Webers "asketischer Puritaner" - Ein Auslaufmodell

Eine exemplarische Analyse ausgewählter Dimensionen


Seminararbeit, 2001

20 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Puritaner
2.1. Ethik
2.2 Sekten
2.3. Arbeit
2.4. Religiöse Motivation
2.5. Innerweltliche Askese
2.6. Rationalisierung

3. Vergleich ausgewählter Dimensionen
3.1. Wertewandel
3.2. Arbeit
3.3. Umgang mit Geld
3.3.1. Monetäre Sozialisation
3.3.2. Sparsamkeit
3.3.3. Konsumverhalten

4. Exkurs: Der Milieubegriff

5. Resümee und Perspektiven

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

In seinem Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" zeigt Max Weber Zusammenhänge zwischen der Verbreitung des Kapitalismus in der westlichen Hemisphäre und der Ethik der protestantischen Religion, die dort besonders verbreitet war, auf. Er schreibt, daß die im modernen Kapitalismus verbreitete Wirtschaftsethik Überschneidungen mit der Ethik in protestantischen Glaubensgemeinschaften hat. So waren z.B. Fabrikbesitzer und andere Geschäftsleute häufig Mitglieder in protestantischen Glaubensgemeinschaften. Weber war aber nicht der erste dem die Überschneidung von Kapitalismus und Protestantismus aufgefallen ist. Schon im 17. Jahrhundert wurde diese Beobachtung gemacht, wovon Weber wußte.1 In seinem Aufsatz untersucht Weber die Überschneidungen zwischen der für die Konstituierung des Kapitalismus nötigen Verhaltensweisen und den Zügen der protestantischen Ethik, die in der Gestaltung der alltäglichen Lebensführung die Entscheidenden waren, und signifikante Unterschiede gegenüber anderen Religionen aufwies2.

Die Lebensplanung der Puritaner schien lange ein Erfolgsmodell zu sein, die typischen Tugenden der Puritaner, wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Sparsamkeit scheinen auch heute noch ihren Platz in jeder "Managerfibel" zu haben.

Große Krisen wie die Inflation aber machten die Puritaner zu einer großen Verlierergruppe, da sie von ihrem Verhalten nicht auf die Anforderungen einer solchen Wirtschaftskrise eingestellt waren.3 In dem Verhalten späterer Generationen zeigte sich eine Abkehr von den puritanischen Verhaltensweisen, es traten mehr hedonistische Lebensplanungen auf.

In dieser Arbeit sollen Verhaltensmuster, wie sie bei Max Weber beschrieben sind, mit heutzutage verbreiteten Gegenentwürfen verglichen werden, inwieweit sich die grundlegenden Verhaltensweisen verändert haben, denn einiges scheint noch nicht ganz überholt zu sein. Aber die Lebensentwürfe, die durch Methodisierung, Berechenbarkeit und Disziplinierung4 geprägt sind haben später Gegenentwürfe gefunden. So ist z.B. die asketisch geprägten Berufsethik, wie sie bei Weber anzutreffen ist jetzt mit mehr hedonistischen Gegenentwürfen konfrontiert.5

Für die Puritaner bei Max Weber wäre jeder Anschein von Hedonismus verwerflich gewesen,6da jedes weltliche Vergnügen aus religiöser Sicht abzulehnen wäre.

Zuerst sollen die grundsätzlichen Aspekte dieser Ethik aufgezeigt werden, und dann, im zweiten Teil, auf ihre Aktualität hin überprüft werden.

