Erwachsenwerden - Das Ablösungsverhalten junger Erwachsener von der Kernfamilie


Seminararbeit, 2007

13 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen

3 Die Ablösung junger Erwachsener von ihrer Kernfamilie
3.1 Formen der Ablösung
3.2 Die Ablösungsphase im geschichtlichen Kontext

4 Das Ablösungsverhalten im zeitlichen Wandel

5 Gründe für den Wandel der Ablösungsphase
5.1 Mitte des 20. Jahrhunderts
5.2 Ende des 20. Jahrhunderts

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eine universale Verbotsbegründung gegenüber kleinen Kindern lautet: „Nein, das darf man erst, wenn man groß und erwachsen ist!“ – Doch wann ist man „erwachsen“ und wie wird man das?

Die Volljährigkeit ist in Deutschland seit 1975 mit Vollendung des 18. Lebensjahres erlangt. Doch nach soziologischen Gesichtspunkten ist diese Frage nicht so eindeutig zu beantworten wie nach juristischen.

DIE ZEIT stellte in dem Artikel „Reife Zahlen“ fest, dass die Deutschen körperlich in immer jüngerem Alter erwachsen würden, jedoch sich immer länger Zeit ließen, bis sie in Lohn und Brot ständen. Hier wurden Kriterien wie erste Sexualerfahrungen oder das Rauchen der ersten Zigarette dem Auszug aus dem Elternhaus und der Verlängerung der Ausbildungszeiten gegenüber gestellt.[1]

Das Erwachsenwerden und dann Erwachsensein ist also eine multidimensionale Angelegenheit, in der sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert hat. Das Ziel ist jedoch gleich geblieben: die vollständige Ablösung vom Elternhaus. Die Antwort an das kleine Kind hätte wohl in den 1950er Jahren anders ausgesehen als heutzutage.

Dieser Wandel des Erwachsenwerdens soll Thema dieser Arbeit sein; die Untersuchung beschränkt sich auf die formalen und gesellschaftsstrukturellen Gesichtspunkte. So wird zunächst geklärt, welche Merkmale für Erwachsensein stehen und wie sich der Prozess der Ablösung von den Eltern gestaltet. Dann kann betrachtet werden, inwiefern sich dieser Prozess seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts gewandelt hat. Abschließend werden die möglichen Gründe für den Wandel des Ablösungsprozesses behandelt.

Die Beantwortung dieser Frage ist selbstredend nicht nur für das oben erwähnte kleine Kind – mal ganz davon abgesehen, ob es das Folgende überhaupt verstehen würde – aufschlussreich. Denn gerade in soziologischer Hinsicht ist es in Bezug auf die nach-elterliche, so genannte „empty-nest-Phase“ interessant, ab welchem Zeitpunkt die „großen Kinder“ als erwachsen gelten können und somit die Familienphase der Eltern als abgeschlossen angesehen werden kann. Klassisch ist diese durch die Spanne zwischen der Geburt des ersten Kindes und dem Auszug des letzten Kindes aus dem elterlichen Haushalt definiert. Wie auch im Folgenden mit einfließen wird, wird unter anderen von Laszlo Vaskovics bezweifelt, dass die vollkommene Ablösung der „großen Kinder“ von ihren Eltern mit dem Auszug aus deren Haushalt abgeschlossen ist.[2]

2 Definitionen

Bei den oben mit dem Ausdruck „große Kinder“ Umschriebenen handelt es sich um Menschen, die sich zwischen dem Ende ihres zweiten und der Mitte ihres dritten Lebensjahrzehnts befinden und also im Allgemeinen volljährig sind. In der Literatur werden sie als „junge Menschen“, „junge Erwachsene“ oder „Postadoleszente“ bezeichnet und sie befinden sich im Übergangsstadium „Postadoleszenz“ zwischen Jugend und Erwachsensein, jene Lebenszeit, in der sich die „Ablösungs-“ oder „Abnabelungsphase“ von den „Eltern“ beziehungsweise „Kern-“ oder „Herkunftsfamilie“ abspielt.[3]

Im Folgenden sollen die Termini so verwandt werden: „junge Erwachsene“ und „Eltern“ für die Akteure; „Ablösung“ und „Ablösungsphase“ für den zu beschreibenden Vorgang; „Kernfamilie“ für den Ort, von welchem sich abgelöst wird.

3 Die Ablösung junger Erwachsener von ihrer Kernfamilie

3.1 Formen der Ablösung

Die Ablösungsphase beginnt mit dem Erreichen des ersten Ablösungsmerkmals – zumeist des rechtlichen – und ist beendet, sobald vollständige Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von den Eltern, also die Ablösung in allen Dimensionen erreicht ist.[4] Die Ablösung junger Erwachsener wird im Allgemeinen in folgende Formen ausdifferenziert.

