Religiöse Grundlagen der anthroposophischen Medizin


Seminararbeit, 2005

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Philosophische Wurzeln der Anthroposophie
2.1 Die Ablehnung der Kantschen Erkenntnistheorie durch Steiner
2.2 Steiners Erkenntnislehre
2.3 Kritik der Erkenntnislehre Steiners

3. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie
3.1 Die Geheimschulung der Anthroposophie
3.2 Der meditative Erkenntnisweg der Anthroposophie
3.3 Einordnung des anthroposophischen Erkenntnisweges

4. Wertung der anthroposophischen Medizin

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Aufgabe der Medizin ist vor allem die Behandlung von physischen und psychischen Krankheiten. Im letzten Jahrhundert hat sie durch zunehmende Technisierung enorme Fortschritte gemacht. In den westlichen Industrienationen gehen ihre Möglichkeiten weit über eine medizinische Grundversorgung hinaus. Immer neue Entwicklungen und Forschungen zeigen Möglichkeiten auf, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch utopisch erschienen.

Der etablierten Schulmedizin stehen jedoch noch weitere Heilverfahren gegenüber. Im 20. Jahrhundert schafften es einige alternative Konzeptionen, sich neben der gängigen Schulmedizin zu etablieren. Vor allem asiatische Heilverfahren wie Akupunktur, aber auch westliche Alternativen wie Homöopathie erfreuen sich großer Beliebtheit. Im Gegensatz zu weiten Teilen der konventionellen Medizin sind sie jedoch weitaus umstrittener.

Ein weiteres alternatives medizinisches Heilverfahren bietet die Anthroposophie. Bekannt vor allem für die Waldorfschulen hat sie es geschafft, für viele Gebiete des Lebens eigene Lehren zu entwickeln. Hierzu gehört auch die anthroposophische Medizin. Sie ist in Deutschland ähnlich wie die Homöopathie als alternative Therapieform anerkannt. Anthroposophische Medizin ist unter Fachleuten jedoch äußerst fragwürdig.

Durch die Kostenexplosion im Gesundheitssystem der Bundesrepublik stellt sich die Frage, inwieweit alternative Medizin wirksam sein kann und ob sie überhaupt förderungswürdig ist. Hierbei muss auch die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der alternativen Medizin beantwortet werden. Zwischen Anthroposophen und Schulmedizinern gibt es dabei einen erbitterten Streit. Schulmedizinern werfen der Anthroposophie völlige Unwissenschaftlichkeit vor und bezeichnen sie als metaphysische oder religiöse Weltanschauung. Anthroposophen kritisieren vor allem, dass die Schulmedizin ein alleiniges Recht auf Wahrheit fordert, weisen auf die Schwächen der Schulmedizin hin und plädieren für Methodenpluralismus.

Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die anthroposophische Medizin kritisch zu hinterfragen. Dabei soll vor allem nach den erkenntnistheoretischen Grundlagen gefragt werden. Es soll analysiert werden, wie die Anthroposophie Erkenntnisse gewinnt. Hierbei trifft man auf eine äußerst komplexe Lehre, die sich aus metaphysischen, wissenschaftstheoretischen und religiösen Elementen zusammensetzt. Es soll herausgearbeitet werden, inwieweit die Erkenntnisse der Anthroposophie von ihrer Lehre und Weltanschauung bestimmt wird und wie sehr sie von religiösen und metaphysischen Überzeugungen geprägt ist.

Im Zentrum der Arbeit stehen dabei Werke von Rudolph Steiner, der die Anthroposophie gründete und bis heute die Leitfigur dieser Anschauung ist. Begonnen werden soll dabei mit seinem Werk ‚Wahrheit und Wissenschaft’, welches auf seiner Dissertation beruht. In diesem schlägt er eine neue Erkenntnistheorie vor, welche später die Grundlage der Anthroposophie wird. Obwohl dieses Werk wissenschaftstheoretisch ausgearbeitet ist, sind bereits hier deutliche Divergenzen zur heutigen etablieren Wissenschaft zu beobachten.

Hauptteil dieser Arbeit wird die Analyse des darauf aufbauenden meditativen Erkenntnisweges der Anthroposophie, wie er unter anderem in Steiners Hauptwerk ‚Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten’ dargelegt wird. Hierbei soll vor allem geprüft werden, inwieweit dieser Erkenntnisweg religiös geprägt ist und von konventionellen naturwissenschaftlichen Methoden abweicht.