Es scheint aber im nachhinein fraglich, ob dieser Vergleich wirklich möglich ist, da es sich bei Webers Puritanern um eine Gruppe handelt, die in der konstituierenden Phase des Kapitalismus eine wichtige Rolle gespielt hat. Daher können sie nicht unbedingt mit den Personengruppen verglichen werden, die heute in der Wirtschaft eine wichtige Position haben, da sich die Begleitumstände wie Arbeitszeiten, die Höhe des Lohnes, Bildung u.a. inzwischen verändert haben. Der Vergleich zwischen dem frühkapitalistischen Unternehmer und einem heutigen IT.-Spezialisten >>hinkt<< natürlich etwas. Die Betrachtung von Verhaltensweisen, ohne die jeweiligen Begleitumstände, erscheinen daher etwas dünn. Daher wäre es von Vorteil einen Vergleich Kapitalismus heute gegen Kapitalismus damals voran zu schicken, um dann die dazu jeweils passenden Verhaltensweisen dazu zu untersuchen, was aber angesichts des Umfanges dieser Arbeit nicht möglich war.

Weitere Zweifel bestehen in Bezug auf die Allgemeingültigkeit der Veränderungen. Es ist nicht immer klar geworden, ob es sich bei bestimmten Dingen um Einzelfälle handelt, oder ob die jeweiligen Veränderungen von einer größeren Masse getragen werden. Es ist sicher möglich jemanden zu finden, z.B. aus einem Unterschicht-Milieu, der Arbeit total ablehnt , dagegen gibt es sicher auch heute Menschen die den klassischen Puritanern sehr nahe kommen, wenn auch als Einzellfall.

Die Puritaner

Ethik

Typisch für die Puritaner ist eine besondere Art von Ethik. Die geforderten Tugenden dabei sind die Pünktlichkeit, der Fleiß und die Mäßigkeit7. Vordergründig fallen Puritaner durch strikte Verhaltensregeln auf. So sind weltliche Vergnügungen wie Wirtshausbesuche, Tanz, Theater und Kartenspiel untersagt, aber auch das unpünktliche Zahlen von Verbindlichkeiten.8 Zuerst waren diese Tugenden religiös motiviert, was mit der Zeit mehr und mehr zurückgetreten ist. Diese Ethik wird zum Teil mit Prüderie und übertriebenem Sittlichkeitsfanatistmus gleichgesetzt.9 Weber zitiert in seinem Aufsatz Benjamin Franklin, der Grundsätze eines guten Geschäftsmannes nennt. Diese Grundsätze verkörpern das Ideal eines „Kreditwürdigen Ehrenmannes“10, in denen insbesondere ethische Verhaltensweisen beschrieben sind. Diese Tugenden sind nicht aufgrund ihrer moralischen Qualität wichtig, vielmehr geht es darum, seinen eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Gerade für Geschäftsleute ist es sehr wichtig bei potentiellen Partnern einen guten Eindruck zu machen. Die Anwendung dieser Maximen würden nach Franklin bei einer Person eine Verschwendung darstellen, wenn sie keinen Nutzen für sie selbst bringen würden. Alles in allem kann man diese Geschäftsethik unter dem Sprichwort „Honesty is the best policy“11 zusammenfassen.

Im modernen Kapitalismus wird von allen Beteiligten verlangt, sich diesen Normen anzupassen. Sowohl Arbeiter als auch Geschäftsleute unterliegen gewissen Regeln. Die Arbeiter sollen fleißig sein, während die Geschäftsleute auch nicht rücksichtslos agieren sollten.12

Eine neue Entwicklung ist, daß mehr Arbeit geleistet werden soll, als zum Leben nötig ist. Die Arbeitskraft einer Person wird als deren Kapital gesehen. Wenn jemand weniger arbeitet, als er es tun könnte, würde dies als Verschwendung gelten. Eines der wichtigsten Ziele dieser puritanisch beeinflußten Wirtschaftsethik ist die Vermehrung von Geld. Auch Franklins Hauptintention scheint die Vermehrung von Geld zu sein, jede ausgelassene Gelegenheit, um sein Geld zu vermehren, sei Verschwendung.13 Möglichst viel des erworbenen Geldes soll zum Erwerb weiteren Geldes verwendet werden. Der Lebensunterhalt aber soll dagegen so sparsam wie möglich bestritten werden.

