Siegfried Lenz "Das Feuerschiff" - Praktikumsbericht Deutsch


Praktikumsbericht / -arbeit, 2007

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Die Darstellung der Praktikumsituation
1.1 Allgemeine Angaben zur Schule
1.2 Die Schulchronik
1.3 Gegenwärtige Informationen

2 Der Lektionsentwurf im Fach Deutsch zum Thema „Siegfried Lenz: Das Feuerschiff“
2.1 Die pädagogisch-psychologische Vorüberlegungen
2.2 Die Unterrichtsvoraussetzungen
2.3 Die didaktische Analyse
2.3.1 Die Fachwissenschaftliche Analyse zum Thema „Die Erzählung ‚Das Feuerschiff’ von Siegfried Lenz“
2.3.1.1 Die Textsorte „Erzählung“
2.3.1.2 Die Analyse der Figurengestaltung
2.3.1.3 Die Erzählperspektiven
2.3.1.4 Die Merkmale der Textsorte „Erzählung“
2.3.1.5 Der Inhalt der Erzählung „Das Feuerschiff“
2.4 Die didaktische Reduktion
2.5 Das Thema der Stunde und die Lernziele
2.6 Die methodische Analyse

3 Geplanter Unterrichtsverlauf
3.1 Tabellarischer Lektionsentwurf
3.2 Die Auswertung der gehaltenen Stunde

4 . Hospitationsprotokoll
4.1 Tabellarisches Hospitationsprotokoll
4.2 Die Einordnung und Beschreibung des Ablaufs
4.2.1 Die Beschreibung der Lerngruppe und der Lernumgebung
4.2.2 Die didaktische Analyse und inhaltliche Aufarbeitung
4.2.3 Die Beschreibung des Ablaufs
4.3 Meine persönliche Einschätzung mit dem Schwerpunkt „Erkennbarkeit des Stundenziels“

5 Nachweis der Leistungskontrolle

6 Literaturverzeichnis

1 Die Darstellung der Praktikumsituation

1.1 Allgemeine Angaben zur Schule

Mein erstes Blockpraktikum findet zusammen mit meiner Kommilitonin Sabine Ostrowitzki am Gymnasium „Julianum“ im Zeitraum vom 12. Februar bis zum 26. März 2007 statt. Der Schulträger dieses Gymnasiums ist der Landkreis Helmstedt. Es befinden sich zur Zeit 1150 Schülerinnen und Schüler[1] und 81 Lehrer und Lehrerinnen an dieser Schule[2]. Die Schulleiterin ist Frau D. Schulze, der stellvertretende Schulleiter ist Herr J. Rieckmann. Eine wichtige Aufgabe am „Julianum“ hat der Schulassistent Herr Strumpf, welcher „von der Büroklammer bis zum Videogerät“ alles ausleiht.

1.2 Die Schulchronik

Die Vorgeschichte des Julianum reicht über 1000 Jahre in die Vergangenheit: Die erste "Helmstedter" Schule ist wohl im Kloster St. Ludgeri bei Helmstedt eingerichtet worden. Dessen Gründungsdatum liegt am Anfang des 9. Jahrhunderts. Wie in Helmstedt und Schöningen nachweisbar, war den Klöstern oft eine äußere Schule angeschlossen, die von den Söhnen reicher Bürger besucht werden konnte. Am 25. Mai 1253 fand die Gründung der lateinischen Stadtschule in Helmstedt als Alternative zur nun schon seit ca. 250 Jahren bestehenden Klosterschule statt. Seit dem 13. Jahrhundert entstanden in den Städten lateinische Stadtschulen, mit denen das selbstbewusster gewordene Bürgertum nun eigene Ausbildungsstätten einrichtete. Wie der Name schon sagt, stand auch in diesen Schulen die Einübung des Lateinischen im Mittelpunkt des Unterrichts. 1543 wandelte sich die lateinischen Stadtschule in ein "protestantisches Gymnasium" im Zuge der Reformation um. 1576 wurde die Universität Helmstedt („Julia Carolina“) durch Herzog Julius von Braunschweig und Lüneburg gegründet. In den folgenden 200 Jahren entwickelte sich die Helmstedter Hochschule zu einer Universität von europäischem Rang.

