Stimme und Wahrnehmung - über die o(h)rale Kommunikation


Seminararbeit, 2002

37 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Abgrenzung und Begriffsklärung

2. Stimme als Ausdrucksmittel
2.1 Wahrnehmung von Stimme
2.1.1 Stimmlage
2.1.2 Lautstärke
2.1.3 Betonung und Artikulation
2.2 Exkurs Lachen und Weinen
2.2.1 Lachen
2.2.2 Weinen

3. Verwendung der Stimme
3.1 Bewusster Stimmeinsatz
3.1.1 Rapport
3.1.2 Freies Sprechen
3.2 Stimme und Atmung
3.2.1 Schlaffhorst-Andersen Schule
3.2.2 Kenley-Methode

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Text-Anhang

AV-Anhang

1. Einleitung

Stimme ist Energie. Jeder hat sich schon davon überzeugen können, dass die Stimme ganz entscheidenden Einfluss auf die Umwandlung von Kräften in der zwischenmenschlichen Kommunikation besitzt. Sei es um diese Kräfte zu generieren und weiterzugeben oder um selbige abzuschwächen. Ganz offensichtlich muss die menschliche Stimme, als „Abfallprodukt“ des Ausatmens, weit mehr Anwendungsmöglichkeiten als die bloße Entwicklung von Geräuschen besitzen.

Durch die Stimme teilen wir uns mit und nehmen andere wahr. Unabhängig von der Verständlichkeit der genutzten Sprache informiert man über seinen Gemütszustand, lehnt ab oder befürwortet, warnt oder besänftigt, motiviert oder langweilt.

Diese Beobachtung lässt sich sogar auf das Tierreich, wo der Inhalt des Gesagten unberücksichtigt werden kann, erweitern. Es ist unwahrscheinlich, dass beispielsweise Hunde menschliche Worte verstehen. Trotzdem lassen sie sich so abrichten, dass sie auf bestimmte, unterschiedliche Kommandos reagieren. Wer sich einem, möglicherweise aggressiven Tier nähert, versucht es dabei zu beruhigen. Das geschieht nicht nur durch die Körpersprache, sondern hauptsächlich über den Klang der Stimme.

Die folgenden Kapitel widmen sich dieser Thematik. Es soll aufgezeigt werden, wie sich Kommunikation effizienter gestalten lässt. Ausgehend vom Sender – Empfänger Modell nach Schulz von Thun wird der stimmliche Aspekt dieser Interaktion betrachtet, um im folgenden Möglichkeiten des bewussten Agierens aufzuzeigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild: Grundmodell der zwischenmenschlichen Kommunikation (nach: Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 1, 1998)

Die begriffliche Trennung zwischen Sprechen und Hören wird dabei überschritten: zur Form des Stimmeinsatzes soll die erzielte Wirkung beim Rezipienten, Möglichkeiten des bewussten Einsatzes und die sensitive Wahrnehmung angesprochen werden. Die Stimme ist ein Instrument im menschlichen Miteinander und als solche, wird sie angewendet: intuitiv, ohne Bedienungsanleitung, durch Nachahmung, bewusst und unbewusst, authentisch oder manipulativ. Man könnte ein ganzes Buch verwenden, um die brillanten Umwege der Stimme aufzuzeigen, ihren Besitzer davor zu schützen, erkannt zu werden. Menschen und ihre Stimmen haben sich darin zu Experten entwickelt, einen harten, aggressiven Gewinner zu verkünden, um einen verängstigten, unsicheren kleinen Jungen abzuschirmen; Stimmen, die seufzen oder flüstern, um die Stärke einer Frau zu verkleiden, die unbewusst weiß, dass sie in einer Männerwelt Schwäche vortäuschen muss, um etwas zu erreichen; Stimmen, die reich, entspannt und tief sind, um Leistung und Vertrauen zu signalisieren.[1] Die falsche Stimme kann auf eine vorzügliche Doppelzüngigkeit abgestimmt sein. Die richtige Stimme kann falsch und die Wahrnehmung gestört sein.

