Förderung der auditiven Wahrnehmung im Rahmen eines projektähnlichen Vorhabens mit Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen in der Schuleingangsphase


Examensarbeit, 2007

67 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

THEORETISCHER TEIL

1. Einleitung

2. Kinder mit Beeinträchtigung im Lernen
2.1 Was ist unter Lernbeeinträchtigung zu verstehen?
2.2 Individuelle Förderbedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen

3. Auditive Wahrnehmung
3.1 Der Wahrnehmungsbereich
3.2 Definition und Bedeutung der auditiven Wahrnehmung
3.3 Möglichkeiten der Förderung der auditiven Wahrnehmung

PRAKTISCHER TEIL

4. Lernvoraussetzungen der Klasse 2a in Bezug auf die auditive Wahrnehmung

5. Das projektähnliche Vorhaben
5.1. Thema des projektähnlichen Vorhabens. Zielstellung und Einordnung in den Lehrplan
1.1. Übersicht die Phasen des projektähnlichen Vorhabens
5.2 Ausführliche Dokumentation des projektähnlichen Vorhabens
5.3 Genaue Darstellung mit Beobachtungshinweisen der Spiel- und Übungsformen zur Förderung und zur Diagnostik der Förderbereiche der auditiven Wahrnehmung

6. Reflexion und Auswertung des projektähnlichen Vorhabens

7. Schlusswort und Ausblick

Literaturliste

Verzeichnis Anhang

1. Einleitung

„Es ist ein pädagogisches Paradox, dass Zuhören zwar am häufigsten von allen Sprachfähigkeiten verlangt wird, aber am wenigsten Zeit dafür aufgewendet wird es zu schulen (…)“ (IMHOF M.; 2004, S.34)“

Margarete IMHOF beschreibt in diesem Zitat ein Problem, das in den letzten Jahren vielfach aufgegriffen und diskutiert wurde. Das Zuhören nimmt trotz der Methoden- und Medienvielfalt immer noch einen hohen Stellenwert im Unterricht ein und wird dennoch kaum gefördert. Joachim KAHLERT bezeichnet das Zuhören als „Bringschuld“ der Schüler (vgl. KAHLERT, 2000, S10) und Karl KARST das Ohr als Knecht des Auges (vgl. KARST, 1998, S.6). Zuhören kann und darf aber nicht vorausgesetzt werden, es ist eine basale Grundfähigkeit die gelernt und damit auch gefördert werden muss. Die auditive Wahrnehmung stellt die Grundlage für gutes Zuhören und damit für gelingende sprachlich basierte Lernprozesse dar.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Förderung der auditiven Wahrnehmung bei Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen in der Schuleingangsphase durch ein projektähnliches Vorhaben. Besonders Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen haben oft einen erhöhten Förderbedarf in allen Wahrnehmungsbereichen. Die Gründe für eine Beeinträchtigung der Wahrnehmung sind verschieden und erschweren den Kindern massiv das Erlernen von wichtigen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Um den Kindern eine adäquate Förderung zukommen zu lassen, müssen alle Wahrnehmungsbereiche angesprochen und geschult werden. Bei einer kritischen Betrachtung der Wahrnehmungsförderung in der Klasse 2a musste ich feststellen, dass auch hier die Förderung visueller Kompetenzen überwiegt. Selbst das Fühlen, Riechen und Schmecken wurden bei der Behandelung sachkundlicher Themen häufiger thematisiert, als das Hören. Beim Erstellen der Förderpläne war es ebenfalls sehr schwierig, eine Aussage zu den Lernvorrausetzungen der Schüler bezüglich der auditiven Wahrnehmung zu treffen, da dieser Bereich durch einfache Unterrichtsbeobachtungen sehr schwer nachzuvollziehen ist. Dies war der Anlass, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Daraus resultierte die Idee, ein projektähnliches Vorhaben mit dem Thema „Hör genau – Wir bauen eine Geräuschemacherwerkstatt und gestalten eine Klanggeschichte“ umzusetzen.

