Hier soll der Frage nachgegangen werden, wie Gender im Tosa nikki gelesen werden kann und inwieweit der Genderbegriff sinnvoll auf den Text anwendbar ist. Im Zentrum steht dabei die Erzählerin. Die Ausführungen stützen sich hauptsächlich auf die beiden Texte „The Tosa Diary: In the Interstices of Gender and Criticism“ von Lynne M. Miyake und „Writing Like a Man: Poetic Literacy, Textual Property, and Gender in the Tosa Diary“ von Gustav Heldt.
Zunächst wird ein Überblick über die unterschiedlichen Herangehensweisen japanischer und westlicher Forschung gegeben, bevor die Argumentationen der beiden Texte - ergänzt durch andere Darstellungen - gegeneinandergestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Eine Frau will es unternehmen
2 Auseinandersetzungen mit dem Tosa nikki und dem Genderbegriff
2.1 Tosa nikki und Gender aus (insbes. traditioneller) japanischer Perspektive
2.2 Tosa nikki und Gender aus westlicher Perspektive
3 Die Bedeutung von Gender für das Tosa nikki
3.1 Erzählsituation und Gender im Tosa nikki
3.2 Sozialer Status, Besitz und Gender im Tosa nikki
4 Schlussbetrachtung: Gender im Tosa nikki und das Tosa nikki im Genderkontext
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit der moderne Genderbegriff sinnvoll auf das klassische japanische Werk „Tosa nikki“ angewendet werden kann und welche Rolle Geschlechterrollen sowie soziale Faktoren in der Darstellung der Erzählerin spielen.
- Analyse der Forschungsgeschichte zur weiblichen Erzählstimme im Tosa nikki
- Gegenüberstellung japanischer und westlicher Interpretationsansätze
- Untersuchung der Bedeutung von sozialem Status und Besitzverhältnissen
- Dekonstruktion binärer Polaritäten (männlich/weiblich) im historischen Kontext
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit westlicher Gendertheorien auf vormoderne japanische Texte
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung von Gender für das Tosa nikki
Die erste gendertheoretische Position, die nach Miyake sinnvoll auf das Tosa nikki anwendbar sein könnte, ist die von Judith Butler, genauer: Butlers Argumentation, die Geschlechterzugehörigkeit sei keineswegs die stabile Identität eines Handlungsortes von dem dann verschiedene Akte ausgehen; vielmehr ist sie eine Identität, die stets zerbrechlich in der Zeit konstituiert ist - eine Identität, die durch stilisierte Wiederholung von Akten zustande kommt. Zudem wird die Geschlechterzugehörigkeit durch die Stilisierung des Körpers instituiert und ist also als die sachliche Art und Weise zu verstehen, in der verschiedenartige körperliche Gesten, Bewegungen und Inszenierungen die Illusion eines beständigen, geschlechtlich bestimmten Selbst erzeugen.
Wichtig für die Betrachtung des Tosa nikki sind nach Miyake des Weiteren die sich daraus ergebenden „Möglichkeiten von Geschlechterveränderungen“. Diese sind nach Butler „in der arbiträren Beziehung zwischen diesen Akten zu finden“.
Miyake schränkt die Anwendbarkeit von Butlers Arbeiten auf das Tosa nikki aber auch ein, da diese den gesellschaftlichen Hintergrund nicht problematisiere, vor dem ihre Theorie formuliert ist, nicht über eurozentrische Einflussgrößen hinausgehe und auch ihre Konzeptualisierung eines Selbst kulturspezifische Annahmen beinhalte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Eine Frau will es unternehmen: Der Autor führt in die Fragestellung ein, ob das „Tosa nikki“ als literarisches Werk unter Anwendung des modernen Genderbegriffs analysiert werden kann.
2 Auseinandersetzungen mit dem Tosa nikki und dem Genderbegriff: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die japanische und westliche Forschung zur weiblichen Erzählstimme und problematisiert die Übertragung moderner Gender-Konzepte auf die Heian-Zeit.
3 Die Bedeutung von Gender für das Tosa nikki: Hier wird untersucht, wie Erzählsituationen sowie soziale Status- und Besitzverhältnisse die Gender-Interpretation des Textes maßgeblich beeinflussen und oft über die rein biologische Geschlechterkategorie hinausgehen.
4 Schlussbetrachtung: Gender im Tosa nikki und das Tosa nikki im Genderkontext: Der Autor resümiert, dass Gender zwar ein wichtiges Mittel für die literarische Gestaltung ist, jedoch weniger als zentrale Kategorie, sondern primär in Verbindung mit sozialen Strukturen und Bildung kontextualisiert werden sollte.
Schlüsselwörter
Tosa nikki, Ki no Tsurayuki, Gender, Japanische Literatur, Heian-Zeit, Erzählerin, Soziale Klasse, Besitzverhältnisse, Kanbun, Wabun, Literarische Bildung, Geschlechterrolle, Judith Butler, Feminismus, Interkulturalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Untersuchung der Anwendung moderner Gendertheorien auf das klassische japanische Tagebuch „Tosa nikki“ von Ki no Tsurayuki.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Funktion der weiblichen Erzählstimme, der Einfluss von sozialem Status auf literarische Autorschaft sowie die Problematik der Übertragung westlicher Begrifflichkeiten auf vormoderne japanische Texte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist herauszufinden, ob Gender eine zentrale Kategorie für das Verständnis des „Tosa nikki“ darstellt oder ob soziale Rahmenbedingungen wie Stand und Bildung eine größere Rolle für die Textkonstitution spielen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, indem sie Positionen maßgeblicher Forscher (insbesondere Lynne M. Miyake und Gustav Heldt) gegenüberstellt und theoretische Ansätze von Judith Butler auf den historischen Kontext der Heian-Zeit anwendet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Forschungslage in Japan, die westliche Perspektive, die Erzählstruktur des Werkes und die Bedeutung von Besitzverhältnissen am Heian-Hof.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter dieser Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tosa nikki, Gender, Heian-Zeit, soziale Klasse, Erzählsituation, Autorschaft und interkulturelle Theoriebildung.
Inwiefern spielt der soziale Status eine Rolle bei der Interpretation der weiblichen Stimme im Tosa nikki?
Die Arbeit argumentiert, dass die Wahl einer weiblichen Erzählerin oft weniger mit Gender als solchem zu tun hat, sondern die soziale Identität einer niederrangigen Person widerspiegelt, deren Zugang zu literarischer Produktion durch ihren Status definiert war.
Warum hält der Autor den Genderbegriff für das Tosa nikki für nur begrenzt anwendbar?
Der Autor zeigt auf, dass der moderne Genderbegriff stark eurozentrisch geprägt ist und die binäre Aufteilung von Geschlechtern die komplexen sozialen und literarischen Realitäten der Heian-Zeit, in denen Bildung und Besitz eine ebenso wichtige Rolle spielten, nicht vollständig erfassen kann.
- Arbeit zitieren
- Frank Hasenstab (Autor:in), 2007, Die Anwendung des Genderbegriffs auf Ki no Tsurayukis Tosa nikki, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71465