Wie können 2,4 Millionen türkischstämmige Muslime in Deutschland erfolgreich integriert werden?


Hausarbeit, 2003

47 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Skizze zur Problemfindung
1.2 Begründung des interdisziplinären Charakters
1.2.1 Was bedeutet Interdisziplinarität?
1.2.2 (Muslimische) Integration - Ein interdisziplinäres Thema?!

2. Integration der türkischstämmigen Muslime in Deutschland
2.1 Zum Begriff der Integration
2.2 Die Sonderstellung der Türkei und der Türken
2.3 Überblick über „Integrationsbemühungen“ in Geschichte und Gegenwart
2.3.1 Zuwanderung in das deutsche „Nicht-Einwanderungsland“
2.3.2 Deutsch-türkische Integrationsbemühungen?!
2.3.3 Segregation - Gefahr und Chance für erfolgreiche Integration
2.4 Der muslimische Glaube – Barriere oder Bereicherung?
2.4.1 Rechtssysteme des Islam in Deutschland?
2.4.2 „Clash of Civilizations“ oder kulturelle Vielfalt?
2.5 Der interkulturelle, -religiöse Dialog

3. Schlussbemerkungen
3.1 Didaktische Folgerungen
3.1.1 Konsequenzen für Schule und Hochschule
3.2 Reflexion des Arbeitsprozesses
3.2.1 Probleme und Vorzüge interdisziplinären Arbeitens
3.2.1.1 Wie SchülerInnen und LehrerInnen mit Interdisziplinarität
umgehen

3.2.1.2 Interdisziplinäres Arbeiten an disziplinären Hochschulen

Anhang
Meine interdisziplinären Studien
Möglichkeiten zur Präsentation des Projekts
Thesen für das mündliche Kolloquium

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser hier vorliegenden Arbeit möchte ich nun eines meiner interdisziplinären Projekte im Rahmen des Studienganges für das Lehramt an Realschulen vorstellen. Während sich mein weiteres Projekt im Bereich der Neuen Medien und deren Einsatz im Unterricht bewegt, beschäftigt sich meine Arbeit hier mit dem Grobthema „Islam“. Wie es zur genaueren Problemfindung kam, die meine weiteren Recherchen beeinflusst haben, werde ich im ersten Unterkapitel dieses Einleitungsteils näher erläutern. Zunächst möchte ich jedoch einen kurzen Überblick über die Inhalte dieser Ausarbeitung geben. Nachdem ich den Problemfindungsprozess und das eigentliche Thema kurz erläutert habe, möchte ich zunächst erste Überlegungen dazu anstellen, was Interdisziplinarität eigentlich bedeutet und inwiefern mein Projekt sich „interdisziplinär“ nennen darf bzw. muss; Überlegungen, die zu Beginn jeglicher interdisziplinärer Arbeit von Nöten sind, da interdisziplinäres Arbeiten nicht selbstzweckhaft sein, sondern bestimmten Zielen und Notwendigkeiten folgen sollte. Demnach ist interdisziplinäres Arbeiten, genau wie jegliche andere Art von Lehr- Lernvorhaben, genau zu durchdenken und auf Angemessenheit hin zu überprüfen. Im Hauptteil der Arbeit werde ich dann meine zum Teil disziplinären, teils interdisziplinären fachlichen Recherchen, die ich anstellte, um mich mit der aufgeworfenen Problemstellung auseinander zu setzen, darlegen und mögliche Ergebnisse präsentieren. Die eigentlichen Ergebnisse im Sinne von Folgerungen für die schulpädagogische Praxis werden dann im abschließenden Schlusskapitel präsentiert. Hier wird des weiteren eine kurze Reflexion des Arbeitsprozesses erfolgen.

