Michel Foucaults Überwachen und Strafen im Kontext von Macht, Wahrheit, und Norm.


Hausarbeit, 2000

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.Einleitung

II.Inhaltsbeschreibung

III.Die Langlebigkeit des Gefängnisses

IV.Überwachen und Strafen Im Kontext von Macht, Wahrheit und Norm
IV.1 Macht
IV.2 Wahrheit
IV.3 Norm

V. Überwachen und Strafen im Kontext von Foucaults Biographie

VI.Würdigung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

Michel Foucault beschreibt in seinem Werk „Überwachen und Strafen“, wie sich das Gefängnis als einzige Form der Bestrafung in den westlichen Ländern durchsetzen konnte und andere Straftechnologien wie etwa die Marter verdrängte. Detailliert zeigt er die Gründe auf, die zu diesem Prozeß führten.

Auf die von Michel Foucault aufgeworfene Frage, warum sich das Gefängnis, trotz zahlreicher Kritik und offensichtlichem Versagen durchsetzte, will ich in meinem Kommentar nach einer Inhaltsangabe genauer eingehen. Danach werde ich „Überwachen und Strafen“ in den Kontext von Macht, Wahrheit und Norm setzen, sowie sein Werk in seine Biographie einordnen. Mit einer Würdigung, werde ich die Hausarbeit beschließen.

II. Inhaltsbeschreibung:

Michel Foucaults Werk „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses.“1 beginnt mit der ausführlichen Schilderung einer traditionellen Form der Bestrafung aus der Zeit des Ancien Regime. Es handelt sich um die Vierteilung von Damiens, der auf Ludwig XV einen erfolglosen Mordanschlag verübt hatte, mit der Foucault die Grausamkeit und Brutalität der damaligen Strafpraxis aufzeigt. Diese Form der Strafe sollte eine Demonstration der Macht des königlichen Herrschers darstellen, der auf diese Weise seine durch das Verbrechen verletzte Souveränität wiederherstellt (ÜuS S.64). Dem Verbrecher sollten genau kalkulierte Schmerzen beigebracht werden, die dem verübten Verbrechen gerecht werden. Diese Bestrafungen wurden grundsätzlich in der Öffentlichkeit abgehalten, ein Exempel sollte statuiert werden. „Die Hauptperson bei den Marterzeremonien ist das Volk ...“ (ÜuS S.75). Ohne die Zuschauer hätten die grausamen Strafrituale jeden Sinn verloren. Die mit der Bestrafung verbundene symbolische Rache des absoluten Herrschers sollte für jedermann sichtbar sein.