Ein projektähnliches Vorhaben zur Förderung der auditiven Wahrnehmung mit dem Umfang einer Schulwoche ist jedoch bei Weitem nicht ausreichend, um Aussagen zu allen Lernvorrausetzungen treffen zu können, eine effektive Förderung zu erreichen oder gar die auditive Wahrnehmung und damit die Zuhörfähigkeit der Schülern zu verbessern. Das projektähnliche Vorhaben stellt vielmehr einen Einstieg in dieses wichtige Thema dar. Die Phasen, die Inhalte und auch die enthaltenen Spiele und Übungen verfolgen grob gesagt ein Ziel: Es soll eine langfristige Förderung der auditiven Wahrnehmung ermöglicht und das Thema Hören in den Blickpunkt pädagogischer Bemühungen gerückt werden.

Im Folgenden wird das Thema des projektähnlichen Vorhabens zunächst theoretisch aufgearbeitet, um wichtige Begrifflichkeiten für das weitere Verständnis zu klären. Zu Beginn des praktischen Teils werden die Lernvoraussetzungen der Schüler in der auditiven Wahrnehmung vorgestellt. Es folgt eine Abgrenzung des projektähnlichen Vorhabens von der Projektmethode nach Dewey. Anschließend werde ich das projektähnliche Vorhaben mit den Zielen, den Inhalten, dem Lehrplanbezug, den Phasen, dem Verlauf, den eingesetzten Spielen und Übungen darstellen. Den Abschluss der Arbeit bildet eine zusammenfassende Auswertung und Reflexion des projektähnlichen Vorhabens.

2. Kinder mit Beeinträchtigung im Lernen

Das projektähnliche Vorhaben wurde mit Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen in der Schuleingangsphase durchgeführt. Zum tieferen Verständnis der Intentionen, der Planung, der Inhalte und der Durchführung der Projektwoche soll an dieser Stelle diese Gruppe näher dargestellt werden. Was ist unter Lernbeeinträchtigung zu verstehen und welche individuellen Förderbedürfnisse ergeben sich daraus?

2.1 Was ist unter Lernbeeinträchtigung zu verstehen?

Eine vielfach verwendete Definition des Begriffes findet sich bei SCHRÖDER:

„Bleiben schulische Leistungen hinter den Zielen der Allgemeinen Schule, der Grund- und Hauptschule, zurück, so dass die üblicherweise tolerierte Bandbreite des ‚normalen’ Lernens in negativer Richtung überschritten wird, so wird dies als ‚Lernbeeinträchtigung’ bezeichnet.“ (SCHRÖDER, 2000, S.85).

Tritt dieser Fall bei einem Kind ein, wird der sonderpädagogische Förderbedarf dieses Kindes ermittelt, der im Fall der hier betrachteten Gruppe schwerpunktmäßig im Lernen liegt. Übereinstimmend mit SCHRÖDERS Definition von Lernbeeinträchtigung ist sonderpädagogischer Förderbedarf „bei Kindern und Jugendlichen gegeben, die in ihrer Lern- und Leistungsentwicklung so erheblichen Beeinträchtigungen unterliegen, dass sie auch mit zusätzlichen Lernhilfen der allgemeinen Schulen nicht ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert werden können.“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz zum Förderschwerpunkt Lernen, 1999, S.4). Diese Kinder bedürfen einer sonderpädagogischen Förderung, die nach KMK – Empfehlung in Sonder- bzw. Förderschulen und Förderzentren, sowie in allgemeinen Schulen erfolgen soll. Entscheidend für den Förderort sind personelle, sachliche und räumliche Bedingungen (Beschluss der Kultusministerkonferenz zum Förderschwerpunkt Lernen, 1999, S.8). Obwohl die Änderung des Thüringer Förderschulgesetzes 2002 den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf begünstigt, besuchen in Thüringen etwa 89 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Lernen eine Förderschule oder ein Förderzentrum mit dem entsprechendem Förderschwerpunkt.

