Moralität oder Sittenlosigkeit? Sexualität und Sexualmoral in der Antike


Seminararbeit, 2000
15 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung/Quellenlage

2. Sexualität in der Religion

3. „Sittenverfall“ vs. Moralität
3.1 Elemente des Sittenverfalls
a) Dekadente Erscheinungen der römischen Kaiserzeit
b) Praxis von Ehe und Scheidung in der Kaiserzeit
3.2 Elemente der Moralität
a) Verhaltenskodizes für ehrbare Frauen
b) Verfolgung von Ehebruch

4. Verständnis von Liebe und Sexualität
4.1 Sexualität als Ausdruck von Macht
4.2 Sexualität und Selbstbeherrschung

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung/Quellenlage

Wie wird uns das römische Verhältnis zur Sexualität im Satyricon geschildert?

Das Satyricon des Petronius Arbiter stellt uns das erotische Leben im kaiserzeitlichen Rom als zügellosen Sex ohne Liebe vor: Es gibt mannigfaltige Paarungen zwischen den drei Gefährten und dem Kreis um Lycurg und Lichas, danach erleben unsere Helden noch verschiedene erotische Abenteuer – ein zur oftmals zitierten römischen Sittenstrenge konträres Bild. Zu beachten ist jedoch, daß sich die Figuren des Satyricon außerhalb der Gesellschaft befinden und daß die Form der Satire Übertreibungen erfordert.

Aber auch die anderen Quellen zum Thema Sexualität sind von Ambivalenz geprägt:

Römische Grabinschriften preisen die Tugenden der keuschen Ehefrau[1] – Graffiti an Häuserwänden preisen die Dienste von Prostituierten an und dienen dem Weiterleiten von Liebesgrüßen oder allgemeinen Stellungnahmen zu sexuellen Themen.[2] In der Literatur gibt es auf der einen Seite Moralisten wie Cicero, die den Sittenverfall beklagen[3] und auf der anderen Satiriker und zahlreiche erotische Werke von Dichtern wie Ovid, Horaz und Catull – die Erotikdichter der Kaiserzeit beriefen sich jedoch auf literarische Traditionen, um sich zu rechtfertigen.[4]

Im Rahmen der bildenden Kunst gab es viele erotische Darstellungen auf Vasen, Gefäßen und Öllampen; zudem zahlreiche erotische Statuen und Wandmalereien in Bordellen und Thermen in Privathäusern.[5]

Auch der Umgang mit der Prostitution zeigt Sexualität als etwas Alltägliches: Es gab keine schmuddeligen Vergnügungsviertel, sondern Bordelle und Straßenprostitution fanden sich überall, wobei belebte, zentralen Punkte der Städte natürlich besonders beliebt für die Straßenprostitution waren (so etwa Foren, Thermen oder Circusanlagen).[6] Auch in Hotels, Restaurants, Kneipen und Thermen war sie oft integriert.[7] Der Umgang mit Prostituierten galt nur bedingt als anstößig.[8]

Mit der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, die Widersprüche zwischen den verschiedenen uns überlieferten Quellen auszuleuchten und zu einer Synthese zu führen, wobei der Focus auf der frühen Kaiserzeit (also etwa zu Zeiten des Petronius) liegt.

Auf der einen Seite scheint man also mit Sexualität locker umzugehen, auf der anderen Seite scheint es – wie wir sehen werden – eine Sexualmoral und feste Regeln für sexuelle Beziehungen zu geben.

2. Sexualität in der Religion

Religiöse Voraussetzungen der Gesellschaft: Erotik ist fest in Religion und Mythologie verankert. Sexualität ist keine Sünde wie im Christentum, sondern natürlicher Bestandteil des Lebens von Göttern und Menschen, wie zum Beispiel die Affären und Seitensprünge von Zeus[9] belegen. Auch stritten sich Zeus und Hera darum, ob Frauen oder Männer beim Geschlechtsverkehr größere Lust empfinden.[10] Es gab auch Göttinnen, die für den ehelichen Geschlechtsverkehr zuständig waren[11] und einen Hochzeitsgott namens Mutunus Tutunus, der auch für Begattung und eheliche Fruchtbarkeit verantwortlich war.[12] Eine weitere Verbindung zwischen Sexualität und Religion stellen die Mysterien dar: Bei den Saturnalien, einem Fest zu Ehren des Saturn, und den Bacchanalien fanden auch Orgien statt.

