Psychoanalytische Deutung von Literatur: Die Freudsche Interpretation des "König Ödipus". Interpretationsmethoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft und Kritik


Hausarbeit, 2007
35 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freuds Interpretation der Tragödie „König Ödipus“ und deren Verwendung für die Theorie des „Ödipus- Komplexes“
2.1. Die Tragödie „König Ödipus“ – eine Zusammenfassung
2.2 Freuds Deutung des Dramas „König Ödipus“ und die Perspektive der Literaturwissenschaft auf diese Tragödie
2.3 Der Chor
2.4 Das Orakel
2.5 „König Ödipus“ – eine Schicksalstragödie?

3. Die Kritik an Freuds Interpretation der Tragödie „König Ödipus“
3.1. Eigene Gedanken zur Kritik der Freudschen Interpretation
3.2. Kritik aus der literaturwissenschaftlichen Forschung

4. Die psychoanalytische Literaturwissenschaft und ihre Methoden
4.1 Die autororientierte Interpretation
4.2 Die werkorientierte Interpretation
4.3 Die leserorientierte Deutung
4.4 Freuds Interpretation der Tragödie „König Ödipus“- eine leserorientierte Deutung?

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Ich behandle in meiner Hausarbeit zwei Themenbereiche: Einerseits die Deutung der Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles durch den berühmten Wiener Nervenarzt Sigmund Freud, und andrerseits die Methoden der Literaturdeutung der psychoanalytischen Literaturwissenschaft im Allgemeinen.

Die Fragen, denen ich im Zuge dieser Hausarbeit nachgehen möchte, sind folgende:

1. Wie interpretiert Freud die antike Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles? Wie und warum verwendet Freud gerade dieses Drama, um seine Theorie des „Ödipus- Komplexes“ zu belegen? Könnten durch eigene Gedanken bezüglich der Freudschen Interpretation der Tragödie „König Ödipus“ Kritikpunkte angeführt werden? Wie argumentieren die Kritiker aus der literaturwissenschaftlichen Forschung?
2. Welche Methoden wendet die psychoanalytische Literaturwissenschaft zur Deutung der Literatur an? Und wie werden diese bewertet?

Meines Erachtens ist es nämlich wichtig, zuerst dieses konkrete Beispiel für die psychoanalytische Literaturdeutung anzuführen, bevor ich die Frage nach den Methoden der Literaturinterpretation der psychoanalytischen Literaturwissenschaft im Allgemeinen darzustellen und zu erörtern versuche. Schließlich kann der Leser der Arbeit besser folgen, wenn ich zuerst einmal dieses Beispiel einer psychoanalytischen Deutung darstelle und untersuche, als wenn ich die Methoden gleich an den Anfang dieser Arbeit stellte. Der Grund ist, dass dann nämlich schon gezeigt wurde, wie eine psychoanalytische Literaturinterpretation gestaltet ist.

Ich habe mir die Deutung der Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles durch Freud als ein Thema meiner Hausarbeit ausgewählt, weil mich die Verbindung von Literatur und Psychoanalyse interessiert. Sie ist deswegen von Bedeutung, weil dadurch eine andere Sichtweise auf die Literatur gewonnen werden kann. Diese Thematik ist aber auch deswegen attraktiv, weil an dieser Stelle gezeigt werden kann, dass und wie die Literatur und die Literaturwissenschaft von gesellschaftlich bedingten Erscheinungen beeinflusst wird und umgekehrt. Dies ist meiner Ansicht nach deswegen wichtig zu zeigen, weil dadurch erkannt werden kann, dass die Literatur und Literaturwissenschaft sich nicht (nur) mit schöngeistigen Dingen beschäftigt, sondern auch und vor allem mit den schwierigen und auch furchtbaren Seiten der menschlichen Existenz befasst.

Es ist wichtig, dies aufzuzeigen, weil dadurch dem Vorurteil vorgebeugt wird, die Literatur und die Literaturwissenschaft befassten sich hauptsächlich mit den angenehmen und leichten Situationen des menschlichen Lebens. So ist es nämlich möglich zu zeigen, dass die Literatur und die Literaturwissenschaft sich ganz im Gegenteil mit sehr wichtigen und ernsten Fragen und Themen der menschlichen Existenz beschäftigen.

