Irrtum und Lüge - Eine Definition beider Phänomene, ihre sprachliche Bedeutung und der Versuch einer Abgrenzung


Seminararbeit, 2007

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Prolog

1. Von Lüge, Irrtum und Wahrheit

2. Was ist eine Lüge?
2.1 Lüge und Semantik
2.2 Lüge und Syntax
2.3 Lüge und Pragmatik

3. Was ist ein Irrtum im Gegensatz zur Lüge?
3.1 Irrtum und Semantik
3.2 Irrtum und Pragmatik
3.3 Exkurs: Irrtum aus rechtlicher Sicht

Epilog

Literaturverzeichnis

„Die reine Wahrheit zu erzählen,

ist sehr schwer.“

(Leo N. Tolstoi)

Prolog

Dass der Mensch des Lügens fähig ist, ist ohne Zweifel. Dass er sich dieser Fähigkeit auch im Alltag gerne bedient, ist ebenso wenig zu hinterfragen. Aber wie genau geht das vonstatten? Was tut der Mensch, wenn er lügt? Ist eine Lüge ein rein moralisches Phänomen oder bestehen sprachliche Besonderheiten? Hilft uns Sprache beim Lügen oder sind gar einige Wörter an sich lügnerischer Natur?

Generell gesehen gelten Lügen in unserer Kultur als etwas Negatives. Natürlich gibt es die vielen kleinen Notlügen im täglichen Leben, die kaum weiter Beachtung finden, da sie selten wirklich negative Auswirkungen haben. Oder etwa die leichten Übertreibungen und Ausschmückungen persönlicher Geschichten und Anekdoten, mit Hilfe derer wir uns profilieren möchten. Manchmal ist eine Lüge sogar etwas Gutes, wenn dadurch die Gefühle eines Freundes geschont werden, weil die Wahrheit wieder einmal zu hart und schmerzhaft ist. Schon daran lässt sich ein Spannungsverhältnis zwischen Lüge und Wahrheit erkennen.

Fraglich ist jedoch, ob auch vermeintlich unabsichtlich geschehene Irrtümer als Lügen betrachtet werden können, beziehungsweise inwiefern sie sich sprachlich und moralisch von Lügen abgrenzen.

Es sei vorangestellt, dass Denken und Wirklichkeit in Verbindung stehen und die Verwendung von Sprache im alltäglichen Leben stark beeinflussen. Geht man davon aus, dass Sprache ursprünglich die Aufgabe hat, „Denken und Wirklichkeit“ so aufeinander abzustimmen, dass sich eine von Missverständnissen freie Kommunikation entwickeln kann, dann können bewusste „Fehl- und Falschaussagen“ diesem Zweck der Sprache entgegen wirken. „Dann kann Sprache als Instrument mißbraucht [sic] werden, um eine Beziehung von Denken und Wirklichkeit zu zerstören und aufzulösen.“ (Weber 1992: 161)

Thema dieser Arbeit soll es sein, mit Hilfe der Linguistik zu verdeutlichen, was Lügen und Irrtümer sind und was für sprachliche Prozesse und Eigenarten beide Phänomene ausmachen.

Diese Seminararbeit ist folgendermaßen konzipiert: Der erste Teil meiner Arbeit wird sich mit dem Verhältnis von Lüge und Irrtum zur Wahrheit beschäftigen, da die Identifizierung der beiden Erscheinungen als Lüge und Irrtum im sprachlichen Sinn stark von der Wahrheit abhängig sind. Hier bin ich von Nietzsches Aufsatz „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“[1] ausgegangen, um aufzuzeigen, als was Wahrheit verstanden werden könnte. Es sollen vorläufige Definitionen gegeben werden, die im Weiteren ausgebaut werden.

Darauf folgt im zweiten Abschnitt eine Betrachtung der sprachlichen Eigenschaften von Lüge. Bei der linguistischen Auseinandersetzung mit der Lüge habe ich mich hauptsächlich auf das Werk von Harald Weinrich von 1966 gestützt, der mit seiner Antwort auf eine von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gestellten Preisfrage die „Linguistik der Lüge“[2] erörtert und aufklärt. Die sprachliche Untersuchung der Lüge begründe ich auf den drei linguistischen Teilbereichen Semantik, Syntax und Pragmatik.

Der dritte Teil meiner Arbeit widmet sich dann dem Irrtum. Ich habe mich hauptsächlich auf Michael Wulffs „Zum Verstehen von Missverständnissen: Irrtum und Irreführung in psychologischer, linguistischer und medientheoretischer Sicht.“ gestützt. Auch hier soll eine Definition des Irrtums an sich mit seinen sprachlichen Charakteristika und praktischen Beispielen gegeben werden.