Zudem hat Sex eine mystische Komponente:

1. Verbindung mit Fruchtbarkeitskulten und -riten: Wenn Zeus und Hera sich vereinigen, befruchtet der Regen die Erde (Hieros Gamos).[13] Fruchtbarkeit von Mensch und Feldern sollte auch durch die Praxis der Tempelprostitution im Aphroditeheiligtum auf Sizilien erreicht werden: Hier vereinigten sich Priester und Priesterin oder Priester mit Gläubigen.[14]
2. Im Aberglauben spielte der Phallus als glückbringendes und übelabwehrendes Symbol zum Beispiel in Form von Amuletten eine Rolle.[15]

Auch die Prostitution war in die Religion eingebettet: Venus, die Göttin der Liebe, war auch gleichzeitig Göttin der Prostituierten,[16] und Flora, Göttin des Frühlings, sowie Acca Larentia, Mutter der Laren, waren beide selbst ursprünglich Prostituierte.[17] An den religiösen Festen, die zu Ehren dieser drei Göttinnen stattfanden (Veneralia, Floralia und Larentalia), waren auch Prostituierte beteiligt (in Form von Umzügen etc.).[18] Unter den Göttern, die im Zusammenhang mit Sexualität stehen, sind neben Venus besonders Bacchus, der für Ekstase und Enthemmung stehende Weingott, und Priapus, der mit erigiertem Glied dargestellte Gott der Potenz und der körperlichen Liebe bekannt. Er wird zum Beispiel bei Potenzproblemen, Geschlechtskrankheiten oder mit der Bitte um Glück bei erotischen Abenteuern angefleht und war im kaiserzeitlichen Rom als Statue für den Garten sehr beliebt.[19] Man denke sich all dies im Christentum, dann wird der Unterschied deutlich! In die Religion ist die Sexualität also positiv integriert – es gibt keine religiös motivierten Schuldgefühle.

3. „Sittenverfall“ vs. Moralität

3.1 Elemente des Sittenverfalls

a) Dekadente Erscheinungen der römischen Kaiserzeit

Mehrere Faktoren, die das Alltagsleben der Römer prägten, waren geneigt, zu Verrohung und zur Korrosion der (sexuellen) Wertebegriffe beizutragen. Auf der anderen Seite setzte mit Beginn der Kaiserzeit eine Veränderung des Klimas ein[20] – eklatantestes Beispiel sind sicherlich die Gladiatorenspiele. Auch auf dem Theater wurden die griechischen Tragödien auf der Beliebtheitsskala schnell vom Mimus (primitive Komödie mit oft sexuellem Inhalt) verdrängt.[21] Durch die erfolgreichen Feldzüge kamen immer mehr Sklaven nach Rom; ihre sexuelle Verfügbarkeit trug – jedenfalls bei der sklavenbesitzenden Oberschicht – zur Aufsprengung der traditionellen ehelichen Zweierbeziehung bei.[22] Die rechtlosen Sklaven waren Lust objekte im Sinne des Wortes; so sagt Horaz: „Wenn sich etwas bei Dir regt, und eine Sklavin oder ein Sklave zur Hand ist, auf den Du Dich stürzen kannst, möchtest Du dann an Stanzen zugrunde gehen?“[23] Ehebruch des Mannes mit Sklavinnen beziehungsweise. Sklaven und Prostituierten war bei der Oberschicht üblich und wurde nachsichtig beurteilt[24] – auch die Frauen nahmen nach und nach solche Rechte in Anspruch, was aber auf wesentlich weniger Verständnis stieß. Dies wird vor allem an den ans Misogyne grenzenden Schilderungen Juvenals deutlich. Angeblich trugen sich auch vornehme Damen, um sich Freiheiten zu verschaffen und Verfolgungen aufgrund der augusteischen Ehegesetze zu entgehen, als Prostituierte ein.[25]

Auch bei Gelagen spielte die Erotik eine wichtige Rolle: So gab es zum Beispiel verführerische Tänze und auch kleine erotische Theaterstücke, und die anwesenden Musikantinnen, Sklavinnen, Prostituierten oder gebildeten Hetären standen oft auch für anschließende Liebesdienste zur Verfügung.[26] Bestimmte Abbildungen deuten sogar darauf hin, daß es bei solchen Gelagen oder auch bei öffentlichen Veranstaltungen Theatervorführungen mit live-Koitus gab.[27]

