Intertextualität und Kriminalroman - Fallbeispiel einer modernen Sherlock-Holmes-Bearbeitung


Hausarbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Aufbau und Handlung

3. Intertextuelle Merkmale
3.1 Markierungen im Nebentext
3.2 Markierungen im inneren Kommunikationssystem
3.3 Markierungen im äußeren Kommunikationssystem

4. Gattungsmerkmale
4.1 Spielregeln
4.2 Umsetzung im Roman

5. Fazit

6. Quellen
6.1 Literaturverzeichnis
6.1.1 Primärliteratur
6.1.2 Sekundärliteratur
6.2 Internetquellen
6.3 Abbildungen.

1. Einleitung

Die Gehilfin des Bienenzüchters von Laurie R. King ist ein Kriminalroman und eine Geschichte über den großen Meisterdetektiv Sherlock Holmes und zwar nach eigenen Angaben, denn mit beidem wirbt das Buch direkt auf Cover und Klappentext. Diese beiden Kriterien scheinen also nicht nur ein offensichtlich werbewirksames Verkaufsargument für den Roman darzustellen, sondern durch sie nimmt die Autorin auch bewusst Einschränkungen in ihrem Schreiben in Kauf, vor allem in Bezug auf den Leser und dessen Erwartungshaltung. Die Einschränkungen erfolgen jedoch durchaus durch die eine Tatsache mehr, durch die andere weniger, denn während der Gattung des Kriminalromans ein konkretes Regelwerk zugrunde liegt, sind der intertextuellen Arbeit mit Sherlock Holmes keine Grenzen gesetzt, wie diverse moderne Sherlock-Holmes-Bearbeitungen zeigen.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie der Roman bzw. die Autorin als Fallbeispiel für einen Kriminalroman und eine moderne Sherlock-Holmes-Bearbeitung mit den beiden von ihr gewählten Vorlagen umgeht. Dabei werden die Sherlock-Holmes Erzählungen von Arthur Conan Doyle, wenn auch nicht in ihrer Gänze, so doch in ihren Grundzügen als bekannt vorausgesetzt. Um jedoch einen besseren Gesamteindruck des behandelten Romans zu erlangen, wird zur Einführung eine kurze Übersicht über seinen Aufbau und seine Handlung dargelegt. Als Schwerpunkt dieser Arbeit folgt eine Analyse der intertextuellen Merkmale sowie der Gattungsmerkmale, die der Roman aufweist. Sowohl die Gattung des Kriminalromans, als vor allem auch Intertextualität stellen zwei vielschichtige Bereiche der Literaturwissenschaft und auch der Komparatistik dar. Ein detaillierter Überblick über ihren gesamten Forschungsstand würde daher den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb zielt die Betrachtung der intertextuellen Merkmale hier rein auf einen eng gefassten Intertextualitätsbegriff und spezialisiert sich auf die verschiedenen Formen der Markierung von Intertextualität, die im Roman zur Geltung kommen. Bei den Gattungsmerkmalen von Kriminalliteratur werden zunächst typologische Aspekte, genauer gesagt ihre sogenannten Spielregeln betrachtet. Hierauf folgt eine Untersuchung zu deren Umsetzung im behandelten Roman.

Ein abschließendes Fazit fasst die gesammelten Erkenntnisse nochmals zusammen und lässt auch Laurie R. King bei der Frage nach der Autorintention selbst zu Wort kommen.

2. Aufbau und Handlung

Der Roman beginnt mit dem «Vorwort der Herausgeberin», welches Laurie R. King für eine Herausgeberfiktion nutzt. Dies verdeutlicht bereits der erste Satz: „Zunächst soll der Leser wissen, daß ich nichts mit dem Buch zu tun habe, das er in der Hand hält.“[1] Als Ich-Erzählerin schildert sie dem Leser wie sie durch mysteriöse Umstände an ein Manuskript gelangt ist und dieses veröffentlicht hat. Statt als Autorin gibt sie sich für den folgenden Text also lediglich als Herausgeberin aus und setzt sich auch kritisch mit dieser fiktiven Vorlage auseinander. So bemängelt sie z.B. die von ihr korrigierte „ungeheuerliche Rechtschreibung“[2] der fiktiven Autorin. Außerdem erwähnt sie, dass selbst sie als Krimi-Autorin mit einer blühenden Phantasie niemals auf die Idee gekommen wäre, Sherlock Holmes in solch eine Geschichte zu verwickeln.[3] Wenn sie weiterhin betont „aber ich werde das Gefühl nicht los, daß dies alles wirklich geschehen sein muß, so absurd es auch erscheinen mag“[4], unterstreicht dies nochmals die Intention dieser Herausgeberfiktion; nämlich den Wahrheitsgehalt nicht zu verifizieren und somit das Geheimnisvolle bzw. Rätselhafte zu verstärken.