1.1 Skizze zur Problemfindung

Der äußere Rahmen für mein Projekt stand relativ schnell fest. Da ich mich im Wintersemester 2002/2003 bereits im 6. Studiensemester befand und mir allmählich klar wurde, was IS, hingegen der Informationen etlicher KommilitonInnen und DozentInnen, bedeutet, suchte ich mir schnellstmöglich ein geeignetes Themenfeld, was in diesem Semester nicht sonderlich schwierig war. Dank der Anbindung zahlreicher Lehrveranstaltungen an das Heidelberger Dienstagsseminar zum Thema „Islam – Erbe und Herausforderung“ ergaben sich etliche Möglichkeiten ein Projekt zu diesem Themenkomplex durchzuführen. Neben den günstigen organisatorischen Rahmenbedingungen kam mir aber auch das Thema sehr entgegen, da ich mich für die Religion des Islam und die damit verbundenen politischen und kulturellen Auswirkungen bereits vorher sehr interessierte und mich auch im Rahmen des Studiums der Evangelischen Theologie und Religionspädagogik damit auseinandergesetzt habe. Allerdings lag der Schwerpunkt meiner bisherigen Arbeit hauptsächlich bei der verwendeten Symbolik der Weltreligion im Vergleich mit der des Christentums, wozu ich auch beabsichtige im Anschluss an das Sommersemester 2003 meine Wissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen der Prüfungen zum 1. Staatsexamen zu verfassen. Für dieses Projekt suchte ich mir einen anderen Schwerpunkt und gelangte zu der auf dem Titelblatt angeführten Fragestellung: Wie können 2,4 Millionen türkischstämmiger Muslime in Deutschland erfolgreich integriert werden? Diese Frage, wenn auch noch nicht eingeschränkt auf die türkischstämmige Bevölkerung, eröffnete sich mir vor allem in dem (hochschul)öffentlichen Heidelberger Dienstagsseminar „Islam – Erbe und Herausforderung“, in dem mir klar wurde welche Schwierigkeiten, Vorurteile, aber auch Chancen im kulturellen Miteinander von Christen und Muslimen in Deutschland noch vorhanden sind. Nach bestimmten Veranstaltungstagen spitzte sich diese Frage für mich sogar bis dahin zu, ob ein friedliches Miteinander überhaupt möglich sein kann. Diese Frage erscheint mir jedoch im Nachhinein als absurd, da uns diesbezüglich überhaupt keine andere Wahl bleiben wird. Unterschiedliche Kulturen und Religionen leben nun einmal seit längerer Zeit in Deutschland und gehören zum Profil dieses Landes, wonach es also nicht darum gehen kann, wie man ein Miteinander, Nebeneinander oder auch Gegeneinander vermeiden kann, sondern welche Möglichkeiten es gibt, es zu bewältigen, ohne eine bestimmte Gruppierung zur Aufgabe ihrer eigenen Identität zu zwingen. Eine große Aufgabe, die es jedoch wert ist, angegangen zu werden. Das im Zentrum meines Projekts stehende Hauptseminar bei Herrn Petermann half mir dabei, vor allem religiöse und philosophische Dimensionen im Islam in Kontrast zu den mir bekannten christlichen „Pendants“ zu bringen. Auch wenn eine tiefgreifende Analyse der Religion des Islam sicherlich in diesem Rahmen zu weit führen würde, ist es dennoch wichtig über Unterschiede im Grundverständnis der beiden Religionen und deren Praxis informiert zu sein, um eine gemeinsame Grundlage ohne Ausschluss dieses enorm prägenden kulturellen Faktors zu erhalten. Die erste Einschränkung war also bereits damit bewerkstelligt, dass ich mich auf die Möglichkeiten der Integration von Muslimen im vor allem christlich geprägten Deutschland beschäftigen wollte. Dass nun der Islam allgemein aber auch in Deutschland keine zu vereinheitlichende Erscheinung ist und demnach sowohl „konfessionell“ als auch kulturell erneut unterschieden werden muss, ist eine Erkenntnis, die ich besonders aus dem Hauptseminar bei Herrn Prof. Dr. Mittelstädt mit in das Projekt einbringen kann. Da mir dabei besonders die Sonderstellung der Türken ins Auge fiel, die zudem den größten Anteil der in Deutschland lebenden Muslime ausmachen, habe ich diese Gruppe in Abgrenzung zu anderen Gruppen, für meine Betrachtungen ausgewählt. Im Hinblick auf diese getroffene Auswahl konnte ich mir dann im Seminar bei Frau Dr. Alavi einen Überblick über die Immigration dieser Zielgruppe und die damit verbundenen bzw. notwendigen Integrationsmaßnahmen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg verschaffen. Natürlich können alle diese Veranstaltungen, die fachspezifische Inhalte aus mindestens vier Fächern vermittelten, nur als Anstoß für meine Recherchen angesehen werden. In Hinblick auf mein Projekt muss ich feststellen, dass sich diese Disziplinen fast automatisch vermischten, so dass ich bereits durch die Frage nach einer möglichen Integration eine neue Disziplin zwischen den Fachdisziplinen konstruieren musste, die zwar phasenweise in alle Bereiche vorstoßen muss, ihre eigentlich Arbeit jedoch außerhalb und zugleich inmitten aller Fachdisziplinen hat, so dass sich meine Fragestellung an einer interdisziplinären Schnittstelle befindet, die keines der Fächer alleine behandeln kann, für die es aber ihrer aller bedarf.

