Frisiert oder unfrisiert? Zum literarischen Verfahren Sarah Kirschs unter besonderer Berücksichtigung von „Die Pantherfrau“ und „Zwillinge“


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung der „Pantherfrau“

3. Methodik

4. „Die Pantherfrau“: frisiert oder unfrisiert?
4.1. Die Rolle der Autorin
4.2. Die Überschriften
4.3. Die Texte: „Die Pantherfrau“ und „Zwillinge“
4.4. Die Zitatsammlung

5. „Die Pantherfrau“: In der Tradition des Erzählens?

6. Die Rezeption der „Pantherfrau“ in der DDR-Presse

7. Schlussbemerkung

Literaturangaben

1. Einleitung

Sarah Kirsch hat mit ihrem Buch „Die Pantherfrau - fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder“ fünf unterschiedliche Lebensläufe von Frauen aus der DDR dargestellt. Das Werk unterscheidet sich deutlich von Sarah Kirschs bisherigen Veröffentlichungen, die man zu der zeitgenössischen deutschen Lyrik zählt. „Die Pantherfrau“ ist das Ergebnis, mit dem Kassetten-Recorder in der Hand, Literatur zu schaffen, das bahnbrechend für die damalige Zeit in der DDR war. Darum ist der Arbeit Kirschs eine besondere Bedeutung beizumessen, denn es ist das erste Werk, dass sich innerhalb der DDR der Tonbandrecherche und –auswertung bedient, die in westlichen Ländern seit Ende der fünfziger Jahre gebräuchlich war.[1] Sarah Kirsch hat diese Methode verwandt, um die privaten und sozialen Lebensformen der Frauen ohne wertende Momente darzustellen. Es tauchen jedoch Widersprüche auf, die Rückschlüsse auf Eingriffe bzw. Veränderungen Sarah Kirschs zulassen.

Ob der Roman nun „frisiert“ oder „unfrisiert“, also im Sinne von authentisch und somit an journalistischen Maßstäben zu messen ist, bleibt nachstehend zu analysieren. Ich werde in den folgenden Kapiteln unter Berücksichtigung der Entstehung und der damaligen DDR-Rezeption versuchen, Sarah Kirschs Verfahren zu erläutern. Dabei kommt es uns insbesondere darauf an, zu fragen, ob die „Die Pantherfrau“ eher nach literarischen oder journalistischen Aspekten zu betrachten ist, und ob das Buch dem von Sarah Kirsch im Titel verwendeten Anspruchs des „unfrisierten“ gerecht wird.

2. Entstehung der „Pantherfrau“

„Die Pantherfrau“ war eine Auftragsarbeit, entstanden auf Anregung des Aufbau Verlages Berlin. Entgegen der Angabe im Impressum (1973 im Aufbau Verlag, Berlin und Weimar) erschien sie jedoch erst im Frühsommer 1974 und war nach wenigen Tagen vergriffen. Bereits im Herbst desselben Jahres kam die zweite Auflage heraus. 1975 erschien „Die Pantherfrau“ in einer westdeutschen Lizenzausgabe. Das Buch fand aber im Westen keine große Resonanz. Diese fand es erst, als das Buch im Jahre 1978 in einen anderen Kontext gestellt wurde: Die Rowohlt Reihe „neue frau“ legte erzählende Texte aus der Literatur anderer Länder vor, deren Thema die konkrete und emotionale Erfahrung von Frauen und ihre Suche nach einem selbstbestimmten Leben ist“, wie es in Vorspann jedes Bands heißt. Damit hatte der Feminismus Sarah Kirsch entdeckt. In einer EMMA- Reportage über „Unsere roten Schwestern“ in der DDR wurde auch „Die Pantherfrau“ mit einbezogen. Das Taschenbuch wurde zu einem heimlichen Bestseller.

