elvire zu nehmen. Im Gespräch mit Orgon zeichnet sie ein Bild von Tartuffe, das dazu dient, die Neugierde des Zuschauers zu wecken:

Tartuffe! il se porte à merveille, / Gros et gras, le teint frais et la bouche vermeille ... / ... Il soupa, lui tout seul, devant elle ; / Et fort dévotement il mangea deux perdrix, / Avec une moitié de gigot en hachis ... / ... Il reprit courage comme il faut ; / Et, contre tous les maux fortifiant son âme, / Pour réparer le sang qu’avait perdu madame, / But, à son déjeuner, quatre grands coups de vin. (I,iv)

Während des Stückes ist es der Diener an den sich der Herr wendet um von sich selbst zu erzählen und um sein Herz auszuschütten. In diesen Momenten zeigt er unverhüllt seine wahren Gefühle und Gedanken.

Schon kurz nachdem Dom Juan seinem Vater versichert hat, er würde seine Fehler einsehen und wolle sich von nun an tugendhafter benehmen, offenbart er in einem Gespräch mit Sganarelle seine wahren Gedanken: „Quoi? tu prends pour de bon argent ce que je viens de dire, et tu crois que ma bouche était d’accord avec mon coeur?“ (V,ii). Da es im „Dom Juan“ unerlässlich ist, dem Publikum Dom Juans Einstellung zur Moral und zur Religion zu vermitteln, kommt es des öfteren zu längeren Gesprächen zwischen dem Titelhelden und seinem verunsicherten Vertrauten, Gespräche, die manchmal zu wahren Debatten werden können.[4]

1.2. « régulateurs du climat comique »

Ihre[5] Spötteleien und Scherze, ihre physischen und verbalen Spielchen sowie ihre Verkleidungen machen aus den Dienern die „régulateurs du climat comique“.

Sganarelle z.B. spielt u.a. die Rolle des „Hofnarren“: er kann singen, mimen, Grimassen schneiden, parodieren, usw. Er macht den Hanswurst um den Zuschauer zu unterhalten, doch gleichzeitig unterhält er auch seinen Herrn, denn Dom Juan selbst provoziert in so mancher Situation die Possen seines Dieners.

Auch Toinette, die sich als Arzt verkleidet um ihrem Herrn die Augen zu öffnen (III,x), trägt ohne Zweifel zum komischen Klima des Gesamtwerkes bei.

1.3. Befehl und Gehorsam

Ein bedeutendes Merkmal des Herr-Diener Verhältnisses in Molières Theaterstücken ist die Tatsache, dass der Grundsatz „Diener gehorchen ihren Herren“ nie in Frage gestellt wird. Der Herr befiehlt und der Diener gehorcht. Auch die Folgen eines möglichen Ungehorsams, wie z.B. eine Ohrfeige oder die sog. „bastonnade“ werden in keinem Moment angezweifelt.[6]

Dies heißt jedoch nicht, dass die Diener nur Automaten sind, die die jeweiligen Wünschen ihres Herrn blind ausführen, ohne weiter darüber nachzudenken. Die Diener in Molières Theaterstücken sind Männer und Frauen, keine Marionetten[7]. Diese Tatsache ändert sich auch dann nicht, wenn den Diener – wie es oft vorkommt – deswegen Schläge angedroht werden:

Orgon droht Dorine: „Il faut que je lui donne un revers de ma main“ (II,ii)

Und auch Dom Juan verspricht Sganarelle Schläge: „Si tu m’importunes davantage [...] je vais te faire [...] rouer de mille coups“ (IV, i)

Argan hat den Stock schon in der Hand: „Pour le coquin de Scapin, je le rouerai de coups“ (I,iv)

1.4. Beobachter

Eines der auffälligsten Merkmale der Dienerfiguren Molières ist ihre Fähigkeit sich ihr eigenes Urteil über ihren Herrn und die Geschehnisse in der jeweiligen Familie zu bilden.[8]

Wie vorher bereits erwähnt, hat Sganarelle Dom Juan sehr oft beobachtet und zögert nicht, vor Gusman seine Meinung über seinen Herrn offen darzulegen (I,i).

