Eine Untersuchung zu ausgewählten Phraseologismen in der Fußball-Berichterstattung der Frankfurter Rundschau


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

47 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das Textcorpus
2.1 Die Textgrundlage
2.2 Charakterisierung der "Frankfurter Rundschau"
2.3 Inhaltliche Auswahl der Corpustexte
2.4 Texttypen und Charakterisierung der Berichterstattung

3 Das Verhältnis von Sportsprache und Reportsprache

4 Die Reportsprache des Fußballs als Sondersprache
4.1 Fachsprachliche Einflüsse
4.2 Einflüsse des Fachjargons
4.3 Allgemein pressesprachliche Besonderheiten
4.4 Spezifisch reportsprachliche Besonderheiten

5 Die untersuchten Phraseologismen
5.1 Auswahl der Phraseologismen
5.2 Vorgehensweise bei der Analyse
5.3 Allgemeinsprachliche Phraseologismen
5.4 Umgangssprachliche Phraseologismen
5.5 Fachsprachliche Phraseologismen
5.6 Fachjargon-Phraseologismen
5.7 Modifizierte allgemeinsprachliche Phraseologismen
5.8 Spezifisch reportsprachliche Phraseologismen
5.9 Zweifels- und Grenzfälle
5.10 Freie Kombinationen

6 Ergebnisse
6.1 Phraseologismen in der Fußball-Reportsprache34
6.2 Überlegungen zu Phraseologismen in sondersprachlichen Varietäten

7 Literatur

8 Anhang: ausgewertete Texte

1 Einleitung

Diese Arbeit ist eine Untersuchung zur Verwendung von bestimmten somatischen Phraseolo­gismen in Texten der Sportberichterstattung im Fußball. Meine Vorge­hensweise war vorwie­gend induktiv: zuerst habe ich die Corpus­texte nach Wen­dungen durchsucht, die erstens ein bestimmtes Auswahlkrite­rium erfüllten (nämlich: somatischer Phraseologismus, der Bein oder Fuß ent­hält) und die zwei­tens mir aufgrund meiner Intuition und einer gewissen Er­fah­rung im Lesen von Fußballberichterstattung als nicht frei kombiniert er­schienen. Dadurch er­hielt ich ca. 20 Wendungen. Detail­lierte Analysen dieser Textbelege sollten dann Hinweise geben sowohl auf Besonderheiten der Ver­wendung als auch auf Be­sonderheiten des Systems der Phraseologie innerhalb der speziellen sprachli­chen Varietät. Eine wichtige Idee dabei war auch, aus den Hinweisen Fragestel­lungen entwickeln zu können für die Phraseologie an­derer Sondersprachen, die in der Art der Abwei­chung von der Allgemeinspra­che (und nicht etwa im themati­schen Bereich) genü­gend große Gemeinsamkei­ten mit der Sprache der Fußball-Be­richterstattung auf­weisen.

Nach einer kurzen Beschreibung des Textcorpus´ in Abschnitt 2 wird in Ab­schnitt 3 das Ver­hältnis der Sprache in Texten wie den von mir untersuchten, der sog. Fußball-Reportsprache, zur "Sprache des Sports" verdeutlicht. In Ab­schnitt 4 wird die Fußball-Reportsprache genauer analysiert in Hinblick auf ihre Charak­teristika. Anhand dieser Charakteristika sollen dann in Abschnitt 5 die ausgewähl­ten Phraseologismen diskutiert werden, wobei der Schwerpunkt auf Wendungen liegt, die von allgemeinsprachlichen Phraseologismen abwei­chen, die also in ir­gendeiner Weise typisch für die von mir untersuchte Sprachvarietät sind. Ergeb­nisse für die Phraseologie der Fußball-Berichterstat­tung und Über­legungen zu de­ren Anwendbarkeit auf andere Sprachvarietäten wie oben angedeutet fol­gen in Abschnitt 6.

2 Das Textcorpus

2.1 Die Textgrundlage

Als Textgrundlage dient die Berichterstattung im Sportteil der Deutschlandaus­gabe der "Frankfurter Rundschau" während der gesamten Zeit der Fußball-Euro­pa­meisterschaft 1996 in England. Das erste Spiel fand am Samstag, den 08. Juni statt, das letzte am Sonntag, den 30. Juni. Wegen der zeitlichen Ver­zögerung der Berichterstat­tung datiert die erste von mir ausgewertete Zeitung vom Mon­tag, den 10. Juni ´96, die letzte vom Dienstag, den 2. Juli ´96. Damit wird die Be­richter­stattung über alle Spiele des Turniers abge­deckt.

2.2 Charakterisierung der "Frankfurter Rundschau"

Die "Frankfurter Rundschau" (FR) dürfte nach Tewes´ Einteilung zu den überre­gionalen Abonnementszeitungen zählen;[1] sie berichtet auch ausführlich über die Stadt Frankfurt und das Land Hessen. Sie ist unabhängig und überpar­teilich und steht politisch im Spektrum der deutschen Tageszeitungen klar links von der Mitte. Das allgemeine Redaktionsprofil zeichnet sich dadurch aus, daß die FR "Meinung bilden, öf­fentliche Gewalt und private Mächte kon­trollieren und das Gemeinwesen moder­ner, freiheitlicher und sozialer gestalten."[2] will.

Für die Sportberichterstattung der Zeitung stellt Becker fest: "Ohne den An­spruch auf abso­lute Objektivität und kritisch soll die Sportberichterstattung ge­rade Bericht und Kommentar verschmelzen, da zum Zeitpunkt der Zeitungs­lek­türe der Ablauf der Sportereignisse bereits über Radio und Fernsehen be­kannt ist. Sportberichte werden dann als gut eingestuft, wenn sie die Meinung des Lesers treffen, der in den Augen der Sportredaktion als hellwach und be­son­ders fach­kundig gilt."[3]

2.3 Inhaltliche Auswahl der Corpustexte

Bei der inhaltlichen Auswahl der Texte habe ich mich auf solche Artikel be­schränkt, die das Spielgeschehen auf dem Fußballfeld, die Vorbereitung auf ein Spiel oder die beim Fußball­spiel aktiven Personen, d.h. Spieler, Trainer und Schiedsrichter zum Thema haben; diese Ar­tikel machen den größten Teil der Be­richterstattung aus. Nicht berücksichtigt habe ich dieje­nigen Beiträge, die das Publi­kum der Spiele, Hooligans, Krawalle und polizeiliche Maßnah­men, or­ganisa­torische Aspekte der Veranstaltungen o.ä. thematisieren oder die Be­richterstat­tung in anderen, z.B. ausländischen Medien oder im Fernsehen, re­flektieren. Ebenfalls unbe­rücksichtigt blie­ben Tabellen und die äußerst sche­matisierten, sehr kurzen Infor­mationstexte, die lediglich die Namen der Spie­ler in der Mann­schaftsaufstellung, den Schiedsrichter und ggf. die Torschüt­zen und die Zuschau­erzahl aufzählen. Eine Übersicht über die ausge­werteten Texte findet sich im An­hang.