Sekten

Typisch für die Puritaner ist die Teilhabe an religiösen Gemeinschaften, in denen die soziale Kontrolle sehr hoch ist, wie Sekten oder Freikirchen. Die Aufnahme in eine Sekte ist nicht ganz einfach, da sie Eintrittswillige vorher prüfen, ob sie den ethischen Ansprüchen genügen. Dies ist als Persönlichkeitstest anzusehen. Die Sekte garantiert für die Ehre des Mitgliedes. Ein Ausschluß aus einer Sekte,der nach groben Verstößen gegen die Regeln der Gemeinschaft ausgesprochen wird, kann die totale Deklassierung bedeuten.14 Die Sekte erhebt durch ihren Verhaltenskodex Anspruch auf eine höhere gesellschaftliche Stellung, dadurch daß sie ihre Verhaltensmaßstäbe monopolisiert, und dadurch einen Anspruch auf >>Ehre<< erhebt. Die Mitglieder einer solchen Gruppe unterliegen dem ständigen gegenseitigen Vergleich, was die Homogenität der Gruppe fördert.15

Parallelen zu den puritanischen Sekten gibt es in verschieden Gruppen, bei denen Neumitglieder einer Prüfung unterzogen werden, ob sie mit den Zielen der Gruppe konform sind. Auch hier demonstrieren sie gewisse Ansprüche nach außen, die Zugehörigkeit wird teilweise durch das Tragen einer Anstecknadel o.ä. nach außen hin gezeigt. In der damaligen Zeit sieht Weber z.B. Farben tragende Verbindungsstudenten als äquivalent in Deutschland an, und in den USA sei es schon zu Selbstmorden gekommen, in Zusammenhang mit Nichtaufnahme in einen studentischen Club, der etwas ähnliches ist wie eine Verbindung.16 Die jeweiligen Mitglieder suchen ihre soziale Anerkennung, in der Mitgliedschaft einer solchen Gruppe. Nach außen hin erfahren sie eine gewisse Anerkennung, da es nicht jedem möglich ist, Mitglied in einer solchen Gemeinschaft zu sein.

Arbeit

Der Arbeit kommt in der puritanischen Lebensplanung eine besondere Rolle zu. Wäh-rend es vorher üblich war, zu arbeiten um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, wurde die Arbeit immer mehr Lebensmittelpunkt. Dies wurde aber von den Arbeitern nicht gleich angenommen. Weber kritisiert in die puritanische Arbeitseinstellung: „Der Mensch will >>von Natur<< nicht Geld und mehr Geld verdienen, sondern einfach leben, so leben, wie er zu leben gewohnt ist und soviel erwerben wie dazu erforderlich ist“.17 Also ist,nach Weber, diese Lebensplanung nicht natürlich. Im sich neu konstituierenden Kapitalismus wurde erst versucht, die Arbeiterschaft durch höhere oder niedrigere Lohnsätze zu mehr Arbeit zu bewegen, was allerdings mäßigen Erfolg hatte.18

Vielversprechender dagegen war es die Arbeit zu einer Ideologie zu machen, die Arbeiter sollten sich ihrer Arbeit gegenüber verpflichtet fühlen und im weiteren eine strikte Selbstbeherrschung und Mäßigkeit an den Tag legen, da dies die Leistungsfähigkeit steigert.19 Auch hier ist ein Zusammenhang zwischen einer religiösen Vorbildung und der Anpassung an die Bedingungen des Kapitalismus zu erkennen. Der typische Puritaner sieht in seiner Arbeit so etwas wie einen Lebenszweck. Der Antrieb zu arbeiten liegt nicht in der Befriedigung individueller Bedürfnisse20, sonden im Gefühl der guten Berufsausübung, was aber irrational vorkommen mag.21

