Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“


Hausarbeit, 1997
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kunst und Charakter: Die Gegenpole Luciane und Ottilie
2.1. Ottilie: Die Entdeckung der Kunst und innerer Wachstum
2.2. Luciane: Kunst als Mittel zum Zweck
2.3. Affen und Heilige
2.4. Sprachlose Kunst: Ottilie und Luciane, Kunstobjekte ihrer Zeit

3. Dilettantismus und Erhöhung: Bedeutung der Kunst für die Heiligung Ottilies
3.1. Die Kapelle
3.2. Die Heilige Familie im "lebenden Bild"
3.3. Erhöhung zur Heiligen

5. Schluß

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In verschiedenster Form ist Kunst ein wichtiger Teil in den "Wahlverwandtschaften". Die gesamte Handlungsstruktur ist geprägt von der theoretischen Beschäftigung mit Kunst, ihrer Ausübung und der ästhetischen Präsentation der Figuren.

Ich werde mich in dieser Arbeit auf zwei der Protagonistinnen beschränken: auf Ottilie und Luciane. Für beide spielt Kunst eine entscheidende Rolle und zwar in mehrfacher Hinsicht, wie ich im ersten Teil darstellen werde.

Ottilie hat eine nach innen gerichtete Beziehung zur Kunst, durch sie erfährt sie eine Steigerung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit; einerseits durch die Rezeption von Kunst, andererseits durch die praktische Tätigkeit des Malens. Entsprechend ihrem introvertierten Wesen dient ihr die Kunst - auf eine unauffällige, innerliche Art - zu wachsen.

Lucianes Kunstauffassung steht ganz im Gegensatz zu Ottilies. Sie bedient sich der Kunst um das zu erreichen, was ihr Hauptziel ist: im Mittelpunkt der Gesellschaft zu stehen. Mit ungebrochenem Selbstbewußtsein bedient sie sich allen Genren, egal ob sie Talent besitzt oder nicht. Im "lebenden Bild" sieht sie letztendlich ihr Ziel erreicht. Diese Einstellung zur Kunst wird von Ottilie wiederholt kritisiert. Die Figur der Luciane ist als Kontrast, als Negierung Ottilies angelegt ist. Mir stellt sich jedoch die Frage, ob man Luciane mit einer eindimensional negativen Beurteilung gerecht wird. Darum möchte ich den "Luciane Teil" auf seine Bedeutung hin näher untersuchen.[1]

Beide Figuren werden durch die Gesellschaft selbst zum Kunstwerk stilisiert, werden als "Kunst" wahrgenommen. Eine typisch weibliche Problematik, denn in der Kulturgeschichte wird mit dem Weiblichen "Körper", mit dem Männlichen "Geist" verbunden. Ganz in diesem Sinne wird Ottilie zuallererst durch ihr reines Erscheinungsbild, ihre Schönheit wahrgenommen und beurteilt. Und auch die Rolle der Luciane ist geprägt durch diese gesellschaftliche Dichotomie.

Der zweite Teil behandelt die Bedeutung der Kunst für Ottilies Heiligwerdung. In Rahmen der Handlung wird ihre Erhöhung an verschiedenen Stellen durch die Kunst antizipiert, bspw. in der Kapelle oder der Nachstellung der Heiligen Familie im "lebenden Bild". Gleichzeitig wird dies immer wieder dadurch gebrochen, daß es sich nicht um "wahre" Kunst handelt. Kunst ist in den "Wahlverwandtschaften" immer eng verbunden mit Dilettantismus. Diese Verbindung werde ich in Hinblick auf ihre Rolle im Roman darstellen.

2. Kunst und Charakter: Die Gegenpole Luciane und Ottilie

Im Gegensatz zu der stillen, ätherischen Ottilie, erscheint Luciane egoistisch und oberflächlich. Sie ist sehr aktiv und lebhaft und äußert sich spöttisch und scharf über die Gesellschaft, wobei ihre Kritik nicht unberechtigt ist und ihr Betragen nie wirklich die Sitte verletzt. Allerdings beweist sie immer wieder ihr mangelndes Feingefühl, bspw. in der Episode mit dem kranken Mädchen[2]. In der Germanistik wird sie fast grundsätzlich negativ beurteilt und traditionell im Kontrast oder sogar als Kontrast zu Ottilie gesehen.[3] Auf dem Gebiet der Kunst wird der Vergleich zwischen Ottilie und Luciane besonders deutlich. Luciane liebt Affen und vergleicht sie mit Menschen, was Ottilie zutiefst verabscheut. Ottilie malt Engel und wird später selbst zu einem.[4] Aus diesem Grund werde ich mich auf die Kunst beschränken, auch wenn sich Vergleiche auch auf anderen Gebieten (bspw. Wohltätigkeit) finden lassen.

2.1. Ottilie: Entdeckung der Kunst und innerer Wachstum

"Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als Kunstgriff des Dichters zu rühmen pflegen, daß nämlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untätigkeit hingeben, gleich sodann schon ein zweiter, dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz füllt und, indem er seine ganze Tätigkeit äußert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises würdig scheint."[5] Mit diesen wohlmeinenden Worten führt der Erzähler die Ankunft des Architekten am Anfang des Zweiten Teils ein.

Dessen Anwesenheit wird täglich "bedeutender", er kümmert sich um Ottilie und Charlotte, indem er ihnen "auf mancherlei Art beistand und in stillen langwierigen Stunden sie zu unterhalten wußte."[6] Durch sein durchweg positives Auftreten gewinnt er bald das Zutrauen beider Frauen. Dies wird besonders für Ottilie eine besondere Bedeutung erlangen. Durch ihn erhält sie Zugang zur Kunst, die für ihre persönliche Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt.