Im Folgenden werden die Begriffe Beeinträchtigung im Lernen, Lernbeeinträchtigung, sowie Förderbedarf im Lernen synonym verwendet. Auf den defizitorientierten, jedoch noch sehr häufig verwendeten Begriff Lernbehinderung, soll verzichtet werden. Die Definition von Lernbeeinträchtigung nach SCHRÖDER, sowie die der KMK- Empfehlung zum sonderpädagogischen Förderbedarf macht deutlich, dass Lernbeeinträchtigung vorwiegend im schulischen Kontext existiert und nicht Persönlichkeitsmerkmal oder Wesenseigenschaft einer Person ist. Die Frage nach der benötigten individuellen Förderung erscheint darüber hinaus sinnvoller, als die Verwendung eines Behinderungsbegriffs, der die Träger stigmatisiert und den Blick weg von den individuellen Stärken hin zu den Defiziten lenkt.

2.2 Individuelle Förderbedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen

Die Förderbedürfnisse von Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen sind so unterschiedlich wie die Kinder selbst. Daher sollte sich sonderpädagogische Förderung an der individuellen und sozialen Situation des Kindes orientieren. Die Ziele und Aufgaben von Förderung sind im Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01.10.1999 wie folgt beschrieben:

„Sonderpädagogische Förderung soll das Recht der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf im Bereich des Lern- und Leistungsverhaltens, insbesondere des schulischen Lernens, und des Umgehen-Könnens mit Beeinträchtigungen beim Lernen auf eine ihren individuellen Möglichkeiten entsprechende schulische Bildung und Erziehung verwirklichen. Sie soll die Schülerinnen und Schüler mit Lernbeeinträchtigungen darauf vorbereiten, erfolgreich und weitgehend selbständig ihr Leben in Familie und Freizeit, in Gesellschaft und Staat, in Berufs- und Arbeitswelt, in Natur und Umwelt zu bewältigen.“( Beschluss der Kultusministerkonferenz zum Förderschwerpunkt Lernen, 1999, S. 2).

Um den individuellen Förderbedürfnissen von Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen mit einem entsprechenden Unterricht gerecht zu werden, ist zunächst die pädagogische Ausgangslage des Kindes zu ermitteln. Dies erfolgt durch eine sonderpädagogisch qualifizierte Lehrkraft in Form eines Gutachtens, welches die Grundlage für einen individuellen Förderplan bildet (vgl. Beschluss der Kultusministerkonferenz zum Förderschwerpunkt Lernen, 1999, S. 8). Der Förderplan stellt die Grundlage für die individuelle Förderung jedes Kindes dar. Hier sollten die individuelle Ausgangslage des Kindes, die sonderpädagogischen Intentionen und die notwendigen Fördermaßnahmen erfasst sein.

Der Förderplan wird in den meisten Schulen in Förderbereiche eingeteilt. Wie schon erwähnt können die Bereiche, welche der sonderpädagogischen Förderung bedürfen, von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Beeinträchtigung im Lernen, eng mit einer Beeinträchtigung der motorischen, sensorischen, kognitiven, sprachlichen, sowie der sozialen und emotionalen Fähigkeiten verbunden ist. Beobachtungskategorien, sowie daraus abgeleitete Fördermaßnahmen, werden daher von verschiedenen Autoren und Pädagogen auf diese Bereiche bezogen. Die vorliegende Arbeit bezieht sich bei den weiteren Überlegungen zur Lernausgangslage und zu möglichen Fördermaßnahmen von Schülern mit Beeinträchtigung im Lernen auf Viktor LEDL und Gerd Ulrich HEUER. LEDL leitet folgende 5 Kategorien ab:“