1.1 Abgrenzung und Begriffsklärung

Der genannte Sachverhalt macht eine umfangreiche Abgrenzung notwendig. Obwohl es zum breiteren Verständnis beitragen würde, kann und soll auf anatomisch-organische Bestandteile und Vorgänge nicht eingegangen werden. Genauso wenig sollen rhetorische und semantische Aspekte untersucht werden, wobei außer Frage steht, dass diese ganzen entscheidenden Einfluss auf die Kommunikativität haben. Gleiches gilt für den Einsatz körpersprachlicher Mittel, wie Mimik, Gestik oder Körperhaltung und Distanz zum Kommunikationspartner, die in jedem Fall die übermittelte Botschaft beeinflussen.

Was das vorliegende Werk dagegen bieten möchte, ist eine grundlegende und vorwiegend auf den Quellen beruhende Einführung in die Mechanismen der Wahrnehmung der Stimme. Trotzdem dürfen meine Ausführungen nicht als erschöpfende und vollständige Aufzählung betrachtet werden. Hingegen eröffnet sich dem begabten Leser die Möglichkeit, eigenes und fremdes Verhalten bewusster wahrzunehmen, sowie selbstverständlich auch den eigenen Stil zu entwickeln.

Ähnlich der Unterteilung der Kommunikation in die Sach- und Beziehungsebene (nach Schulz von Thun) wird der Stimmeinsatz in drei Bereiche untergliedert.

Die linguistische Ebene[2] repräsentiert das digitale Prinzip der Codierung in der Schriftsprache. In der deutschen Sprache bspw. existieren 30 Buchstaben, die je nach Anordnung verschiedene Aussagen ergeben. Diese Anordnungen sind eindeutig, denn wenn z.B. das Wort „ Garten“ um den ersten Buchstaben reduziert wird, verbleibt „ arten“. Je nach Kontext kann das aber auch das Fragment eines anderen Wortes, wie „ Karten“ sein und damit einen völlig andern Sinn aufweisen. Das Fragment als ein bisschen „ Garten“ auszulegen funktioniert nicht, da eben diskrete Zuordnungen (ohne Zwischenräume) existieren.

Die paralinguistische Ebene ist im Gegensatz dazu stufenlos regelbar, denn deren Elemente werden in der direkten Kommunikation individuell moduliert. Der Satz „Kannst Du bitte einparken.“ verändert mit dem Wechsel des paralinguistischen Mittels Lautstärke auch seine Bedeutung, die über den Informationsgehalt der linguistischen Ebene hinausgeht. Charakteristisch für diese Elemente ist der Ausdruck von Emotionen und Stimmungen, die zeitliche enge Eingrenzung, die Bindung an das gewählte Medium (gesprochene paralinguistische Mittel lassen sich nur schwer schriftlich darstellen) und die bereits erwähnte, stufenlos regelbare Informationsvermittlung.

Es verbleibt die extralinguistische Ebene, die unabhängig von der Sach- und Beziehungsebene, immer gegenwärtige Stimmeigenschaften beschreibt. Neben den individuellen Eigenschaften, wie näseln oder knarrender Klang gehört dazu auch der Dialekt oder die anatomischen Gegebenheiten von Bass, Tenor bzw. Männer- und Frauenstimme.

Wichtig ist dabei unterscheiden zu können, dass auch ein identisches Merkmal auf allen drei Ebenen erklärt werden kann. So ist die Veränderung der Stimmhöhe auf der linguistischen Ebene sinnvoll zur Unterscheidung einer Frage von einer Aussage, verdeutlicht auf der paralinguistischen Ebene jedoch den Zustand von Erregung. Die gewohnheitsmäßig hohe Stimme eines Sprechers gehört dagegen zur extra-linguistischen Ebene.

