Die Religionssoziologie Thomas Luckmanns - Privatisierung anstatt Säkularisierung


Hausarbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Luckmanns Theorie von der unsichtbaren Religion
2.1. Anthropologische Grundlage und Funktion von Religion
2.2. Transzendenzerfahrungen und religiöse Sozialformen
2.3. Entstehung und Wandel spezialisierter religiöser Sozialformen

3. Privatisierung und Säkularisierung

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Religion stellt ein zentrales Phänomen der Gesellschaft dar. Dieser Aussage hätte bis vor hundert Jahren vermutlich jeder gebildete Mensch vorbehaltlos zugestimmt. Für die Klassiker der Soziologie, wie Durkheim, Simmel oder Weber, war es zu der Zeit jedenfalls eine Selbstverständlichkeit, sich bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Fragen auch mit der Religion auseinander zu setzen. Ihre Überlegungen zu Ursprung, Wirkung und Schicksal von Religion begründeten schließlich die Religionssoziologie als eigenständigen Arbeitsbereich der soziologischen Forschung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Religionssoziologie, durch ihre Konzentration auf die christlichen Kirchen und Gemeinden, allerdings immer mehr zu einer Organisationssoziologie der kirchlichen Institutionen, was ihre Bedeutung für die allgemeine soziologische Theorie erheblich schmälerte.[1]

Diesen Bedeutungsverlust rückgängig zu machen, war eines der Anliegen von Thomas Luckmann, als er 1967 das Buch The Invisible Religion vorlegte. Mit „seinem emphatischen Plädoyer für einen Neueinsatz der Religionssoziologie“[2] trug Luckmann wesentlich dazu bei, dass Religion in soziologischen Untersuchungen wieder als eine zentrale Dimension von Gesellschaft angesehen wurde. Ausschlaggebend dafür war aber nicht nur die Kritik an der starken Kirchenorientierung der Soziologie, sondern vor allem das Infragestellen der damals vorherrschenden Säkularisierungsthese. Denn anstatt von einem allgemeinen Rückgang oder gar dem Verschwinden der Religion in der Moderne auszugehen, vertrat Luckmann die Ansicht, dass sich nur ihre Sozialform wandele. So verlagere sich die Religion beispielsweise zunehmend in die Privatsphäre der Menschen und werde dadurch gewissermaßen unsichtbar.[3]

Heute bewegt sich die wissenschaftliche Debatte zur möglichen Entwicklung der Religion in modernen Gesellschaften zwischen drei Paradigmen. Neben der Säkularisierung und Privatisierung bzw. Individualisierung wird seit den 90er Jahren nämlich noch das Konzept der Ent- oder auch Deprivatisierung diskutiert, welches eine Rückkehr der Religion in den öffentlichen Raum zu erkennen glaubt.[4] Luckmanns theoretischem Entwurf von der unsichtbaren Religion steht dieses neue Paradigma also anscheinend klar entgegen und die Säkularisierung in ihrer allumfassenden Form stellt für ihn nur einen modernen Mythos dar.[5] Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Entwicklungsprognosen lässt sich die Frage stellen, warum Luckmann gerade die These von der Privatisierung der Religion vertritt? Wie sehen seine Argumente aus und sind diese heute noch gültig? Impliziert seine religionssoziologische Theorie zwingend die unsichtbare Religion? Die vorliegende Hausarbeit soll versuchen, diese Fragen so weit wie möglich zu beantworten. Dazu wird es nötig sein, die Argumentation Luckmanns nach zu zeichnen, um herauszufinden, was er unter Religion und ihrer Privatisierung überhaupt versteht und um eventuelle Schwierigkeiten zu erkennen. Außerdem sollte seine Auseinandersetzung mit der Säkularisierungsthese und die Kritik anderer Autoren an dem Konzept der unsichtbaren Religion bei den Betrachtungen ebenfalls Berücksichtigung finden.

Als wichtigste Literatur werden bei der Untersuchung vor allem die deutsche Übersetzung von The Invisible Religion aus dem Jahr 1991 sowie diverse Aufsätze Luckmanns genutzt.

