Angesichts der zahlreichen Texttheorien in der Literaturwissenschaft und um sie herum sollte man mehrmals überdenken, eine weitere hinzuzufügen, um Überinterpretation und Interpretationsverdrossenheit zu vermeiden. Vor lauter Theorie bleibt der Blick für die Praxis oft zurück, man kann schlichtweg vieles nicht mehr nachvollziehen. Die Rezeptionsästhetik jedoch bietet einige interessante Ansätze, die sich auf die vielfältigsten Texte anwenden lassen. So auch Roman Ingardens Theorie der Unbestimmtheitsstellen, welche anschließend von Wolfgang Iser zu Leerstellen modifiziert wurde und von anderen auf unterschiedliche Bereiche bzw. Medien wie Musik, Film und Malerei übertragen wurde.
Wolfgang Kemp beispielsweise übertrug die Theorie der Leerstellen, die zunächst nur auf Texte angewandt wurde, auf die bildende Kunst und machte in seinem Aufsatz Verständlichkeit und Spannung. Über Leerstellen in der Malerei des 19. Jahrhunderts deutlich, dass es Leerstellen, und zwar so genannte piktorale Leerstellen, auch in Gemälden gibt. Doch gibt es zu dieser Theorie nur wenig Material und wenig Beispiele. Dieses Gebiet wurde anscheinend noch zu wenig erforscht. Die Frage ist: Gibt es wirklich Leerstellen in den meisten oder gar allen Bildern? Gibt es da verschiedene Arten von Leerstellen? Sind alle von jener Art, die Kemp in seinem Aufsatz vorstellt, also jene funktionalen Leerstellen, die es dem Betrachter ermöglichen, die dargestellten Gegenständlichkeiten im Bild miteinander zu kombinieren und so eine mögliche Situation des Bildes herauszufiltern? Für diese Untersuchung betrachten wir ein Bild, das sehr bekannt ist, und zwar Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ aus dem Jahre 1893. Dieses Bild ist von einer anderen Art als dass man eine klare, mögliche Situation aus den dargestellten Gegenständlichkeiten filtern könnte. Wir wollen, als Nicht-Kunsthistoriker, uns einmal daran versuchen, nur mit der Grundkenntnis der Texttheorien, ein Bild zu untersuchen und herauszufinden, ob sich piktorale Leerstellen darin befinden oder nicht. Und wenn sich welche erkennen lassen: Welche Bedeutung haben sie? Wie wirken sie auf den Betrachter? Was hat dies alles mit dem Künstler, gegebenenfalls mit der Zeit bzw. der Kunstepoche zu tun? Dies soll hier geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Texttheorien
1.1 1. Ingardens Theorie der Unbestimmtheitsstellen
1.2 Isers Theorie der Leerstellen
1.2.1 Piktorale Leerstellen
2 Das Leben und die Kunst Edvard Munchs
2.1 Der Mensch Munch
2.2 Kurzer biografischer Abriss aus dem Leben Munchs
2.3 Munch und seine Zeit
2.4 Leerstellen im „Schrei“?
2.5 Fazit: Wie wirken die Leerstellen auf den Betrachter?
3 Zusammenfassender Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit texttheoretischer Ansätze der Rezeptionsästhetik – insbesondere das Konzept der "Leerstellen" – auf das bildende Kunstwerk "Der Schrei" von Edvard Munch. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, ob sich piktorale Leerstellen in dem Gemälde identifizieren lassen, welche Funktion sie für die Wirkung auf den Betrachter haben und wie sie sich zu den Theorien von Ingarden, Iser und Kemp verhalten.