Eng damit verbunden sind sogenannte Akueme[3] (Anhang III), die emotionelle Regungen hörbar machen. Es sind Schallbilder, die im Sprechverbund unselbständig als phonisch-artikulatorische Zeichen auftreten. Sie gehen mit Sprache oder Interjektionen (Empfindungswörtern) eine innige Fusion ein und geben zusammen mit der Körpersprache den emotionellen Ausdruck und Hintergrund. Durch die akuemische Einbindung in den Sprechprozess werden dabei Atmung, Dynamik, Rhythmus, Stimmregister, Enge und Weite der Stimme, Artikulationsweise, Vokalisation, Tonhöhe und –tiefe, Melodieablauf und Volumen beeinflusst. Synchron mit dem akuemischen Ausdrucksgeschehen laufen Mimik, Gestik und Körperbewegung. Mit ihrem Bewegungsablauf interpretieren und unterstützen sie das in der stimmlichen Verlautbarung Auszudrückende je nach Temperament, Können und Vermögen.

2. Stimme als Ausdrucksmittel

Wesentliches Medium für die unmittelbare Kommunikation ist die Stimme. Neben der Körpersprache ist sie die einzige Mitteilungsform des Menschen, die ohne zusätzliche Hilfsmittel einsetzbar ist. Durch den technischen Fortschritt (Erfindung des Telefons) hat sich darüber hinaus die geografische Reichweite der oralen Kommunikation nahezu unbegrenzt erweitert. Der ursprüngliche Einsatz von Stimme und Sprache gilt im Gegensatz zur Schrift als sehr flüchtige Kommunikation.

Dieses „Material“ jeglicher Kommunikation sind keineswegs nur Worte, sondern umfasst auch alle paralinguistischen Phänomene (wie z.B. Tonfall, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Sprache, Pausen, Lachen und Seufzen), Körperhaltung, Ausdrucksbewegungen (Körpersprache) usw. innerhalb eines bestimmten Kontextes – kurz, Verhalten jeder Art.[4] Bevor an dieser Stelle auf die Stimme als Ausdrucksmittel eingegangen wird, soll der Begriff „Ausdruck“ einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

Die Webseite des Brockhaus (www.brockhaus.de) definiert Ausdruck als das Sichtbarwerden seelischer Zustände oder Vorgänge in körperlichen Erscheinungen, Verhaltensweisen, Handlungen und in Resultaten menschlicher Tätigkeit.

Simpel ausgedrückt ist es die körperliche Darstellung des seelischen Zustandes durch sichtbare und hörbare Ereignisse. Darunter fallen natürlich Mimik, Gestik, aber eben auch persönliche Charakteristika wie, Gang, Schrift und auch die Stimme. Wird sie also aus einem inneren Zustand heraus und nicht zur Erreichung eines äußeren Ziels eingesetzt, kann jede Bewegung als Ausdrucksbewegung bezeichnet werden. Der innere Zustand aus dem heraus die Bewegung Gestalt gewinnt, ist ein sinnvolles Erlebnis, dessen Sinn in der Ausdrucksbewegung erscheint. Als Subjekt der Ausdruckserscheinung gelten die Bewegungen der Seele, Gemütsbewegungen, geistige Aktivität oder aggressive Empfindungen[5]. Damit unterstellen wir, dass die Stimme im ungestörten Einsatz intuitiv die zu übertragende Botschaft moduliert. Dazu stehen dem Individuum verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Nicht nur die Variation von Lautstärke, Tempo und Tonhöhe, sondern auch der Einsatz von Stilmitteln, wie Pausen, oder bewussten Sprachfehlern ist hier zu nennen.

2.1 Wahrnehmung von Stimme

Wie eingangs schon erwähnt, ist es nicht immer notwendig zu verstehen, was gesagt wird. In vielen Fällen erschließt sich der Inhalt der Botschaft durch die Art und Weise, wie etwas gesagt wird. Mehr noch, lässt sich der Beziehungsaspekt einer Mitteilung durch die Form des Sprechens erkennen und die etymologische Nähe von „Stimme“ zu „Stimmung“ wird in diesem Zusammenhang besonders gut sichtbar.