2.4 Texttypen und Charakterisierung der Berichterstattung

Bei der Frage nach der Zugehörigkeit der ausgewählten Corpustexte zu be­stimm­ten journa­listischen Textsorten[4] möchte ich aus mehreren Gründen nicht ins De­tail gehen. Zum einen ist eine genaue Ausdifferenzeirung der Textsorten für die Fragestellungen dieser Arbeit wenig ergiebig - hierfür wäre eine viel breitere Datenbasis notwendig als die von mir ausgewählte Gruppe von Phra­seo­logismen (vgl. hierzu 5.1). Außerdem treffen die ohnehin vieldiskutierten Ein­teilungen der Textsorten möglicherweise auf Texte der Sportberichterstat­tung, die eine "Son­derform der Pressesprache"[5] repräsentieren, nur bedingt zu. Im­merhin gehören die Bei­spiele bei der Diskussion der Textsorten meist in die Rubriken "Politik" (oder auch "Wirt­schaft", "Aus aller Welt") und stam­men nur ausnahmsweise aus dem Sportteil.[6] Auch bei ande­ren Untersuchungen der Presse­sprache wird die Sportberichterstattung als untypisch aus­geklam­mert.[7] Ich möchte deshalb den schwierigen Textsortenbegriff vermeiden und statt des­sen die ausgewählten Texte lediglich drei wenig spezifizierten Textty­pen zuord­nen: Bericht, Kommentar und Interview.

Als Kommentar habe ich nur die tägli­chen, auch im Layout deutlich abgesetz­ten und als Kommentar gekennzeichneten Texte unter der Rubrik "Kicker´s Corner" gezählt. Der Texttyp "Interview" ist ohnehin eindeutig zu identifizie­ren. Die überwiegende Mehrheit der Texte fällt somit nach dieser negativen Auswahl in die Kategorie der Berichte. Das bedeu­tet, daß ein Bericht in unter­schiedli­chem Umfang Elemente von Kommentar (vgl. oben 2.2, Zitat Becker), Reportage, Nachricht u.a. enthalten kann.

Eine Reihe von (Kurz)Meldungen unter der Rubrik "EM-Splitter", bestehend aus meist ei­nem, höchstens zwei Sätzen, habe ich aus Gründen der Übersicht­lichkeit nicht in das Text­corpus mit einbezogen. Das Fehlen von Texten, die eindeutig ei­nem Typ "Nachricht" zuzu­ordnen wären, läßt sich damit erklären, daß der fuß­ballinteressierte Leser i.a. die Information an sich, z.B. das Er­gebnis eines Spiels oder mögliche Konsequenzen daraus wie die Qualifi­kation für ein Final­spiel, be­reits kennt - Fernsehen und Radio und evtl. sogar eine lo­kale Ta­geszeitung sind bezüglich der Aktualität von Nachrichten gegen­über der FR in der Deutsch­land­ausgabe mit einem Redaktionsschluß um ca. 19.00 Uhr klar im Vorteil. Dennoch tauchen wichtige Fußballergebnisse wie die Qualifikation der deutschen National­mann­schaft für das EM-Endspiel als Nachrichten von allge­meinem Inter­esse auch in der von mir untersuchten Zei­tung auf, allerdings nicht im Sportteil, auf den ich mich beschränkt habe, son­dern dann auf der er­sten Seite.

Aus dem angesprochenen Defizit an Aktualität ergibt sich für die Charak­teri­stik der Bericht­erstattung, daß nicht der klassi­sche Spielbericht mit der chro­nologi­schen Wiedergabe der Ereig­nisse des jeweiligen Spiels (die sog. 1:0-Be­richterstat­tung) dominiert. Der Schwerpunkt der Be­richte liegt eher auf aus­gewählten Aspekten der Spiele, die dann als Ausgangspunkt für Analysen, De­tail- und Hin­tergrundinforma­tionen dienen, oder sie konzentrieren sich auf bestimmte Perso­nen - Spieler, Trainer oder auch Schiedsrichter.

3 Das Verhältnis von Sportsprache und Reportsprache

Die Sprache in den Texten des Corpus stellt nur einen kleinen, gleichzeitig aber auch einen wichtigen Ausschnitt aus dem Gesamt­bereich der Sprache des Sports dar. Auf die Vagheit und die Vieldeutig­keit der Bedeutung der Bezeich­nung "Sportsprache" weisen zahlrei­che AutorInnen in ihren Untersuchungen zu Teil­as­pekten der Sportsprache hin.[8] Besonders Schweickard befaßt sich inten­siv mit der Vielschichtigkeit der Sportsprache.[9] Demnach ist die Sprache in den Corpus­texten der vorliegenden Arbeit die "Sprache der journali­stischen Berichterstat­tung"[10], die in der Literatur auch "Reportsprache" genannt wird.[11] Sie re­prä­sen­tiert nur einen aus insgesamt sechs verschiedenen "Kom­munikationsbereichen" der Sport­sprache; als weitere Bereiche nennt Schweickard: die Sprache der Sportler, die Sprache der Zuschauer, die Sprache der offiziellen Regeln, die Spra­che der sportwissenschaftlichen Fach­li­teratur und die Sprache der popularisierten Sportliteratur. Zur weiteren Diffe­renzie­rung innerhalb der jounalistischen Sport­be­richterstattung nennt er u.a. die "Variablen" Berichts­medium, Sportart und Berichtsgattung, die für die verwen­deten Texte bei der Be­schreibung des Corpus in Abschnitt 2 bereits an­gespro­chen wurden.