1. Motorik
2. Wahrnehmung
3. Sprache
4. Kognition
5. Verhalten“ (LEDL, 2003, S.34)

HEUER erstellt in seiner Handreichung zur Diagnose und Förderung eine ähnliche Übersicht. Er unterteilt in Wahrnehmung; Sensomotorik – Gesamtkörper-koordination, sozial – emotionales Verhalten; Lern – und Arbeitsverhalten, kognitive Fähigkeiten und schulische Lernbereiche (vgl. HEUER, 1999, S.97 – 99). Die beiden Übersichten sind sich durchaus ähnlich, mit dem Unterschied, dass HEUER auch den schulischen Lernbereich, unter Berücksichtigung der Schulfächer, mit einbezieht. Die Materialien beider Autoren eignen sich gut zur Diagnose und Förderung von Kindern mit Lernbeeinträchtigung. Beide Autoren fassen unter den großen Kategorien, welche für schulisches Lernen bedeutsam sind, entsprechende Teilbereiche zusammen. LEDL unterteilt den Bereich der Motorik zum Beispiel in Grobmotorik, Feinmotorik und Handlungsplanung/Handlungssteuerung (vgl. LEDL, 2003, S. 34 - 40). Beobachtungshinweise und Fördermaßnahmen beziehen sich auf diese Teilbereiche, um einen genauen Überblick über die Förderbedürfnisse eines Kindes zu bekommen. Auf eine genaue Darstellung der Teilbereiche für jeden großen Förderbereich wird an dieser Stelle verzichtet. Lediglich der Bereich der Wahrnehmung soll heraus gegriffen werden. Genaue Beobachtungskriterien und Fördermaßnahmen werden allerdings nur für die auditive Wahrnehmung, welche einen Bereich der Wahrnehmung darstellt, beschrieben. Es wird sich dabei jedoch zeigen, dass die Entwicklungsbereiche eines Kindes untrennbar miteinander verbunden sind. Fördermaßnahmen betreffen schwerpunktmäßig zwar einen Bereich, sind aber von den Anderen nicht zu isolieren.

3. Auditive Wahrnehmung

Wie schon erwähnt, stellt die auditive Wahrnehmung nur einen Teilbereich der Wahrnehmung dar. Daher ist es sinnvoll, erst den Begriff „Wahrnehmung“ und dessen Bedeutung zu klären.

3.1 Der Wahrnehmungsbereich

Der Begriff Wahrnehmung wird im Sprachgebrauch häufig verwendet. Doch was bedeutet er überhaupt? FRÖHLICH´s Definition soll an dieser Stelle stellvertretend für viele Andere verwendet werden, die im Kern das Selbe zum Ausdruck bringen.

Wahrnehmung ist die sinngebende Verarbeitung von Reizen unter Einbezug von Erfahrung, Lernen und Empfindung. Wahrnehmung ist also stets ein aktiver Vorgang, der eine für das Individuum bedeutsame Wirklichkeit schafft. Hierbei spielen Vorerfahrungen eine wichtige Rolle, ebenso die Fähigkeit aus diesen Erfahrungen Konsequenzen zu ziehen. Hinzu kommt aber immer auch die emotionale Einfärbung, d.h. die subjektive Bewertung des Wahrgenommenen.“(FRÖHLICH, 1996, S. 12 Hervorhebung im Original)

Wahrnehmung ist also ein zentraler Prozess, bei dem Informationen aus der Umwelt durch verschiedene Sinneskanäle aufgenommen werden. Sie erlangen in diesem Prozess eine Bedeutung aufgrund von Vorerfahrungen und Gefühlseinstellungen und rufen häufig auch eine entsprechende Reaktion hervor. Durch den Prozess der Wahrnehmung entsteht für das Individuum eine bedeutungsvolle Wirklichkeit. Dies verdeutlicht, dass die Wahrnehmungsaktivitäten untrennbar mit anderen Aspekten des menschlichen Lebens und Erlebens, wie Bewegung, Sozialerfahrung, Kognition, Sprache, Körpererfahrung und Gefühlen verbunden sind (vgl. FRÖHLICH, 1996, S.12). Die Bedeutung der Wahrnehmung ist dabei grundlegend. GÜNTHER formuliert dies folgendermaßen:

„Die Wahrnehmung bildet das Fundament jeglicher menschlichen Entwicklung. Eine gut funktionierende Wahrnehmung ist somit die unabdingbare Grundlage aller kindlichen Lern- und Kommunikationsprozesse.“ (GÜNTHER, 1998, S.6).