Die Frage nach den Methoden der Literaturinterpretation zu stellen, halte ich deswegen für bedeutsam, weil die psychoanalytische Literaturwissenschaft nur dann einer Beurteilung unterzogen werden kann, wenn deren Methoden zuvor untersucht wurden. Schließlich kann die Frage danach, ob und inwieweit die psychoanalytische Literaturwissenschaft auch tatsächlich wissenschaftlich ist, also, ob ihre Ergebnisse verallgemeinerbar sind, nur dann beantwortet werden, wenn deren Methoden selbst zuvor einer Untersuchung unterzogen wurden. Ein anderer wichtiger Punkt ist meiner Ansicht nach in diesem Zusammenhang, dass bestimmte Methoden der Literaturdeutung die Voraussetzungen für gewisse Ergebnisse einer literaturwissenschaftlichen Richtung bilden. Schließlich hat Freud sich selbst, in seinem Text „Die Traumdeutung“ (1900), in dem er die Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles analysiert, nicht ausdrücklich zu der von ihm verwendeten Methode geäußert. Außerdem ist zu bedenken, dass sich die Methoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft weiterentwickelt haben. Die Methoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft sind heutzutage also anders als zu Freuds Zeiten. Ein weiterer Grund dafür, dass ich die Methoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft im Allgemeinen in meiner Arbeit behandle ist, dass sie meiner Ansicht nach nur auf diese Weise ein abgerundetes Bild ergibt, weil sie sowohl einen praktischen Teil, nämlich die psychoanalytische Deutung der Tragödie „König Ödipus“ durch Sigmund Freud, als auch einen theoretischen Abschnitt, nämlich die Frage nach den Methoden der psychoanalytischen Literaturinterpretation im Allgemeinen, enthält. Insofern besteht die Verbindung dieser beiden Themenbereiche meiner Hausarbeit darin, dass beide die psychoanalytische Deutung der Literatur zum Gegenstand haben, und der zweite Themenbereich den ersten insofern ergänzt, insofern dieser sich auf die allgemeine Frage nach den Methoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft bezieht. Ich versuche am Ende meiner Hausarbeit, die psychoanalytische Deutung der Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles durch Sigmund Freud, einer der drei von mir vorgestellten Methoden der psychoanalytischen Literaturinterpretation zuzuordnen. Außerdem schneide ich in diesem Zusammenhang kurz die Frage an, welche Bedeutung die Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles für Sigmund Freud, persönlich gehabt hat.

Die erste Frage, die ich in dieser Hausarbeit zu beantworten versuche, ist die danach, wie Freud die antike Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles interpretiert, also, wie er diese Tragödie versteht und welche Eigenschaften dieses berühmten literarischen Werkes er in seiner Deutung hervorhebt. Ich stelle diese Frage direkt an den Anfang meiner Arbeit, weil es mir logisch erscheint, zuerst die Freudsche Interpretation anhand der Gedanken und Argumente, die Freud für seine Sichtweise anführt, darzustellen, bevor ich zu der Frage komme, wie er die Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles für seine Theorie des „Ödipus- Komplexes“ verwendete. Schließlich muss erst einmal die Freudsche Interpretation dargestellt werden, bevor die speziellere Frage beantwortet werden kann, warum Freud gerade diese antike Tragödie und keine andere, für seine Theorie des „Ödipus-Komplexes“ verwendete. Ich werde in dieser Arbeit allerdings nicht die Plausibilität dieser Theorie untersuchen, weil dies kein Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft ist, sondern eher anderer Disziplinen, wie der Soziologie, der Psychologie und der Psychiatrie. Abschließend behandle ich die Kritik an der Freudschen Deutung der Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles, in der ich sowohl meine eigenen Gedanken und Argumente darstelle, als auch die Ansichten und Erkenntnisse der Literaturwissenschaftler, wie beispielsweise Peter von Matts und Bernard Knoxs. Peter von Matts und Bernard Knoxs Einsichten fand ich deswegen wichtig in dieser Hausarbeit anzubringen, weil Peter von Matt in seinem Werk „Literaturwissenschaft und Psychoanalyse“ bestimmte Aspekte der Freudschen Deutung der Tragödie „König Ödipus“ eher unterstützt, während Bernard Knox in seinem Essay „Die Freiheit des Ödipus“ im Gegenteil behauptet, die Freudsche Deutung dieser Tragödie sei unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet ziemlich mangelhaft. Und mir ist es eben ein Anliegen gewesen, sowohl die zustimmenden als auch die ablehnenden Gedanken hinsichtlich der Freudschen Deutung dieses Dramas anzuführen, um zu gewährleisten, dass diese Arbeit zu einer ausgeglichenen Sichtweise auf die Freudsche Deutung der Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles beiträgt.