Weitere Ausführungen zum interdisziplinären Vorgehen folgen im nächsten Unterkapitel.

1.2 Begründung des interdisziplinären Charakters

Im vorigen Unterkapitel ist bereits die interdisziplinäre Arbeitsweise der hier vorliegenden Projektbeschreibung angeklungen. Im Folgenden soll es jedoch mehr darum gehen, was Interdisziplinarität überhaupt bedeutet und warum sich die von mir gewählte Fragestellung für ein solches Vorgehen eignet. Demnach sollen die folgenden Abschnitte neben der Beschreibung interdisziplinärer Arbeitsformen vor allem deren Notwendigkeit im vorliegenden Fall erläutern.

1.2.1 Was bedeutet Interdisziplinarität?

Die Einteilung des Lebens in verschiedene Lernfelder (Fächer) ist eigentlich realitätsfern. Selten wird man Prozesse im Tagesablauf nach solchen Kategorien einteilen. Nichts desto Trotz sind Disziplinen für die Ordnung von Abläufen und Inhalten in Unterricht, Studium und Beruf notwendig, um nicht von der Allmacht der uns umgebenden Informationswelt „erschlagen“ zu werden. So könnte man aus einer systemtheoretischen Sicht heraus sagen, dass es sich bei Fächern um „Filter“ handelt, die für Informationen aus der Umwelt durchlässig sind, die in ihr Fach (System) gehören und zu dessen Erhalt beitragen.

Interdisziplinäres Arbeiten soll nun jedoch zu einer Synthese aus verschiedenen Zugängen zu einer Problematik führen. Demnach sind also Disziplinen unbedingt Voraussetzung für Interdisziplinarität. Hier wären nun in Bezug auf die praktische Umsetzung unterschiedliche Organisationsformen zu nennen: Fachüberschreitende Arbeit (Ein Experte verweist auf Aspekte zum Thema, die über das entsprechende Fach hinausweisen), fächerverknüpfendes Arbeiten (Oben benannte Verweise gehen von verschiedenen Experten unterschiedlicher Fächer aus, was voraussetzt, dass beide über das Vorgehen der anderen informiert sind), fächerkoordinierendes Arbeiten (Mehrere Fächer beziehen ihre Arbeit bereits bei der Planung aufeinander), fächerergänzendes Arbeiten (zusätzlich zur „normalen“ Arbeitsform werden gemeinsame Phasen eingelegt), fächeraussetzendes Arbeiten (Facharbeit wird zeitweise zugunsten eines interdisziplinären Projekts außer Kraft gesetzt). (vgl. Linke (2000), S. 264 f.)

