Analyse von Antonio Buero Vallejos "El concierto de San Ovidio" im Kontext seiner Entstehungszeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Situation des spanischen Theaters unter der Diktatur Francos

3. Kurze Inhaltsangabe des Stücks

4. Figurenkonstellation

5. Der authentische Hintergrund des Stücks

6. Gesellschaftskritik unter der Zensur: das teatro posible

7. Die Mittel des teatro posible im Stück

8. Die Gesellschaftskritik im Stück

9. Übernahme von Theatertechniken

10. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Tragödie El concierto de San Ovidio von Antonio Buero Vallejo analysiert werden. Dabei soll vor allem der schwierige Entstehungskontext beleuchtet werden, nämlich die Zeit der Franco-Diktatur und die damit verbundenen Zensurmaßnahmen für Literatur, Kunst und Theater.

Dafür wird zunächst die Situation des spanischen Theaters nach dem Ende des Bürgerkriegs aufgezeigt. Anschließend erfolgt die Analyse des Stücks mit einer kurzen Inhaltsangabe und der Erläuterung der Figurenkonstellation, um dann auf den authentischen Hintergrund des Stücks einzugehen.

Antonio Buero Vallejo steht für das teatro posible, die eine Form kritischen Theaters in Franco-Spanien. Den Gegenpart vertritt Alfonso Sastre mit seinem teatro imposible. Auf beide Theaterformen und ihre Möglichkeiten der Publizierung von Kritik soll ebenfalls eingegangen werden.

Im Anschluss werden die Stilmittel eines solchen teatro posible in El concierto de San Ovidio dargestellt.

Danach wird dann auf die Gesellschaftskritik im Stück eingegangen und zum Schluss soll noch die Übernahme bestimmter Theatertechniken wie des Verfremdungseffekts oder des Esperpentos in Buero Vallejos Theater beleuchtet werden.

2. Die Situation des spanischen Theaters unter der Diktatur Francos

Der Sieg Francos im spanischen Bürgerkrieg und der Beginn der Diktatur hatten Konsequenzen für alle Bereiche des spanischen Lebens. Die Publikation von Literatur, Theater und Film wurde vor allem durch die beginnende Zensur stark eingeschränkt. Die Zensur beschnitt die möglichen veröffentlichbaren Themen, was dazu führte, dass jeder Autor sich zwangsläufig einer Art Selbstzensur unterzog. Denn sollte gewährleistet sein, dass sein Werk auch veröffentlicht wurde, so musste er von vornherein kritische Gedanken möglichst ausblenden. Die Unterdrückung kritischer Gedanken bzw. die Befürwortung und Lobpreisung des faschistischen Gedankenguts war der eine Weg für Autoren, unter der Zensur veröffentlichen zu können. Ein zweiter Weg, den regimekritische Autoren, wie z.B. Miguel Delibes in Cinco horas con Mario, nutzten, war der Versuch, die Zensur zu umgehen bzw. sie „auszutricksen“. So vertritt ein Toter in Delibes’ Roman die liberalen fortschrittlichen Ideen und seine traditionell-konservativ eingestellte Witwe „diskutiert“ am Totenbett mit ihm. Auf diese Weise stellt Delibes beide Seiten des zweigeteilten Spaniens vor, rechtfertigen kann sich jedoch nur die eine, die konservative, wodurch die Zensur umgangen wird.

Die vom Francoregime und der Kirche ausgeübte Zensur hatte also zum Zweck, kritische Stimmen und Gedanken verstummen zu lassen. Doménech bezeichnet deshalb auch vor allem die ersten zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg als eine „década de silencio“[1], eine Bezeichnung, die er vor allem auf die Theaterproduktion der Zeit bezieht. Theater und Film unterlagen einer strengeren Zensur als Romane, da es sich bei ihnen um eine „öffentlichere“ Art von Kunst handelt.

Pörtl konstatiert, dass das beste spanische Theater in der Nachbürgerkriegszeit außerhalb von Spanien produziert wurde und zwar durch jene Autoren, die nach dem Sieg der Faschisten 1939 ins Exil gegangen waren.[2]

Doch auch in Spanien gab es Theater, das sich jedoch vornehmlich auf Madrid und Barcelona beschränkte. Dieses Theater der Nachkriegszeit war einerseits ein seichtes Unterhaltungstheater, daneben etablierte sich außerdem das teatro nacional, das eher ernster war und zum Schluss jedes Stückes den offiziellen und moralischen Zielen beipflichtete.[3] Beide Formen von Theater waren also in keiner Weise regimekritisch, wurden deshalb auch nicht durch die Zensur beschränkt.