Im Zusammenhang mit der Frage nach den Methoden der psychoanalytischen Literaturinterpretation ist das Werk „Einführung in die psychoanalytische Literaturwissen­schaft“ von Walter Schönau für meine Hausarbeit sehr hilfreich gewesen. Denn Schönau stellt die Interpretationsmethoden der psychoanalytischen Literaturwissen­schaft sehr genau dar und bewertet diese.

2. Freuds Interpretation der Tragödie „König Ödipus“ und deren Verwendung für die Theorie des „Ödipus- Komplexes“

2.1. Die Tragödie „König Ödipus“ – eine Zusammenfassung

Ödipus ist die Hauptfigur des gleichnamigen antiken Dramas des Dichters Sophokles. Er wird im Säuglingsalter ausgesetzt.

Das Orakel prophezeite nämlich Ödipus` Vater, König Laios, dass sein Sohn ihn eines Tages umbringen werde. Ödipus wird vor dem sicheren Tode bewahrt, kommt an einen Königshof und wird dort aufgezogen. Eines Tages plagen Ödipus Zweifel und er befragt selbst das Orakel, nämlich wegen seiner Herkunft. Das Orakel antwortet ihm, er solle seine Heimat meiden, denn ansonsten müsse er zum Mörder seines Vaters und zum Ehemann seiner Mutter, Jokaste, werden. Daraufhin macht sich Ödipus auf den Weg, um seiner vermeintlichen Heimat zu entsagen, und trifft während dieser Reise auf den König Laios. Diesen erschlägt er in Folge eines Streits. Er gelangt nach Theben. Dort löst er die Rätsel, der ihm den Weg versperrenden Sphinx, einem weiblichen Ungeheuer. Aus Dankbarkeit darüber wird er von den Einwohnern Thebens zum König gewählt. Und er wird für sein erfolgreiches Lösen der Rätsel belohnt, indem er Jokaste zur Frau nehmen darf. Soweit verläuft alles gut für Ödipus:

Er regiert friedlich, zeugt mit Jokaste, der ihm noch unbekannten eigenen Mutter, zwei Söhne und zwei Töchter. Schließlich bricht eine Pest in Theben aus. Und deswegen befragen die Thebaner das Orakel. Die Boten überbringen an das Volk die Nachricht, die Pest werde zu stoppen sein, wenn der Mörder des König Laios aus dem Land vertrieben worden sei. Allerdings müsse dieser erst gefunden werden. Allmählich wird im Verlauf des Stücks „König Ödipus“ deutlich, dass Ödipus es war, der den König Laios mordete und dass dieser der Sohn des Ermordeten und der Jokaste ist. Sowohl die Verzweiflung über die unwissentlich begangenen Taten als auch das Erschrecken über sich selbst treiben Ödipus dazu, sich selbst zu blenden. Er erblindet. Blind, aber sich seiner schrecklichen Taten bewusst, verlässt Ödipus die Heimat.

2.2 Freuds Deutung des Dramas „König Ödipus“ und die Perspektive der Literaturwissenschaft auf diese Tragödie

Sigmund Freud vertritt in seinem Werk „Die Traumdeutung“ (in dem Abschnitt D. „Typische Träume“), die Ansicht, dass die Handlung des Dramas „König Ödipus“ in der Bewusstwerdung besteht, dass Ödipus zum Mörder seines eigenen Vaters, König Laios, und zum Ehemann seiner Mutter, Jokaste, geworden ist. Freud vergleicht in diesem Zusammenhang diesen Akt der Bewusstwerdung, der sich im Handlungsverlauf der Tragödie einstellt mit der Arbeit, die in der Psychoanalyse geleistet wird, insofern in dieser unbewusste Aspekte der Psyche des Analysanden zutage treten und bewusst gemacht werden, so dass ein Heilungsprozess des diagnostizierten Leidens stattfinden kann. Der Zusammenhang zwischen dem Drama des „König Ödipus“ des Sophokles und der Arbeit in einer Psychoanalyse besteht meiner Ansicht nach aber auch darin, dass in beiden Fällen das Auftauchen tabuisierter, also verbotener Wünsche thematisiert wird, die wiederum eine Grundlage der psychoanalytischen Theorie darstellen. Sie stellen insofern die Grundlage der psychoanalytischen Theorie dar, als Freud vor allem die Träume seiner Patienten untersuchte, um genauer über den Ursprung ihrer seelischen Konflikte und Leiden aufgeklärt zu werden, zu dem Zweck, sie wirklich von ihren seelischen Leiden heilen zu können.