Wissenschaftler haben ermittelt, in welchem Umfang der durchschnittliche Zuhörer auf einzelne Aspekte der Botschaft eingeht. Demnach[6] achtet ein Zuhörer:

- zu 50% auf die Art und Weise, wie etwas vorgebracht wird – also auf Gestik, Mimik, Aussprache, Klangfarbe und Stimmlage, Körperhaltung, inneres Engagement;
- zu 42% auf das äußere Erscheinungsbild, also auf das Gesicht, die Figur, die Frisur, auf die Kleidung, die Farben, lackierte oder unlackierte Fingernägel, geputzte oder dreckige Schuhe und natürlich auf Seriosität;
- nur zu 8% auf den Inhalt. Und zwar erst dann, wenn alles andere erfasst wurde.

Am Telefon, wo der körpersprachliche Eindruck zwangsläufig entfällt, verschiebt sich dieses Verhältnis sogar auf 16% zugunsten des Inhalts und 84% auf paralinguistische Erscheinungen.[7] Das bedeutet, das hier die Art und Weise der Kommunikation vier mal stärker wahrgenommen wird, als deren Inhalt.

In der Regel wenden wir unsere gezielte Aufmerksamkeit nicht dem Übertragungsmedium, sprich: Stimme, sondern dem bedeutungstragenden Inhalt der übermittelten Botschaft zu, woran auch das bekannte Axiom McLuhan’s: „Das Medium ist die Botschaft“ gemeinhin wenig geändert hat.[8] Es gibt jedoch Situationen, in denen wir diesem Medium ganz automatisch eine wesentlich höhere Bedeutung zubilligen. Hörspiele im Radio oder Telefonate mit Unbekannten sind gute Beispiele für Fälle in denen wir der Kommunikation bewusst wesentlich mehr als nur den Sachinhalt entnehmen. Über die Stimme sind wir in der Lage, ein individuelles Bild des nicht-sichtbaren Gegenübers zu entwerfen. Wir ziehen Rückschlüsse nicht nur auf Geschlecht und Alter, sondern auch auf den Charakter oder die Situation in der sich der Sprechende befindet. Der Schlüssel zur Wahrnehmung des Beziehungsaspektes liegt dabei nicht allein beim Sender der Botschaft, sondern auch beim Empfänger an den sie gerichtet ist. So sehr man bemüht ist als Mitteilender die Nachricht „korrekt“ zu codieren, hängt der Erfolg bzw. Misserfolg der Kommunikation auch vom Zuhörer ab. Bezogen auf das Thema Beurteilung der Stimme, bedeutet das[9]:

- Wir hören sehr subjektiv auf den Stimmklang – entweder er gefällt uns oder eben nicht. Oft liegt eine Stimme, die uns sympathisch ist, im ähnlichen Schwingungsbereich wie unsere eigene.
- Wir sprechen einer Person aufgrund ihrer Stimme und ihrer sprachlichen Äußerungen bestimmte (Charakter-) Eigenschaften zu.
- Wir schließen aus dem, was die Person äußert, auf das, was sie denkt und will.
- Ohne die ganzheitliche Beobachtung des Menschen (zum Beispiel Telefonieren) machen wir uns ein Bild von der Person, die hinter dieser Stimme steht.

Der Wunsch nach einer eindeutigen Klassifizierung von Stimmeigenschaften besteht schon seit der Zeit, in der sich die ersten Hochkulturen entwickelten. Anhang I ist die mittelalterliche Übersetzung eines Textes der zu Beginn unserer Zeitrechnung im Römischen Reich entstanden ist. Wenngleich stellenweise widersprüchlich, zeigt sich die Beobachtungsgabe und der Analysewunsch dieser Epoche. Diese Beobachtungen lassen sich noch heute in bestimmten Fällen anwenden, sollten jedoch vorsichtig eingesetzt werden. Wie in vielen anderen Fällen, existiert meist mehr als eine Ursache für ein bestimmtes Ergebnis.