Zu ihrer ersten Begegnung mit der Kunst kommt es, als der Architekt Charlotte und Ottilie eine Sammlung von Kopien zeigt, die - wahrscheinlich aus dem Mittelalter entstammend - Skizzen mit meist religiösem Inhalt zeigen. "Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein hervor...alle schienen selig in einem unschuldigen Genügen, in einem frommen Erwarten."[7]

Auch wenn diese Beschreibung vom Erzähler stammt, entsteht der Eindruck, er spräche im Namen Ottiliens. Der sonst in seinen Beschreibungen eher zurückhaltende Erzähler benutzt in diesem Fall wiederholt Superlative, und für beinahe jedes Substantiv ein verstärkendes Adjektiv (reinste Dasein, reichlockige Knabe, stille Hingebung, verklärte Heilige). Es ist, als ob er so den Eindruck, den die Bilder auf Ottilie machen, anklingen läßt. Daß sie offenbar eine besondere Beziehung zur Kunst hat wird ihr vom Architekten zu einem späteren Zeitpunkt bescheinigt. Auf ihre ängstliche Frage, ob sie nicht einmal einen seiner "Schätze" ohne es zu bemerken, beschädigt habe, antwortet er beinah heftig "...,niemals! Ihnen wäre es unmöglich: das Schickliche ist mit Ihnen geboren."[8]

Durch den Architekten kommt eine neue Art der Konversation in das Schloß, die sich nicht mehr nur durch Kurzweiligkeit auszeichnet. Die Tage sind "zwar nicht reich an Begebenheiten", aber dafür "voller Anlässe zu ernsthafter Unterhaltung"[9]. Ottilie tritt in eine neue Phase ein: nach der emotional aufregenden Zeit mit Eduard, beginnt nun eine Zeit in der sie, auf sich selbst zurückgeworfen, sich mit theoretischen Fragen beschäftigt, dazulernen will, und aus diesem Grund vieles schriftlich im Tagebuch festhält. In ihm wird schon in der ersten Eintragung deutlich, welche persönliche Bindung sie zur Kunst, speziell zu Bildern verspürt. "Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und Abgeschiedene näher bringen. Keines ist von der Bedeutung des Bildes. Die Unterhaltung mit einem geliebten Bild...hat was reizendes...Man fühlt..., daß man zu Zweien ist."[10] Aus diesem Grund trug sie auch das Bild ihres Vaters an der Brust. Erst als es durch den 'lebendigen' Eduard ersetzt wird, nimmt sie es (auf seinen Wunsch hin) ab.[11]

Angeregt durch eine Bemerkung des Architekten schreibt sie eine grundlegende Erkenntnis über Kunst auf. "Der Baukünstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal. Wie oft wendet er seinen Geist, seine ganze Neigung auf, um Räume hervorzubringen, von denen er sich selbst ausschließen muß. [...] In den Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und dem Allerheiligsten; er darf die Stufen nicht mehr betreten, die er zur herzerhebenden Feierlichkeit gründete,..." Und fragt: "Muß sich nicht allgemach auf diese Weise die Kunst von dem Künstler entfernen, wenn das Werk, wie ein ausgestattetes Kind, nicht mehr auf den Vater zurückwirkt ?"[12] Ottilie gelingt hier eine wichtige Folgerung aus der Betrachtung der Kunst. "Demnach wäre derjenige, der sich als unfähig erweist zu entsagen, auch nie in der Lage, etwas zu vollenden."[13] Hier ist also von Loslassen und Entsagung die Rede, eine Problematik, die im weiteren Geschehen für Ottilie eine entscheidende Rolle spielt: Was sie theoretisch und in Bezug auf Kunst entwickelt, wird zu ihrer eigenen Realität, als sie Eduard entsagt. Die Kunst steht am Anfang einer Persönlichkeitsentwicklung, die später eine solche Entscheidung möglich macht.

[...]


[1] Anzumerken ist hier, daß in meiner Herangehensweise nicht nur kulturgeschichtliche, sondern auch aktuelle Aspekte berücksichtigt werden sollen.

[2] Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Diogenes, Zürich, 1996. S.209f.

[3] vgl. Puszkar, Norbert: Frauen und Bilder: Luciane und Ottilie. In Neophilologus. Groningen, 1989. Bd.73. S. 397.

[4] vgl.: Verweis auf Rudolf Abeken: Über Goethes "Wahlverwandtschaften", in Puszkar, Norbert: Frauen und Bilder. S. 397.

[5] Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. S.158.

[6] ebd.

[7] ebd. S.168.

[8] ebd. S.211.

[9] ebd. S.168.

[10] ebd. S.169.

[11] Kurz vor ihrem Tod wird sie es in dem Geheimfach des Koffers zusammen mit Andenken an Eduard für immer verschließen.

[12] ebd. S.177.

[13] Görner, Rüdiger: Sich lösen - sich finden. Entsagung und das Problem der Kunst in Goethes "Die Wahlverwandtschaften". In: Weimarer Beiträge. Hg. v. Peter Engelmann. Wien, 1994. Bd. 40. S. 455.

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Details

Titel
Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Textinterpretation: Goethe "Die Wahlverwandtschaften"
Note
1,0
Autor
Jahr
1997
Seiten
19
Katalognummer
V71511
ISBN (eBook)
9783638781138
ISBN (Buch)
9783638783002
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welt, Bilder, Ottilie, Luciane, Rolle, Kunst, Johann, Wolfgang, Goethes, Wahlverwandtschaften“, Textinterpretation, Goethe
Arbeit zitieren
Katharina Maas (Autor), 1997, Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71511

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