2. Luckmanns Theorie von der unsichtbaren Religion

Im Laufe der Zeit haben sich viele verschiedene Wissenschaftler mit dem Phänomen der Religion auseinandergesetzt, was in der Forschung zu einer Fülle von möglichen Zugängen geführt hat. Diese unterscheidet man heute grob in drei Verständnisansätze und zwar in den funktionalistischen, den wissenssoziologischen und den religionswissenschaftlichen Zugang.[6] Bei Luckmann lässt sich indes eine Mischform zwischen wissenssoziologischem und funktionalistischem Ansatz finden. Zum einen geht er nämlich von einer anthropologischen Grundlage der Religion aus und weist ihr zum anderen eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft zu. Beide Punkte hängen allerdings eng zusammen und sind wesentliche Elemente von Luckmanns Religions-Konzeption, weshalb sie im Folgenden zuerst erläutert werden.

2.1. Anthropologische Grundlage und Funktion von Religion

Im Gegensatz zum Tier handelt es sich beim Menschen um ein weitgehend unverfasstes Wesen. Sein alltägliches Leben wird nicht durch Instinkte und Triebe auf einen bestimmten Ablauf festgelegt, von den lebensnotwendigen Vorgängen einmal abgesehen, sondern kann in der Ausgestaltung ziemlich variieren. Ausschlaggebend dafür ist sicherlich die Möglichkeit des Menschen, in seinem Denken und Handeln einen Sinn zu erkennen. Diese Fähigkeit ist aber nicht natürlich vorhanden, denn laut Luckmann „würden dem auf seine bloß biologischen Ressourcen zurückgeworfenen menschlichen Organismus die zeitlichen Dimensionen fehlen, um die ablaufenden Erfahrungen mit Sinn zu versehen“[7]. Der Sinn sei subjektiven Erfahrungen nämlich nicht einfach immanent, sondern entstehe erst durch die Einordnung von Erlebnissen in Deutungsschemata. Solche Deutungsmuster setzten jedoch ein gewisses Reflexionsvermögen voraus, welches wiederum die Begegnung mit anderen Menschen erfordere. Nur wenn man von Angesicht zu Angesicht (Face-to-Face-Situation) an den Erfahrungen anderer teilhat, könne eine Ablösung von den eigenen originären Erfahrungen geschehen und der Mensch beginne, sich aus der Perspektive des Mitmenschen zu betrachten. Diese Fähigkeit, den Blick des anderen auf sich selbst einzunehmen und innerlich zu reflektieren, bezeichnet Luckmann als „Distanz“. In ihr sieht er eine zentrale Dimension persönlicher Identität. Trotzdem sei der Mensch noch nicht in der Lage, seine gedeuteten Erfahrungen in einen zeitlichen und moralischen Zusammenhang zu bringen. So würden ihm erst dauerhafte soziale Beziehungen ermöglichen, seine Erinnerungen in eine zusammenhängende Biografie zu integrieren und dadurch auch ein Gewissen auszubilden. Die Einordnung von Erfahrungen und Handlungen in einen biografischen Zusammenhang und die Distanz zur eigenen Erfahrung sind bei Luckmann die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass der Mensch zu einem Individuum mit persönlicher Identität werden kann. Dabei sind sowohl die Sinnhaftigkeit subjektiver Erlebnisse als auch die Individuation des menschlichen Bewusstseins ein Ergebnis sozialer Vorgänge.[8]

Luckmann versucht mit den erläuterten Abläufen auf die grundlegende Funktion der Religion hinzuführen. Dabei spielt der Begriff der Transzendenz eine wichtige Rolle. So spricht Luckmann davon, dass bei der Entstehung des Selbst, beziehungsweise des individuierten Bewusstseins, der menschliche Organismus seine biologische Natur transzendiere. Der Organismus überschreitet gewissermaßen sein biologisches Wesen, in dem er etwas schafft, was vorher so nicht vorhanden war und zwar die personale Identität. Diesen Vorgang der Transzendierung begreift Luckmann als ein religiöses Phänomen, welches „auf der funktionalen Beziehung zwischen Selbst und Gesellschaft“[9] beruhe. Den sozialen Geschehnissen, die zu Wechselseitigkeit der Perspektiven, Reflexionsvermögen und letztlich Individuation führen, werden damit religiöse Eigenschaften zugewiesen. Und da die Identitätsbildung bei allen Menschen auf die gleiche Art und Weise verlaufe, sei Religion in der Folge ein universales Phänomen.[10]