Ab 1755 fand die Lehrerausbildung in Zusammenarbeit mit der Julius-Universität Helmstedt und 1779 die Trennung in ein "Pädagogium" (mit Schwerpunkt Latein ) und eine "Bürgerschule" hier statt. Ostern 1810 endete der Lehrbetrieb an der Universität Helmstedt aufgrund einer Verfügung von Hieronymus Napoleon.

Das Pädagogium (Gymnasiums) bestand als Überrest der Universität. August Heinrich Hoffmann (Hoffmann von Fallersleben) besucht von 1812 bis 1816 das Helmstedter Gymnasium. Am 1. November 1817 wurde das Pädagogium und der Bürgerschule zu einem sechsklassigen humanistischen Gymnasium zusammengelegt. Damit gilt der 1.11.1817 als Tag der Gründung des Julianum, die man mit einigem Recht auch im Jahre 1543 sehen könnte. Am 1. Oktober 1835 fand eine erneute Trennung von Gymnasium und Bürgerschule (Unterrichtsschwerpunkte im Bereich der Naturwissenschaften und Mathematik - eine Folge der Industrialisierung) statt und am 12. Oktober 1882 zog man in das neue Schulgebäude in der Amtsgasse (zwischenzeitlich OS, heute Kreisvolkshochschule) ein. Am 10. November 1883 wurde die "höheren Töchterschule" (später: "Lyzeum", schließlich: "Gymnasium für Mädchen") gegründet, 1920 das "Realgymnasium" und 1938 fand der Umzug in das Schulgebäude an der Wilhelmstraße (heute: Lademann-Realschule) statt. Am 19. Dezember 1949 erhält die Schule den Namen "Julianum - neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium für Jungen, Helmstedt". 1972 legt man das Jungen- und das Mädchen-Gymnasiums zusammen und zog in das neue Schulgebäude an der Goethestraße ein.[3]

1.3 Gegenwärtige Informationen

Im Dezember 2005 fand eine Schulinspektion mit Unterrichtsbesuchen, intensiven Gesprächen mit Schülern, Eltern, Lehrern, Schulleitung und anderen Beschäftigten der Schule statt. Laut Aussage der Niedersächsischen Schulinspektion ist das Gymnasium „Julianum“ „eine gute Schule auf den Weg zu einer sehr guten Schule.“[4] Dies bringt das erfreuliche Gesamtergebnis auf den Punkt: Alle Aspekte des Unterrichts, des Schullebens am „Julianum“, der Lern- und Schulkultur, des Schulmanagements und der Lehrerprofessionalität wurden positiv, ja zum Teil sogar als „exzellent“ bewertet. Die Schüler dieses Gymnasiums bezeichnen sich selbst als eine „vielfältige Schülerschaft aus sympathischen kleinstädtischen und dörflichen Strukturen mit Kontakten zu vielen Ländern und Gästen aus aller Welt.“ Das große Lehrerkollegium besitzt eine „gesunde“ Altersstruktur, in dem pädagogische Erfahrung und Fachwissen mit neuen Ideen und Impulsen zusammentreffen.

Das „Julianum“ versteht sich als Schule, die auf Gegenseitigkeit angelegten Lehr- und Lernprozess Wert legt, bei dem Lehrer und Lehrerinnen Verantwortung für Erziehung und Unterricht und die Schüler Verantwortung für ihren eigenen Lernfortschritt übernehmen[5].

Sehr interessant finde ich, dass dieses Gymnasium Mitglied im Kooperationsverbund des Projektes „Hochbegabung erkennen und fördern“ ist. Ziel des Verbundes ist das frühzeitige Erkennen von besonderen Begabungen und deren Förderung im schulischen und außerschulischen Bereich für Schülerinnen und Schüler des gesamten Landkreises Helmstedt.