Die besondere Bedeutung der Report- als Teilbereich der Sport­sprache liegt darin, daß in der allgemeinen Diskussion "der Sportjournalisten-Stil häufig ohne Differenzierung synonym als 'Sportsprache' bezeichnet"[12] wird, und zwar unab­hängig davon, ob die "Sportsprache" kriti­siert und abgewertet[13] oder ob sie eher wohlwollend beurteilt wird.[14] Ein wesentlicher Grund für die un­zu­lässige Gleichsetzung von Sportsprache mit Reportsprache dürfte in der Verall­gemeine­rung von Beobachtungen liegen, die anhand von sprachli­chen Daten aus der jour­nalistischen Berichterstattung, speziell aus der ge­schriebenen, ange­stellt werden; solche Da­ten sind eben sehr viel leichter zu gewinnen als bei­spielsweise Belege über die Sprache der Zuschauer oder der Sportler selbst.

4 Die Reportsprache des Fußballs als Sondersprache

Die Fußball-Reportsprache besteht, wie schon ein kurzer Blick auf einen belie­bi­gen Fußball­bericht in jeder Tageszeitung bestätigt, zum größten Teil aus Elemen­ten der Allgemeinspra­che. Unter Allgemeinsprache ist nach der guten De­finition von Möhn/Pelka diejenige "Va­riante der Gesamtsprache" zu ver­stehen, "über die mehr oder weniger alle Sprachteilhaber in gleicher Weise verfügen und deren schriftlicher oder mündlicher Gebrauch in öffentlichen wie privaten Situationen primär der Kommunikation bzw. Verständigung über allgemeine In­halte des täg­lichen, gesellschaftlichen und privaten Lebens dient".[15] Darüber hinaus werden in der (geschriebenen) Fußball-Reportspra­che immer wieder Aus­drücke gebraucht, die meist der mündlichen Kommuni­kation in eher privaten Si­tuationen vorbehal­ten sind, d.h. Ausdrü­cke der all­gemeinen Umgangssprache.

Die Sport­sprache wird, nicht zuletzt wegen ihrer Inhomogenität (vgl. Schweickards "Kom­munikationsbereiche" in Abschnitt 3), oft mit dem ziemlich unscharfen Termi­nus "Sonder­sprache" belegt,[16] der allerdings zunächst, wie Schweickard be­merkt, nicht mehr aussagt , "als daß es sich um eine besondere Sprachform han­delt".[17]

Innerhalb der Sportsprache werden sprachsubstanziell drei Bereiche unter­schie­den:[18]

a) die Fachsprache[19] des Sports bzw. die Fachsprachen der Einzelsportarten, die besonders in den Kommuni­kationsbereichen der offiziellen Regeln, der sportwis­senschaft­lichen Fachlite­ratur und auch der popularisierten Sportlite­ra­tur ge­braucht werden, die aber auch zu großen Teilen den Sportjournalisten bekannt sind, so daß Elemente aus diesen Fachsprachen deshalb auch in der Re­portsprache anzutreffen sind;

b) der Fachjargon, der ebenfalls zwischen den Einzelsportarten variiert und der v.a. in der Sprache der Zuschauer, der Sporttreibenden selbst und eben­falls in der Reportsprache ver­wendet wird;

c) die Besonderheiten in der Sprache der Sportberichterstattung. Bei diesen Be­sonderheiten ist es m.E. sinnvoll und notwendig, zwischen allgemein presse­sprachlichen Art spezifisch re­portsprachlichen Besonderheiten zu unterschei­den (siehe unten 4.3, 4.4).

Zieht man die soziale Funktion von Sprachvarietäten in Betracht, wird für die Report­sprache die Bezeichnung Sondersprache aussagekräftiger, denn hier wird wohl nur selten mit dem Bemühen um größtmögliche Klarheit und Ein­deutig­keit kommu­niziert (wie in den Fachspra­chen), vielmehr stehen das (Nach)Erleben und der gruppenspezifische Effekt im Vorder­grund. König stellt den "sachorientier­ten Fachsprachen" die "gruppenorientierten Sonder­sprachen" gegenüber.[20] Und auch Bußmann nennt als wichtiges Kri­terium für eine Sonderspra­che: "Die Un­ter­schiede zur Standard­sprache liegen vor al­lem in dem nach gruppenspezifi­schen Interes­sen und Bedürfnissen entwickelten Sonderwortschatz",[21] wobei im Hin­blick auf das Hauptinteresse dieser Arbeit unter "Wortschatz" nicht nur Ein­zel­wörter, sondern auch Phraseologismen verstanden werden können.

Nach den allgemeinen Überlegungen zu Sportsprache und Reportsprache möchte ich mich im folgenden der Phraseologie in der Fußball-Reportsprache zuwenden und die Bedeutung von Fachsprache, Fachjargon, allgemein presse­sprachlichen Beson­derheiten und spezifisch fuß­ball-reportsprachlichen Beson­derheiten für die Phraseologie diskutieren.

4.1 Fachsprachliche Einflüsse

Die Fußball-Reportsprache enthält, wie oben angesprochen, auch fachsprachli­che Elemente, besonders aus dem Bereich der Lexik. Die Termini, die dazu die­nen, "die Sachverhalte mög­lichst exakt und eindeutig zu benennen",[22] wer­den typi­scherweise bei der Formulierung von Re­geln und Regelungen ge­braucht, die "Re­gelsprache stellt den Kern der Sportfachsprache dar."[23] Dar­über hinaus be­inhal­tet die Sport­fachsprache "den Wortschatz der Organisation des Sportbe­triebs und die sportartspezifischen Termini",[24] wobei sich diese Erklärung, die sich zunächst auf die Sportsprache allgemein bezieht, ohne weiteres auf den Bereich Fußball allein anwenden läßt und somit die wichtig­sten Charakteri­stika für die Lexik der Fachsprache des Fußballs liefert. Bei den Termini han­delt es sich meist um Einzelwörter, die für die weitere Be­trachtung nicht von Inter­esse sind; es fin­den sich aber auch sog. "phraseologi­sche Ter­mini"[25] wie z.B. indirekter Freistoß oder gestrecktes Bein.