Natürlich muß man beachten, daß sich all dies – Affären mit Sklaven, Sexorgien bei Gelagen usw. – nur im Rahmen der wenigen Mitglieder der Oberschicht abspielte; die hart arbeitende Unterschicht, die das Gros des Volkes darstellte, hatte weder die Zeit noch die Möglichkeiten für derartige Exzesse.

b) Praxis von Ehe und Scheidung in der Kaiserzeit

Vor allem in der Oberschicht zielten Heiraten meist auf die Ausweitung von Macht oder Vermögenszuwachs durch die „Fusion“ zweier potenter Familien ab;[28] Liebesheiraten dürften zumindest seltener als in der heutigen Zeit stattgefunden haben. Mädchen wurden meist zwischen 13 und 17, manchmal auch schon mit zehn oder elf verheiratet, Jungen zwischen 18 und 25.[29] Wann zum ersten Mal der sexuelle Verkehr ausgeführt wurde, weiß man jedoch nicht. Nach damaliger juristischer Auffassung erreichten Mädchen mit zwölf Jahren die Pubertät und galten als heiratsfähig,[30] was darauf hindeutet, daß der erste Koitus schon in diesem Alter erfolgen konnte.

[...]


[1] Kroll, W.: Römische Erotik. In: Sexualität und Erotik in der Antike, Hg. v. A. Siems, Darmstadt 1988, S. 79.

[2] Dierichs, A.: Erotik in der römischen Kunst, Mainz 1997, S. 85.

[3] Meyer-Zwiffelhoffer, Im Zeichen des Phallus, Frankfurt 1995, S. 21-23.

[4] Meyer-Zwiffelhoffer, Phallus, S. 60.

[5] Dierichs, Erotik, S. 86, S. 96.

[6] Stumpp, B.: Prostitution in der römischen Antike, Berlin 1998, S. 154.

[7] Gardner, J. F.: Frauen im antiken Rom: Familie, Alltag, Recht, München 1995, S. 248.

[8] Dierichs, Erotik, S. 72.

[9] Bellinger, G.: Im Himmel wie auf Erden, München 1993, S. 104.

[10] Grant, M. und Hazel, J. (Hrsg.): Lexikon der antiken Mythen und Gestalten, München 1980, S. 387.

[11] Bellinger, Im Himmel wie auf Erden, S. 130.

[12] Bellinger, Im Himmel wie auf Erden, S. 131.

[13] Hunger, H.: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Wien 1959, S. 135.

[14] Dierichs, Erotik, S. 15.

[15] Dierichs, Erotik, S. 109.

[16] Dierichs, Erotik, S. 16.

[17] Bellinger, Im Himmel wie auf Erden, S. 130, S. 141.

[18] Bellinger, Im Himmel wie auf Erden, S. 130, S. 133, S. 141.

[19] Dierichs, Erotik, S. 37.

[20] Meyer-Zwiffelhoffer, Phallus, S. 59f.

[21] Weeber, K.-W.: Panem et circenses: Massenunterhaltung als Politik im alten Rom, Mainz 1994, S. 91-93.

[22] Kroll, Römische Erotik, S. 73f.

[23] Kroll, Römische Erotik, S. 74; Hor. sat. I 2, 117; Hor. epist. I 18, 72.

[24] Kroll, Römische Erotik, S. 75.

[25] Gardner, J. F.: Frauen im antiken Rom, München 1995, S. 251.

[26] Dierichs, Erotik, S. 59-61.

[27] Dierichs, Erotik, S. 83.

[28] Friedländer, Sittengeschichte Roms, S. 238.

[29] Friedländer, Sittengeschichte Roms, S. 237f.

[30] Gardner, Frauen, S. 44-46.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Moralität oder Sittenlosigkeit? Sexualität und Sexualmoral in der Antike
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für alte Geschichte)
Veranstaltung
PS Der Satyricon des Petronius Arbiter
Note
2+
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V7155
ISBN (eBook)
9783638144995
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität Antike
Arbeit zitieren
M.A. Marion Näser (Autor), 2000, Moralität oder Sittenlosigkeit? Sexualität und Sexualmoral in der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7155

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