Das Religiöse stellt bei Luckmann also den Kern des Sozialen dar, beziehungsweise beruht auf der anthropologischen Grundlage, dass der Mensch nur mittels sozialer Vorgänge zum Individuum wird. Diese Definition braucht eigentlich nicht zu überraschen, denn bereits im Vorwort zu Die unsichtbare Religion wird für die weitere Untersuchung die Annahme vorausgesetzt, „daß das Problem der individuellen Daseinsführung in der modernen Gesellschaft ein ‚religiöses’ Problem ist.“[11] Außerdem spricht sich Luckmann in seinem Buch klar gegen die allgemeine und seiner Meinung nach irreführende Auffassung aus, nach der Kirche mit Religion gleichsetzt wird. Eine solche Definition, welche Religion nur als ihre institutionalisierte Form wahrnehme, beruhe nämlich auf einer ethnozentrischen Sichtweise und sei wertlos für die Soziologie. Um dieses enge Religionsverständnis zu überwinden, sucht Luckmann Anschluss bei Durkheim und dessen Vorschlag, Religion mit Hilfe ihrer universalen sozialen Funktion zu bestimmen.[12] Da auch Durkheim in der Religion eine universelle Komponente des sozialen Lebens erblickte,[13] braucht Luckmanns Ergebnis bei der Untersuchung ihrer anthropologischen Bedingungen also kaum zu verwundern.

Das Religiöse beruht laut Luckmann aber nicht nur auf einer anthropologischen Grundlage, sondern besitzt auch eine soziale Grundfunktion. Diese besteht für ihn darin, dass aus Menschen mit natürlicher Ausstattung Handelnde innerhalb einer gesellschaftlichen und geschichtlich entstandenen Ordnung werden.[14] Solch eine Verwandlung schließt bei Luckmann allerdings mehr ein als die bereits skizzierten Vorgänge. Die Konstruktion eines inneren Sinnsystems und der damit verbundene Prozess der persönlichen Identitätsbildung stellt als religiöses Phänomen in seinem Konzept nämlich nur die Quelle dar, aus der gesellschaftlich objektivierte Formen von Religion entstehen.[15]

Wie diese religiösen Sozialformen sich genau bilden und wie sie beim Ausüben der religiösen Grundfunktion mitwirken, darauf geht der nun folgende Punkt ein. Da auch Transzendenzerfahrungen dabei von Bedeutung sind, werden diese ebenfalls mit behandelt.

[...]


[1] Vgl. Matthes, Joachim, Religionssoziologie, in: Fuchs-Heinritz, Werner u.a. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 3. völlig neu bearb. u. erw. Aufl., Opladen 1994, S. 555.

[2] Zelger, Manuel, Religionssoziologie, in: Dunde, Siegfried Rudolf (Hrsg.), Wörterbuch der Religionssoziologie, Gütersloh 1994, S. 273.

[3] Vgl. Knoblauch, Hubert, Religionssoziologie, Berlin/ New York 1999, S. 122.

[4] Vgl. Gabriel, Karl, Säkularisierung, in: OST-WEST. Europäische Perspektiven (2007), H. 1, S. 3f.

[5] Vgl. Luckmann, Thomas, Säkularisierung – ein moderner Mythos, in: Ders., Lebenswelt und Gesellschaft. Grundstrukturen und geschichtliche Wandlungen, Paderborn u.a. 1980, S. 161-172.

[6] Vgl. Homann, Harald, Religion, in: Dunde 1994, S. 261f.

[7] Luckmann, Thomas, Die unsichtbare Religion, Frankfurt/M. 1991, S. 83.

[8] Vgl. zu diesem Abschnitt ebd., S. 81-85.

[9] Ebd., S. 86.

[10] Vgl. ebd., S. 85f.

[11] Ebd., S. 49.

[12] Vgl. ebd., S. 77ff.

[13] Vgl. Boudon, Raymond/ Bourricaud, Francois, Soziologische Stichworte. Ein Handbuch, Opladen 1992, S. 422.

[14] Vgl. Luckmann 1991 (Anm. 7), S. 165.

[15] Vgl. ebd., S. 86f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Religionssoziologie Thomas Luckmanns - Privatisierung anstatt Säkularisierung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Religionssoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V71457
ISBN (eBook)
9783638632010
ISBN (Buch)
9783638918060
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Privatisierung, Säkularisierung, unsichtbare Religion, Religion, Religionssoziologie, Luckmann
Arbeit zitieren
Benjamin Triebe (Autor), 2007, Die Religionssoziologie Thomas Luckmanns - Privatisierung anstatt Säkularisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71457

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