Letzteres entspricht am ehesten der Form meines Projekts, wobei es hier zur Aussetzung der Fachdisziplinen nur in Bezug auf meine individuelle Arbeit gekommen ist, da es sich um eine nicht von der Hochschule vorgegebene, sondern selbst gewählte Problemstellung handelt. Alles in allem sollte also interdisziplinäres Arbeiten in welcher Form auch immer (Hochschule, Schule, Forschung usw.) stets im Zusammenspiel von Disziplinarität und Interdisziplinarität in Form von problemorientiertem Arbeiten (in Unterricht, Studium usw.) erfolgen

(vgl. Austermann (2002), S. 8)

Grundsätzlich bedeutet Interdisziplinarität immer das Zusammenwirken von mindestens zwei Disziplinen (auch Teil- Disziplinen) im Hinblick auf ein gemeinsames Ziel. Es kann sich dabei um sogenannte „Grenzwissenschaft“ (Einzelne Disziplinen stoßen an ihre Grenzen, die zu einer anderen führen; z.B. Religionsphilosophie), „Querschnittswissenschaft“ (Interdisziplinäre Interaktionen führen zu Ergebnissen, die von unterschiedlichen Disziplinen benötigt werden und zu einer neuen Disziplin führen; z.B. Religionswissenschaft) oder um „Komplexe Forschungsgebiete“ (Probleme und Fragestellungen bedürfen zur Beantwortung die Sicht mehrerer Disziplinen) handeln. Auf alle Fälle kann man hierbei von Interdisziplinarität als Durchgangsstadium zu einer neuen Disziplinarität, wie ich dies anhand meines eigenen Projekts versucht habe zu erläutern (s. 1.1), sprechen.

(vgl. Defila u.a. (2002), S. 17 ff.)

In der interdisziplinären Arbeit kann es jedoch neben der beschriebenen problemorientierten Arbeit auch zu fach- und sachnaher Interdisziplinarität, wie dies bei verschiedenen Teildisziplinen oder bei benachbarten Fächern (in Hinblick auf den neuen Bildungsplan für 2005 z.B. Geschichte/Politik/Wirtschaft, Biologie/Chemie/Physik) zwangsläufig der Fall sein wird, oder zu kreativer Interdisziplinarität (Anstoß durch einen kreativen Impuls, der auch weit entfernte Fächer verbinden kann; z.B. Veranstaltungsreihe „Natur und Mensch“) kommen.

(vgl. Rauch (2002), S. 55)

Speziell in Bezug auf die Lehrerausbildung sollte interdisziplinäres Arbeiten dazu führen, dass Wahrnehmungs-, Urteils- und Handlungsfähigkeit in Bezug auf disziplinär nicht zu lösende Problemstellungen gefördert werden. (vgl. Benk u.a. (2002), S. 206)

Hat man die spätere Schularbeit im Blick sollte man anstreben SchülerInnen die Möglichkeit zu geben sich unterschiedliche fachliche Zugänge zu einem bestimmten Problem zu beschaffen. Im Zentrum sollte dabei stehen, dass fächerverbindendes, problemorientiertes Herangehen an ein Thema ermöglicht und gefördert wird, unabhängig davon, ob dies in konventionellen Unterrichtsstrukturen (Fachunterricht im 45- Minuten Takt) oder durch spezielle Formen (z.B. Projektunterricht) geschieht. (vgl. Defila u.a. (2002), S. 27 f.)

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass Reduktion auf einzelne Disziplinen eine notwendige Maßnahme darstellt, dass es jedoch der Überschreitung von Grenzen immer bedarf, um eigene Disziplinarität zu erweitern, andere Disziplinen zu unterstützen oder neue „Zwitterdisziplinen“ zur Lösung interdisziplinärer Probleme zu entwickeln.

1.2.2 (Muslimische) Integration - Ein interdisziplinäres Thema?!

