Das Bedürfnis der Massen nach Unterhaltung und Passion


Seminararbeit, 1999

15 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Das Interesse der Römer an den Spielen – ein kurzer Abriß
1.1 Der Circus und die Factiones
1.2 Das Theater
1.3 Die Gladiatorenspiele

2. Das Bedürfnis der Massen nach Unterhaltung und Passion – einige Erklärungsversuche
2.1 Psychologische Erklärungsansätze im Überblick
2.2 Die Schauspiele als Zelebrierung Roms
2.3 Die Deindividuationstheorie – ein massenpsychologischer Ansatz
2.4 Eskapismus und Sensation-seeking: Realitätsflucht und die Sucht nach Emotionen
2.5 Gewöhnung: Die Normalität der Grausamkeit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Beim Studium der antiken Quellen, die sich mit dem Interesse der Römer an den verschiedenen Arten von Schauspielen befassen, fällt auf, daß grausame Darbietungen wie Gladiatorenkämpfe an der Spitze der Beliebtheitsskala standen; an zweiter Stelle folgen die Circusspiele. Das Theater war nur geschätzt, wenn primitive Komödien gezeigt wurden, Athletenwettkämpfe nur, wenn Gewalt im Spiel war und Blut floß, wie beim Faust- oder Ringkampf. Die Römer wollten sich also nicht einfach nur vergnügen, sondern sich vor allem an grausamen Schauspielen delektieren. Wie sind diese Präferenzen zu erklären?

Im Folgenden möchte ich zuerst kurz die Faszination der Römer für Wagenrennen, ihr Interesse an seichten Theaterstücken und die Begeisterung für die Gladiatorenspiele unter anderem anhand verschiedener Quellen skizzieren; im zweiten Teil meiner Arbeit möchte ich grundlegende psychologische Erklärungsansätze für das Interesse der Römer für die Spiele insgesamt und speziell die Gladiatorenspiele darstellen.

1. Das Interesse der Römer an den Spielen – ein kurzer Abriß

1.1 Der Circus und die Factiones

Die Begeisterung der Römer für den Circus kommt in etwa der Beliebtheit der heutigen Bundesligaspiele gleich und übertrifft sie sogar, weil sie alle Teile der Bevölkerung erfaßt und auch einen wichtigeren Platz im Leben der Römer einnahm. Ammianus Marcellinus berichtet: „Lieblingsbeschäftigung aller ist es, sich von frühen morgen bis zum späten Abend der Sonne und dem Regen auszusetzen, um bis in alle Einzelheiten die Vorzüge und Fehler der Rennfahrer und Pferde zu mustern. Recht merkwürdig ist es, eine unzählige Menschenmenge zu sehen, wie sie mit größter Leidenschaft den Ausgang von Wagenrennen gespannt erwartet.[...] Der Circus Maximus ist ihnen Tempel und Wohnung, Versammlungsort und die ganze Hoffnung ihrer Wünsche. [...] Mit unterschiedlichen Wünschen hinsichtlich des Ausganges der Rennen bringen sehr viele die Nächte voller banger Unruhe zu, ohne ein Auge zuzumachen.“[1] Und Tertullian schreibt: „Schau dir nur das Volk an, wie es schon im Wahn zu diesem Schauspiel hinkommt [...] Und dann warten sie in ängstlicher Spannung auf das Startzeichen [...] Damit geht es los, das Wüten, der Wahnsinn, das Wüten, der Ärger, die Zweitracht und alles Übrige [...]“[2]

Woher rührt diese Begeisterung? Der eigentliche Zuschauermagnet bei den Wagenrennen war das Mitfiebern mit der eigenen Partei.[3] Diese bot eine Ersatzheimat und vermittelte die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, stiftete Lebenssinn. Die vier Parteien waren Identifikationsobjekte, ähnlich den Fußballvereinen, wobei es auch zum Fanatismus kommen konnte. Wie weit dies gehen konnte, wird an folgendem Ereignis deutlich: Um 77 v. Chr. stürzte sich ein Anhänger der roten Partei beim Begräbnis eines Wagenlenkers aus Verzweifelung mit in den Scheiterhaufen. Die Anhänger der weißen Partei versuchten, seinen Ruhm zu schmälern, indem sie behaupteten, er habe es getan, da er von den bei der Verbrennung verstreuten Düften betäubt worden sei. Bezeichnend: Niemand sah es als Tat eines Verrückten an.[4] Solche Begebenheiten waren jedoch eher selten; die fanatischen Fans waren in der Minderheit; dennoch waren jedoch Römer aller Schichten Anhänger einer bestimmten Partei.[5]

1.2 Das Theater

Vor allem derbe Komödien mit sexuellen Kontexten erfreuten die Römer[6]. Da die Theaterstücke in Konkurrenz zu den Gladiatorenspielen standen, konnte das Publikum nur durch rohe Belustigung angezogen werden.