Rechtliche Ablösung: Die rechtliche Ablösung ist mit der Volljährigkeit erreicht, die mit verschiedenen Rechten und Pflichten verbunden ist: Der junge Erwachsene erlangt die vollkommene Geschäftsfähigkeit, es endet die elterliche Vormundschaft und er erhält das aktive als auch das passive Wahlrecht etc. Wohnungsmäßige Ablösung: Der junge Erwachsene zieht aus dem Haushalt der Eltern aus und gründet seinen eigenen Haushalt (zumeist) außerhalb des elterlichen Hauses oder der elterlichen Wohnung. Im Folgenden wird ebenfalls darauf eingegangen, dass zwischen Auszug aus dem Elternhaus und Gründung des eigenen Haushalts unter Umständen auch Zeit verstreichen kann. Ökonomisch-finanzielle Ablösung: Der junge Erwachsene erreicht mittels Berufs- oder Erwerbstätigkeit oder anderer Form die finanzielle Selbstständigkeit. Er kann sein Leben ohne regelmäßige elterliche monetäre Zuwendungen oberhalb des gesetzlichen Existenzminimums bestreiten. Soziale Ablösung: Der junge Erwachsene trifft Entscheidungen zum Beispiel bezüglich Beruf, Partner, Familiengründung, Wohnungsart und -ort eigenständig. Er nimmt selbstständig an Kultur-, Konsum- und politischem Leben teil.

Subjektive Ablösung: Der junge Erwachsene kann sich auch persönlich als nicht erwachsen empfinden, selbst wenn alle anderen obigen Kriterien bereits gegeben sind. Oder in die andere Richtung: Selbst wenn er noch bei seinen Eltern wohnt und finanziell nicht unabhängig ist, kann er sich als erwachsen empfinden.[5]

Da die subjektive und vor Allem die soziale Ablösung empirisch schwer zu ermitteln und die rechtliche Ablösung im hier Betrachteten immer gegeben ist, wird sich der Fokus im Folgenden auf die wohnungsmäßige und ökonomisch-finanzielle Dimension der Ablösung richten.

3.2 Die Ablösungsphase im geschichtlichen Kontext

Die Ablösungsphase ist eine Erscheinung der postmodernen Gesellschaft: In vorindustriellen Gesellschaften war der Übergang zwischen den Phasen Kindsein und Erwachsensein fließend und sie schlossen sich direkt an einander an. Sobald Kinder körperlich oder geistig in der Lage waren, produktive Aufgaben zu übernehmen, unterstützten sie darin (zumeist) ihre Eltern.

In industriellen Gesellschaften kristallisierte sich die Lebensphase der Jugend heraus. Eine Phase zum Erlernen und Aneignen von Wissen und Fähigkeiten, die es braucht, um sich als Erwachsener behaupten zu können. Die Etablierung dieser Phase des Lernens, Orientierens und sich Vorbereitens wurde vor allem durch die Einführung der außerfamilialen Schulung und Bildung begünstigt. Sie bewirkte eine Abgrenzung zum Kind- beziehungsweise Erwachsenseins hinsichtlich Einstellung und Verhaltensweise.[6]

In postmodernen Gesellschaften wird der Übergang von der Jugend- hin zur Erwachsenenphase immer verschwommener und undefinierbarer. Mitte der 1960er Jahre im Zuge der Studentenbewegungen wurde zum ersten Mal erkannt, dass sich zwischen Jugend und Erwachsensein eine eigenständige Lebensweise herausgebildet hatte. Es wurde angeregt, diesen Lebensabschnitt im dritten Lebensjahrzehnt mit seinen eigenen Merkmalen und Institutionen, die weder jugendlicher noch erwachsener Natur waren, als eigenständige Phase zu sehen und zu definieren.[7]

[...]


[1] vgl.: o.Verf.: „Reife Zahlen“, in: DIE ZEIT, 60. Jahrgang, 2005, Nr. 20, S. 57

[2] vgl.: Vaskovics, Laszlo: „Elternschaft nach Auflösung der Zeugungsfamilie – postfamiliale Elternschaft“, in: Schneider, Norbert F. / Matthias-Bleck, Heike (Hrsg.): „Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben.“, Opladen 2002, S. 147f.

[3] vgl.: Vaskovics, Laszlo: „Generationenbeziehungen: Junge Erwachsene und ihre Eltern“, in: Liebau, Eckart (Hg.): „Das Generationenverhältnis. Über das Zusammenleben in Familie und Gesellschaft.“, Weinheim 1997, S. 141

[4] vgl.: Vaskovics, Laszlo: „Innerfamiliäre Transferbeziehungen zwischen Generationen“, in: Silbereinsen, Rainer K. / Vaskovics, Laszlo / Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): „Jungsein in Deutschland. Jugendliche und junge Erwachsene 1991 und 1996“, Opladen 1996, S. 317

[5] vgl.: Vaskovics, Laszlo: „Elternschaft nach Auflösung der Zeugungsfamilie – postfamiliale Elternschaft“, a.a.O., S. 148f.

[6] vgl.: Vaskovics, Laszlo: „Generationenbeziehungen: Junge Erwachsene und ihre Eltern“, a.a.O., S. 141f.

[7] vgl.: Zinnecker, Jürgen / Strzoda, Christiane / Georg, Werner: „Familiengründer, Postadoleszente und Nesthocker. Eine empirische Typologie zu Wohnformen junger Erwachsener.“, in: Buba, Hans Peter / Schneider, Norbert F. (Hrsg.): „Familie. Zwischen gesellschaftlicher Prägung und individuellem Design.“, Opladen 1996, S. 289f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Erwachsenwerden - Das Ablösungsverhalten junger Erwachsener von der Kernfamilie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Familien- und Generationenbeziehungen
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V71491
ISBN (eBook)
9783638635189
ISBN (Buch)
9783638911894
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erwachsenwerden, Ablösungsverhalten, Erwachsener, Kernfamilie, Familien-, Generationenbeziehungen
Arbeit zitieren
Tilman Scheipers (Autor:in), 2007, Erwachsenwerden - Das Ablösungsverhalten junger Erwachsener von der Kernfamilie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71491

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