GÜNTHER zeigt, dass Wahrnehmungsprozesse gerade für das Lernen sehr wichtig sind. Daraus ergibt sich, dass eine gestörte Wahrnehmung auch Lernprozesse stört. GÜNTHER weist ebenfalls auf diesen Zusammenhang hin:

„Bei kindlichen Entwicklungsverzögerungen, Sprachauffälligkeiten, Leserechtschreibschwierigkeiten, Lernstörungen sowie Verhaltensauffälligkeiten sind vielfach basale
Voraussetzungen in den zentralen Entwicklungsbereichen der Motorik und der
Wahrnehmung in den Bereichen Sehen, Hören, Tasten/Fühlen nicht gegeben.“ (GÜNTHER,1998,S.6)

Die Gründe für Beeinträchtigungen der Wahrnehmungsbreichen können sehr unterschiedlich sein. Zum einen können die Sinnesorgane, wie Augen oder Ohren selbst beeinträchtigt sein. Dies wird häufig gar nicht oder zu spät bemerkt und durch Brille oder Hörgerät behoben. Die betroffenen Kinder haben dadurch oft einen Entwicklungsrückstand im Bereich der Wahrnehmung (vgl. ZBFS, 2006 in: http://www.elternimnetz.de). Ein weiterer Grund können angeborene oder erworbene Defekte in unterschiedlichen Verarbeitungsregionen des Gehirns sein. Für die Wahrnehmung wichtige neurophysiologische Vorgänge finden im Mittelhirn, im Thalamus und im Cortex statt. Störungen in diesen Hirnabschnitten wirken sich negativ auf die Wahrnehmung aus (vgl. BÜCKER, 1996, S.20 -21). Auf eine detaillierte Darstellung dieser Vorgänge wird an dieser Stelle verzichtet. Für Unterricht und sonderpädagogische Förderung ist vor allem ein anderer möglicher Grund wissenswert. Wahrnehmungsstörungen können als Folge fehlender Förderung im Kleinkindalter auftreten (vgl. ZBFS, 2006 in http://www.elternimnetz.de). Dass Wahrnehmungsprozesse gefördert werden müssen, nehmen leider nur wenige Eltern bewusst zur Kenntnis. Intuitiv sorgen sicher viele Eltern dafür, dass ihre Kinder die umgebende Welt mit allen Sinnen erforschen können. Die steigende Anzahl von Kindern mit verschiedenen Wahrnehmungsbeeinträchtigungen in Schulen lässt jedoch vermuten, dass in vielen Familien nicht die Möglichkeit für vielfältige Sinneserfahrungen besteht. Welche Gründe auch für eine Einschränkung der Wahrnehmung vorliegen, es besteht in jedem Fall Förderbedarf in diesem Bereich. Die nötige individuelle Förderung der verschiednen Wahrnehmungsbereiche ist besonders für Kinder mit Beeinträchtigung im Lernen für „wieder“ gelingende Lernprozesse von zentraler Bedeutung. Für LEDL sind folgende Wahrnehmungssysteme für schulisches Lernen relevant und sollten daher Förderung erfahren:

- Visuelle Wahrnehmung – der Sehsinn
- Auditive Wahrnehmung – der Hörsinn
- Taktil – kinästhetische Wahrnehmung – der Tastsinn
- Gleichgewichtswahrnehmung
- Mnestische Funktion - Aufmerksamkeit und Konzentration

(vgl. LEDL,2003, S.40)

Diese einzelnen Wahrnehmungssysteme müssen bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen miteinander verbunden werden. Dies wird als sensorische Integration bezeichnet. Auch dieser Prozess kann beeinträchtigt sein und muss somit gefördert werden (vgl. LEDL, 2003, S.40). Fördermaßnahmen können also nicht isoliert einen Wahrnehmungsbereich betreffen. Trotz dessen wird im Folgenden der Bereich der auditiven Wahrnehmung herausgegriffen und genauer betrachtet. Bei den Fördermöglichkeiten, die für diesen Bereich dargestellt werden, liegt der Schwerpunkt zwar auf dem Hören, es bestehen jedoch immer auch Verbindungen zu anderen Entwicklungs- und Wahrnehmungsbereichen.