- Grundlagen der Rezeptionsästhetik und Unbestimmtheitsstellen nach Ingarden
- Differenzierung und Anwendung des Leerstellen-Konzepts nach Iser
- Übertragung piktoraler Leerstellen auf die Malerei nach Kemp
- Biografischer Kontext und Zeitbezug zu Edvard Munch
- Phänomenologische Untersuchung der Wirkung von "Der Schrei" auf den Betrachter
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Piktorale Leerstellen
Kommen wir nun zu den so genannten piktoralen Leerstellen, die - wie der Name schon verrät – nicht einem literarischen Text, sondern der bildenden Kunst, nämlich der Malerei zuzuordnen sind. Nach Wolfgang Kemp ist jedes Kunstwerk gezielt unvollendet, „um sich im und durch den Betrachter zu vollenden.“ Als Beispiel für eine funktionale Leerstelle, die der Betrachter auszufüllen hat, nennt Kemp folgendes Bild: Ein Täter ist abgebildet und so sehr auf sein Opfer und die eigene Flucht bedacht, dass er nicht bemerkt, „was sich über ihm zusammenbraut“. Der Betrachter wird derart miteinbezogen, dass er sich über die Situation im Bild klar wird: „Nur indem er sieht, was der Täter nicht sieht, begreift der Rezipient, ‚wie es weitergeht’ und einiges mehr, die Vorstellungen von Gerechtigkeit, Strafe und Gewalt betreffend.“
Die Hauptaufgabe der piktoralen Leerstellen bestünde darin, „den Betrachter an der innerbildlichen Kommunikation zu beteiligen, die Kommunikation mit dem Bild mit der Kommunikation im Bild zu verschränken.“
Der Betrachter lässt das Bild also nicht nur einfach auf sich wirken, sondern nimmt quasi teil an der Geschichte und macht sich Gedanken über die dargestellte Situation und ist, wenn man so will, interaktiv dabei.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Texttheorien: Einführung in die rezeptionsästhetischen Grundlagen von Ingarden und Iser, sowie die Definition piktoraler Leerstellen im Kontext der bildenden Kunst.
Das Leben und die Kunst Edvard Munchs: Darstellung der Biografie Munchs sowie eine detaillierte Analyse der Leerstellen in seinem Hauptwerk "Der Schrei" inklusive einer Untersuchung ihrer emotionalen Wirkung.
Zusammenfassender Schluss: Reflexion über die Anwendbarkeit der Theorie auf Munchs Werk und die Erkenntnis, dass sich die Leerstellen in "Der Schrei" funktional von den klassischen Modellen unterscheiden, da sie eher Stimmungen als Situationen vermitteln.
Schlüsselwörter
Rezeptionsästhetik, Leerstellen, Unbestimmtheitsstellen, Edvard Munch, Der Schrei, Wolfgang Kemp, Roman Ingarden, Wolfgang Iser, Bildende Kunst, Malerei, Bildbetrachtung, Expressionismus, Konkretisation, Bildwirkung, Kunsttheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Übertragung literaturwissenschaftlicher Rezeptionsästhetik, konkret das Konzept der Leerstellen, auf das Gemälde "Der Schrei" von Edvard Munch.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Theorien von Ingarden, Iser und Kemp, die Biografie Munchs, der Zeitgeist des 19. Jahrhunderts und die Interaktion zwischen Kunstwerk und Betrachter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es festzustellen, ob die Theorie der "piktoralen Leerstellen" auf das Werk "Der Schrei" anwendbar ist und welche spezifische Wirkung diese Leerstellen auf den Betrachter ausüben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine rezeptionsästhetische Analyse durchgeführt, die das Werk als "schematisches Gebilde" betrachtet, das erst durch den Betrachter vervollständigt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, gefolgt von einer biografischen Einordnung Munchs und einer detaillierten bildtheoretischen Analyse von "Der Schrei".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Rezeptionsästhetik, Leerstellen, Unbestimmtheitsstellen, Edvard Munch, Der Schrei, Expressionismus, Bildwirkung und Konkretisation.
Wie unterscheiden sich die Leerstellen in "Der Schrei" von denen in Kemps Beispielen?
Während Kemps Beispiele funktionale Leerstellen aufweisen, die eine Situationsrekonstruktion ermöglichen, erzeugen Munchs Leerstellen primär eine Stimmung von Angst und Ratlosigkeit, ohne eine konkrete Handlung auflösbar zu machen.
Welche Rolle spielen die zwei dunklen Gestalten auf dem Steg?
Diese bleiben eine Leerstelle; der Betrachter kann nicht bestimmen, ob sie eine Bedrohung darstellen oder unbeteiligt sind, was zur allgemeinen Verunsicherung im Bild beiträgt.
Zu welchem Schluss kommt die Autorin hinsichtlich der Theorie?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Theorie der piktoralen Leerstellen in jedem Fall haltbar ist, Munchs Werk jedoch auf komplexe, emotionale Weise fordert, statt nur eine logische Rekonstruktion zu verlangen.
- Quote paper
- Alev Cingöz (Author), 2006, Piktorale Leerstellen in Edvard Munchs "Der Schrei" und ihre Wirkung auf den Betrachter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71498