Der Romanhandlung ebenfalls vorangestellt folgt ein zweites Vorwort, welches «Vorspiel – Bemerkung der Autorin» genannt wird. Hier wendet sich die fiktive Autorin und gleichzeitige Ich-Erzählerin des weiteren Romans an die Leser. Zum einen soll die Glaubwürdigkeit an dieser Stelle unterstrichen werden, indem der Leser auf eine rückblickend erzählte Berichtschilderung vorbereitet wird. Zusätzlich wird Authentizität im Speziellen thematisiert durch die Frage nach Wahrheit oder Fiktion von Sherlock Holmes. Zum anderen geht es hier auch um die Thematik moderner Sherlock-Holmes-Bearbeitungen und auf metafiktionaler Ebene ebenfalls um die Frage von Autorschaft an sich. Die hier vorliegenden intertextuellen Markierungen werden an späterer Stelle in dieser Arbeit noch genauer betrachtet.

Der folgende Romantext ist in vier Großkapitel, vier «Bücher» unterteilt, von denen jedes wiederum in weitere Unterkapitel gegliedert ist. Insgesamt enthält der Roman 19 dieser durchnummerierten Unterkapitel.

Im ersten Buch und seinen vier Kapiteln wird beschrieben wie die damals 15-jährige Mary Russell durch eine Zufallsbegegnung in den Sussex Downs den im Ruhestand befindlichen Sherlock Holmes kennen lernt. Da sich beide in ihrem Intellekt und ihren Fähigkeiten sehr ähnlich sind, entsteht eine Freundschaft und Mary beginnt ihre Lehrzeit bei Holmes, der ihr alles Nötige für das Detektivhandwerk beibringt, wie z.B. Spurenlesen, Experimente durchführen und Rätsel lösen. Dann erwartet beide die Lösung ihres ersten gemeinsamen Falls mit einem politisch motivierten Hintergrund basierend auf der Spionage von Regierungsgeheimnissen. Darauf folgt die Schilderung und Lösung von Marys ersten eigenen Fall, bei dem es sich um einen kleineren Einbruchdiebstahl handelt.

«Buch Zwei» schildert in drei Kapiteln bisweilen dramatisch und spannend wie es Holmes und Mary gelingt eine entführte amerikanische Senatorentochter zu befreien.

Der Inhalt des dritten Buches stellt den Beginn des eigentlichen Hauptfalls im Roman dar, bei dem sich Holmes und Mary selbst im Visier eines Täters befinden. In fünf Kapiteln werden verschiedene Anschläge u.a. durch Bombenleger und Heckenschützen geschildert, denen die Protagonisten nur knapp oder verletzt entkommen. Es beginnt nun ein wahrer Spießrutenlauf durch Sussex, Oxford und London; immer begleitet von der Frage nach der Identität des Täters. Da sie zu verschiedenen Ansätzen aber keiner Lösung gelangen, tauchen Holmes und Mary schließlich unter und begeben sich auf eine Reise nach Palästina.

Eingeschoben wird nun «Ein Exkurs», der ein Kapitel lang eine Beschreibung dieser Reise liefert und die Charaktere von Mary und Holmes sowie ihre Beziehung weiter beleuchtet, mit dem eigentlichen Fall allerdings nichts zu tun hat.

Das vierte Buch umfasst weitere fünf Kapitel und beginnt mit der Rückkehr der Protagonisten und einem von ihnen inszenierten Täuschungsmanöver. Nachdem es Mary gelingt die Identität des Täters bzw. in diesem Fall der Täterin zu entschlüsseln, tappen sie und Holmes jedoch in eine Falle und befinden sich daraufhin in der Gewalt der Täterin. Weitere Hintergründe zu dem bisher Geschehenen werden aufgelöst, einzelne Aspekte zueinander in Verbindung gebracht und das Motiv für die Taten erläutert. Die Situation spitzt sich weiter zu und gipfelt in einem spannenden Showdown. In einem Handgemenge fällt schließlich ein Schuss, welcher die Täterin tötet und Mary ebenfalls schwer verletzt.