In der Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles werden meiner Ansicht nach zwei verbotene Wünsche realisiert, erstens der Wunsch mit der eigenen Mutter sexuell zu verkehren, und zweitens, der Wunsch, den eigenen Vater umzubringen. Dieser erste Wunsch ist insoweit als „verbotener Wunsch“ zu bezeichnen, als ihnen in allen mir bekannten Kulturen ein Verhalten des Kindes, das diesen Wünschen Ausdruck zu verleihen versucht, mit schärfsten erzieherischen Maßnahmen begegnet wird, damit es zu keinem Inzest, also dem Geschlechtsverkehr zwischen direkten Verwandten, kommt. Der zweite Wunsch, den eigenen Vater zu töten, ist, insofern als ein verbotener Wunsch zu betrachten, als in allen mir bekannten Kulturen besonders der Mord an den Eltern oder einem Elternteil Gegenstand besonderer gesellschaftlicher Ächtung ist. Zur Stützung meiner These möchte ich eine Erkenntnis des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt anführen: „ Im Stück des Sophokles nun wird der Ur-Wunsch des Menschen, der in der zeitlosen Gegenwart des Unbewussten gespeichert liegt, objektiviert, er wird für den Zuschauer auf der Szene erfüllt.“[1]

Peter von Matt spricht nicht nur wie ich von verbotenen Wünschen, sondern von einem „Ur-Wunsch“ des Menschen. Ich denke, er meint mit dem Begriff „Ur- Wunsch“ einen Wunsch, der allen Menschen gemeinsam ist, unabhängig von Faktoren wie der Bildung, dem sozialen Status oder der Religion des Einzelnen. Diesen Begriff des „Ur- Wunsches“ so zu interpretieren, macht insofern Sinn, als, dass ja auch Freud selbst im Abschnitt über die „Typischen Träume“ davon spricht, es gebe Träume, die bei allen Menschen auftreten, und deren Auftreten unabhängig von der Kultur, der Bildung oder dem sozialen Status der einzelnen Person ist. Eine Kategorie dieser „Typischen Träume“ ist der Traum vom Tode der eigenen Eltern. Es ist deswegen wichtig, dies an dieser Stelle anzuführen, weil Sigmund Freud der Ansicht war, er könne durch die Deutung der „Träume vom Tode der Eltern“ die These ableiten, dass jedes Kind ursprünglich feindselige Emotionen gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil aufweist. Peter von Matt spricht davon, dass der Ur- Wunsch des Menschen in der Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles objektiviert werde. Ich verstehe diese Erkenntnis Peter von Matts derart, dass er sagen will, der Ur- Wunsch des Menschen werde in der Tragödie des „König Ödipus“ des Sophokles in einer Art und Weise erfüllt, die zeigt, dass es sich im Fall der Erfüllung des Wunsches des „König Ödipus“ nicht um die Erfüllung eines individuellen, ganz persönlichen Wunsches handelt, sondern im Gegenteil um den allgemeinen und einheitlichen Wunsch aller Menschen, der in dieser Tragödie verwirklicht wird. Es macht Sinn diese Erkenntnis des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt in der Art und Weise zu erklären, wie ich es tue, weil er diese Erkenntnis in den von Freud angenommenen Zusammenhang von Träumen und verbotenen Wünschen stellt. Ich denke, dass Freud gerade diese Tragödie für seine Theorie des „Ödipus- Komplexes“ verwendet, weil er der Meinung ist, dass, in diesem Drama unbewusste Wünsche in die Tat umgesetzt werden. Zumindest Sigmund Freuds psychoanalytischer Ansatz basiert auf der Annahme, dass es unbewusste Wünsche in der Psyche aller Menschen gibt, die außerdem von der Gesellschaft als verboten gebrandmarkt werden. Und dass Freud gerade diese Tragödie einer besonders intensiven Untersuchung unterzog, hat sicherlich damit zu tun, dass er, insbesondere, anhand ihrer Wirkung erkennen zu können glaubte, dass unbewusste und tabuisierte Begehren in dieser zum Ausdruck gebracht werden. Außerdem könnte man auf die starke Wirkung und den Erfolg der Tragödie „König Ödipus“ verweisen, um Peter von Matts Einsicht zu stützen, da ja gewisse in der Gesellschaft allgemein vorhandene Emotionen durch diese Tragödie angesprochen worden sein müssen, weil dieses Stück dann nicht den gleich bleibenden Erfolg und dieselbe kontinuierliche Wirkung innerhalb verschiedener Epochen, also der Antike und der Moderne, und unterschiedlicher Kulturen, beispielsweise der griechischen und der deutschen Kultur, hätte haben können, den es nun mal aufweist. Ich denke aber, dass dadurch auch nicht bewiesen ist, dass es sich in dieser Tragödie um unbewusste und allen Menschen gemeinsame Wünsche handelt. Schließlich könnten es auch andere Emotionen und Wünsche gewesen sein, die durch diese Tragödie besonders angesprochen wurden. Die Begründung ist, dass die Wirkung einer Tragödie sicherlich nicht nur auf eine Ursache zurückgeführt werden kann. Dies wäre meiner Meinung nach zu einseitig. Und schließlich ist noch zu sagen, dass Freuds Annahme des „Ödipus- Komplexes“ weder jemals endgültig bewiesen noch widerlegt worden ist. Und daraus lässt sich wiederum der Schluss ziehen, dass Freuds Ansatz nicht nur auf naturwissenschaftlichen Prinzipien basiert, sondern ab einem gewissen Grad auch zu einer Ansichtssache wird, die sich vielleicht gar nicht beweisen oder widerlegen lässt.