3.2 Definition und Bedeutung der auditiven Wahrnehmung

Wie schon in der Betrachtung über den gesamten Bereich der Wahrnehmung erwähnt wurde, handelt es sich bei der auditiven Wahrnehmung um den Hörsinn. Eine umfassendere Definition findet sich bei FRITZE, PROBST, REINARTZ E. und REINARTZ A.:

„Auditive Wahrnehmung im weiteren Sinne ist zu verstehen als die Fähigkeit, Hörphänomene jeglicher Art (Musik, Sprache, Umwelt, Schall) differenziert wahrzunehmen, sich vorzustellen, erlebnismäßig – emotional zu erfassen, zu verbalisieren und selbst zu produzieren. Dabei ist die ‚Hörwelt’ nicht aus den gesamten Umweltgegebenheiten herauszulösen.“ (FRITZE, PROBST, REINARTZ E., REINARTZ A., 1994, S.228)

Die auditive Wahrnehmung ist damit für den Menschen von großer Bedeutung. Durch sie ist der Mensch in der Lage Lautstärken, Tonhöhen und Schallquellen, sowie gleiche akustische Eigenschaften, Richtung und Reihenfolge von Geräuschen und akustischer Zeichen wahrzunehmen und zu unterscheiden. Weiterhin kann er unwichtige von wichtigen Geräuschen unterscheiden und akustische Zeichen zu Handlungsfolgen zusammenziehen (vgl. BALSTER, 1999, S. 9).

Bei der Betrachtung der auditiven Wahrnehmung müssen die Begriffe auditiv und akustisch unterschieden werden. Akustik meint die Lehre vom Schall und den Schallverhältnissen, dagegen meint auditiv die anatomischen Grundlagen des Hörvorgangs, sowie die physiologischen Prozesse. So spricht man von auditiver Wahrnehmung, die uns befähigt, akustische Reize aufzunehmen (vgl. Pädagogische Akademie des Bunde Wien http://www.pabw.at/~wiw/ Auditive6.html Stand 12/2006).

Um den Bereich der auditiven Wahrnehmung für Beobachtungen und daraus resultierende Förderung genauer zu erfassen, unterteilt man in Beobachtungs- und Förderbereiche, die sich weitgehend an den eben genannten Fähigkeiten orientieren. In der folgenden Tabelle sind die Bereiche nach LEDL mit entsprechenden Beobachtungshinweisen dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. LEDL, 2003, S.43)

Die folgenden Bereiche von ZIMMER sollen die von LEDL noch ergänzen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Zimmer, 1995, S.S.87-88)

Welchen pädagogischen Stellenwert hat auditive Wahrnehmung nun? Und warum sollten die beschriebenen Bereiche genau betrachtet und wenn nötig durch entsprechende Maßnahmen gefördert werden? Fragt man nach der Bedeutung der auditiven Wahrnehmung, fragt man grob gesagt nach dem Stellenwert des Zuhörens. Volker BERNIUS hat kurz zusammengefasst, warum „Zuhören“ wichtig ist:

„Zuhören zu können ist wichtig

- für die freie Meinungsäußerung,
- für Problemlösungen,
- für das Entwickeln von Strategien
- für das Kennenlernen von Argumenten
- für Kritikfähigkeit gegenüber Manipulation
- für verstehensorientierten Wissenserwerb
- für die aktive Teilhabe am kulturellen Leben.“ (BERNIUS, 2000, S.116)