Angehängt wird daraufhin noch ein «Nachspiel», welches in einem Kapitel von Marys Genesung berichtet. Das Ende ist relativ offen gehalten. Dadurch, dass Holmes Mary einlädt, ihn für 6 Wochen nach Frankreich und Italien zu begleiten, sind die Weichen für einen möglichen neuen Fall und eine Fortsetzung gestellt.

3. Intertextuelle Merkmale

3.1 Markierungen im Nebentext

In dem behandelten Roman finden sich im Nebentext zahlreiche Markierungen von Intertextualität. Der deutlichste Verweis auf Sherlock Holmes findet sich hierbei im Klappentext. Dieser weist Sherlock Holmes direkt namentlich als einen der Protagonisten des Romans aus und stellt für den Leser außerdem eine plausible Überleitung zu den original Sherlock-Holmes-Geschichten her, indem er den Roman chronologisch daran anknüpft und von den Geschehnissen in Sherlock Holmes’ Ruhestand berichtet. So heißt es hier: „Sherlock Holmes hat seinen Beruf an den Nagel gehängt und lebt 1915 als Bienenzüchter zurückgezogen im englischen Sussex“.[5] Dabei hält sich der Text an die Vorlagen von Conan Doyle. In dessen Geschichte Die Löwenmähne erfahren wir sogar von Sherlock Holmes selbst als Ich-Erzähler, dass er sich nach Sussex zurückgezogen hat und sich dort der Bienenzucht widmet.[6] Auch die im Klappentext angegebene Jahreszahl passt zu den Erzählungen Conan Doyles, da dieser Holmes’ letzten Fall auf das Jahr 1914 datiert hat.[7]

Der Titel des Romans bezieht sich ebenfalls auf die Figur Sherlock Holmes, allerdings in einer weniger direkten Weise. Wenn auch nur in Anlehnung, so stellt aber doch auch bereits die Erwähnung des Bienenzüchters eine Verbindung zu Holmes her. Neben dem eigentlichen Titel spielt auch der Untertitel bei der Markierung in Nebentexten eine Rolle. Dieser kann sogar

„[...]auch den Bezug auf eine Gruppe von Prätexten markieren. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn dem Leser der Bezug eines Textes auf eine literarische Gattung signalisiert werden soll, wobei der Text die Gattungserwartungen des Lesers natürlich sowohl erfüllen als auch enttäuschen kann.“[8]

In diesem Fall weist der Untertitel den Roman als Kriminalroman aus. Ob die Gattungsmerkmale und somit die Gattungserwartungen des Lesers durch den Text erfüllt werden, wird an späterer Stelle in dieser Arbeit eingehender untersucht.

Eine weitere hier verwendete Möglichkeit zur Markierung von Intertextualität stellen auch die Illustrationen auf dem Cover dar. Diese sind bildlich auf gewisse Ähnlichkeiten mit Sherlock Holmes angelegt. So finden sich bei der verwendeten Ausgabe u.a. die für Holmes typischen Utensilien einer Pfeife und einer Lupe abgebildet (vgl. Abb.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbb. 1Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbb. 2

Diese durch den Verlag initiierte Markierung ist jedoch keineswegs konstant. Eine neuere Ausgabe aus dem Jahr 2004 zeigt beispielsweise keinerlei illustratorische Markierungen, die auf Sherlock Holmes verweisen (vgl. Abb.2).

Bei anderen Verlagen und in anderen Ländern lassen sich bei dieser Form der Markierung und ihrer Intensität ebenfalls enorme Unterschiede entdecken. Die Varianten der Cover-Illustrationen sind zum Teil durch eine sehr starke Markierung geprägt, beispielsweise durch die berühmte Silhouette von Sherlock Holmes mit Schirmmütze, dem markanten Profil und seiner Pfeife, wie z.B. in der schwedischen Ausgabe. In anderen Ländern hingegen fehlt diese Markierung komplett.[9]

Das Vorwort, oder genauer gesagt das Vorwort der Herausgeberin, nutzt im behandelten Roman ebenfalls die ihm gegebene Möglichkeit zur Markierung. Hier setzt Laurie R. King nicht nur wie bereits beschrieben eine Herausgeberfiktion in die Tat um, sondern sie lässt den Leser auch schon im ersten Abschnitt wissen, dass er sich bei der Lektüre des Romans auf eine Geschichte über Sherlock Holmes einzustellen hat.[10]

Zusätzlich findet im Vorwort auch noch der Verweis zu einem weiteren Prätext statt. Die Textpassagen die alle Kapitelüberschriften ergänzen, werden als Zitate aus Maurice Maeterlincks Das Leben der Bienen ausgewiesen.[11] In diesem Werk zieht der belgische Schriftsteller Parallelen zwischen Bienen und Menschen.[12] Zum einen kündigen die Zitate zu Kapitelbeginn ähnlich wie ein Motto den Inhalt des folgenden Kapitels an. Die Intertextualität wird an einer Stelle sogar nochmals zusätzlich gesteigert, wenn in diesem Zitat wiederum auf Robinson Crusoe verwiesen wird.