Eine dritte, kritische Form von Theater versuchte trotz Zensur, politische und moralische Sachverhalte im Theater zu diskutieren.

Diesem kritischen Theater ist Antonio Buero Vallejo zuzurechnen, der zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs mit Historia de una escalera sein erstes Stück veröffentlichte.

Buero Vallejo hatte 1937 für die republikanische Seite gekämpft und wurde deshalb 1939 zum Tod verurteilt. Das Todesurteil wurde jedoch in eine dreißigjährige Haftstrafe umgewandelt und 1946 wurde Buero Vallejo begnadigt. Drei Jahre später veröffentlicht er mit Historia de una escalera ein Stück, das als das erste kritische Theater gilt, das nicht bloß verfasst wird, sondern auch mit großem Erfolg aufgeführt wird.[4]

3. Kurze Inhaltsangabe des Stücks

El concierto de San Ovidio spielt 1771 in Frankreich, unter der Herrschaft von Luis XV, kurz vor der Französischen Revolution.

Der Geschäftsmann Valindin will mit einem Orchester aus Blinden das große Geld machen. Sie sollen auf der Feria de San Ovidio in seinem Café auftreten. Valindin verspricht ihnen einen würdigen Auftritt, Essen und ein Gehalt. Doch um möglichst viel Publikum anzulocken, verkleidet er die Blinden mit grotesken Kostümen und übergroßen Brillen. David, der Mutigste unter den Blinden, versucht vergeblich, die anderen davon zu überzeugen, sich einem solchen Narrenspiel zu verweigern. Das Publikum amüsiert sich sehr über die lächerliche Aufmachung, nur einer der Zuschauer, Valentín Haüy nicht. Als Haüy das Geschehen laut kritisiert, wird er von zwei Polizisten hinausgeworfen. Ab diesem Zeitpunkt nimmt er diese menschenunwürdige Vorführung von Blinden zum Anlass, sich mit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu beschäftigen.

Nach dem Ende der Feria schlägt Valindin den Blinden vor, auch auf anderen Ferias aufzutreten, was diese jedoch ablehnen. Sowohl David als auch Donato verlieben sich in Adriana, die Dienerin und Geliebte von Valindin, allerdings bleibt David ihr gegenüber skeptisch wegen ihrer Beziehung zu Valindin. Valindin jedoch merkt, dass Adriana immer mehr auf der Seite der Blinden und besonders Davids steht, er schlägt sie und anschließend auch David und Donato. Außerdem unterdrückt er die Blinden, wo er nur kann: er nimmt ihnen nachts ihre Instrumente weg, die das Teuerste sind, was sie besitzen und erzählt ihnen, dass man in Madagaskar blinde Säuglinge direkt tötet, weil diese es nicht verdient haben zu leben. Als Valindin sich eines Nachts betrinkt, tötet David ihn. Er plant gemeinsam mit Adriana zu fliehen, doch der in Adriana verliebte Donato verrät ihn aus Eifersucht an die Polizei, die ihn gefangen nimmt und später hinrichtet. Das Stück endet mit einem Vorausblick. 29 Jahre später: Valentín Haüy liest aus einem von ihm verfassten Buch vor. Er hat geschafft, was er sich damals beim Anblick des Konzerts vorgenommen hatte. Er hat eine Blindenschule gegründet, in der er den Blinden eine eigene Schrift und das Lesen beigebracht hat.

4. Figurenkonstellation

Protagonist des Stücks ist David, ein ca. 35-jähriger Blinder. Zusammen mit Donato, Gilberto, Lucas, Nazario und Elías lebt er im Hospital Quince Veintes in Paris und verdient seinen Lebensunterhalt durch Betteln. Für den 16-jährigen Donato stellt David einen Vaterersatz dar. Donato ist von Pockennarben gekennzeichnet und sehr unsicher. Nachdem David ihm eine Geige schenkte und ihm das Spielen beibrachte, gewann Donato ein wenig an Selbstbewusstsein.

Gilberto, Lucas, Nazario und Elías stellen eher Nebencharaktere dar.