Ich bin außerdem der Ansicht, dass es noch eine zweite Übereinstimmung zwischen der Tragödie „König Ödipus“ und der Arbeit in der Psychoanalyse gibt, nämlich, dass sowohl die Tragödie „König Ödipus“ des Sophokles auf bestimmten, den Erfolg dieser Dichtung sicherstellenden ästhetischen und inhaltlichen Gesetzmäßigkeiten beruht, als auch die Arbeit in einer Psychoanalyse auf bestimmte angenommene Gesetze, sowohl inhaltlich als auch äußerer Art, zurückgeht.

2.3 Der Chor

In der Tragödie „König Ödipus“ stellt der Chor ein wichtiges Gestaltungselement dar, weil er die Ereignisse, die im Laufe des Stücks passieren, kommentiert. Er gehört, nebenbei bemerkt, in jede antike Tragödie. Freud hat insofern mit seinem Vergleich der Tragödie „König Ödipus“ und der Arbeit in der Psychoanalyse recht, als man den Chor in der Tragödie „König Ödipus“ mit der moralisierenden Stimme im Inneren des Analysanden vergleichen könnte, die durch die Gesellschaft in der Psyche der zu analysierenden Person fest verankert wurde, und die zum Teil auch dafür verantwortlich ist, dass der Analysand, seine Triebe und Emotionen als „moralisch schlecht bewertet, sie nicht akzeptieren kann oder will, diese Triebe und Emotionen in einem Prozess der gesellschaftlichen Anpassung verdrängt, und es dadurch zu Konflikten in der eigenen Psyche kommt, weil diese „verbotenen“ Triebe und Emotionen, immer wieder hochkommen und nie richtig verarbeitet werden können, sodass der Analysand keine wirkliche Einsicht in diese gewinnt, und ihm folglich auch die Möglichkeit fehlt, diese beeinflussen, handhaben und vielleicht sogar in konstruktiver Weise nutzen zu können. Die an- und absteigende Spannung, die inhaltlich dadurch gekennzeichnet ist, dass Ödipus einen großen Erfolg hat, indem er das Rätsel der Sphinx löst, und zum König von Theben gewählt wird, eine gewisse Zeit dort friedlich regiert, letztlich aber doch scheitert, weil er erkennt, dass er ein schlimmes Verbrechen begangen hat, und diese Erkenntnis ihn dazu bringt, sich selbst zu bestrafen, indem er seine Augen, also die Organe der physischen Erkenntnis, schwer verletzt, so dass er nicht mehr sehen kann und seine Heimat verlässt.