Ebenfalls bemerkenswert ist das immense Angebot an Arbeitsgemeinschaften, wie beispielsweise „AG: Wege zur besseren Rechtschreibung“, „AG: Segelfliegen“, „AG: Akrobatik“, „AG: Musisch-künstlerisches Theater“ oder „AG: Methoden- u. Sozialkompetenz-Coaching für ausgebildete Streitschlichter“. Lobend zu erwähnen ist auch die Aufführung des „Titanic-Musicals“, welches drei Mal im September 2004 in ausverkauften Hallen stattfand[6].

Zusammen mit dem Stundenplankoordinator Herrn Schönau setzt das Gymnasium einen effektiven Stundenplan Tag für Tag um: Sobald ein Lehrer aus irgendwelchen Gründen ausfällt, wird der Stundenplan in dem Ausmaß verschoben, dass die Schüler keine Freistunde erhalten, sondern ihre restlichen Unterrichtsstunden und nachrücken und sie so eine Stunde eher Schluss hätten. Natürlich ist dies nicht immer zu verwirklichen. So herrscht fast jeden Morgen ein kleines Chaos vor dem Stundenplan im Lehrerzimmer, aber alle Lehrer stimmen diesem System zu.

2 Der Lektionsentwurf im Fach Deutsch zum Thema „Siegfried Lenz: Das Feuerschiff“

2.1 Die pädagogisch-psychologische Vorüberlegungen

Mein Mentor im Zeitraum des Praktikums ist der schulfachliche Koordinator[7] Herr W. Matuschek, der mir auch vier Unterrichtsstunden in seiner Deutschklasse, der 10B, zur Verfügung stellt. Die Klasse besteht aus 32 Schüler, davon 21 Mädchen und 11 Jungen[8]. Da ich in dieser Lerngruppe bereits in den Schulpraktischen Studien hospitiert und unterrichtet habe, ist sie mir gut bekannt. Mein Verhältnis zu dieser Klasse würde ich als gut bezeichnen. Die Arbeitsatmosphäre in der Klasse 10B ist entspannt und arbeitsintensiv. Hohen Anforderungen ist die Klasse gewachsen, Arbeitsaufträge werden gewissenhaft und gewinnbringend ausgeführt. Sie kann selbstständig, auch in Gruppen arbeiten. Das Interesse am Fach Deutsch ist bei vielen Schülern sehr hoch, was meiner Ansicht nach an der kompetenten und motivierenden Betreuung durch den Fachlehrer entsteht.

Hervorzuheben sind zwei türkische Mädchen, welche zwar ruhig und verschlossen, dennoch sehr produktiv sind. Das Leistungsvermögen dieser Klasse ist sehr heterogen: Von den meisten Mädchen sind sehr gute Beiträge zu erwarten, während einige Schüler den Unterricht durch Unaufmerksamkeit stören könnten.

Nach dem Entwicklungsmodell von Piaget[9] befinden sich die Schüler im formaloperationalen Stadium (ab 12 Jahre). Der junge Mensch kann in diesem Stadium „mit Operationen operieren“, das heißt, er kann nicht nur über konkrete Dinge, sondern auch über Gedanken nachdenken. Die Periode ist charakterisiert durch abstraktes Denken und das Ziehen von Schlussfolgerungen aus vorhandenen Informationen.[10] Ansonsten war zu beobachten, dass die Lerngruppe sehr gut mitarbeitet und nur selten disziplinarische Maßnahmen notwendig waren. Problematisierend könnte sein, dass die Klasse 10B zur Zeit in Containern unterrichtet wird, da Umbaumaßnahmen am Gymnasium stattfinden.

Die Unterrichtseinheit, die ich zur Verfügung gestellt bekomme, behandelt das Thema „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz.

2.2 Die Unterrichtsvoraussetzungen

Eine wichtige Unterrichtsvoraussetzung besteht in den bereits vorhandenen Fähigkeiten der Schüler. Zu beobachten war, dass die Schüler in der Lage sind, abstrakt zu denken und Schlussfolgerungen aus vorhandenen Informationen ziehen zu können. Sie sind geübt in selbstständiger Erarbeitung unterschiedlich schwerer Aufgabe und Probleme zu lösen und sie sind fähig, sich gegenseitig Inhalte anschaulich und verständlich zu machen. Beispielsweise arbeitet der Fachlehrer der Klasse 10B sehr oft mit der Tafel oder mit Folien, welche die Schüler selbstständig, lediglich unter seiner Moderation, beschriften und der Klasse vorstellen. Die Sitzordnung[11] der 32 Schüler wurde vom Fachlehrer Herr Matuschek bestimmt.