Der Antagonist und Opponent der Blinden und besonders Davids ist Luis Valindin, ein 50-jähriger Geschäftsmann, dessen Lebenssinn im Streben nach Macht und Reichtum besteht. Er ist völlig skrupellos, was sich vor allem in seiner unmenschlichen Behandlung der Blinden äußert. Seine Liebe zu seiner Angestellten und Geliebten Adriana könnte man als menschlichen Zug interpretieren, jedoch setzt er sie sehr unter Druck, als er merkt, dass sie erstens nichts für ihn empfindet und sich zweitens immer mehr auf die Seite der Blinden stellt. Durch seine skrupellose Art macht sich Valindin keine Freunde, alle zwischenmenschlichen Kontakte beruhen auf Geschäftsbeziehungen, auch Adriana wird für ihre Dienste bezahlt. Im Grunde steht Valindin also alleine da und ertränkt immer wieder seine Einsamkeit in Alkohol.

Adriana ist Valindins Angestellte und Geliebte und deshalb zunächst Helfershelferin Valindins. Je mehr sie jedoch die Blinden kennenlernt und vor allem David näherkommt, desto mehr missfällt ihr Valindins Plan, die Blinden für seine Zwecke zu missbrauchen und lächerlich zu machen und sie beginnt, sich Valindin zu widersetzen und die Blinden vor ihm zu beschützen. Sie entwickelt sich dadurch von einer anfangs negativen zu einer positiven Figur.

Den Kinderwunsch Valindins erwidert Adriana nicht, da sie ihn nicht liebt. Dennoch bleibt sie zunächst bei ihm, da er reich ist und sie arm.

Sie entwickelt jedoch Gefühle für David, der darin zunächst eine Falle Valindins vermutet. Adriana kann ihn jedoch von ihren Gefühlen überzeugen und plant letztendlich mit David zu fliehen. Dieser Plan scheitert schließlich an der Verhaftung und Hinrichtung Davids.

5. Der authentische Hintergrund des Stücks

Buero Vallejo verfasste El concierto de San Ovidio nach einer wahren Begebenheit. Zu dem grotesk dargestellten Blindenorchester inspirierte ihn ein Stich, auf dem eben ein solches Blindenorchester dargestellt war. Die Aufmachung des Blindenorchesters bei ihrem Auftritt am Ende des 2. Akts ist diesem Stich nachempfunden.

Neben dem lächerlich dargestellten Blindenorchester als authentischem Hintergrund ist auch die Person des Valentín Haüy eine reale Person. Haüy (1745-1822) eröffnete 1784 die erste Blindenschule der Welt. Der am Ende des letzten Akts von ihm selbst verlesene Brief ist ein authentisches Dokument von Haüy. Haüys Bemühungen zur Verbesserung der Lebensumstände der Blinden führten dazu, dass für diese Schulen eröffnet wurden, weiterhin erfand er die erste Blindenschrift, die später von seinem Schüler Louis Braille zur bis heute benutzten Braille-Schrift weiterentwickelt wurde. Ob Haüy wirklich Zuschauer bei einem die Blinden lächerlich machenden Orchester war, ist nicht bekannt, jedoch veranlassten ihn unwürdige Ereignisse dieser Art, die im Umgang mit Blinden normal waren, zu seinem Einsatz für diese.

Zum Titel des Stücks kann angemerkt werden, dass besagte Feria de San Ovidio zum Gedenken an einen gallischen Bischof namens San Ovid stattfand. Die Tradition dieses Feiertags am 3. Juni ist italienischer Herkunft.

[...]


[1] Doménech, Ricardo: El teatro de Buero Vallejo. Una meditación española. Madrid: Editorial Gredos 1973. S. 20.

[2] Pörtl, Klaus: Buero Vallejo en el teatro español contemporáneo. In: Iberoromania 11. Tübingen: Niemeyer 1980. S. 86.

[3] Neuschäfer, Hans-Jörg (Hg.): Spanische Literaturgeschichte. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart etc.: Metzler 2001.

[4] Pörtl, Klaus: Buero Vallejo en el teatro español contemporáneo. In: Iberoromania 11. Tübingen: Niemeyer 1980. S. 87.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Analyse von Antonio Buero Vallejos "El concierto de San Ovidio" im Kontext seiner Entstehungszeit
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Die Formen des spanischen Theaters
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V71675
ISBN (eBook)
9783638695909
ISBN (Buch)
9783638762854
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Antonio, Buero, Vallejos, Ovidio, Kontext, Entstehungszeit, Formen, Theaters
Arbeit zitieren
Bernadette Bideau (Autor), 2006, Analyse von Antonio Buero Vallejos "El concierto de San Ovidio" im Kontext seiner Entstehungszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71675

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