Die größte Minderheit in Deutschland scheint die größten Schwierigkeiten bei der Integration in Deutschland zu haben. Sie haben es nicht leicht bei Deutschen Ansehen zu gewinnen und umgekehrt fällt es uns Deutschen scheinbar schwer die Distanz gegenüber den Türken abzubauen. (vgl. Mittelstädt (1990), S. 119)

Dies allein, verstärkt durch Pauschalisierungen beider Seiten aufgrund weltpolitischer Geschehnisse und religiöser Unterschiede, scheint mir Grund genug dafür zu sein, dieses Thema in einer möglichst großen Bandbreite zu behandeln. Doch welches Fach sollte sich damit beschäftigen? Geschichte scheint hier zwar über vieles Aufschluss geben zu können, was in der Vergangenheit geschehen ist und was falsch gemacht wurde und natürlich kann man aus Fehlern lernen, aber auch Politikwissenschaften können hier ihren Teil beitragen, indem sie über aktuelle Entwicklungen in Deutschland aber auch in den Herkunftsländern der Migranten informieren, das zu einem Verständnis dessen führen kann, was Eingliederung im Zuge von Umstellung erschweren könnte. Das ist jedoch noch lange nicht genug. Philosophie/Ethik und die Theologien sind aufgefordert besonders darüber Auskunft zu geben, welche Auswirkungen Religion und Wertvorstellungen auf die Integration(swilligkeit) besonders von Muslimen haben können. Aber auch alle musischen und künstlerischen Fächer werden nicht umher kommen sich mit der Kultur von Zuwanderern zu beschäftigen, wenn man, besonders im Hinblick auf Erziehung und Bildung in der Schule, Integration ermöglichen will, ohne dabei prägende Traditionen in der Identitätsentwicklung von Jugendlichen zu übergehen. Natürlich sind genau an diesem Punkt auch die erziehungswissenschaftlichen Fachgebiete gefordert, die Methoden und Konzepte überdenken müssen, um den so hoch gepriesenen, von SchülerInnen ausgehenden Unterricht auch Realität werden lassen zu können. Mir würden hierzu sicherlich noch vielmehr Beispiele einfallen und letztendlich könnte meines Erachtens jedes Fach in Schule und Wissenschaft in eine solche, soziale und von Aktualität kaum zu überbietende Problemstellung einbezogen werden. Gerade in meinem kürzlich absolvierten Blockpraktikum an einer Realschule wurde mir deutlich, wie sehr weltpolitische Ereignisse wie der Irak-Krieg sich auf uns auswirken können, wenn plötzlich Angehörige einer Religion als Anhänger der „Achse des Bösen“ bezeichnet werden, was letztendlich zu Ausgrenzungen gegenüber MitschülerInnen muslimischen Glaubens führen kann. Aber auch umgekehrt konnte ich im Rahmen des Dienstagsseminars feststellen, wie die weltweiten Demokratisierungsprozesse durch den „Westen“ desintegrierend auf in Deutschland lebende Muslime wirken können, die sich bevormundet und in ihren Traditionen verletzt fühlen und sich dementsprechend weiter zurückziehen. Jedoch nicht erst in solchen Situationen wird interdisziplinäres Arbeiten erforderlich, vielmehr sollte präventive Arbeit an einem Projekt „Integration muslimischer MitschülerInnen (oder allgemein Menschen)“ verhindern, dass Brüche durch solche Ereignisse überhaupt entstehen können. Dabei muss selbstverständlich nicht das Thema „Integration“ als solches benannt im Mittelpunkt stehen. Vielmehr sollte man durch unterschiedliche fachspezifische Themen, die in einem interdisziplinären Zusammenhang stehen, zu einem selbstverständlichen Integrationswillen beider Seiten gelangen. Ist dieser Wille erreicht, hat man bereits die schwierigste Hürde geschafft und kann gemeinsame Wege ansteuern, das Endziel zu erreichen (s. auch 3.1.1). Um dieses Kapitel abzuschließen möchte ich nur noch einmal zusammenfassend darauf hinweisen, dass es mir ohne die Einbindung der Disziplinen Ethik/Philosophie, Geschichte, Allgemeine Pädagogik und Evangelische Theologie/Religionspädagogik nicht möglich gewesen wäre diese Problemstellung zu behandeln oder auch nur zu ihr zu gelangen. Durch die Aufklärung über Besonderheiten des religiösen und kulturellen Lebens einerseits, die Einarbeitung in die Geschichte der türkisch- muslimischen Migration nach Deutschland andererseits, aber auch durch die Beschäftigung mit den Besonderheiten und Schwierigkeiten in der pädagogischen Praxis konnte es mir gelingen, verstärkt durch eigene weiterführende Studien, zu einer interdisziplinären Fragestellung und deren Bearbeitung zu gelangen, die die einzelnen Fächer nicht bis in die Tiefe erfasst, sie aber alle in gewisser Weise überschreitet. Diese Studien, kombiniert mit eigenen Erfahrungen und dem Expertenwissen aus dem Dienstagsseminar sowie einiger muslimischer Kommilitoninnen, führten zu einem problemorientierten Projekt, das sich meines Erachtens zurecht interdisziplinär nennen darf (muss).