2.4 Das Orakel

Auch das Orakel ist von maßgeblicher Bedeutung für das Stück „König Ödipus“, insofern es eine allwissende Macht im Leben der Thebaner repräsentiert und ihnen Antworten auf die lebenswichtigen Fragen gibt. Ein Beispiel dafür ist die Frage, wie die Pest in Theben zu stoppen sei. Die Antwort des Orakels führt zur Enttarnung des Ödipus als Mörder seines eigenen Vaters, des König Laios. Das Orakel steht insofern in Beziehung zur Arbeit in der Psychoanalyse, als dieses für die Menschen eine Art Lebenshilfe darstellt. Denn auch in der Psychoanalyse arbeitet der Psychoanalytiker mit dem Analysanden daran, die Konflikte in dessen Leben zu lösen. In diesem Sinne ist der Psychoanalytiker für den Analysanden eine Lebenshilfe. Außerdem gibt das Orakel Rat in schwierigen, den Menschen unlösbar erscheinenden Situationen, und dies kennzeichnet auch die Arbeit eines Psychoanalytikers. Auch kann man eine Übereinstimmung zwischen dem Orakel und der Arbeit des Psychoanalytikers daran erkennen, dass beide, wenn sie den Menschen Ratschläge geben, dies oft in verschwommener und verschlüsselter Art und Weise tun, wobei einschränkend hinzuzufügen ist, dass in der Tragödie „König Ödipus“ das Orakel, als es den Thebanern den Rat gibt, den Mörder des König Ödipus zu finden, um die Ausbreitung der Pest zu verhindern, dies sehr wohl in konkreter, also anschaulicher Art und Weise tut. Im Allgemeinen kommt es aber doch vor, dass Orakel in Rätseln sprechen.

Ich denke, es ist auch nicht von unerheblicher Bedeutung, dass „König Ödipus“ ein König, und eben kein einfacher oder mittelloser Mensch ist. Der Gegensatz zwischen dem nach außen geführten Leben, nämlich einer hervorragenden materiellen Situation, und den eigenen Handlungen sowie dem furchtbaren Schicksal, das „König Ödipus“ erleidet, scheint dem Zuschauer nämlich aufgrund der dargestellten sozialen und ökonomischen Situation des Ödipus´ viel ausgeprägter zu sein. Im Fall eines Menschen, der sich von vorneherein in einer schlechten sozialen und ökonomischen Position befindet, fiele dieser Gegensatz meiner Ansicht nach weg. Es gebe keinen Gegensatz, wie er im „König Ödipus“ zum Tragen kommt, weil dieser ja, hätte er die beiden Verbrechen nicht begangen, ein angenehmes Leben - mindestens auf materieller Basis- hätte führen können. Diese Überlegung ist deswegen wichtig, weil dieser Gegensatz zwischen der positiven äußeren Situation und dem furchtbaren Lebensweg des „König Ödipus“ eine Spannung innerhalb der Handlung der Tragödie „König Ödipus“ erzeugt, und diese Spannung einen starke Wirkung auf die Zuschauer bzw. Leser der Tragödie „König Ödipus“ ausübt, und daraus sich zum Teil sicherlich auch deren großer Erfolg als Kunstwerk erklärt.

[...]


[1] Peter von Matt, Literaturwissenschaft und Psychoanalyse, S.24, Freiburg, 1972

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Psychoanalytische Deutung von Literatur: Die Freudsche Interpretation des "König Ödipus". Interpretationsmethoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft und Kritik
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik 2- Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Elektra und Ödipus- Antike Tragödie im 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V71713
ISBN (eBook)
9783638633161
ISBN (Buch)
9783638654326
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit behandelt die Freudsche Interpretation der Tragödie "König Ödipus" von Sophokles als ein Beispiel für die psychoanalytische Deutung der Literatur in ausführlicher und genauer Weise.
Schlagworte
Freudsche, Interpretation, König, Beispiel, Deutung, Literatur, Kritik, Interpretationsmethoden, Literaturwissenschaft, Elektra, Antike, Tragödie, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Caroline Boller (Autor), 2007, Psychoanalytische Deutung von Literatur: Die Freudsche Interpretation des "König Ödipus". Interpretationsmethoden der psychoanalytischen Literaturwissenschaft und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71713

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