Die Abgrenzung von Fachsprache gegenüber dem Fachjargon ist problema­tisch und nicht immer eindeutig. Oben (Fußnote 19) wurde auf eine recht re­striktive Be­schreibung einer Fachsprache hingewiesen. In anderen Modellen[26] werden auch Fachjargonismen mit einbezo­gen, "die - ohne Anspruch auf Ge­nauigkeit oder Eindeutigkeit zu erheben - Gegenstände und Er­scheinungen ei­nes Fachbe­reichs bezeichnen und oft bildhaften Cha­rakter und stark emotio­nale Bedeutung tra­gen."[27] Ich halte die Unterscheidung von Fachsprache und Fachjargon für sinn­voll und wichtig, weil sich Fachsprache um Objektivität und Eindeutigkeit be­müht, der Fachjargon hin­gegen, geradezu entgegengesetzt, für Emotionen und Subjektivität steht, wie jetzt zu zeigen sein wird.

4.2 Einflüsse des Fachjargons

Es ist nicht leicht, Fachjargon zu definieren und abzu­grenzen nicht nur ge­gen­über der Fach­sprache, sondern auch gegenüber der Umgangs­sprache (dem "allgemei­nen Jargon"). Das Verb rempeln beispielsweise, das Dankert dem Fach­jargon zurech­net[28], nicht jedoch ohne dar­auf hinzuweisen, daß es auch im all­gemeinen Jargon geläufig ist, taucht bei Wehlen als Zitat aus den offizi­el­len Regeln des Deutschen Fußball­bundes und damit als Terminus auf.[29]

Das wichtigste Charakteristikum der Fachjargon-Ausdrücke in der Abgren­zung ge­gen die Fachsprache sind ihre Bildhaftigkeit und Emotionalität, also die Tat­sa­che, "daß die meisten Jargonwörter (...) über den sachlichen Aussagewert hinaus einen Gefühlswert haben, der zur schillernden Bedeutung eines Jargon­worts bei­trägt"[30]. Der Fachjargon ist also in gewissem Sinne auch präzi­ser als die Fach­sprache, weil er über ein breites Spektrum an Konnotationen ver­fügt.[31] Diese Expressivität wird häufig durch Metaphorisierungen erreicht.[32]

Nach Schneider werden "als Fachjargon (...) Wörter, Syntagmen und Rede­wen­dun­gen be­zeichnet, die in der Sportkommunikation als spe­zifischer Ersatz des Fachvokabulars auftre­ten"[33], wobei das Fachvokabular seinerseits "Wör­ter, Syn­tagmen und Redewendungen" um­faßt, "die Personen, Sachen oder Vorgänge des Sports in adäqua­ter Weise mit einer eigen­ständig geprägten, sondersprachli­chen Terminologie benennen."[34] Damit wird der Fachjargon aber nur teilweise be­schrieben, denn viele Fachjargonismen ersetzen kei­nes­wegs Fachtermini, son­dern allgemeinsprachliche Wörter, Syntagmen oder Re­dewendungen, die aber für den Sport, hier: für den Fußball, konstitutiv sind, z.B. der Phraseologismus die Punkte entführen für allgemeinsprachliches ge­winnen.

Für die Abgrenzung des Fachjargons gegen die Umgangssprache bie­tet Duhme eine Lösung an:[35] in seiner Untersuchung der Phraseo­logie der Wirt­schaftsspra­che nennt er als Kriterium für die Zuge­hörigkeit eines auch um­gangssprachlich vorkommenden Phraseologis­mus zur Fachsprache (Fachjargon und Fachsprache wer­den bei ihm nicht voneinander unterschieden), daß vom fachsprachlichen Phra­seologismus Aktionen oder Situationen benannt werden, die "wirtschaftsspe­zifi­sche Bedeutungszusammenhänge erkennen las­sen".[36] Darüber hinaus beobach­tet er, daß "umgangssprachliche Wendungen mit wirt­schaftsspezi­fischem Charak­ter mindestens eine Komponente aufweisen, die einen eindeutigen wirtschaftsspe­zi­fi­schen Bezug erkennen läßt".[37] Diese Kri­terien für die Son­der­sprache der journalistischen Wirtschaftstexte las­sen sich gut auf Phraseo­logismen der Fußball-Reportsprache übertragen. Ein auch um­gangssprachlich vor­kommender Phraseo­logismus, der etwas fußballspezifi­sches bezeichnet (und der wahrschein­lich ein "Fußballwort" enthält), zählt dann, wenn zwischen Fachsprache und Fachjargon unterschieden wird, sicher­lich nicht zur Fachsprache, sondern zum Fachjar­gon.

Der typische Fußball-Fachjargonismus ist somit bildhaft-expressiv und be­zeich­net fußball­spezifische Phänomene. Er enthält oft mindestens ein "Fuß­ballwort", das aus der Fachspra­che, aus der Allgemeinsprache oder seinerseits aus dem Fachjar­gon stammen kann. Umgangs­sprachlichkeit ist nicht das ent­scheidende Kriterium, wenn auch häufig festzustel­len. In diesem Zusammen­hang möchte ich noch auf die - ebenfalls häufig kritisierte[38] - patheti­sche Sti­lebene vieler Jargonaus­drücke hinweisen, die gerade dieser Umgangssprach­lichkeit wider­spricht.

4.3 Allgemein pressesprachliche Besonderheiten

Als weiteres sprachliches Charakteristikum der Fußball-Report­sprache sind Ele­mente der Pressesprache zu nennen, wobei aber, wie Lüger betont, mit Pres­se­sprache nicht ein homo­genes sprachli­ches System gemeint sein kann.[39] Die Inho­mogenität der Presse­sprache ergibt sich aus den verschiedenen Rubri­ken (Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport...), den verschiedenen Textsorten (Nachricht, Bericht, Reportage, Kommentar...) und aus der Tatsa­che, daß die ver­schiedenen Zeitungen sehr unterschiedliche Redaktionsprofile aufweisen, d.h. sehr unter­schiedliche Kon­zepte bei der journalistischen Aufbereitung der Inhalte verfol­gen.[40] Der ent­scheidende Punkt, weshalb es dennoch sinnvoll er­scheint, von Pressesprache zu sprechen, ist die Gemeinsamkeit der Produkti­onsbedingungen, unter denen die verschiedenen Texte ent­stehen.