2. Integration der türkischstämmigen Muslime in Deutschland

In diesem Hauptteil der Arbeit möchte ich nun meine angestellten fachlichen und interdisziplinären Recherchen und deren Ergebnisse darlegen. Soweit möglich, werde ich an geeigneter Stelle auf mögliche Ansätze zur Lösung des als Titel der Arbeit formulierten Problems verweisen.

2.1 Zum Begriff der Integration

Bevor man von gelungener oder misslungener Integration sprechen kann, muss man sich zunächst darüber klar werden, was Integration eigentlich bedeutet. Soll sich dabei um die vollständige Anpassung einer Minderheit an die vorgefundene Mehrheit (Assimilation) handeln, oder sollte versucht werden die Identität der Mehrheit total aufzuweichen, um die Minderheit in sie aufnehmen zu können? Der ideale Weg liegt sicherlich in der Mitte dieser beiden Vorstellungen. Eine Aufgabe der Identität beider Seiten wird sicherlich nicht zum gewollten Ziel führen. Integration bedeutet jedoch sehr wohl etwas Ganzes schaffen bzw. etwas zur Vollständigkeit ergänzen. (vgl. Wahrig-Burfeind 1999, S. 407)

Also zwei oder mehrere Majoritäten oder Minoritäten nebeneinander bestehen zu lassen, kann auch nicht Ziel einer Integration sein. Aber wo liegen dann deren Möglichkeiten, wenn niemand assimilieren, aber auch niemand seine Identität verleugnen soll. Akzeptanz, Toleranz, Pluralismus, das sind Schlagworte, die man mit einer erfolgreichen Integration verbindet. Besonders das Ablegen von Vorurteilen sollte ein großes Ziel der Bestrebungen sein. Trägerinnen eines Kopftuchs sind demnach zum Beispiel nicht automatisch Integrationsverweigerer, nur weil sie ihre religiöse Identität nach außen zeigen. Aber auch der Vorwurf an Muslimas ohne Kopftuch, sie seien keine richtigen Muslime mehr, trägt sicherlich nicht dazu bei Integration zu erleichtern. (vgl. Schieder 2001, S. 158)

Was hat aber, wenn es nicht bei einer Worthülse bleiben soll, Integration gerade in Hinblick auf die türkischstämmigen Muslime in unserer Gesellschaft zu bedeuten? Hierbei müssen verschiedene Facetten berücksichtigt werden. Man kann z.B. zwischen „sozialer Inklusion“, „Akkulturation“ und „politischer Partizipation“ unterscheiden (vgl. Leggewie (2000), S. 86)

Übersetzt könnte man von sozialer Angliederung an die Mehrheitsgesellschaft (mit Anpassung des ökonomischen Lebensstandards), gegenseitiger Anpassung der unterschiedlichen Kulturen und Gleichstellung in politischen Rechten und Pflichten im Staat sprechen. Kurz gesagt, Ziel ist ein Zustand sozialen und kulturellen Gleichgewichts in einer sozialen Einheit. Demnach könnte also von gelungener Integration nur dann die Rede sein, wenn strukturell die Voraussetzungen gegeben sind, dass sich alle Mitglieder der Gesellschaft in möglichst allen wesentlichen Feldern des Lebens gleich und frei entfalten können.

