Seit Brigitte Erler im Jahre 1983 von ihrer dreiwöchigen Dienstreise nach Bangladesch zurückkehrte und mit der Niederschrift ihres Berichtes1 begann, sind über zwanzig Jahre vergangen. Ihr Buch rIn der vorliegenden Hausarbeit soll die kritische Reflexion Erlers bezüglich geleisteter „Entwicklungshilfe“ seitens der BRD in den frühen 1980-er Jahren eingebettet werden in den Kontext von Entwicklungstheorien zum Einen und nationaler und internationaler Entwicklungszusammenarbeit zum Anderen. Dies soll eine Beleuchtung und Beurteilung von Erlers Beobachtungen und Erfahrungen ermöglichen, sowohl was den Entstehungszeitraum ihres Berichtes, als auch was die aktuelle Situation anbelangt.
Ich möchte zunächst dem Begriff Entwicklung nachspüren, bevor ich mich einer kurzen Zusammenfassung wichtiger Theorien zum Thema von Entwicklung resp. Unterentwicklung widme.
Vor diesem Hintergrund soll der Bericht “Tödliche Hilfe“, die Autorin, und der Entstehungskontext des Buches betrachtet werden, sowie das Land Bangladesch, in welchem sie jene Erfahrungen machte, die sie letztlich von der schädlichen Wirkung der EZ überzeugten.
Anhand der exemplarischen Zusammenfassung eines der Projekte sollen dann die nach Erler verantwortlichen Ursachen für das Scheitern der EZ herausgestellt und diskutiert werden. Dabei soll auch der Darstellungsweise der Autorin Rechnung getragen werden.
In einem letzten Schritt möchte ich die von Erler beklagten Missstände auf noch bestehende Gültigkeit hin untersuchen. Mit Rücksicht auf den Rahmen der Arbeit werde ich mich dabei auf die Rezeption einer beschränkten Auswahl aktueller Veröffentlichungen stützen und diese diskutieren. Das letzte Kapitel der Arbeit versteht sich ebenso als Rück- wie auch als Ausblick: vor dem Hintergrund der bisherigen Ergebnisse soll noch einmal und allgemeiner die Frage gestellt werden nach Sinn und Möglichkeiten einer modernen EZ.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklungstheorien und Entwicklungszusammenarbeit
2.1. Der Begriff Entwicklung
2.2. Theorien zu Entwicklung bzw. Unterentwicklung
2.2.1. Marxistische/ imperialismuskritische Theorien
2.2.2. Dependenztheorien
2.2.3. Modernisierungstheorien
2.3. Ziel von Entwicklungszusammenarbeit
2.4. Entwicklungstheorien- und Strategien und ihre Wirkung
2.5. Imperialistische Kolonien - Moderne wirtschaftliche Zusammenarbeit: ein Kontinuum?
3. Brigitte Erler: Tödliche Hilfe
3.1. Zum Inhalt des Buches
3.2. Exkurs Bangladesch
3.3. Exemplarisch zusammenfassende Projektbeschreibung
3.3.1. Projektziel
3.3.2. Durchführung und Folgen
3.3.3. Situation vor Ort
4. Ursachen für die „Tödliche Hilfe“
4.1. Strukturelle Gewalt
4.2. Eingeschränkte Wahrnehmung
4.2.1. „Scheuklappen“
4.2.2. Zeitliche soziale und sprachliche Handicaps
4.3. Unkenntnis und Ignoranz
4.4. Fazit
5. Bangladesch heute
5.1. Die externe Kontrolle der Wirtschaftspolitik
5.2. Der Niedergang der Industrie und Landwirtschaft
5.3. Klimakatastrophen und Hunger
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die deutsche Entwicklungspolitik der 1980er Jahre am Beispiel von Brigitte Erlers Bericht „Tödliche Hilfe“. Ziel ist es, Erlers Beobachtungen in den Kontext wissenschaftlicher Entwicklungstheorien zu setzen, um die strukturellen Ursachen für das Scheitern von Entwicklungsprojekten zu analysieren und deren aktuelle Relevanz kritisch zu hinterfragen.
- Analyse und Einordnung von Entwicklungstheorien (Marxismus, Dependenztheorie, Modernisierung).
- Kritische Aufarbeitung des Berichts „Tödliche Hilfe“ von Brigitte Erler.
- Untersuchung von struktureller Gewalt und Wahrnehmungsdefiziten in der Entwicklungszusammenarbeit.
- Fallbeispiel: Das „Tierzuchtprojekt Savar“ in Bangladesch.
- Diskussion über die Wirksamkeit aktueller Entwicklungspolitik und Globalisierungsprozesse.