Dem gegenüber steht die These, dass jede Zeit ihre eigene stimmliche Charakteristik in der Bevölkerung entwickelt. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass die Stimme und ihre Virtuosität an das herrschende, politische System gekoppelt ist. Heute hören wir nur noch in Karikaturdarbietungen den näselnd-schnarrenden preußischen Leutnant, den schnauzenden Feldwebel oder die bleichsüchtige, inspiratorisch wispernde Dame der besseren Gesellschaft.

Die Stimme als Modeerscheinung und Rollenübernahme, lässt sich bis in unsere Zeit nachweisen.[10] Die Beispiele aus der AV-Anhang 1-3 bieten eine Anregung, den Gedankengang nachzuvollziehen. Auf eine tiefergehende Erörterung soll hier jedoch verzichtet werden.

Stattdessen soll an dieser Stelle auf die Erscheinungen vokaler Kommunikation eingegangen werden.

2.1.1 Stimmlage

Die Stimmlage und damit die Tonhöhe des Sprechens ist das dominanteste Merkmal bei der Charakterisierung von Stimmen und hat damit einen entsprechend hohen Einfluss auf das imaginäre Bild des Sprechers. Tendenziell scheint eine tiefere Stimme bei Männern als auch Frauen als erstrebenswert zu gelten. Das die Stimmlage durch das Erbgut vorgegeben ist, wird dabei gerne vergessen.

Im Gegensatz zur Singstimme, die in der Regel über einen Tonhöhenumfang von zwei Oktaven verfügt und ungeübte Sänger dadurch vor das Problem der Tonhöhenvariation stellen, sind wir mit der Sprechstimme modulationsfähiger. Man kann es sich hier leisten, recht tief oder hoch zu beginnen, ohne befürchten zu müssen, man würde die nächsten Tonschritte nicht mehr schaffen. In den meisten Sprachen ist diese Modulationsfähigkeit nicht nur praktisch, sondern durchaus sinnvoll, um bspw. eine Aussage von einer Frage zu unterscheiden oder Erstaunen, Erregung oder besondere Höflichkeit darzustellen.

Der Ausgangspunkt für das allgemeine Sprechen ist die Tonhöhe, die am wenigsten anstrengt und unserer Konstitution am besten entspricht. Trockenheit, Kloßgefühl, Räusperzwang, schnelles Ermüden oder Versagen der Stimme, Schluckzwang oder Hustenreiz sind Kennzeichen dafür, dass ein unökonomischer Stimmgebrauch[11] vorliegt und man langfristig der eigenen Veranlagung entgegen spricht. Man nennt diesen Bereich daher die konstitutionell begründete mittlere Sprechstimmlage. Ein anderer Fachausdruck für das selbe Phänomen ist die Indifferenzlage, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, dass diese Lage nicht gekünstelt bzw. angestrengt hoch oder tief, sondern entspannt und natürlich klingt.[12]

Zum Auffinden dieser Sprechstimmlage existieren verschiedene Möglichkeiten. Eine Variante basiert auf dem Wohlgefühl, dass gutes Essen in uns auslöst. Diese Gelöstheit und behagliche Stimmung, die solch ein Essen über Nase, Augen und Zunge an die Stimme weitergibt, markiert den unteren Bereich der Sprechstimmlage. Die Indifferenzlage liegt im Umfang etwa einer großen Terz darüber.