3. Methodik

Die Methode Sarah Kirschs, mit Tonbandaufzeichnungen „Literatur“ zu schaffen, war in der DDR etwas völlig Neues. In Westdeutschland gab es mit Erika Runges „Bottroper Protokollen“ (1968) und „Frauen. Versuche zur Emanzipation“ (1969) schon Veröffentlichungen dieser Art. Sarah Kirsch kannte Runges Arbeit, was sich zum einen dadurch zeigt, dass sie in ihrem Nachwort eine Aussage aus Runges Nachwort zu den „Frauen“-Protokollen beinah wortwörtlich übernommen hat[2], zum anderem sagte sie während eines Gesprächs mit Westberliner Schülern 1977:

„ Ich hatte das Buch von der Erika Runge gelesen, die „Bottroper Protokolle“, und ihre Art, wie sie das machte, fand ich sehr gut, und da es die Technik gibt – es gab auch in der DDR Kassettenrecorder – dachte ich, man muß das anwenden und muß damit arbeiten.“[3]

Nachfolgende Autoren, die sich dieser Methode bedienten, sahen den Reiz vor allem darin, von den interviewten Frauen, nicht nur Dinge zu erfahren, über die diese sprechen wollten, sondern auch das, was sie nicht sagen wollten. Was zwischen den Zeilen durchschien. In der Folgezeit wurde dieses Verfahren sehr einflussreich in der DDR.[4]

Kirsch führte ausführliche Gespräche mit ausgewählten Frauen zu unterschiedlichen Themen wie Arbeit, Liebe, Kindheit, Bildung, Erfahrung, Glück, Träume und Politik. Sie beabsichtigte bei der Auswahl der befragten Frauen, keinen repräsentativen Querschnitt der Frauen in der DDR darzustellen, was durch die kleine Anzahl der veröffentlichten Lebensberichte unterstrichen wird. Bei fünf Erzählungen erhält jeder einzelne Text einen besonderen Stellenwert. Für einen repräsentativen Querschnitt dagegen hätte es einer größeren Anzahl von Interviews bedurft.

Sich selbst sah Kirsch in der Rolle der Dokumentaristin und passiven Zuhörerin. Michael Töteberg zitiert in seinem Aufsatz „Literatur aus dem Kasetten-Recorder?“[5] Sarah Kirsch aus einem „Zeit“-Interview von 1977. In diesem Interview spricht sich Kirsch in Bezug auf ihre Methode eine sehr zurückgenommene, fast passive Rolle zu:

„Ich habe den Leuten gesagt, daß ich eine Biographie von ihnen haben will, wissen will, wie sie leben, was sie denken, wie es ihnen geht, wofür sie den kleinen Finger ihrer linken Hand opfern würden, was also für sie was ganz Dolles wäre. Und ich saß eigentlich nur dabei.“[6]

„Die Pantherfrau“ erzählt die Geschichten von Frauen, mit Ausnahme der Arbeiterin, die alle eine berufliche Karriere gemacht haben. Auf den ersten Blick sind es alles Erfolgsstories guter Genossinnen und guter sozialistischer Bürgerinnen, die berufstätig sind und entsprechend nicht vom Einkommen des Mannes abhängig. Sie haben sich alle gegen männliche Konkurrenz durchgesetzt und um Anerkennung und Gleichberechtigung gekämpft. Beim genaueren Hinsehen findet man in jeder Biographie Brüche und Ängste, die versteckt zwischen den Zeilen erkennbar werden. Diese „Zwischentöne“ und Interpretations-Spielräume sind von Kirsch mit aller Wahrscheinlichkeit sehr bewußt eingesetzt. In einem Interview mit dem Verleger und Journalisten Klaus Wagenbach antwortet sie auf die Frage, wie genau in der DDR Texte gelesen wurden:

„Das konnten wir alle, das können überhaupt alle in der DDR. Die verstehen ja die kleinste Anspielung. Das war in der Literatur sehr schön, weil man sehr feinfühlig arbeiten konnte.“[7]

Doch trotz der Zwischentöne, steht bei der „Pantherfrau“ kein subversiver Anspruch im Vordergrund, sondern vielmehr das Sichtbarmachen des sozialen und privaten Umfeldes der von ihr ausgewählten Frauen aufgrund einer Interviewbefragung. Der Frage inwieweit „Die Pantherfrau“ regimekritisch zu lesen ist, wird in dieser Arbeit nicht weiter nachgegangen. Dass Kirsch eine nicht angepasste und mutige Schriftstellerin ist, steht außer Frage, und dass „Die Pantherfrau“ aufgrund ihrer neuartigen Methodik nicht nur innerhalb des Feuilletons, sondern auch politisch für Wirbel gesorgt hat, werde ich in einem späteren Kapitel thematisieren.