(vgl. Bausinger (1982), S. 111 f.)

Treffen nun diese unterschiedlichen Integrationsmerkmale auf die türkischen Mitbürger in Deutschland zu? Die Antwort lautet klar „Nein“. Vom ökonomischen Gesichtspunkt her muss zur Kenntnis genommen werden, dass ausländische Beschäftigte bei gleichem Bildungsgrad (mit Ausnahme des Abiturs) nicht so leicht in Angestelltenpositionen gelangen wie ihre einheimischen Mitbürger. Zudem liegt der Anteil an Arbeitslosen um einiges höher als bei diesen. Ein Hauptgrund dafür ist sicherlich die mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache auf Seiten der ausländischen Bewerber. Zudem bleibt jedoch festzuhalten, dass diese Kompetenz nicht allein durch Bildung in der Schule sondern auch durch die interethnischen Kontakte gefördert werden könnte, welche jedoch aufgrund von immer stärker werdender Segregation (s. 2.3.3) immer seltener zu werden scheinen. So wurde beispielsweise ermittelt, dass sich die Freundschaft zu Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft positiv auf die Stellung des ausländischen Mitbürgers auf dem Arbeitsmarkt auswirkt. Demnach hängen also Sprachbeherrschung, soziale Kompetenz und die Position auf dem Arbeitsmarkt enger zusammen, als man vermuten könnte. (vgl. Münz u.a. 1999, S. 117 ff.)

Aber auch in Bezug auf die kulturelle Entfaltung gibt es immer noch Probleme, die vor allem im religiösen Bereich liegen. Wie bereits oben erwähnt, kursieren noch immer Vorurteile. Diese beschränken sich nicht nur auf das Kopftuch, sondern auch auf andere Bereiche des religiösen Lebens von Muslimen. Fast zynisch werden Moslems zum Beispiel immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sie aber ungläubig seien, wenn sie mit deutschen Freunden Alkohol trinken. Tun sie dies aber nicht, kommt es vielerorts zu Ausgrenzungen. Auch in Bezug auf den Religionsunterricht an Schulen gibt es weiterhin klare Benachteiligungen gegenüber christlichen SchülerInnen, da in den meisten Gebieten Deutschlands eine solche Einrichtung fehlt, was jedoch nicht zuletzt die Muslime selbst zu verantworten haben, da sie sich auf keine gemeinsame Grundlinie einigen können. Eine eigene Tradition im Bereich der Bildung konnte sich außerdem deshalb nicht entwickeln, weil islamische Theologie in Deutschland bisher nicht verankert wurde, weil kein Körperschaftsrecht vorliegt. Im Gegensatz zu den römisch-katholischen, evangelischen und griechisch-orthodoxen Kirchen sowie der jüdischen Kultusgemeinde und den Neuapostolikern haben die muslimischen Gemeinschaften nicht diesen Status und dürfen somit weder Schulen noch Kindergärten einrichten und folglich auch keinen ordentlichen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen mitverantworten oder gar Lehrkräfte dafür ausbilden. Aber auch finanzielle Unterstützung durch den Staat zur Förderung karitativer Einrichtungen oder sozialer Aktivitäten wird ohne den Rechtsstatus der Körperschaft nicht gewährt. Des weiteren sind muslimische Glaubensgemeinschaften nicht berechtigt staatliche Rechte wie das Besteuerungsrecht, Recht auf Gebühren- und Steuerbefreiung usw. geltend zu machen. Nicht zuletzt haben sie entgegen der oben benannten Organisationen keine Mitverantwortung für die kulturell in Deutschland bedeutsamsten Kommunikationsmedien Fernsehen und Hörfunk. (vgl. Şen u.a. 2002, S. 106 f.)