1. Von Lüge, Irrtum und Wahrheit

Bei der Verwendung von Sprache, sei es also beim schriftlichen Verfassen von Texten oder beim Sprechen, besteht eine Beziehung zwischen dem Denken, dem Sprechen und der Wirklichkeit[3]. Dies impliziert ein Verhältnis zwischen der Wahrnehmung der Wirklichkeit und dem Ausdrücken der Wirklichkeit. Daraus wiederum ergibt sich eine Spannung zwischen der aus dem Wahrnehmen der Wirklichkeit resultierenden Wahrheit und der Sprache selbst. Es soll hier nicht explizit auf die Wahrheit aus philosophischer oder logischer Sicht eingegangen werden. Doch die Wahrheit stellt eine Art Hintergrund oder Basis für die Lüge als auch für den Irrtum dar und kann zu einer Definition beider Termini führen.

Friedrich Nietzsche formulierte in seiner Abhandlung „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ von 1873 eine Wahrheitskritik. Nach dieser Kritik sei das Konzept der Wahrheit ein pures Hirngespinst, eine Erfindung des Menschen um ihm das Leben innerhalb der Gesellschaft zu erleichtern. Denn Hobbes hat schließlich schon im 17. Jahrhundert geschrieben, dass der Urzustand des Menschen es ihm unmöglich mache, friedlich mit seinen Mitmenschen zusammen zu leben. Es herrsche der „bellum omnium contra omnes“ (Nietzsche 1873), der Krieg aller gegen alle. Nur derjenige, der sein eigenes Leben absolut als Priorität sieht und egoistisch alles ausmerzt, was ihm in seiner Existenz gefährlich werden könnte, habe die Möglichkeit, in dieser Gesellschaft zu überleben.[4]

Nietzsche geht allerdings noch weiter. Aus „Not und Langeweile“ (Nietzsche 1873) möchte der Mensch nämlich trotz seines Egoismus in einer Gesellschaft leben. Damit der Krieg aller gegen alle diesem Wunsch nicht ein jähes Ende bereitet, erfindet der Mensch eine Konvention, an die sich alle Mitglieder dieser Gesellschaft halten sollen: die Wahrheit.

Diese Wahrheit ist an sprachliche Gesetze gebunden, das heißt die bindende und feststehende Bezeichnung von Gegenständen im alltäglichen Leben. Mit diesen Bezeichnungen soll der Mensch sich mitteilen können.

Wie ich oben schon angesprochen habe, umfasst Nietzsches Wahrheit als eine Konvention nun sprachliche Regeln. So sind jedem Gegenstand oder Ereignis bestimmte Bezeichnungen und feste Begrifflichkeiten gegeben. Der Lügner hingegen hält sich nicht an diese sprachlichen Gesetze. „Er mißbraucht [sic] die festen Konventionen durch beliebige Vertauschungen oder gar Umkehrungen der Namen.“ (Nietzsche 1873) Somit ist also klar, dass das Phänomen Lüge mit den sprachlichen Fähigkeiten des Nutzers zu tun hat, denn Nietzsche spricht hier die Bezeichnung von Dingen an.

Dadurch, dass der Lügner sich nicht an die sprachlichen Regeln und folglich nicht an die gesellschaftlichen Normen hält, lässt sich argumentieren, dass er etwas moralisch Verwerfliches tut, solange sich dieses moralisch nicht vertretbare Etwas durch die Missachtung der sittlichen Normen innerhalb der gesellschaftlichen Umgebung auszeichnet. „Und auch dasjenige, was man gemeinhin Lüge nennt, ist also nicht so sehr moralisch defizitär, sondern es ist eher – ein vielleicht misslungenes – Interpretationsangebot in der Daseinsbewältigung.“ (Dietzsch 1998: 74)

Doch ob es sich bei der Lüge nun um eine Art der „Daseinsbewältigung“ oder ausdrücklich um eine Falschaussage handelt, sie ist immer begleitet von einer Täuschungsabsicht. Diese Täuschungsabsicht muss nicht immer negative Konsequenzen mit sich führen, doch ist sie meistens das, was eine Lüge moralisch oder gar ethisch verwerflich macht. Daher „ist eine Lüge immer eine aktive Täuschungshandlung, also kein passiv oder unbewusst erlittener Irrtum.“ (Dietz 2003: 23)

Anders als ein Irrtum, ein fälschlicherweise unterlaufener Trugschluss, ist eine Lüge also eine Aussage, die mit dem Willen gemacht wird, das Gegenüber des Sprechenden zu täuschen. Diese Definition zeigt, dass es weiterhin offensichtlich eine Verbindung zwischen den Phänomenen Lüge und Irrtum geben muss.

Diese Definition setzt aber zugleich voraus, dass hinter dem tatsächlich artikulierten Satz ein nicht artikulierter, aber dennoch gedanklich vorhandener Satz steht. Dieser nicht ausgesprochene Satz unterscheidet sich von dem tatsächlich artikulierten natürlich zudem in seiner Aussage. Es lassen sich unter anderem somit die Syntax und die Semantik in der Lüge analysieren. Im Folgenden sollen Semantik, Syntax und Pragmatik im Zusammenhang mit der Lüge untersucht werden.

