Mit den Schüssen vom 28.6.1914 auf den Erzherzog und österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo endete das lange 19. Jahrhundert und ein neuer Zeitabschnitt in der Geschichte Europas und der Welt begann. Das Attentat und der nach ihm einsetzende 1. Weltkrieg werden gern als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (Georg Kennan) bezeichnet. Doch die Ursachen, die letztlich zu diesem Ereignis führten, waren andere und liegen einige Jahrzehnte weiter zurück. Dies sind zum Einen die Epoche der Reichsgründung, in der das Deutsche Reich von Otto von Bismarck zusammen geschmiedet und zum Anderen das darauf folgende Zeitalter des Imperialismus, in dem die Welt neu aufgeteilt wurde und das internationale Machtstreben der Großmächte letztlich zum 1. Weltkrieg führte. Dabei gab es ganz unterschiedliche Formen imperialistischer Herrschaft in der Vergangenheit, die sowohl politisch als auch wirtschaftlich begründet waren. Dem Phänomen des Imperialismus wendet sich der erste Teil dieser Arbeit zu. Es erweist sich als schwierig, den Begriff des Imperialismus als solchen zu definieren, da seine Bedeutung im Wandel der Zeit variierte. Demzufolge soll in Form einer Auseinandersetzung mit dem Begriff des Imperialismus, als ein universalhistorisches Phänomen, der Versuch einer Definition gewagt werden. Ausgehend vom Begriff des Imperiums werden die unterschiedlichen Formen imperialer Herrschaft von der Antike bis zur Gegenwart knapp skizziert. Neben einer Vielzahl von Definitionen gibt es auch eine Vielzahl von Interpretationsansätzen und Theorien, die den Imperialismus genauer untersuchen. Die verschiedenen Formen der Imperialismustheorien stehen im zweiten Teil der Arbeit im Mittelpunkt des Interesses. Um einen besseren Überblick über die Stofffülle der Imperialismustheorien zu bekommen, habe ich mich für eine Dreiteilung der Interpretationsansätze. Innerhalb dieser Strömungen gibt es noch weitere verschiedenen Spezialbereiche, die es darzustellen und zu analysieren gilt. Ohne dem Anspruch auf Vollständigkeit gerecht werden zu können, wird versucht, unter Berücksichtigung des mir begrenzt zur Verfügung stehenden Textumfangs, einen umfassenden Überblick über diese wesentlichen Theorien zum Imperialismus zu geben. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Imperialismus als universalhistorisches Phänomen
1.1. Begriffsbestimmung
1.2. Strukturmerkmale des Imperialismus
1.3. Entwicklung des Imperialismus von der Antike bis zum 19. Jahrhundert
1.4. Die historischen Phasen des modernen Imperialismus im 19. Jahrhundert
1.4.1. Die Epoche des Frühimperialismus 1815-1881
1.4.2. Die Epoche des Hochimperialismus 1881-1918
1.4.3. Motive und Formen des Imperialismus
2. Imperialismustheorien
2.1. Die älteren bürgerlichen Imperialismustheorien
2.1.1. Die klassischen politischen Imperialismustheorien
2.1.2. Die klassischen ökonomischen Imperialismustheorien
2.2. Die klassischen marxistischen Imperialismustheorien
2.2.1. Die Interpretationsansätze von Karl Marx und Rosa Luxemburg
2.2.2. Der Interpretationsansatz von Hilferding
2.2.3. Der Interpretationsansatz von Lenin
2.3. Neuere politische Imperialismustheorien
2.3.1. Die objektivistische Imperialismustheorie
2.3.2. Die soziologischen und sozio-politischen Imperialismustheorien
2.3.3. Die Sozialimperialismustheorie
2.3.4. Die Peripherieorientierte Imperialismustheorie
3. Was hat Imperialismus mit Krieg zu tun?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Phänomen des Imperialismus, indem sie verschiedene theoretische Erklärungsansätze gegenüberstellt und kritisch analysiert. Dabei liegt der Fokus darauf, das Verhältnis zwischen imperialistischem Expansionsstreben und der Entstehung militärischer Konflikte zu beleuchten, um einen Bezug zur Soziologie des Krieges herzustellen.
- Definition des Imperialismusbegriffs im historischen Wandel.
- Gegenüberstellung älterer bürgerlicher und klassisch marxistischer Imperialismustheorien.