Auch wenn diese rechtlichen Unterschiede sicherlich auch dadurch entstehen, dass es keine repräsentativen Organe gibt, denen ein solcher Anspruch zustehen würde, handelt es sich trotz alledem um ein Ungleichgewicht, das die muslimische Integration in Deutschland sicherlich nicht gerade erleichtert. Aber auch noch weitere kulturelle Probleme wirken sich negativ auf die vollständige Gleichstellung aus. So stellen neben dem umstrittenen Kopftuch (z.B. in Schulen) auch Gebetsstätten und Gebetsruf immer noch Reizthemen dar. (vgl. ebd., S.102 ff.)

Aber auch in punkto Altersversorgung muss festgestellt werden, dass auf die Versorgung nichtdeutscher Senioren bisher wenig Rücksicht genommen wird, obwohl auch hier ein Rückgang der familiären Aufgabenübernahme zu verzeichnen ist. Kaum ein Altersheim dürfte auf die speziellen Bedürfnisse, besonders von Muslimen, eingestellt sein. Schließlich stellen auch Tod und Bestattung große Problemfelder dar, da es bislang (mit einer Ausnahme in Berlin) keine muslimischen Begräbnisstätten in Deutschland gibt. Die Bestattung auf kommunalen Friedhöfen lehnen jedoch die meisten Muslime ab, zumal dort die rituelle, sarglose Beerdigung im Leichentuch bislang nicht erlaubt ist. Auch das rituelle Schächten stellt ein Reizthema dar, welches in letzter Zeit wieder häufiger durch die Medien geht. Die Tötung eines Tieres ohne vorige Betäubung (damit das Tier lebendig ausbluten kann) wurde aufgrund der deutschen Tierschutzbestimmungen als nicht zulässig erklärt und wird nur in Ausnahmen genehmigt. (vgl. ebd., S. 109 ff.)

Zu den sozial und ökonomisch sowie den kulturell-religiösen Faktoren tritt nun schließlich noch die politische Dimension der Integration. Aber auch hier kann noch nicht von vollständiger Integration gesprochen werden, solange nicht eine Mehrheit der türkischen Migranten die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und somit gleiche Rechte und Pflichten hat. Durch das neue Staatsbürgerrecht, das neben das zuvor gültige „ius sanguinis“ (Abstammungsrecht) das „ius soli“ (Geburtsortprinzip) setzt und im Jahre 2000 in Kraft getreten ist, wurde diese Art der Einbürgerung jedoch erheblich erleichtert. Neben in Deutschland geborenen Menschen dürfen auch Migranten, die seit mindestens acht Jahren in Deutschland leben und bestimmte Voraussetzungen erfüllen (vorhandene Aufenthaltserlaubnis, ausreichende Sprachkenntnis, nicht arbeitslos oder sozialhilfebedürftig, keine strafrechtlichen Belastungen), eingebürgert werden. (vgl. Şen (2002), S. 54)

[...]

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Wie können 2,4 Millionen türkischstämmige Muslime in Deutschland erfolgreich integriert werden?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Veranstaltung
Interdisziplinäres Projekt
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
47
Katalognummer
V71606
ISBN (eBook)
9783638815222
ISBN (Buch)
9783638816175
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit wird die Problematik der nunmehr 3. Generation türkischstämmiger Muslime in Deutschland aus kultureller und religiöser Sicht beleuchtet. Neben einem historischen Exkurs zur Integrationspolitik der Bundesrepublik gilt ein besonderes Augenmerk der scheinbar unüberbrückbaren Kluft zum Islam, dem "Clah of Civilisation".
Schlagworte
Millionen, Muslime, Deutschland, Interdisziplinäres, Projekt
Arbeit zitieren
Ingo Stechmann (Autor), 2003, Wie können 2,4 Millionen türkischstämmige Muslime in Deutschland erfolgreich integriert werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71606

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