An erster Stelle wird hier von vielen AutorInnen der Zeitdruck genannt, unter dem die Artikel geschrieben werden müssen.[41] Für die Texte in unserem Cor­pus bedeutet das, daß die Berichter­stat­tung über die Fußballspiele, die am Nach­mittag stattfinden, in der Ausgabe des folgenden Tages erscheint, wäh­rend über die Abendspiele (bei denen es sich i.a. wegen der zu erwartenden grö­ßeren Zu­schau­erresonanz um die "interessanteren" Spiele, d.h. um die Spiele der er­folgreiche­ren und bekannteren Mannschaften han­delt) erst in der übernächsten Ausgabe be­richtet wird. Die Be­richterstattung über die Nachmit­tagsspiele muß also in noch kür­zerer Zeit fertiggestellt werden, weshalb sich die FR hier gelegentlich auch mit Agenturberichten begnügt. Die Artikel über die Abend­spiele, für de­ren Pro­duktion etwas mehr Zeit bleibt, stammen stets von zei­tungseigenen Jour­nalisten.

Auf einen weiteren Aspekt des Zeitdrucks weist Schweickard hin, in­dem er be­merkt, daß "der Berichterstatter schon während des Spiels wegen der ra­schen Auf­einanderfolge der ein­zelnen Aktionen in der Regel nur eilige No­tizen von den wesentlichen Geschehnissen machen kann".[42] Dieses Problem stellt sich für den Berichterstatter in der FR, dessen Berichte v.a. auf Er­eignisse abzielt, die über das unmittelbare Spielgeschehen hinausgehen, nur zum Teil. Dennoch, die Zeit­knapp­heit in der Textproduktion begünstigt die Verwendung von stereo­typen Formulierungen, von "gebrauchsfertigen Fügun­gen"[43] oder "gebrauchsfertigen Wortfü­gungen"[44] und, oft in Verbindung mit der Zeit­knapp­heit in der Korrek­tur, das Vorkommen von Fehlern und Normverstö­ßen.

Als weiteres Element, das pressesprachlichen Texten gemeinsam ist, kommt die Tatsache hinzu, daß ihr Medium, die Zeitung, ein Produkt ist, das jeden Tag neu produziert und v.a. auch verkauft werden will. Dazu ist es notwendig, "daß sich die Textproduktion der Sport­journalisten an (...) der anzunehmenden Le­ser­schaft"[45] orientiert, was für unsere Texte heißt, daß die oben erwähnten und kri­tisierten "typischen" Phänomene der Fußballberichterstat­tung - Kriegs­metaphorik in Verbindung mit ausgeprägtem Nationa­lismus, Übertreibung, Ste­reoty­pie - re­lativ wenig vorkommen. Unabhängig davon müssen aber Le­seanreize für jeden Text geschaffen werden. Hierfür bieten sich u.a. zwei Strategien an: die Ver­wen­dung von Ausdrü­cken aus dem Fachjargon oder ver­schiedenste Sprach­spiele, ins­besondere das Abwandeln von Phraseologismen.[46]

Vor dem Hintergrund der Gruppenorientiertheit der Fußball-Report­sprache als Sondersprache kann man feststellen, daß die Verwendung des Fachjargons in der Fußballberichterstattung der Tagespresse die Vertrautheit von Journalist und Le­ser mit der Materie unter­streicht, denn "mit der Kenntnis von Jargon­wörtern kann man noch nachdrücklicher als mit der Beherr­schung des Fach­vokabulars be­weisen, daß man zur Gruppe der Fußballspieler (bzw. zur Gruppe der Fußballin­teressierten und -informierten, meine Anm.) gehört und mit den Beson­derheiten des Fußballspiels vertraut ist."[47] Der Leser bekommt auf diese Weise seine Zuge­hörig­keit zur in-group und sein Expertentum bestä­tigt, was sich in umge­kehrter Richtung daran zeigt, daß für Außenstehende die "spezifische Eso­terik und Idio­matik der Berichter­stattung"[48] nicht immer leicht zu verstehen ist. Ein weiterer Vorteil bei der Verwendung des Fachjar­gons mit seinen Möglichkei­ten zu An­schaulichkeit und Ex­pressivität liegt in der Funktion der Texte der Berichterstat­tung, die v.a. der Unterhaltung der LeserInnen dienen - auf die mangelnde Ak­tualität, die die Voraussetzung für die Information als primäre Funktion wären, wurde bereits wiederholt hin­gewiesen. Schweickard stellt fest, "daß die emo­tionale Beteiligung des Zu­schauers am Spiel in der Regel nicht mit dem Schlußpfiff endet, vielmehr will der Zuschauer im einzelnen nacherle­ben, was ihn em­pört oder begeistert hat, und seine Meinung mit der eines kri­ti­schen Chronisten konfrontieren."[49] In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß die starke Ex­pressivität des Fachjargons dazu füh­ren kann, ebenfalls ein gängiger Punkt bei der Kritik der Report­sprache, daß "Vokabeln der Sensation und Übertrei­bung" "schablonen­haft"[50] benutzt werden.