Eine schnellere und auch kalorienärmere Möglichkeit verfolgt auch den Ansatz des Wohlbefindens. Bequem sitzend oder stehend wird bei geschlossenem Mund und unter Kopfnicken ganz leicht „ hmmm“ gebrummt. Dieser Brummton soll emotionsneutral sein. Die Indifferenzlage ist dann gefunden, wenn der Ton bei mehrmaligem Wiederholen gewissermaßen von selbst immer in gleicher Höhe erklingt. Aus diesem Brummen heraus soll man sprechen, zum Beispiel die Anrede „ Herr Präsident! Meine Damen und Herren!“ [13]

Die feste Gewöhnung an das Sprechen in der Indifferenzlage, das für ein beschwerdefreies Reden – vor allem bei stärkerer stimmlicher Belastung – unerlässliche Voraussetzung ist, bedarf wiederholter systematischer Selbstbeobachtung, die durch gelegentliche Tonbandaufnahmen hervorragend unterstützt werden kann.[14]

Sobald man die Indifferenzlage für sich gefunden hat, ist ein Ausgangspunkt in der Betrachtung geschaffen. Für einen effektiven Einsatz der Stimme sollte man sich dieser Stimmlage bewusst werden und sie als sinnvolles Instrument in der Kommunikation begreifen. Es wird immer verschiedene Stimmlagen geben, die als attraktiv bzw. attraktiver empfunden werden. Wie andere Schönheitsmerkmale auch ist das saisonalen Schwankungen unterworfen und ein höchst subjektiv wahrgenommenes Merkmal. Vor allem Männer versuchen ihre gewohnheitsmäßige Sprechlage im untersten Bereich ihres Stimmumfangs anzusiedeln um damit Ruhe, Autorität – und nicht erst seit dem Sänger Barry White auch Erotik - auszustrahlen. Dieses Ziel erreichen sie zum Teil auch, bezahlen allerdings den Preis dafür: Denn erstens haben wir ein sehr feines Gehör für Stimmen und durchschauen bzw. „durchhören“ das Spiel, indem wir diese tiefe Stimme als Abweichung von der Indifferenzlage erkennen, und zweitens sind starke Abweichungen von der konstitutionellen Sprechlage anstrengend und ungesund für den Kehlkopf.[15] Das Gleiche gilt natürlich auch für die Abweichung in höhere Stimmlagen.

Es kann also nicht gefragt sein, die Stimme zu verstellen, sondern mit ihr zu arbeiten. In Bezug auf die Stimmlage bedeutet dies, den zur Verfügung stehenden Umfang der Sprechstimme moduliert einzusetzen. Was viele wissenschaftlich methodisch nicht erklären, aber empirisch nachweisen können ist der Umstand, dass Sprecher mit deutlicher Tonhöhenvariation im Allgemeinen als kompetenter, selbstbewusster, wohlwollender und extrovertiert eingeschätzt werden. Am unteren, negativen Ende der Wertschätzung sind Sprecher mit äußerst geringer Tonhöhenvariation. Bei fehlender Stimmhöhenvariation, dem sogenannten Monotonismus, geht die Beurteilung sogar hin bis zu „pathologisch“.

[...]


[1] Linklater, K., 1997, S. 31

[2] Eckert, H., 1994, S. 24 ff

[3] Handerer, H., 1994, S. 10 f

[4] Watzlawick, P., 2000, S. 51

[5] Habermann, G., 1996, S. 21

[6] Cramer, A., 1998, S. 18 f

[7] Schott, J., 2001, S. 22

[8] Gundermann, H., 1994, S.7

[9] Cramer, A., 1998, S. 21

[10] Gundermann, H., 1994, S. 41

[11] Pramendorfer, U., 1997, S. 47

[12] Eckert, H., 1994, S. 33

[13] Coblenzer, H., 1991, S. 98

[14] Hinsch, G., 1989, S. 30

[15] Eckert, H., 1994, S. 38

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Stimme und Wahrnehmung - über die o(h)rale Kommunikation
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Sprache und Kommunikation)
Veranstaltung
Kommunikation und Präsentation
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
37
Katalognummer
V7136
ISBN (eBook)
9783638144858
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stimme, Wahrnehmung, Ausdrucksmittel, Stimmlage, Lautstärke, Betonung, Artikulation, Lachen, Weinen, Rapport, Sprechen, Schlaffhorst, Andersen, Kenley
Arbeit zitieren
Daniel Büchner (Autor), 2002, Stimme und Wahrnehmung - über die o(h)rale Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7136

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