In den acht Nachbemerkungen erläutert Sarah Kirsch das Verfahren. Der Roman stellt eine Gemeinschaftsproduktion von sieben Frauen und einem Mann dar, und soll darüber Auskunft geben, wie bestimmte Menschen zu einer bestimmten Zeit gelebt und Gefühlt haben. Der Schriftsteller ist für sie gleichzusetzen mit einem Chronisten:

„Der Schriftsteller muß Chronist seiner Zeit sein. Seine Arbeiten sollen nach 50, nach 200 Jahren Auskunft geben, wie bestimmte Leute zu bestimmten Zeiten gelebt und gefühlt haben.“[8]

Sie beruft sich hier auf Maxim Gorki, den „Ahnherren des sozialen Realismus“[9], der 1934 ein Büro für Biographien gründete. Diese Erwähnung kann als Absicherung gegen entstehende Kritik oder zu erwartende Vorwürfe gesehen werden.

Die Gespräche wurden von Sarah Kirsch in verkürzter Form aufgeschrieben, wobei die mundartlichen Eigenheiten wie z.B. Dialekt beibehalten wurden. Die gestellten Fragen fallen weg und scheinen nur indirekt durch, so dass die Texte für den Leser wie ein Monolog erscheinen. Sarah Kirsch als Interviewerin bzw. als Autorin scheint, auf den ersten Blick eine sehr stark zurückgenommene und eher begleitende als eingreifende Rolle zu spielen, die sich darauf beschränkt, die Lebensmonologe, die sie als „authentische Auto-Portraits“ bezeichnet, zu protokollieren. Sie vergleicht ihre Arbeit mit der einer Cutterin beim Film, die auswählt, kürzt, arrangiert und aufgrund dessen die Texte nicht frei von einem gewissen subjektiven Charakter halten kann. Damit geht ihre Arbeit über das bloße Transkribieren hinaus, da sie durch Kürzungen und Auswählen auch eine subjektive, regulierende und komponierende Kraft mit in die Texte hineingebracht hat.

[...]


[1] Vgl. Schröder, Hans Joachim: Zwei Klassikerinnen der Interviewliteratur: Sarah Kirsch und Maxie Wander. Bremen: Institut für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien 1996. S. 6.

[2] In Nachwort zur „Pantherfrau“ heißt es: Die Umgangssprache ... läßt Assoziationen zu und gibt Unbewußtem Raum.“ Im Nachwort der „Frauen“-Protokolle schreibt Runge: „Die Bürokratisierung der Sprache wird durch die Umgangssprache gesprengt und korrigiert. Assoziationen bleiben möglich, sie lassen Strukturen des Unbewußten erkennen, die sonst wohl verschwiegen worden wären.“

Aus:

Sarah Kirsch : Die Pantherfrau - Fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder, Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1973. S. 133 – 134. Und: Runge, Erika: Frauen. Versuche zur Emanzipation. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1969. (neuste Aufl. 1996) S. 271.

[3] Sarah Kirsch: Erklärung einiger Dinge (Dokumente und Bilder). Ebenhausen b. München: Langewiesche-Brandt 1978. S. 32.

[4] Beispielsweise für Maxie Wanders 1977 erschienene Protokollsammlung „Guten Morgen, du Schöne.“

[5] Töteberg, Micheal: Literatur aus dem Kassetten-Recorder? Kontexte zu Sarah Kirschs Erzählungsband „Die Pantherfrau“. In: Text und Kritik, H. 101: 1989.

[6] Ebd. S. 82.

[7] Von der volkseigenen Idylle ins freie Land der Wölfe. Ein Gespräch mit Sarah Kirsch. In: Freibeuter. Vierteljahresschrift für Kultur und Politik. Hg. v. Klaus Wagenbach. Berlin: Freibeuter Verlag 1979. S. 92.

[8] Sarah Kirsch : Die Pantherfrau - Fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder. 1973, S. 133.

[9] Ebd. S. 133.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Frisiert oder unfrisiert? Zum literarischen Verfahren Sarah Kirschs unter besonderer Berücksichtigung von „Die Pantherfrau“ und „Zwillinge“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Protokolle und Porträts
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
23
Katalognummer
V71515
ISBN (eBook)
9783638783279
ISBN (Buch)
9783638794060
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frisiert, Verfahren, Sarah, Kirschs, Berücksichtigung, Pantherfrau“, Protokolle, Porträts, Sarah Kirsch
Arbeit zitieren
Katharina Maas (Autor:in), 1999, Frisiert oder unfrisiert? Zum literarischen Verfahren Sarah Kirschs unter besonderer Berücksichtigung von „Die Pantherfrau“ und „Zwillinge“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71515

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