Der Klassenraum befindet sich in einem Container, da zur Zeit Umbauarbeiten an der Schule stattfinden. Der Raum ist mit einer Tafel und einem Overheadprojektor ausgestattet, dessen Einsatz allerdings aufgrund der Lichtverhältnisse und der Tafel, welche die Projizierwand verdeckt, etwas kompliziert ist.

Die ausgewertete Stunde ist in die Einheit mit dem Thema „Lektüre: ‚Das Feuerschiff’ von Siegfried Lenz“ einzuordnen, an deren Ende eine Klassenarbeit steht. Die Themeneinheit[12] beginnt mit einer Wiederholungsstunde zum Thema „Erzählanalyse“, geht dann über in die Analyse des Erzählers in der Erzählung „Das Feuerschiff“ und die Betrachtung der Figuren, des Ortes und der Zeit und endet vorerst mit einer Klassenarbeit.

2.3 Die didaktische Analyse

2.3.1 Die Fachwissenschaftliche Analyse zum Thema „Die Erzählung ‚Das Feuerschiff’ von Siegfried Lenz“

2.3.1.1 Die Textsorte „Erzählung“

„Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz ist in die Textsorte „Erzählung“ einzuordnen. In der Sprachwissenschaft beziehungsweise in der Textlinguistik ist der Begriff „Textsorte“ nicht einheitlich definiert. Grundsätzlich kann die Textsorte jedoch als eine Gruppe von Texten (schriftliche, wie auch mündliche) angesehen werden, die sich durch bestimmte Bündel von Merkmalen auszeichnen[13]. Epische Texte werden einerseits durch das Merkmal „literarisch“ von Alltagsgesprächen und visuellen Erzählungen abgegrenzt und zum anderen durch das Merkmal „erzählend“ von lyrischen und dramatischen Texten. Sie sind „poetische beziehungsweise fiktionale sprachliche Werke.“ Die Kunstformen der Epik können in Lang-(Groß-)Formen – Epos, Saga und Roman – sowie in Kurz-(Klein-)Formen wie Fabel, Parabel, Novelle, Erzählung, usw., unterschieden werden.[14]

2.3.1.2 Die Analyse der Figurengestaltung

Die Gestaltung der Figuren können auf unterschiedliche Weise analysiert werden: Die Charakterisierung erfolgt direkt oder indirekt. Bei der direkten Charakterisierung stellt der Erzähler die Figuren vor und bewertet sie, andere Figuren sprechen über sie oder die Figur spricht über sich selbst. Die indirekte Charakterisierung ist gekennzeichnet durch die Schilderung ihres Verhaltens, der Beschreibung ihres Äußeren und die Darstellung der Beziehungen. Äußere und soziale Merkmale (Beruf, Bildung, gesellschaftliche Stellung, Beziehung), Verhalten (Gewohnheiten, Verhaltensmuster, Sprechweisen), Denken und Fühlen (Einstellungen, Interessen, Denkweisen, Wünsche, Ängste) werden untersucht.[15]

Die Konstellation der Figuren[16] ist eine weitere Möglichkeit der Analyse der Gestaltung der Figuren. Sie kann beispielweise freundlich oder unfreundlich sein. Fragen wie: „Welche Figuren sind partnerschaftlich verbunden? Aufgrund welcher Gemeinsamkeiten?