Gerade die Einfachheit der Inhalte erlaubte den Zuschauern die Illusion, das Mitleben in berechenbaren, unkomplizierten Scheinwelten, in Geschichten mit Happy End; für das einfache Volk war mit den im Theater dargestellten Stoffen eine Identifikationsmöglichkeit gegeben: Die Zuschauer wollten in die Handlung mental einbezogen werden im Gegensatz zu anspruchsvollen, nicht primär wegen des emotionalen Erlebnisses gespielten Theaterstücken wie Tragödien, die eher auf intellektuelle Verarbeitung abzielten. Das Theater war Massenunterhaltung für alle Schichten, woraus eine gewisse Verflachung resultierte. Mimus und Pantomimus sind durch Schlichtheit, Banalität, Rührseligkeit und Obszönität gekennzeichnet – sie besaßen also genau die Qualitäten, die heutige Fernsehserien auszeichnen; die Begeisterung für Schauspieler läßt sich mit der Verehrung von Filmstars oder Musikern vergleichen; es gab sogar Fanclubs, die sich z. T. befehdeten. Besonders groß scheint die Begeisterung der Damen gewesen zu sein: Juvenal schreibt: „Tuccia wird inkontinent, eine Frau aus Apulien stößt eckstatische Schreie aus wie in der Umarmung eines Mannes.“[7] Dies erinnert stark an kreischende Teenies bei Take-that-Konzerten.

1.3 Die Gladiatorenspiele

Den Gladiatorenspielen zogen die Römer alles Übrige vor: Als zum Beispiel der Komödiendichter Terenz seine Hecyra aufführte, entstand plötzlich Unruhe im Zuschauerraum, die Leute redeten laut durcheinander, weil jemand das Gerücht verbreitet hatte, es gäbe irgendwo gleichzeitig Gladiatorenspiele.[8] Theaterspiele waren im Vergleich zu den blutigen Schauspielen so unbeliebt, daß die Zuschauer sie oft mit dem Ruf nach „Bären“-Jagden oder „Faustkämpfern“ unterbrachen[9]. Die Zuschauer drängte es so zu den Gladiatorenspielen, daß zum Beispiel in Fidenae nördlich von Rom 27 n. Chr. durch unkontrolliertes Gedränge und Geschiebe das hölzerne Amphitheater einstürzte.[10]

Die Einstellung der Römer zu den Grausamkeiten des gegenseitigen Hinschlachtens von Mensch und Tier war ziemlich entspannt: Kaum jemand nahm Anstoß an diesem menschenverachtenden Treiben; es konnte sogar passieren, daß jemand, der ursprünglich gegen seine innerste Überzeugung ein Gladiatorenspiel besuchte, von der Stimmung angesteckt und mitgerissen wurde. Dies zeigt die Bekehrung des Alypius, eines Freundes des Augustinus. Freunde hatten ihn, einen gläubigen Christ, zur Teilnahme an einem Gladiatorenspiel überredet. Augustinus berichtet: „In dem Augenblick, da er das Blut sah, schlürfte er gleich Unmenschlichkeit in sich hinein. Er wandte sich nicht ab, sondern heftete sein Auge darauf und trank die Greuel in sich hinein, ohne sich dessen bewußt zu sein. Und Freude an diesem verbrecherischen Spiel erwachte in ihm, ein Rausch blutrünstiger Lust überkam ihn.“[11] Fortan war Alypius ein glühender Verehrer der Gladiatorenspiele, der auch andere dazu animierte, zu den Spielen zu gehen.[12]

Von der Raserei und der trunkenen Gier nach Blut der Zuschauer berichtet auch Seneca. Er sitzt in einer Mittagsvorstellung, also einer Pause zwischen den eigentlichen Kämpfen, wo relativ untrainierte Gladiatoren so lange gegen neue Gegner kämpfen müssen, bis sie sterben. Seneca schreibt, die Zuschauer feuerten die Gladiatoren mit den Worten an: „Hau, schlag zu, brenne!“[13] Und: „Warum stürzt er so ängstlich ins Schwert, warum stirbt er so wenig tapfer, so ungern?“[14] bis hin zur Aufforderung an die Kampfaufseher: „Mit Peitschen sollen sie dazu getrieben werden, sich Wunden beizubringen und die gegenseitig ausgeteilten Hiebe mit nackter, ungeschützter Brust aufzufangen.“[15] Als die Kämpfe unterbrochen werden, werden die Zuschauer ungeduldig: „Sind denn keine verurteilten Verbrecher da, an denen man sich für die Unterbrechung der Kämpfe schadlos halten kann?“ „In der Zwischenzeit sollen Menschen erdrosselt werden, damit überhaupt etwas geschieht!“[16]