Auch Scapin schätzt den Vater seines jungen Herrn Léandre sehr gut ein:

avare au dernier degré ... vous savez que pour l’esprit, il n’en a pas, grâces à Dieu, grande provision, et je le livre pour une espèce d’homme à qui l’on fera toujours croire tout ce que l’on voudra (II,iv)

Dorine weiß sehr genau was in „ihrem“ Haushalt vorgeht. Sie bemerkt wie sich Orgons Charakter unter dem Einfluss von Tartuffe verschlechtert hat und erkennt dass Tartuffe versucht, Orgon für seine eigenen Zwecke zu manipulieren: „Lui qui connaît sa dupe et qui veut en jouir“ (I,ii) Dorine gegenüber gelingt es Orgon nicht, Gleichgültigkeit vorzutäuschen. Da er die Gründe der Anziehungskraft, die Tartuffe auf ihn hat, nicht zu erklären vermag, weicht er aus und pocht auf seine Autorität als Herr im Haus.

Für Toinette ist ihr Herr Argan ein offenes Buch. Sie weiß ganz genau dass dieser ein Hypochonder ist und lässt sich von seinem Stöhnen und seinen Seufzern nicht beeindrucken. Toinette weiß, dass Argan Angst vor Krankheiten hat, und dass er deswegen zu allen Narrheiten bereit ist.[9] Außerdem erkennt sie, dass Argans Ärzte ihren Herrn nur ausnutzen: „Ce monsieur Fleurant-là et ce monsieur Purgon s’égayent bien sur votre corps, ils ont en vous une bonne vache à lait“ (I,ii). Des weiteren erkennt sie schnell den wahren Charakter von Béline, sie merkt, dass diese ein Auge auf Argans Vermögen geworfen hat und sie weiß dass sie deswegen Argan zu überzeugen versucht, seine Töchter in ein Kloster zu schicken: „la bonne bête a ses raisons“ (I,v).

Dorine kennt den Charakter jedes Familienmitglieds. Sie lacht über Orgons Drohungen, fürchtet die Hitzköpfigkeit von Damis und hat Vertrauen in die Loyalität und die Geschicklichkeit von Elmire.

Somit versuchen die jeweiligen Herren zwar, sich selbst oder auch andere zu täuschen, doch es gibt stets einen Diener, eine „unbedeutende“ Person, die alles bemerkt und beobachtet und seine eigenen Schlüsse zieht aus dem was er sieht.[10]

[...]


[1] vgl. Schoell, Konrad : Abhängigkeit und Herrschaft in der Molièreeschen Komödie. In: Poetica 12, 1980. S. 170.

[2] vgl. Emelina, Jean: Les valets et les servantes dans le theâtre comique en France de 1610 à 1700. Grenoble : PUG 1975. S. 75.

[3] vgl. Davis, Mollie G.: Masters and servants in the plays of Molière. In: Molière: Stage and study. Essays in honour of W.G. Moore. Howath, W.D.; Thomas, Merlin (Hrsg). Oxford: Clarendon Press 1973. S. 145.

[4] vgl. Emelina, Jean: Les valets et les servantes dans le théâtre comique en France de 1610 à 1700. S. 103.

[5] ebd. S. 133.

[6] vgl. Davis, Mollie G.: Masters and servants in the plays of Molière. S. 135.

[7] vgl. Demers, Maria Ribaric: Le valet et la soubrette de Molière à la révolution. Paris : Éditions Nizet. S. 24.

[8] vgl. Davis, Mollie G.: Masters and servants in the plays of Molière. S. 135.

[9] vgl. Moraud, Yves: La conquête de la liberté de Scapin à Figaro. Valets, servantes et soubrettes de Molière à Beaumarchais. Presses Universitaires de France 1981. S. 37.

[10] vgl. Davis, Mollie G. : Masters and servants in the plays of Molière. S. 136.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Herren und Diener im Theater Molières
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V71191
ISBN (eBook)
9783638631174
ISBN (Buch)
9783656645191
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herren, Diener, Theater, Molières
Arbeit zitieren
Sylvie Langehegermann (Autor), 2005, Herren und Diener im Theater Molières, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71191

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