Die Abwandlung von Phraseologismen mit der Absicht, originelle Formulie­run­gen als Lese­anreiz zu erhalten, wird allgemein als Modifikation - im Unter­schied zur Variation - bezeich­net.[51] Dabei sind Varianten "lexikographisch eta­blierte, im Phraseolexikon ge­speicherte, usuelle Veränderungsmöglichkeiten im Lexem­bestand ei­nes Phraseologismus",[52] während von Modifikationen ge­sprochen wird, "wenn Varia­tionen im Komponentenbestand gelegent­licher (okkasioneller) und nicht allgemein gebräuchlicher (usueller) Natur Instru­ment be­stimmter Stilabsich­ten sind."[53] Auf eine detaillierte Besprechung der vielfältigen Ar­ten von Mo­difi­kationen möchte ich hier verzichten, vgl. dazu die ausführliche Analyse von Burger[54] oder die gute Übersicht von Palm.[55]

Es muß gefragt werden., ob ein modifizierter Phraseologismus überhaupt noch als Phraseolo­gismus angesehen werden kann, eben weil z.B. die Bedingungen der Stabilität oder Festigkeit verletzt werden. Allerdings ist "das Kriterium der Fe­stigkeit von Phraseologismen (...) nur bedingt gültig und hängt vom Grad der Idiomatizität ab, d.h. vollidioma­tische Phraseologis­men mit unikaler Kompo­nente treten sehr selten anders als fest auf, während die Teilbarkeit mit sin­kendem Idio­matizitätsgrad Varianten im Lexembestand der phraseologi­schen Wort­gruppe zu­läßt."[56] Problematisch hierbei kann es sein, die Grenze zwischen usueller und ok­kasioneller Abwandlung zu ziehen, z.B. im Hinblick auf die Mög­lichkeit regional oder son­dersprachlich usueller Abwandlungen, die in der All­gemeinsprache in ih­rem größten Umfang als nicht-usuell gelten müßten.

Im Hinblick auf die verschiedenen Stilschichten in unseren Corpustexten ist es wichtig zu be­achten, "daß die Varianten alternativen Cha­rakters sind, d.h. die Be­deutung des Phrasems nicht verändern, daß in einigen Fällen jedoch die Kon­nota­tion der Stilschicht be­einflußt wer­den kann"[57]

Modifizierte Phraseologismen verletzen noch eine weitere Bedingung: die der Re­produzier­barkeit. Denn im "Verhältnis von Memoriertem und Synthetisier­tem"[58] sind die Modifikatio­nen eindeutig zu den ganz bewußt produzierten und nicht zu den reproduzierten sprachlichen Einheiten zu rechnen. Schließlich zeichnen sie sich dadurch aus, "daß sie der Sprachprodu­zent von ei­nem gespei­cherten Phraseo­lexem ableitet und mit ihrer Bildung ei­nen spezifischen Effekt intendiert. (...) Für die Dekodierung der Modifikation durch den Rezipienten ist grund­sätzlich die Kenntnis der phraseologischen Bedeutung der Basis Be­din­gung. (...) Erst aus dem Kontrast zwischen as­soziierter (unveränderter) phra­seologischer Bedeutung und jeweils text­spezifischer Aktualisierung ent­steht der intendierte Effekt"[59] V.a. deshalb möchte ich die modi­fizierten Phra­seo­logis­men, die eigentlich gar keine Phraseologismen sind, als sogar be­son­ders inter­essante Fälle in die Untersuchung mit einbeziehen.

4.4 Spezifisch reportsprachliche Besonderheiten

Bei der Untersuchung der Phraseologie in der Fußball-Reportsprache fallen im­mer wieder be­stimmte Wendungen auf, die zunächst intuitiv als nicht frei kom­bi­niert erscheinen, die aber weder morphosyntaktisch noch semantisch Anhalts­punkte für Phraseologizität geben. Den­noch: für bestimmte Sachen oder Sachver­halte "sagt man eben so". Es handelt sich dabei um stabile, nicht-idiomatische Wortverbindun­gen, mit denen auf bestimmte Aktionen oder Si­tua­tionen verwiesen wird, die sich zum einen in gleicher bzw. in sehr ähnli­cher Weise wieder­holen, und die zum anderen in der Berichterstattung erwäh­nenswert sind.

Erneut ist das Verhältnis von reproduzierten und produzierten sprach­lichen Ein­heiten interes­sant: "Im Gedächtnis sind mit Sicherheit zahlreiche komplexe Aus­drücke gespeichert, die weder als syntaktisch abweichende noch als se­man­tisch nicht kompositionell aufgebaute idi­omatisch sind, son­dern stereo­typ auf Grund häufigen Vorkommens. Sie werden memo­riert, obwohl sie grammati­sche Struktu­ren haben."[60] Solche Wendungen, die sog. Nominationsstereo­type[61] oder bevor­zugten Analysen[62], erhalten ihre Festigkeit also durch Be­sonderheiten in der Sprachverwendung, nicht durch Besonderheiten im Sprachsystem: "No­mina­ti­ons­stereotype sind weder absolut verfestigte lexikali­sierte Einhei­ten des Sprachsy­stems, noch freie Fügungen der Rede, sondern die Ausdruckswei­sen, die in durch Gesetz oder Konvention festgelegten Typen von Kommunikati­onssitua­tionen wie­derholt und bevorzugt von den Sprachteilha­bern gewählt wer­den bzw. gewählt werden müssen."[63]

Kjær hat für die juristische Fachsprache die Nominationsstereotypen unter­sucht und festge­stellt: "Die Festigkeit von Nominationsstereotypen der Rechts­sprache be­ruht auf ihrer Ein­bindung in bestimmte durch Gesetz oder Konven­tion fest­ge­legte (Situations)kontexte. In den betreffenden Kon­texten sind die Wortver­bin­dungen als normierte oder 'normale' Bausteine der juristischen Kommunika­tion stabilisiert, und in diesen Kontexten haben sie eine speziali­sierte Ge­brauchsbedeu­tung, die von ihrer wörtlichen Bedeutung abweicht."[64]

Ich meine, daß sich diese Ergebnisse z.T. auch auf die Fußball-Reportsprache übertragen las­sen. Sicherlich spielt in der Reportsprache eine Normierung durch Gesetz (oder ritualisierte Sprache) keine Rolle, hier kann nur Konven­tion von Bedeutung sein. Die Konventionalisie­rung bestimmter Ausdruckswei­sen, die häu­fig mit einer Verkürzung des sprachlichen Aus­drucks verbunden ist, wird in der Fußball-Reportsprache unterstützt durch die Produktionsbe­dingungen und das Be­schreibungsobjekt "Fußballspiel" selbst, in welchem sich Aktionen in räumlich und zeitlich vorgegebenen Grundmustern in stets ähnli­cher Weise wie­derholen.