2. Das Bedürfnis der Massen nach Unterhaltung und Passion – einige Erklärungsversuche

Wie läßt sich nun die Begeisterung für Grausamkeiten erklären?

Das Phänomen der Begeisterung für grausame Schauspiele zieht sich durch die ganze Geschichte, es hat in seiner Struktur nichts mit einer besonderen Ideologie oder Kultur Roms zu tun, nur in seiner besonders starken Ausprägung, wie ich später noch ausführen werde. Parallelen in der Geschichte sind zum Beispiel öffentliche Hinrichtungen, bei denen die Bevölkerung regelmäßig und begeistert anwesend war, Hexenverbrennungen und öffentliche Züchtigung von Verbrechern, oder ganz aktuell: Der Stierkampf in Spanien, der von einem Großteil der Bevölkerung befürwortet wird, Boxkämpfe, die Konsumption von Gewalt- und Horrorfilmen und aggressiven Computerspielen sowie das faszinierte Hinschauen bei Kampfszenen und Leichen, zum Beispiel im Kosovo-Krieg.

2.1 Psychologische Erklärungsansätze im Überblick

Faktoren, die auch die Begeisterung für die anderen Schauspiele erklären, sind:

- Eskapismus: Das Sich-Vergessen im Augenblick der Spannung ermöglichte einen Rückzug vom Alltag und die Verdrängung eigener Konflikte und Probleme.
- Soziale Funktionen: Bei den Spielen wurde die Einheit von Kaiser und Volk. und der Größe Roms zelebriert;[17] außerdem waren die Spiele Bestandteil der Gesellschaft, Teil des gemeinsamen Gruppenerlebens; wer bei Gesprächen über die Spiele[18] nicht mitreden konnte, machte sich ebenso zum Außenseiter in der konkreten Interaktionssituation wie heute jemand, der nicht fernsieht.
- Expressive Funktionen: Bei den Spielen konnten die Zuschauer durch verschiedene Reaktionen wie Sprechchöre ihre Unzufriedenheit über den Kaiser ausdrücken oder ihm zujubeln.[19]
- Steigerung des Selbstwertgefühls: Bei der Beurteilung von Gladiatoren beziehungsweise dem Verstehen der Handlung eines Theaterstückes erfährt der Zuschauer die eigene Kompetenz als positiv.
- Hinzu kommt das Bedürfnis nach Heldenverehrung (Schauspieler, Wagenlenker, Gladiatoren).

[...]


[1] Amm. Marc. XIV, 7, 25f.

[2] Tert. spect. 16.

[3] Plin. epist. IX, 6; Weeber, K.-W.: Panem et circenses: Massenunterhaltung als Politik im alten Rom, Mainz 1994, S. 52.

[4] Weeber, Panem et circenses, S. 52.

[5] Cameron, A.: Circus factions. Blues and Greens at Rome and Byzantium, Oxford 1976, S. 75.

[6] Weeber, Panem et circenses, S. 91-93.

[7] Iuv. VI 63-65.

[8] Weeber, Panem et circenses, S.11.

[9] Hor. epist. II 1,185 f.

[10] Tac. ann. XIV, 17.

[11] Aug. conf. VI, 8.

[12] Ibid.

[13] Sen. epist. 7,5.

[14] Ibid.

[15] Ibid.

[16] Ibid.

[17] Flaig, E.: Den Kaiser herausfordern, Frankfurt 1992, S. 46-49.

[18] Weeber, Panem et circenses, S. 7f.

[19] Weeber, Panem et circenses, S. 147f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Bedürfnis der Massen nach Unterhaltung und Passion
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für alte Geschichte)
Veranstaltung
PS Brot und Spiele
Note
1-
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V7154
ISBN (eBook)
9783638144988
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gladiatorenspiele
Arbeit zitieren
M.A. Marion Näser (Autor), 1999, Das Bedürfnis der Massen nach Unterhaltung und Passion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7154

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