Religiöse Motivation

Die Lebensplanung der Puritaner ist insofern religiös begründet, daß es in ihrem Glauben heißt, am weltlichem Leben zeichnet sich ab wie das Leben im Jenseits aussehen wird. Materieller Reichtum, Erfolg im Geschäft und ähnliches würden als Indikator dafür angesehen werden, ob Gott jemand gut gewillt ist oder nicht. Finanzieller Ruin, beruflicher Mißerfolg usw. würden als Anzeichen für Verdammnis im Jenseits angesehen werden. Nur durch Bemühen um diese Lebensführung ist das göttliche Wohlwollen zu erlangen. Daher ist für den Puritaner oberste Priorität, sein irdisches Leben geordnet zu bekommen, da es für ihn göttliches Mißfallen zur Folge hätte, wenn er es nicht schaffen würde. So ist die bei Weber genannte innerweltliche Askese ein typisches Beispiel für eine religiös motivierte und strukturierte Lebensführung. 22 Die Motivation ist das Streben nach Heil23 oder Erlösung im irdischen aber auch in dem Leben nach dem Tod.

[...]


1 Vgl. Georges Dutschi, Der Begriff Kapitalismus bei Max Weber, Zürich, 1966, S. 57

2 Vgl. Volkhard Krech, Religionssoziologie, transcript Verlag, Bielefeld, 1999, S. 10

3 Vgl. T. Heisterhagen, R.-W. Hoffmann u.a.: Geld - Krise - Generation. Soziomonetäre Streifzüge im 20. Jahrhundert. In: Soziale Welt (51) Köln, S.463 - 486. s. 437f.

4 Vgl. Helmut Fend, Sozialgeschichte des Aufwachsens, Bedingungen des Aufwachsens und Jugendgestalten im zwanzigsten Jahrhundert, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, Frankfurt am Main, 1988, S.48 f.

5 Vgl. a.a.O. S.54

6 Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Werke zur

Religionssoziologie, S.35

7 Vgl. a.a.O. S 34

8 Vgl. Max Weber, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, in Gesammelte Werke zur

Religionssoziologie, Band 1, S 210

9 Vgl. Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft,

J. C. B. Mohr, Tübingen,1965, S. 722

10 Vgl. Max Weber, Die Protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, S. 211

11 Max Weber, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band 1, J. C. B. Mohr Verlag Tübingen, 1947 S 212

12 Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 42

13 Vgl. a.a.O. S.32

14 Vgl. Max Weber, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, In: Gesammelte Aufsätze zu Religionssoziologie, J. B. C.. Mohr Verlag, Tübingen 1947

15 Vgl. Hartmut Ludtke, Kulturelle und soziale Dimensionen des modernen Lebensstils, In: Hans-Rolf Vetter, Muster moderner Lebensführung, Ansätze und Perspektiven, Verlag Deutsches Jugendinstitut, München, 1991, S 134

16 Vgl. Max Weber, Die puritanischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, In: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, J. C. B. Mohr Verlag , Tübingen 1947

17 Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, In: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, J. B. C. Mohr Verlag, Tübingen, S 44

18 Vgl. a.a.O. S 44 ff

19 Vgl. a.a.O. s 47f

20 Vgl. a.a.O. S. 62

21 Vgl. a.a.O. S 55

22 Vgl. Volkhard Krech, Religionssoziologie, transcript Verlag ; Bielefeld, 1999, S.11

23 Vgl. a.a.O. S. 19

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Webers "asketischer Puritaner" - Ein Auslaufmodell
Untertitel
Eine exemplarische Analyse ausgewählter Dimensionen
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Soziologisches Seminar)
Veranstaltung
Zwischenprüfungsarbeit
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V7170
ISBN (eBook)
9783638145091
ISBN (Buch)
9783640857050
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Weber, Protestantismusthese, Soziologie des Geldes
Arbeit zitieren
Martin Gloger (Autor), 2001, Webers "asketischer Puritaner" - Ein Auslaufmodell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7170

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