Lassen sich die Figuren innerhalb einer Gruppe hierarchisch ordnen? Welche Figuren/ -gruppen stehen sich als Gegner gegenüber[17] ? Aufgrund welcher Interessen? Ist die Konstellation stabil? Oder ändern sich die Partnerschaften?[18]

Eine weitere Möglichkeit der Analyse der Gestaltung der Figuren ist die Konzeption der Figuren. Dabei geht es um die Beantwortung folgender Fragestellungen: Handelt es sich um eine Figur, die gleich (statisch) bleibt oder dynamisch, mit wenigen Merkmalen (typisiert) oder mit vielen, individuellen (komplexen) Merkmalen, mit klar verständlichen Wesenszügen oder um eine für die Leser mehrdeutige Figur mit unerklärlichem Verhalten?[19] Räumliche Gegebenheiten können Voraussetzungen für das Geschehen sein (In der Erzählung „Das Feuerschiff“ ist dies der Ort der Handlung, das Feuerschiff) um Figuren zu charakterisieren, Stimmungen auszudrücken oder Inhalte und Probleme des Erzählens deutlich symbolisch zu verdeutlichen.[20] Hinsichtlich der Zeit sind folgende Fragestellungen interessant: In welcher historischen Zeit spielt die Handlung? Verbinden sich Tages- oder Jahreszeiten mit besonderen Stimmungen? In welcher Lebensphase stehen die Figuren und welche Rolle spielt die Zeit für sie?[21]

2.3.1.3 Die Erzählperspektiven

Franz K. Stanzel unterscheidet unterschiedliche Erzählperspektiven: neutrale Erzählperspektive, auktoriale Erzählperspektive und personale Erzählperspektive (Sonderform: Ich-Perspektive).[22] Der Anfang der Erzählung „Das Feuerschiff“ ist charakterisiert durch ein neutrales Erzählverhalten. Der personale Erzähler nimmt beim neutralen Erzählverhalten die Position einer Filmkamera ein. Das Geschehen wird nur von außen beschrieben. Gespräche werden unkommentiert in der direkten Rede weitergegeben und Gefühle oder Gedanken kommen nicht zur Sprache.[23] Jürgen Petersen und Klaus Gerth entwickelten ein Modell für das Textverstehen im Deutschunterricht.[24]

Nach Hans-Albrecht Kochs Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft sind grundlegende Kategorien der Bestimmung der Art und Weise die „Erzählform“ und das „Erzählverhalten“, in der die Handlung durch einen Erzähler vermittelt wird. Die Kategorie „Erzählform“ umfast die Erscheinungsformen des Erzählers, vor allem die Er-Form und die Ich-Form. Das „Erzählverhalten“ gibt an, ob und aus welcher Sicht Kommentare, als zum Beispiel Reflexionen, Meinungen oder Urteile, in die Erzählung eingemischt werden.[25]

2.3.1.4 Die Merkmale der Textsorte „Erzählung“

Eine Erzählung ist allgemein eine Form der Darstellung. Im Besonderen versteht man darunter eine Geschichte in mündlicher oder schriftlicher Form, aber auch den Akt des Erzählens, die Narrativität. Erzählung ist ein Oberbegriff für Novellen, Anekdoten, Kurzgeschichten, Sagen und Erzählungen im engeren Sinne. Sie ist auch gleichbedeutend mit Epik. Ein eigenes Genre, das heißt eine Erzählung im engeren Sinne (meist kürzer und vor allem weniger verschachtelt als ein Roman, wird ein Handlungsverlauf bzw. eine Entwicklung chronologisch und durchgängig aus einer Perspektive vorgestellt. Zur Handlung zeitversetzte Rückblenden werden, wenn überhaupt, z.B. als Brief oder Erinnerung direkt in die Handlung eingeführt.)[26]

Die Erzählung wird in der Literatur allerdings unterschiedlichen Textsorten zugeordnet. Laut Marquardt sei die Erzählung nahe der Novelle gleichwertig einzuordnen und habe ähnliche Merkmale. Die Welt ist sich noch immer nicht im Klaren, was eine Erzählung und was eine Novelle sei. Noch heute schwanken die Herausgeber literarischer Werke bei der Zuordnung kurzer Prosatexte zu einer der beiden Formen. Er sei nicht leicht zu sagen, was eigentlich die Novelle sei und wie sie sich von den verwandten Gattungen, Roman und Erzählung, unterscheide.[27]

Geht man davon aus, dass beide Begriffe für ein und dieselbe Textsorte stehen, dann kann auch die Erzählung als eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“[28] bezeichnet werden (In der Erzählung „Das Feuerschiff“ ist dies die Belagerung des Schiffes und die Bedrohung der Mannschaft). „Fragen Sie sich selbst und fragen sie viele andere: Was gibt einer Begebenheit den Reiz? Nicht ihre Wichtigkeit, nicht der Einfluss, den sie hat, sondern die Neuheit.