5 Die untersuchten Phraseologismen

5.1 Auswahl der Phraseologismen

Aus der großen Menge von Phraseologismen in den Corpustexten habe ich zunächst alle so­matischen Phraseologismen ausgewählt, d.h. alle Phraseologis­men, die eine Körperteilbe­zeichnung enthalten. Es fanden sich ca. 90 verschie­dene Phra­seologismen mit insgesamt rund 180 Belegen, wobei für manche Wortgrup­pen, die ich mit auf­genommen habe, durchaus dis­kutiert werden kann, ob es sich tat­sächlich um Phraseologismen handelt, bzw. wie fest re­spek­tive frei die Wörter innerhalb dieser Wendungen kombiniert sind. Exempla­risch soll dies - neben an­deren Fragen der Verwendung im konkreten Text - an denjenigen Phraso­logis­men durchgeführt werden, in denen die Körperteil­bezeichnungen Bein oder Fuß oder Komposita mit Bein oder Fuß vorkommen. Die Auswahl dieser Phra­seolo­gismen erschien mir besonders sinnvoll, nicht etwa, weil das Material hier beson­ders umfangreich wäre - für Hand, Kopf, Auge und Herz finden sich mehr Phra­seolo­gismen (meist unzweifelhafte, si­cherlich in jedem phra­seologischen Wörter­buch verzeichnete Wendungen, aber auch einige diskutable "Semi-Phraseologis­men") als für Fuß, und für Hand, Kopf und Auge auch mehr Be­lege, und Bein rangiert in der Anzahl der Phra­seologismen und der Belege sogar noch hinter dem nach Herz folgendem Arm -, son­dern weil Bein und Fuß im Fuß­ball eine herausragende Rolle spielen und deshalb hier am ehesten Semi-Phra­seologismen oder Fachjargon-Wendungen zu erwarten waren.

5.2 Vorgehensweise bei der Analyse

Der phraseologische Status der von mir in Betracht gezogenen Wen­dungen wurde anhand von drei allgemeinsprachlichen phraseologischen Wörterbü­chern, drei allgemeinsprachlichen allgemeinen Wörterbüchern, einem Wörter­buch der Um­gangssprache, das sehr viel Material aus Sondersprachen enthält, und einem Spe­zialwörterbuch der Sprache des Sports überprüft.

Die allgemeinsprachlichen phraseologischen Wörterbücher sind:

- Duden (1992): Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten. Im fol­genden Duden11
- Schemann, Hans (1993): Deutsche Idiomatik. (Schemann)
- Wolf, Friedrich (1966): Moderne deutsche Idiomatik. (Wolf)

An allgemeinsprachlichen allgemeinen Wörterbüchern habe ich verwendet:

- Duden (1993-1996): Das große Wörterbuch zur deutschen Sprache in acht Bänden. (DudenWB)
- Brockhaus-Wahrig (1980-1984): Deutsches Wörterbuch in sechs Bän­den (B-W)
- WDG (1980-1982): Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache in sechs Bänden. (WDG)

Spezialwörterbücher:

- Küpper, Heinz (1982-1984): Illustriertes Lexikon der deutschen Um­gangs­sprache in acht Bänden (Küpper)
- Wehlen, Rainer (1976): Regeln und Sprache des Sports. (Wehlen)
Darüber hinaus habe ich gelegentlich hinzugezogen:
- Gsella, Thomas, Heribert Lenz & Jürgen Roth (1996): So werde ich He­ribert Faßbender. Grund- und Aufbauwortschatz Fußballreportage (Gsella)

Gsella ist eine satirische Sammlung von Wendungen aus Fernseh­kommenta­ren zu Fußball­spielen. Der satirische Effekt besteht v.a. darin, daß der Leser die Wendungen als typische und bekannte "Phrasen" wiedererkennt. Die For­melhaf­tig­keit wird von den Autoren dadurch pointiert, daß sie behaupten, mittels eines "Grundwortschatzes" von 650 Wendungen ließen sich 85% des Spiel­geschehens in einem normalen Fußballspiel adäquat wiedergeben, der "Aufbauwortschatz" von 1100 Wendungen erfasse weitere 10-12%, so daß 95-97% einer Fußballreportage (im Fernsehen) aus 1750 festen Wendungen be­stehen.[65]

Weil die Phraseologismen häufig nicht in der Zitierform, sondern mit Varia­tio­nen und Modi­fikationen vorkommen, habe ich, wenn es notwendig oder er­folg­ver­sprechend erschien, nach "passenden" verwand­ten Phraseologismen ge­sucht.

Auf Seitenangaben bei den Zitaten aus den Wörter­büchern habe ich verzichtet, alle Beispiele sind, soweit nicht ausdrücklich anders angegeben, unter dem Lemma Fuß bzw. Bein im je­weiligen Wörterbuch zu finden.

Ich möchte im folgenden alle Phraseologismen mit Bein oder Fuß aus meinem Cor­pus disku­tieren; sie sind nach allgemeinsprachlichen (5.3), umgangs­sprachli­chen (5.4), fachsprachli­chen (5.5), Fachjargon- (5.6), modifizierten allge­mein­sprachlichen (5.7) und spezifisch re­portsprachlichen (5.8) Phraseo­logismen ge­ordnet. Daran anschließend werden in 5.9 Zwei­fels- und Grenz­fälle diskutiert sowie in 5.10 diejenigen Wendungen genannt, die sich als frei kombiniert er­wie­sen haben.

Die festen phraseologischen Komponenten in den Textbelegen sind jeweils un­ter­strichen, die Quellenangabe steht in Klammern.

[...]


[1] vgl. Tewes (1991) S. 95ff

[2] Becker (1983) S. 79; diese grundsätzliche Orientierung ist auch heute noch zutreffend.

[3] Becker (1983) S. 79

[4] vgl. hierzu z.B. Lüger (1995) S. 77ff

[5] Schaefer (1989) S. 3

[6] Ein (seltenes) Beispiel für die Diskussion eines Sporttextes findet sich bei Lüger (1995) S. 117

[7] Rosengren (1972) z.B. nimmt die Sportberichterstattung aus (S. XIII)

[8] Schaefer (1989) S. 3ff, Digel (1975) S. 35

[9] vgl. Schweickard (1987) S. 3ff

[10] Schweickard (1987) S. 4

[11] z.B. Fingerhut (1991) S. 61

[12] Fingerhut (1991) S. 57

[13] z.B. Siefer (1970)

[14] z.B. Schneider (1990) S. 35: "Alle Scheußlichkeiten der Sport-Sprache kom­men in politischen Sendungen und Artikeln ganz ähnlich vor (...). Es gibt also keine Handhabe, speziell mit den Sport-Redakteuren sprachlich ins Gericht zu gehen."