Volker BERNIUS beschreibt damit viele Kompetenzen, die Schule und Unterricht fördern sollen. Das Zuhören nimmt so einen zentralen Stellenwert im Unterricht ein. Kinder müssen ja auch einen großen Teil der Zeit im Unterricht mit Zuhören verbringen und wie es BERNIUS darlegt, hängt der Lernerfolg maßgeblich von ihrer Fähigkeit, gesprochene Sprache zu erfassen, zu speichern und selbst zu wiederholen, ab. Somit fällt der auditiven Wahrnehmung eine bedeutende Rolle für den schulischen Erfolg von Kindern zu. Umso erstaunlicher, dass Zuhören oft einfach vorausgesetzt wird und keine individuelle Förderung erfolgt. Dabei haben gerade Kinder mit Beeinträchtigung im Lernen oft erhöhten Förderbedarf in vielen der oben dargestellten Bereiche. Einschränkungen in diesen Bereichen haben oft fatale Folgen für den Lernerfolg der Schüler. Die auditive Aufmerksamkeit auf eine einzelne Schallquelle zu richten, fällt oft schwer, ist aber nötig, um Inhalte des Unterrichts, Arbeitsaufträge und Gesprächsinhalte aufzunehmen. Die Kinder müssen weiterhin in der Lage sein, zu dem Gehörten einen Sinnbezug herzustellen. Kinder, die häufig nicht wissen, was sie tun sollen oder worum es gerade geht, fallen schnell in ihren Leistungen ab. Einschränkungen im auditiven Gedächtnis hindern Schüler daran, sich akustische Information aller Art längere Zeit zu merken. Sie haben Probleme, Lieder und Gedichte zu wiederholen. Hören ist auch eine „wichtige Grundlage für die Deutung der Informationen ohne visuelle Kontrolle.“ (BALSTER, 1999, S.9). Sind Richtungshören und das Orten einer Schallquelle nicht fehlerfrei möglich, gelingen Raumorientierung, insbesondere die Richtungsbestimmung und die Einschätzung des nicht-sichtbaren Raums nicht. Dies ist für Kinder aber besonders wichtig, um sich im Straßenverkehr, in der Freizeit oder auf dem Schulweg zu orientieren (vgl. BALSTER, 1999, S.9). Die auditive Identifikation, Differenzierung, Serialität und Gliederung, besonders von Lauten, beeinflusst in besonderem Maße den Schriftspracherwerb. Können Kinder Laute und Geräusche nicht richtig hören und unterscheiden, werden sie Probleme haben, sie richtig nachzusprechen. Synthese und Analyse von Wörtern beim Lesen und Schreiben fällt Kindern mit auditiver Differenzierungsschwäche sehr schwer. Damit beeinflusst die auditive Wahrnehmung gleich mehrfach das Erlernen von verschiedenen Kulturtechniken. Der Zusammenhang von Lese- Rechtschreibschwäche und der auditiven Wahrnehmung wurde in der Vergangenheit in verschiedenen Studien untersucht und beschrieben. Dazu KLATTE und DINGEL:

„Als Ursache der LRS werden Störungen der Lautverarbeitung angesehen, diese wiederum werden als Folgen von Auffälligkeiten bei der Sprachwahrnehmung und der auditorischen Zeitverarbeitung betrachtet.“ (KLATTE; DINGEL, 2003, S.337)

Da die Beeinträchtigung von Kindern mit Förderbedarf im Lernen aber über diese Teilleistungsschwäche hinausgeht, sollen die Ergebnisse dieser Studien hier keine weitere Beachtung finden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die auditive Wahrnehmung für alle Kommunikationsprozesse inner- und außerhalb von Schule und Unterricht eine grundlegende Stellung einnimmt. Damit ist die Förderung dieses Wahrnehmungsbereiches unerlässlich.

3.3 Möglichkeiten der Förderung der auditiven Wahrnehmung

Das Zuhören, also die auditive Wahrnehmung zu fördern und auch zu verbessern ist keine leichte Aufgabe für einen Pädagogen. Liegen bei einer Hörbeeinträchtigung organische Ursachen zu Grunde, stoßen wir bald an unsere Grenzen. In diesem Fall sollte unbedingt ein Facharzt aufgesucht werden. Viele Lehrer berichten allerdings, dass sich mit dem Tragen eines Hörgerätes das gesamte Verhalten des Schülers verändert hat. Die Ursachen und auch die Beeinträchtigungen der auditiven Wahrnehmung sind jedoch verschieden und nicht immer in den organischen Abläufen des Hörens zu finden. Dabei ist besonders wichtig, dass die meisten Formen der Förderung der auditiven Wahrnehmung keine schnellen, sichtbaren Erfolge bringen, wie das Tragen eines Hörgerätes dies vielleicht tut. Es muss sich um eine lang angelegte, in den Unterricht integrierte Hörförderung handeln, die sich an den individuellen Förderbedürfnissen der Schüler orientiert. Ergebnisse sind nach einer gewissen Zeit möglicherweise zu beobachten, möglicherweise aber auch nicht. Das sollte aber kein Grund sein, sich entmutigen zu lassen oder auf Wahrnehmungsförderung zu verzichten. Klaus BALSTER bezeichnet die Förderung im akustischen Bereich für Schüler, die sich schlecht konzentrieren können, Anweisungen nicht verstehen oder Gehörtes schnell wieder vergessen, kurz für viele der Schüler mit Förderbedarf im Lernen, sogar als lebensnotwendig (vgl. BALSTER. 1999, S.9). Auf diese Förderung zu verzichten, weil kein schneller Erfolg sichtbar ist, wäre also fatal.