Nur das Neue scheint gewöhnlich wichtig, weil es ohne Zusammenhang Verwunderung erregt und unsere Einbildungskraft einen Augeblick in Bewegung setzt, unser Gefühl nur leicht berührt und unseren Verstand völlig in Ruhe lässt.“[29] „Ereignis“ wird hier „nicht als geradlinige Durchführung einer Absicht“ verstanden, „sondern […] als plötzliche, unerwartete Fügung, die die Absicht durchkreuzt.“[30] Der Ausdruck ,,unerhört" bedeutet, dass diese Geschichte wirklich etwas Neues, niemals zuvor Erhörtes berichtet.[31]

Neben dem Merkmal der Neuheit ist die Erzählung durch die Zusammenziehung eines Vorgangs zu einem krisenhaften Vorfall gekennzeichnet (In der Erzählung „Das Feuerschiff“ ist dieser krisenhafte Vorfall die Belagerung des Schiffes und die Bedrohung der Mannschaft).

Ein weiteres Merkmal ist die Verknüpfung von Schicksal und Charakter der Protagonisten.[32] (In der Erzählung „Das Feuerschiff“ entsteht diese Wendung als die Verbrecher Dr. Caspary, Eugen und Eddie auf dem Schiff auftauchen und den Alltag an Bord durch Drohungen, Forderung und Gewaltanwendung verändern.)

Zu diesem Wendepunkt[33] wird oft durch ein Dingsymbol, ein äußeres, gegenständliches Zeichen des Angel- und Drehpunkts, hingeführt. „Die Vereinigung von Charakter und Handlung geschieht durch das Symbol. Mit ihm gibt der Autor dem Leser einen Wink.

Das Symbol bleibt aber immer noch ein Gewand, weit genug, um Faktum und Figur in reichliche Falten zu hüllen, die ihre wahre Zusammengehörigkeit verschleiern.

Die Assoziation von möglichen Bedeutungen, die das Symbol umgeben, verweist, in welcher Gestalt auch immer es erscheinen mag, auf den eigentlichen Ursprung der Handlung, ohne jedoch dessen Funktion für die Figur freizulegen.“[34] (Das Dingsymbol in der Erzählung „Das Feuerschiff“ ist das Feuerschiff, welches den Charakter des Kapitäns Freytag wiederspiegelt.)

Die Form besteht aus der Konzentrierung des Erzählten, äußerste Verdichtung und geraffter Zeitablauf[35], es gibt eine dramatische Steigerung bis zum Schluss, die Geschehnisse spielen sich zumeist im Raum des Schicksals (sowohl als beglückende als auch als vernichtende Macht) ab.

Die Struktur der Erzählung besteht u.a. aus der Komplikation und der Auflösung am Ende. Beide ergeben gemeinsam das Ereignis, den Kern einer Erzählung. Zusammen mit dem Rahmen, der Ort, Zeit und Umstände des Ereignisses näher bestimmt, bildet das Ereignis eine Episode. Mehrere Episoden können sich zu einem Plot zusammenfinden. Der Plot wiederum wird mit der Evaluation des Erzählers zur Geschichte ergänzt. Und die Geschichte bildet gemeinsam mit der Moral, einer auf die gegenwärtige Kommunikationssituation von Erzähler und Rezipient bezogenen Schlussfolgerung, die Narration.[36]