2. Was ist eine Lüge?

2.1 Lüge und Semantik

Generell lässt sich sagen, dass ein Wort eine Bedeutung hat. Löbner (2003: 13 f.) unterscheidet hierbei drei Ausdrucksebenen. Zum einen die „Ausdrucksbedeutung“. Sie entspricht der Denotation. Sie bezeichnet die standardisierten Bedeutungen von Einzelwörtern, so wie sie beispielsweise in Wörterbüchern zu finden sind. In einer gewissen Kommunikationssituation können diese Denotate allerdings durch diverse Rahmenbedingungen erweitert und individualisiert werden. Diese zum Denotat hinzukommenden Informationen werden Konnotationen genannt und bilden die „Äußerungsbedeutung“. Zu beachten ist allerdings, dass sprachliche Bedeutungen für eine Sprachgemeinschaft invariant und für die Kommunikation konventionalisiert sind. Sie können zwar individuelle Assoziationsfelder eröffnen, sind aber an sich nichts Individuelles. Zum Dritten spielt der „Kommunikative Sinn“ eine Rolle. Dies ist die „Bedeutung einer Äußerung als kommunikative Handlung in einer gegebenen sozialen Konstellation“ (Löbner 2000: 13). Wie schon angesprochen handelt es sich bei einer Lüge um eine Aussage, die in einem gewissen sozialen Umfeld oder Kontext gemacht wird. Die wahre Bedeutung eines Wortes, so wie sie in einem besonderen Äußerungskontext zu verstehen ist, besteht also nur in ihrem „jeweiligen besonderen Gebrauch“ (Weinrich 2000: 18). Dieser Äußerungskontext kann ein Satz sein oder generell eine Handlung. Durch den Kontext wird die Bedeutung nun insoweit eingeschränkt, dass sie genau in den jeweiligen Gebrauch passt. Weinrich nennt diese, durch den Kontext sowie die Situation determinierte konkrete Bedeutung eine „Meinung“.

„Der Satz, mitsamt dem weiteren Kontext und der umgebenden Situation, grenzt die (weitgespannte, vage, soziale, abstrakte) Bedeutung auf die (engumgrenzte, präzise, individuelle, konkrete) Meinung ein.“

(Weinrich 2000:22)

So kann dasselbe Wort in verschiedenen Situationen eine andere Meinung ausdrücken. Je nach Kontext kann sich diese Meinung verschieben oder ändern. Eine Lüge zeichnet sich auf semantischer Ebene durch eine genaue Wahl des Äußerungskontextes aus, so dass er eine bestimmte Bedeutung zu einer Meinung macht, welche der Täuschungsabsicht dient. Der Kontext ist insofern das Mittel, dass eine satzartige Äußerung zur Lüge machen kann.

Weinrich betont jedoch, dass der Kontext auch das Gegenteil vermag. Er argumentiert, dass Begriffe in erster Linie Definitionen sind. In jeder natürlichen Sprache gibt es solche Begriffe. Als Beispiel nennt er Begriffe der Wissenschaft. Diese gibt es folglich auch in dem Sprachraum jeder natürlichen Sprache, in dem dieser Wissenschaft nachgegangen wird. Diese wissenschaftlichen Begriffe zeichnen sich aus durch Definitionen. Definitionen wiederum sind Sätze, beinhalten also einen Kontext und, wenn sie rezipiert, gesprochen oder sonst in irgendeiner Art und Weise geäußert werden, einen situationellen Hintergrund. Demnach wird aus einem einfachen Satz beziehungsweise hier aus einer einfachen Definition eine Meinung.[5]

„[T]eildeterminiert durch die kurzen Kontexte der Definitionen […] sind sie identisch. Sie hören dabei nicht auf, Wörter ihrer jeweiligen Sprache zu sein, aber sie sind auf bestimmte Kontexte verpflichtet und haben insofern denselben Begriffswert.“

(Weinrich 2000: 33)

[...]


[1] Vgl. Nietzsche, Friedrich (1873): „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“.

URL: http://www.gutenberg.spiegel.de/nietzsch/essays/wahrheit.htm

[2] Vgl. Weinrich, Harald (2000): Linguistik der Lüge. 6., durch ein Nachwort erw. Aufl. München: Verlag C.H.Beck

[3] Vgl. Weber, Ursula (1992): 142 f.

[4] Vgl. Schwanitz, Dietrich (1999): 330 f

[5] Vgl. Weinrich, Harald (2000): 28 ff.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Irrtum und Lüge - Eine Definition beider Phänomene, ihre sprachliche Bedeutung und der Versuch einer Abgrenzung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Vagheit und Merhdeutigkeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V71693
ISBN (eBook)
9783638619769
ISBN (Buch)
9783638782982
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irrtum, Lüge, Eine, Definition, Phänomene, Bedeutung, Versuch, Abgrenzung, Vagheit, Merhdeutigkeit
Arbeit zitieren
Jessica Schweke (Autor), 2007, Irrtum und Lüge - Eine Definition beider Phänomene, ihre sprachliche Bedeutung und der Versuch einer Abgrenzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71693

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