Bevor die Möglichkeiten der gezielten Förderung durch Spiele und Übungen dargestellt werden, wird noch auf andere Hilfen der organisatorischen Art hingewiesen.

- vor wichtigen Informationen ein Signal geben und Ruhe schaffen, wichtige Informationen immer in der Nähe des Kindes und ihm zugewandt geben
- Sitzplatz vorne in der ersten Reihe
- zusätzliche visuelle Hilfen geben
- zum Nachfragen ermutigen, Unaufmerksamkeit nicht immer gleich als Konzentrationsmangel werten
- Kinder oft ansprechen, zur mündlichen Mitarbeit ermutigen, zum Nachfragen auffordern, Arbeitsaufträge wiederholen lassen
- bei unterschiedlicher Hörfähigkeit der beiden Ohren sollte das Kind mit dem besseren Ohr dem Lehrer und der Klasse zugewandt sitzen
- dafür sorgen, dass sich das Kind dem Sprecher zuwenden kann
- Gesprächsregeln aufstellen
- als Lehrer darauf achten, langsam und mit Pausen zu sprechen, Schlüsselwörter besonders zu betonen
- Sitzplatzwechsel vermeiden, da das Kind sich ständig an neue Umgebungsbedingungen gewöhnen muss
- elektroakustische Schallverstärkung nutzen (Soundear)
- Klassenraum mit schallabsorbierenden Materialien wie schweren Vorhängen, Korkwänden, Filzbelägen unter den Stühlen usw. ausstatten (vgl. MÜLLER http://www.schwerhoerigenforum.de/faq/kapitel_
- avws.html,Stand 12/2006)

Eine gezielte Förderung der auditiven Wahrnehmung hat das Ziel des Zuhörens. An dieser Stelle wird das persönliche Interesse des Zuhörers für das Dargebotene bedeutsam. Denn Niemand kann zum Zuhören gezwungen werden. Eine Hörerziehung muss, wie alles andere auch, bei der Motivation der Schüler für die Übungsformen ansetzen. Spielerische Formen bieten sich daher an. Im Folgenden werden in kurzer Form Möglichkeiten für die Förderung der verschiedenen Bereiche der auditiven Wahrnehmung nach BALSTER dargestellt, die natürlich beliebig erweiterbar sind. Konkrete Spiele und Übungen werden bei der genauen Darstellung der Projektwoche im Punkt 5.4 vorgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die dargestellten Fördermöglichkeiten können in vielfältige Spiel- und Übungsformen eingebaut werden. Sie können als Auflockerung, als Station, als Angebot, als Wochenplanaufgabe, als Entspannungsübung oder als Spiel zwischendurch dienen, je nachdem welcher didaktischen Methode der Lehrer mit seinem Unterricht folgt. Im Falle der hier vorliegenden Arbeit wurde ein projektähnliches Vorhaben gewählt, um auf das Thema auditive Wahrnehmung aufmerksam zu machen, die Schüler für das Hören und Zuhören zu sensibilisieren und eine Auswahl an geeigneten Spielen und Übungen für den weiteren Unterricht zu erschließen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Förderung der auditiven Wahrnehmung im Rahmen eines projektähnlichen Vorhabens mit Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen in der Schuleingangsphase
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
67
Katalognummer
V71250
ISBN (eBook)
9783638617796
Dateigröße
881 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um ein zweites Staatsexamen, bei dem der theoretische Teil die Grundlage für die praktische Umsetzung einer Projektwoche darstellt. Die Namen der Kinder, sowie der Schule wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert.
Schlagworte
Förderung, Wahrnehmung, Rahmen, Vorhabens, Kindern, Beeinträchtigung, Lernen, Schuleingangsphase
Arbeit zitieren
Katharina Strunck (Autor), 2007, Förderung der auditiven Wahrnehmung im Rahmen eines projektähnlichen Vorhabens mit Kindern mit Beeinträchtigung im Lernen in der Schuleingangsphase, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71250

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