[15] Möhn/Pelka (1984) S. 141

[16] z.B. Fingerhut (1991) S. 63, Schweickard (1987) S. 4, Dankert (1969) S. 50, Schneider (1974) S. 18

[17] Schweickard (1987) S. 5

[18] so z.B. Fleischer (1987) S. 226f, Fingerhut (1991) S 58

[19] vgl. die gute Definition von Möhn/Pelka (1984) S. 26: "Wir verstehen unter Fachsprache heute die Variante der Gesamtsprache, die der Erkenntnis und be­grifflichen Bestimmung fachspezifischer Gegenstände sowie der Verständigung über sie dient und damit der spezifischen Kommunikationsbedürfnissen im Fach allgemein Rechnung trägt. Fachsprache ist primär an Fachleute gebunden, doch können an ihr auch fachlich Interessierte teilhaben."

[20] König (1992) S. 133

[21] Bußmann (1990) S. 690

[22] Fluck (1991) S. 12

[23] Fingerhut (1991) S. 58

[24] Brandt (1979) S. 172

[25] Burger (1982) S. 31

[26] vgl. Fluck (1991) S. 17ff

[27] Fluck (1991) S. 22

[28] Dankert (1969) S. 25

[29] Wehlen (1972) S. 71; vgl. auch Schneider (1974) S. 185

[30] Dankert (1969) S. 22

[31] so ist wohl Fingerhut (1991) S. 58 zu verstehen

[32] Im Zusammenhang mit den Entlehnungen der Fußballsprache aus ande­ren Le­bensbereichen (und deren Fachsprachen bzw. Fachjargon) wird meist als erstes der Bereich des Kriegswesens genannt und kriti­siert, wobei diese Entlehnungen insofern nicht so verwunderlich sind, als "speziell bei Fußballspielen die na­heliegende Analogie zwischen Sportsprache und Kriegsmetaphorik auf dem natür­lichen antagonistischen Handlungsmuster" (Fingerhut (1991) S. 55) basiert. In Schneiders Un­tersuchung, die allerdings nicht nur Fußball-Berichterstattung, sondern die Berichterstattung über ein breites Spektrum an Sport­arten einbe­zieht, ist der Bereich, aus dem am meisten entlehnt wird, die "Schaustellung", womit er "Theater, Musik, Tanz, Film" und das "'Schaugewerbe'" meint. (Schneider (1974) S. 181) Dessen ungeachtet ist die Kri­tik an "kriegerischen Entgleisungen" und "martialischen Meta­phern", (Fingerhut (1991) S. 54f) oft verbunden mit chauvinistischen Einstellungen, wie sie von Boulevardzeitungen (besonders der BILD-Zeitung) gebraucht werden, sehr berechtigt.

[33] Schneider (1974) S. 181

[34] Schneider (1974) S. 162

[35] Duhme (1991) S. 126 f

[36] Duhme (1991) S. 127

[37] Duhme (1991) S 127

[38] z.B. Siefer (1970)

[39] vgl. Lüger (1995) S. 3

[40] vgl. hierzu Becker (1983) S. 81

[41] z.B. Schaefer (1989) S. 166, Fingerhut (1991) S. 56, Schweickard (1987) S.5

[42] Schweickard (1987) S. 6

[43] Fingerhut (1991) S. 93

[44] Kroppach (1970) S. 75

[45] Schaefer (1989) S. 166

[46] vgl. z.B. Lüger (1995) S. 36f, Wotjak (1992) S. 162

[47] Dankert (1969) S. 21

[48] Schweickard (1987) S. 9

[49] Schweickard (1987) S. 10f

[50] Fingerhut (1991) S. 55

[51] z.B. Burger (1982) S. 68ff

[52] Palm (1995) S. 71

[53] Palm (1995) S. 72

[54] Burger (1982) S. 68ff

[55] Palm (1995) S. 73ff

[56] Palm (1995) S. 71

[57] Palm (1995) S. 72

[58] Coulmas (1981) S. 50

[59] Barz (1992) S. 35

[60] Coulmas (1981) S. 51

[61] Fleischer (1982) S. 63f

[62] Burger (1982) S. 31f

[63] Kjær (1994) S. 320

[64] Kjær (1994) S. 317

[65] Gsella (1996) S. 8

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Eine Untersuchung zu ausgewählten Phraseologismen in der Fußball-Berichterstattung der Frankfurter Rundschau
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Seminar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Pharseologie
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
47
Katalognummer
V7147
ISBN (eBook)
9783638144933
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit ist eine korpusbasierte Untersuchung so genannter somatischer Phraseologismen, also von idiomatischen Ausdrücken, die eine Körperteilbezeichnung enthalten (z.B. mit dem KOPF durch die Wand wollen oder eine HAND wäscht die andere ). Das Textkorpus ist sehr unterhaltsam, handelt es sich doch um die komplette Fußball-Berichterstattung zur Europameisterschaft 1996 in der Frankfurter Rundschau . Anhand des Materials kann gezeigt werden, wie allgemein-, umgangs- und fachsprachliche Muster interagieren und welchen reportsprachlichen Besonderheiten und Jargonismen auftreten. Denn wie Eugen Roth schon sagte: Sprachforscher, geh auch auf den Sportplatz - Und freudig wirst sehen du, dort hats - Beim Fußballspiel - Der Sprüche viel - Um die zu bereichern den Wortschatz! 237 KB
Schlagworte
Phraseologie, Sprortsprache, Fußballsprache, Sportberichterstattung, Fußballberichterstattung, Frankfurter Rundschau, Zeitungssprache, Pressesprache, somatische Phraseologismen, Körperteile, Heribe
Arbeit zitieren
Dr. Klaus Geyer (Autor), 1996, Eine Untersuchung zu ausgewählten Phraseologismen in der Fußball-Berichterstattung der Frankfurter Rundschau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7147

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