„Wenn man Anzeichen wahren Intellekts außerhalb der eigenen Person entdeckt, fühlt man sich ein wenig wie Robinson Crusoe, als er den Abdruck eines menschlichen Fußes am Sandstrand seiner Insel fand.“[13]

Zum anderen wird darüber hinaus gleichzeitig auch die von Maeterlinck untersuchte Thematik der Ähnlichkeit zwischen Bienen und Menschen im Roman wieder aufgegriffen, indem Mary und Holmes beispielsweise bei ihrem ersten Aufeinandertreffen über sie diskutieren.[14]

Einen Sonderstatus nimmt das ‚zweite Vorwort’, die «Bemerkung der Autorin» ein.

Durchaus strittig für mich ist dabei dieses zu den Nebentexten zu zählen, da hier bereits mit der Ich-Erzählerin des Romans eine fiktive Gestalt zu Wort kommt. Da es der eigentlichen Romanhandlung jedoch ebenfalls vorangestellt ist und sich mit „Liebe Leserin, lieber Leser“[15] direkt an den Rezipienten richtet, möchte ich es an dieser Stelle zu der Kategorie eines Vorwortes hinzu zählen, wenn auch unter Vorbehalt. Hier wird u.a. die Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage thematisiert und auch speziell auf individuelle Leseerfahrung der Prätexte und somit auch direkt auf die intertextuellen Verweise im Text eingegangen.

„Wer nichts von den Gewohnheiten und dem Charakter des Mannes [Sherlock Holmes] weiß, wird bei der Lektüre meiner Geschichte vielleicht einige Anspielungen übersehen. Andere Leserschichten bewahren ganze Teile des Conan-Doyle-Corpus [...] im Gedächtnis. Sie werden in meinem Bericht Stellen finden, die vom Text des vorangegangenen Holmes-Biographen, Dr. Watson, abweichen, und wahrscheinlich Anstoß an meiner Darstellung nehmen, die mit dem «richtigen» Holmes in Watsons Werk nichts zu tun hat.“[16]

Zu erwähnen ist auch, dass an dieser Stelle darüber hinaus zusätzlich Kritik an Watsons Arbeit gehegt wird in Bezug auf den Wahrheitsgehalt und die perspektivische Beschreibung von Holmes und dessen Fällen. Darauf aufbauend zieht sich diese Kritik dann wie ein roter Faden durch den gesamten weiteren Roman.

[...]


[1] King: Die Gehilfin des Bienenzüchters. S. 7.

[2] Ebd. S. 10.

[3] Ebd. S. 7.

[4] Ebd. S. 10.

[5] King: Die Gehilfin des Bienenzüchters. Klappentext, Buchrückseite.

[6] Vgl. Hardwick: Mr. Holmes und Dr. Watson. S. 37/38.

[7] Vgl. Baring-Gould: Sherlock Holmes. S. 416.

[8] Broich: Formen der Markierung von Intertextualität. S. 36/37.

[9] Vgl. www.laurierking.com/beekeepers_gallery.php

[10] Vgl. King: Die Gehilfin des Bienenzüchters. S. 7.

[11] Vgl. King: Die Gehilfin des Bienenzüchters. S. 11.

[12] Vgl. Knapp: Maurice Maeterlinck. S. 97.

[13] King: Die Gehilfin des Bienenzüchters. S. 19.

[14] Vgl. ebd. S. 26/27.

[15] Ebd. S. 14.

[16] Ebd. S. 15.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Intertextualität und Kriminalroman - Fallbeispiel einer modernen Sherlock-Holmes-Bearbeitung
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V71772
ISBN (eBook)
9783638632423
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intertextualität, Kriminalroman, Fallbeispiel, Sherlock-Holmes-Bearbeitung, Proseminar
Arbeit zitieren
Nicole Metzger (Autor), 2007, Intertextualität und Kriminalroman - Fallbeispiel einer modernen Sherlock-Holmes-Bearbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71772

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