Nach der Analyse dieses Erkenntnisweges wird eine Beurteilung der anthroposophischen Medizin möglich sein. Hierbei soll die Debatte über die Legitimation der anthroposophischen Medizin weitergeführt werden. Dabei muss auch auf aktuelle wissenschaftstheoretische Überlegungen zurückgegriffen werden. Es wird zu klären sein, ob anthroposophische Medizin dem von ihr behaupteten Status als Wissenschaft gerecht wird, ob sie metaphysisch geprägt ist oder so sehr auf religiösen Phänomenen beruht, dass sie ohne einen Glauben an die anthroposophische Lehre gar nicht wirken kann.

2. Philosophische Wurzeln der Anthroposophie

2.1 Die Ablehnung der Kantschen Erkenntnistheorie durch Steiner

Steiners erstes Werk zur Erkenntnistheorie, welches gleichzeitig der Grundstein für alle weiteren Entwicklungen der Anthroposophie wurde, ist sein Werk ‚Wahrheit und Wissenschaft’. Es erschien ursprünglich 1891 als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock unter dem Titel ‚Die Grundfrage der Erkenntnistheorie unter besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre. Prolegomena zur Verständigung des philosophischen Bewußtseins mit sich selbst’.

Die damalige Erkenntnislehre war sehr durch Kant geprägt. Seit 1781 die erste Ausgabe der ‚Kritik der reinen Vernunft’ erschien, kam kaum ein ernstzunehmender Philosoph oder Wissenschaftler an diesem Werk vorbei, wenn er sich mit Erkenntnistheorie und Metaphysik beschäftigen wollte. Kants kritische Denkweise war zum Neukantianismus, einer sehr positivistischen Richtung der Philosophie, weiter entwickelt worden. Es wurden nur gesicherte Aussagen akzeptiert, nichtverifizierbare Sätze waren sinnlos.

Dies führte für viele Philosophen und Wissenschaftler der damaligen Zeit zur Ablehnung jeder Metaphysik. Hatte Kant noch versucht, Gott durch die Moral zu beweisen, war es nun sinnlos, Fragen nach Gott, Unsterblichkeit der Seele oder einem Leben nach dem Tod zu stellen.

Dies war für Rudolph Steiner jedoch nicht akzeptabel. Er interessierte sich schon als Kind für mystische Phänomene und war überzeugt, dass es mehr in der Welt gibt als der Positivismus beschreiben kann. Es liegt also in seinem Interesse, eine Erkenntnistheorie zu entwickeln, in der man weit mehr erkennen kann, als es durch Kants Erkenntnistheorie und deren Weiterentwicklungen möglich ist.

Bevor er eine eigene Erkenntnistheorie entwickelt, untersucht er deshalb Kants Theorien. Er ist davon überzeugt, dass eine Erkenntnistheorie nicht auf Voraussetzungen beruhen darf. Kants Grundfrage „Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?“ (Kant, KrV B19) muss also voraussetzungslos sein, wenn sie eine akzeptabel sein soll. Doch ist sie das?

Kant unterscheidet menschliche Urteile in zwei Arten: a posteriori, also durch Erfahrung, und a priori, also unabhängig von der Erfahrung. Apriorische Urteile können analytisch sein, d.h. Erkenntnisse nur aus den vorhandenen Begriffen ableiten (z.B. Gott ist allmächtig) oder synthetisch, d.h. über die Begriffe hinausgehen (z.B. Gott existiert). Wirkliche Erkenntnisse werden nur durch synthetische Urteile a priori gewonnen. Dies geschieht vor allem in der Mathematik, kann aber auch auf die Naturwissenschaft übertragen werden. In der Metaphysik ist jedoch nur über die praktische Vernunft Erkenntnis möglich.

Steiner kritisiert an Kants Erkenntnistheorie, dass sie zwei unbewiesene Grundannahmen enthält. Erstens fragt er, ob es notwendigerweise apriorische Urteile geben muss. „Es ist ja durchaus möglich, daß es solche Urteile überhaupt gar nicht gibt. Für den Anfang der Erkenntnistheorie muß es als gänzlich unausgemacht gelten, ob wir anders als durch die Erfahrung, oder nur durch diese zu Urteilen kommen können“ (Steiner, WuW S. 30).