- Analyse moderner Ansätze wie dem Sozialimperialismus und der peripherieorientierten Theorie.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen imperialistischer Politik und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Auszug aus dem Buch
1.4.2. Die Epoche des Hochimperialismus 1881-1918
Zu Beginn der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts änderte sich die geschilderte Situation grundlegend. Imperialistische Fragen traten zunehmend in das Interesse und Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit. Grund dafür war die neu entstehende Massenpresse, die sich mit Nachdruck imperialistischen Themen zuwandte. Auf diese Weise wurde auch der populäre Nationalismus gefördert, was auf eine breite Leserschaft stieß. Es entwickelte sich somit ein imperialistisches Zeitbewusstsein.
Damit änderte sich auch das Verhalten der Regierungen, die bislang bestrebt waren territoriale Engagements in überseeischen Regionen in Grenzen zu halten, nicht zuletzt durch die hohen finanziellen Belastungen. Aufgrund des hohen öffentlichen Drucks, der aus der breiten Massenbegeisterung resultierte, konnte der Staat seine kolonialpolitische Abstinenz immer weniger durchsetzen. Im Gegenteil es kam sogar zu ausgesprochenen Konkurrenz-kämpfen zwischen den Großmächten um den Erwerb kolonialer Territorien und somit um imperialistischen Machtbereich.
Als Initialzündung für diese Entwicklung kann das Eingreifen Großbritanniens in Ägypten im Juli 1882 und die darauf folgende Okkupation des Landes gesehen werden. Kennzeichen dieser nun einsetzenden Periode war die Ausbildung einer effektiveren territorialen Herrschaft in weiten Gebieten. Fortan wurden nicht mehr nur an den Küstenregionen Handels- und Siedlungsstützpunkte errichtet, sondern zunehmend auch im Landesinneren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Imperialismus als universalhistorisches Phänomen: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Imperialismus, arbeitet zentrale Strukturmerkmale heraus und unterteilt die historische Entwicklung in die Epochen des Früh- und Hochimperialismus.
2. Imperialismustheorien: Hier werden verschiedene theoretische Ansätze, von älteren bürgerlichen über klassisch marxistische bis hin zu moderneren soziologischen und peripherieorientierten Theorien, detailliert dargestellt und analysiert.
3. Was hat Imperialismus mit Krieg zu tun?: Das abschließende Kapitel untersucht den direkten Zusammenhang zwischen imperialistischem Machtstreben und der Steigerung der Kriegsgefahr, insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg.
Schlüsselwörter
Imperialismus, Frühimperialismus, Hochimperialismus, Sozialimperialismus, Marxismus, Kapitalexpansion, Kolonialismus, Industrialisierung, Weltmachtstreben, Erste Weltkrieg, Machtpolitik, Finanzkapital, Theoriebildung, Nationalismus, Peripherieorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und Deutung des Imperialismusbegriffs sowie dessen theoretische Fundierung unter Berücksichtigung unterschiedlicher politischer und ökonomischer Perspektiven.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Einordnung des Imperialismus, der Analyse der wichtigsten Imperialismustheorien und dem Zusammenhang zwischen imperialistischer Politik und militärischen Konflikten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, einen strukturierten Überblick über die vielfältigen Theorien zum Imperialismus zu geben und deren Relevanz für das Verständnis der Kriegsursachen zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und einen theorievergleichenden Ansatz, um die verschiedenen Interpretationsmodelle des Imperialismus zu systematisieren und kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-begriffliche Einleitung, eine fundierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Imperialismustheorien und eine abschließende Untersuchung des Kausalzusammenhangs zwischen Imperialismus und Krieg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Imperialismus, Sozialimperialismus, Kapitalismus, Machtstreben, Kolonialpolitik und das Zeitalter des Imperialismus.
Warum unterscheidet der Autor zwischen Früh- und Hochimperialismus?
Diese Unterscheidung ist notwendig, um die Wandlung von informellen, primär wirtschaftlich geprägten Expansionsformen (Frühimperialismus) hin zu einer Phase intensiver territorialer Machtrivalität und Massenbegeisterung (Hochimperialismus) deutlich zu machen.
Wie bewertet der Autor den Zusammenhang zwischen Sozialimperialismus und Innenpolitik?
Der Autor versteht den Sozialimperialismus als eine Strategie der Eliten, um durch außenpolitische Erfolge von sozialen Spannungen im Inneren abzulenken und den herrschenden Status quo zu stabilisieren.
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- Anonym (Author), 2001, Theorien zum modernen Imperialismusbegriff, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71486