Die Rahmenhandlung[37] bewirkt Einheit, Echtheit und Abstand. Der Rahmen ist die sinntragende und wertgebende Instanz. (Die Rahmenhandlung ist das Geschehen an Bord, die Binnenhandlung die Konflikte zwischen dem Kapitän Freytag und seinem Sohn Fred.) Sie ist zeitlich und örtlich genau festgelegt.[38] Zwischen dem Erzählrand und dem Erzählkern besteht ebenso ein spannungsvolles Verhältnis. Der Rahmen schafft Distanz zu dem, was die Erzählung/ Novelle erzählt. Er ist ein „bedeutsames Mittel, um die künstliche Entfernung spürbar zu machen, die in der Erzählung/ Novelle zwischen den erzählten Vorgängen und dem genießenden Leser sich auftut.“[39] Das Verhältnis von Rahmen und Novelle besteht in der Gegensätzlichkeit und Fremdheit zwischen der Sphäre der Selbstbestimmung auf der einen und der des Schicksals auf der anderen Seite.[40]

Die Erzählung ist eine Prosa-[41], selten auch Verserzählung mit kürzerem oder mittlerem Umfang, straffe, meist nur einsträngige Handlungsführung und formale Geschlossenheit[42]. Die Sprache ist einfach und farbig. Die Erzählung hat den Anschein eines objektiven Berichtstils.[43]

In der Erzählung gibt es eine geringe Personen- und Seitenanzahl.[44] Die thematische Konzentration ermöglicht dem Leser, das Werk und seine Aussage zügig zu erfassen und motiviert somit zur Lektüre. Techniken ermöglichen, die Erzählsituation sowie die jeweiligen zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge zu beleuchten und dienen auch als Spiegel der Gesellschaft.

So sind all diese Merkmale nicht typisch für die Novelle allein. „Damit verlieren sie ihre Bedeutung, wohlgemerkt keinesfalls für die erzählende Dichtung im Allgemeinen, wohl aber als Kriterium für die spezielle Gattung Novelle. Die Novelle stellt sich aus dieser sicht nur als ein künstlerisch hochstehendes Werk der Erzählkunst dar.“[45]

Nach Vischer ist die Aufgabe der Novelle „nicht die vollständige Entwicklung der Persönlichkeit [zu geben], aber ein Stück aus einem Menschenleben, das eine Spannung, eine Krise hat und uns durch eine Gemüths- und Schicksalswendung mit scharfen Accente zeigt, was Menschenleben überhaupt ist.“[46]

[...]


[1] Im Folgenden wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit der Ausdruck „Schüler“ für „Schülerinnen und Schüler“ verwendet.

[2] www.julianum.net (9. Mai 2006)

[3] Festschriften des Julianum zum 150-jährigen Bestehen (Aufsätze von Hasse, Gericke, Kohl) und zum 175-jährigen Bestehen (Aufsätze von Aleith, Fuchs, Böhm)

[4] www.julianum.net (9. Mai 2006)

[5] www.julianum.net (9. Mai 2006)

[6] Ebd.

[7] www.julianum.net (9. Mai 2006)

[8] Sitzplan Klasse 10B: Siehe Anhang

[9] Kesselring, Thomas: Jean Piaget, München 1999. S. 13.

[10] Scharlau, Ingrid: Jean Piaget zur Einführung, Hamburg 1996. S. 25f.

[11] Sitzordnung der Klasse 10B: Siehe Anhang

[12] Die Themeneinheit „Siegfried Lenz: Das Feuerschiff“: Siehe Anhang

[13] Kirsten Adamzik: Textsorten. Reflexionen und Analysen. Tübingen 2000. S. 5.

[14] Saupe, Anja: Epische Texte und ihre Didaktik. In: Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik – Mediendidaktik – Literaturdidaktik. Hrsg. von Günter Lange und Swanja Weinhold. S. 248-249.

[15] Erzählende Prosatexte analysieren. Grundbegriffe, Verfahren, Beispiele und Übungen. In: Duden Abiturhilfe. Hrsg. von Duden. Mannheim u.a. 1997. S. 38.

[16] Die Figurenkonstellation in der Erzählung „Das Feuerschiff“: Siehe Anhang

[17] Die Beziehung der Figuren in der Erzählung „Das Feuerschiff“ zueinander: Siehe Anhang

[18] Erzählende Prosatexte analysieren. Grundbegriffe, Verfahren, Beispiele und Übungen. In: Duden Abiturhilfe. Hrsg. von Duden. Mannheim u.a. 1997. S. 38.