Als zweites bestreitet er Kants These, dass Erfahrungsurteile nur eine begrenzte Gültigkeit haben: „Das zweite Bedenken besteht darin, daß man am Beginne der erkenntnistheoretischen Untersuchungen durchaus nicht behaupten darf, aus der Erfahrung können keine unbedingt gültigen Erkenntnisse stammen. Es ist zweifellos ganz gut denkbar, daß die Erfahrung selbst ein Kennzeichen aufweise, durch welches die Gewißheit der aus ihr gewonnenen Einsichten verbürgt würde“ (Steiner, WuW S.31).

Dadurch, dass Steiner diese beiden Grundvoraussetzungen Kants bestreitet, ist er in der Lage, das ganze damalige Weltbild zu kritisieren. Seit Kant ist die vorherrschende Meinung fast aller Erkenntnistheoretiker, dass alle unsere Sinneseindrücke im Bewusstsein lediglich Vorstellungen von Gegenständen sind. Die Dinge der Außenwelt werden durch unsere Sinnesorgane umgewandelt zu Sinneseindrücken, die jedoch nur ein Abbild der wirklichen Welt sind. Töne sind beispielsweise nur Teilchenschwingungen, und alle unsere Sinne wandeln Sinnesreize so oft um, dass sie die wirkliche Welt kaum richtig darstellen können. „Nach dieser Ansicht nehmen wir nicht die Außenwelt als solches wahr, sondern bloß die in uns von ihr ausgelösten, subjektiven Empfindungen.“ „Wer diesen Gedankengang vollständig bis zu Ende denkt, muß zugeben, daß, wenn er richtig ist, auch nicht der geringste Rest von dem, was man äußeres Dasein nennen kann, in unserem Bewußtseinsinhalt enthalten wäre“ (Steiner, WuW S.42, 43).

Das Denken Kants führt also in eine Weltsicht, die als Subjektivismus bezeichnet wird. Obwohl man mit Hilfe dieser Erkenntnistheorie gerade in der Physik des 19. Jahrhunderts zu vielen neuen Entdeckungen kommen konnte, ist die Wirklichkeit unerreichbar. Die Welt als solches und das ‚Ding an sich’ kann objektiv nicht erkannt werden. Doch dies kann Steiner nicht akzeptieren. Er möchte die Welt erklären und die letzen Fragen beantworten können. Daher entwickelt er seine eigene Erkenntnistheorie.

2.2 Steiners Erkenntnislehre

Steiners Erkenntnislehre soll im Gegensatz zu der von Kant voraussetzungslos sein, also nicht auf Axiomen oder unbewiesenen Basissätzen beruhen. Daher setzt er an den Anfang des Erkennens das, was dem Bewusstsein unmittelbar gegeben ist. „In diesem unmittelbar gegebenen Weltinhalt ist nun alles eingeschlossen, was überhaupt innerhalb des Horizontes unserer Erlebnisse im weitesten Sinne auftauchen kann: Empfindungen, Wahrnehmungen, Anschauungen, Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und Ideen“ (Steiner, WuW S. 55).

Um den Anfangspunkt des Erkenntnisvorganges zu finden, sucht Steiner nun etwas, was im Gegebenen liegt und gleichzeitig darüber hinausgeht. Er findet es in den Begriffen und Ideen. Diese müssen vom Menschen erst hervorgebracht werden und unterscheiden sich dadurch von den übrigen Dingen des Gegebenen.

Mit dieser Unterscheidung kann Steiner einen ersten Erkenntnisakt beschreiben. Erkenntnis wird für ihn möglich durch das Denken. Dieses verbindet die gegebenen Phänomene im Bewusstsein mit Begriffen und Ideen und ordnet sie dadurch. Durch das Denken ist jedoch nicht nur ein bloßes Benennen von Phänomenen im Gegebenen möglich, sondern es können auch Verbindungen zwischen den Elementen erkannt werden. „Alle Erkenntnisse beruhen darauf, daß der Mensch zwei oder mehrere Elemente der Wirklichkeit in die richtige Verbindung bringt und das sich hieraus Ergebene erfaßt“ (Steiner, WuW S. 64).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Religiöse Grundlagen der anthroposophischen Medizin
Hochschule
Universität Rostock  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Religionswissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V71350
ISBN (eBook)
9783638620529
ISBN (Buch)
9783638675178
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religiöse, Grundlagen, Medizin, Proseminar, Einführung, Religionswissenschaft
Arbeit zitieren
Tobias Breidenmoser (Autor), 2005, Religiöse Grundlagen der anthroposophischen Medizin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71350

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