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Projektziel
Brigitte Erler erlebte das „Tierzuchtprojekt Savar“ in seiner Endphase. Die Entstehung des Projekts reicht in die Frühzeit deutscher Entwicklungshilfe zurück. So befand Heinrich Lübke auf einer seiner Reisen beim Anblick der mageren ost-pakistanischen Rinder „ Hier müssen Schwarzbunte Holsteiner her!“
Ziel des von Lübke angeregten Projektes sollte es sein, Hochleistungskühe in Bangladesch zu verbreiten, um die Ernährung der Bevölkerung zu verbessern und die wirtschaftliche Situation der Kleinbauern langfristig zu gewährleisten. Es handelte sich hierbei um ein so genanntes „grass-routes“-Projekt, welches - wie der Name verrät - an „unterster Ebene“ ansetzt und grundbedürfnisorientierte Maßnahmen (basic needs) einleitet, welche den in Armut lebenden Zielgruppen als „Hilfe zur Selbsthilfe“ direkt zugute kommen sollen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt das Vorhaben dar, Erlers Kritik an der Entwicklungshilfe theoretisch einzubetten, und legt den methodischen Rahmen der Hausarbeit fest.
2. Entwicklungstheorien und Entwicklungszusammenarbeit: Dieses Kapitel erläutert den Begriff Entwicklung und gibt einen Überblick über verschiedene entwicklungstheoretische Strömungen sowie deren Einfluss auf die Strategien der internationalen Zusammenarbeit.
3. Brigitte Erler: Tödliche Hilfe: Hier wird Brigitte Erler, ihr kontroverser Bericht und der Kontext ihrer Dienstreise nach Bangladesch vorgestellt sowie das „Tierzuchtprojekt Savar“ als zentrales Fallbeispiel eingeführt.
4. Ursachen für die „Tödliche Hilfe“: Dieses Kapitel analysiert die Gründe für das Scheitern von Projekten, wie strukturelle Gewalt, Wahrnehmungsdefizite der Experten und eine weit verbreitete Unkenntnis über lokale Gegebenheiten.
5. Bangladesch heute: Die aktuelle Situation in Bangladesch wird anhand der externen Kontrolle durch Institutionen wie IWF und Weltbank sowie dem Niedergang lokaler Wirtschaftsstrukturen diskutiert.
6. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz, in der die Kontinuität der kritisierten Missstände im Kontext aktueller Globalisierungsprozesse und der Millennium Development Goals bewertet wird.
Schlüsselwörter
Entwicklungshilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Brigitte Erler, Tödliche Hilfe, Bangladesch, Entwicklungstheorien, Strukturelle Gewalt, Dependenztheorie, Modernisierungstheorie, IWF, Weltbank, Armutsbekämpfung, Globalisierung, Landwirtschaft, Kapitalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer kritisch-reflexiven Untersuchung der deutschen Entwicklungshilfe, basierend auf dem Bericht „Tödliche Hilfe“ von Brigitte Erler aus dem Jahr 1985.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind Entwicklungstheorien, die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit, das Verhältnis zwischen Geber- und Nehmerländern sowie die Auswirkungen globaler ökonomischer Strukturen auf lokale Wirtschaften.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Erlers Beobachtungen und Erfahrungen zu bewerten, die strukturellen Ursachen für das Scheitern von Entwicklungsprojekten aufzuzeigen und zu prüfen, ob diese Kritik auch heute noch Bestand hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse, bei der theoretische Konzepte (z.B. Dependenztheorien, strukturelle Gewalt) mit empirischen Beobachtungen aus Erlers Bericht und aktuellen wirtschaftspolitischen Daten kombiniert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen, die Vorstellung des Berichts „Tödliche Hilfe“, eine detaillierte Analyse der Ursachen für das Scheitern am Beispiel des Projekts in Savar sowie die aktuelle Lage in Bangladesch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Entwicklungshilfe, strukturelle Gewalt, Globalisierung, Abhängigkeit und das kritische Hinterfragen der Zielsetzungen bi- und multilateraler Organisationen.
Wie bewertet die Autorin das „Tierzuchtprojekt Savar“?
Das Projekt wird als gescheitert eingestuft, da es die Armut der Zielgruppe eher verschärfte, korrupte Strukturen stabilisierte und primär ökonomische Interessen der Industrieländer bediente, statt die Ernährungssituation vor Ort nachhaltig zu verbessern.
Welche Rolle spielt der IWF in der modernen Entwicklungspolitik Bangladeschs laut dieser Arbeit?
Der IWF wird als eine Institution dargestellt, die durch strikte wirtschaftspolitische Auflagen und die Kontrolle des Haushaltsprozesses die wirtschaftliche Eigenständigkeit Bangladeschs untergräbt und den Niedergang lokaler Industrie und Landwirtschaft befördert hat.
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- Christin Bernhardt (Author), 2005, Kritisch-reflexive Betrachtung von Entwicklungshilfe am Beispiel von Brigitte Erlers Bericht "Tödliche Hilfe" vor dem Hintergrund von Entwicklungstheorien und Entwicklungszusammenarbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71554