[19] Ebd. S. 39.

[20] Ebd. S. 41.

[21] Ebd. S. 43.

[22] Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens. 3. Auflage, Göttingen 1985.

[23] Erzählende Prosatexte analysieren. Grundbegriffe, Verfahren, Beispiele und Übungen. In: Duden Abiturhilfe. Hrsg. von Duden. Mannheim u.a. 1997. S. 61.

[24] Gerth, Klaus: Lesen und Verstehen epischer Texte (Sekundarstufe I). Hannover 1985.

[25] Koch, Hans-Albrecht: Epik. In: Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Hrsg. von Hans-Albrecht Koch. Darmstadt 1997. S. 85-97.

[26] Stock, Karin A.: Kleines Lexikon Literarisches Grundwissen. Berlin 2000. S. 57f.

[27] Malissimo, Istilo: Die Niederste der Gattungen. Eine Gattung ohne Poetik. S. 6.

[28] Eckermann, Johann Peter: Gespräch mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Artemis Gedenk-Ausgabe Bd. 24. Hrsg. von E. Beutler. Zürich 1948. S. 224.

[29] Kunz, Josef: Theorie der Novelle. Eine Einleitung. In: Die deutsche Novelle im 19. Jahrhundert. Hrsg. von Josef Kunz. 2. Auflage. Berlin 1978. S. 2.

[30] Kayser, Wolfgang: Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. Bern 1948. 7. Auflage. S. 361.

[31] Martini, Fritz: Die deutsche Novelle im ‚bürgerlichen Realismus’. Überlegungen zur geschichtlichen Bestimmung des Formtypus. In: Wirkendes Wort 10. 1960. S. 257-278.

[32] Marquardt, Doris: Erzählung und Novelle. In: Textarten- didaktisch. Hrsg. von Günter Lange, u.a.., Baltmannsweiler 2004. S. S. 109

[33] Ebd. S. 110.

[34] Umilissimo, Istilo: Die Niederste der Gattungen. Eine Gattung ohne Poetik. In: Die deutsche Novelle im 19. Jahrhundert. Hrsg. von Josef Kunz. 2. Auflage. Berlin 1978. S. 107.

[35] Kayers, Wolfgang: Das sprachliche Kunstwerk. Bern 1969. S. 179.

[36] Saupe, Anja: Epische Texte und ihre Didaktik. In: Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik – Mediendidaktik – Literaturdidaktik. Hrsg. von Günter Lange und Swanja Weinhold. S. 252.

[37] Marquardt, Doris: Erzählung und Novelle. In: Textarten- didaktisch. Hrsg. von Günter Lange, u.a.., Baltmannsweiler 2004. S. 109.

[38] Kaysers, Wolfgang: Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft. Bern 1948. 7. Auflage. S. 355.

[39] Kunz, Josef: Theorie der Novelle. Eine Einleitung. In: Die deutsche Novelle im 19. Jahrhundert. Hrsg. von Josef Kunz. 2. Auflage. Berlin 1978. S. 8.

[40] Ebd. S. 12.

[41] Marquardt, Doris: Erzählung und Novelle. In: Textarten- didaktisch. Hrsg. von Günter Lange, u.a.., Baltmannsweiler 2004. S. 109.

[42] Ebd. S. 109.

[43] Ebd. S. 109.

[44] Wilpert von Kröner, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1989. S. 628.

[45] Polheim, Karl K.: Handbuch der deutschen Erzählung. Düsseldorf 1981.

[46] Kunz, Josef: Theorie der Novelle. Eine Einleitung. In: Die deutsche Novelle im 19. Jahrhundert. Hrsg. von Josef Kunz. 2. Auflage. Berlin 1978. S. 14.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Siegfried Lenz "Das Feuerschiff" - Praktikumsbericht Deutsch
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Blockpraktikum
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V71705
ISBN (eBook)
9783638633116
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Siegfried, Lenz, Feuerschiff, Praktikumsbericht, Deutsch, Blockpraktikum
Arbeit zitieren
Katharina Mewes (Autor), 2007, Siegfried Lenz "Das Feuerschiff" - Praktikumsbericht Deutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71705

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