Allerdings kam es bei derartigen Hinrichtungen oft zu einer Solidarisierung des Volkes mit dem Verbrecher und zu Unruhen. Immer häufiger kam es zu der Forderung nach Abschaffung der Marter. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Kritik stärker, die nicht mehr nur vom einfachen Volk sondern nun auch von der Intelligenz zu hören war. Reformer wie Beccaria, Servan, Dupaty und andere verlangten nach einer milderen Strafpraxis. Die Bestrafungen sollten die Menschlichkeit zum Maß haben, nicht mehr auf den Körper sondern auf den Geist zielen. Der eigentliche Grund für die Gesetzesnovellierung war aber der Rückgang von Gewaltdelikten und einer gleichzeitigen Steigerung von Eigentums- und Kapitaldelikten. „Mit der sich entwickelnden kapitalistischen Warenwirtschaft, der industriebedingten Vervielfältigung der Güter und dem rasanten demographischen Wachstum geht eine Steigerung der „kleinen Delinquenz“ einher: Diebstähle, Plünderungen, Einbrüche, Raubüberfälle und Unterschlagungen nehmen rasant zu“2. „Vor der Milderung der Gesetze gab es eine Milderung der Verbrechen“ (ÜuS S.97). Vorrangig kritisierten die Reformer eine „fehlende Ökonomie der Macht“, weil die vielen Gesetzwidrigkeiten, die sich auf das Eigentum bezogen, nicht von der Justiz erfaßt wurden. Die „ ... verworrene und lückenhafte Vielfalt von Instanzen; eine Machtverteilung und –konzentration, die zu Wirkungslosigkeit und faktischer Duldung führen; Strafen, die Aufsehen erregen, aber nicht ohne Risiko sind“ (ÜuS S.111), all dies sollte mit einer Reform des Strafrechts beseitigt werden. Die Gesetzwidrigkeit sollte einer strengeren und stetigeren Kontrolle unterworfen werden, die Gewißheit bestraft zu werden, sollte den potentiellen Rechtsbrecher abschrecken. Aus dem Gegner des Souveräns wurde in der Terminologie der Reformjuristen ein Feind der Gesellschaft. Als sinnvollste Strafe wurde die öffentliche Arbeit angesehen. Die Rechtsbrecher sollten auf Straßen und Plätzen körperliche Arbeit verrichten. Dies hatte zwei Gründe: Erstens sollte die Arbeitskraft des Verurteilten zum Nutzen der Gesellschaft eingesetzt werden, zweitens durch die Tätigkeit in der Öffentlichkeit als Abschreckung wirken. Eine geheime Strafe wäre nach Auffassung der Reformer sinnlos. Diese Reformära mit den öffentlichen Strafen ist aber nur von kurzer Dauer. Schon nach wenigen Jahren wird die Einkerkerung im Gefängnis das bevorzugte Instrument um Gesetzesbrecher zu bestrafen. Diese dritte Form der Strafe verknüpft die wesentlichen Konzepte der Marter und die Normierungen der Reformerära. Der Gefangene wird nicht nur aus dem Verkehr gezogen, hier durch Einsperrung, statt durch Hinrichtung im traditionellen Modell, sondern auch Disziplinierungstechniken unterworfen, auf denen das Reformerkonzept basierte. Obwohl diese Strafform den zentralen Prinzipien der Reformphase, die Strafe ist für die Öffentlichkeit verborgen, wie auch den klassischen Straftechniken des Ancien Regime widerspricht, hat sich das Gefängnis durchgesetzt. „Mit der Durchsetzung des Gefängnisses zur paradigmatischen Bestrafungsform tritt die Dressur an die Stelle der Eliminierung (Klassik) bzw. der Rehabilitierung (Reformphase)“3. Foucault beschäftigt sich in seinem Werk vorrangig mit den Techniken der Disziplinierung, die vor ihrer Einsetzung im Gefängnis schon in Institutionen wie Schulen, Hospitälern, Klöstern oder auch beim Militär zu finden sind. Die Tätigkeiten im Gefängnis werden sehr streng kontrolliert und unterliegen einem rigorosen Zeitplan. „Die Zeit durchdringt den Körper und mit der Zeit durchsetzten ihn alle minutiösen Kontrollen der Macht“ (ÜuS S.195). Als paradigmatisches Beispiel für die alles durchdringende Disziplinarmacht führt Foucault das Panopticon von Bentham an, nach dessen architektonischen Überlegungen noch heute zahlreichen Strafanstalten errichtet werden. Hierbei handelt es sich um ein kreisförmiges Gebäude, in dessen Mitte ein hoher Turm steht, von dem aus die Gefangenen permanent überwacht werden können. Der wesentliche Aspekt des Panopticon besteht darin, daß die Insassen nicht sehen ob sie überwacht werden. Durch diese Unwissenheit sind sie dazu verdammt sich so zu verhalten, als ob sie ständig beobachtet werden. „Der Gefangene wird gesehen, ohne selber zu sehen, er ist ein Objekt einer Information ...“ (ÜuS S.257). Ein weiterer Vorteil für die Anstaltsleitung ist die Tatsache, daß man aufgrund der Transparenz der Verurteilten mit einem Minimum an Wärtern auskommen kann. Der Insasse sieht nicht ob sich jemand im Wachturm befindet. Die Gefangen überwachen sich selbst.

Foucault erläutert weiter, daß diese Disziplinarmacht sich auf alle sozialen Bereiche erstreckt und führt hier Wohltätigkeitsgesellschaften, Sittlichkeitsvereine, Waisenhäuser und Heime für Lehrlinge auf. „Eine der wesentlichen Ideen von Überwachen und Strafen ist die, daß die modernen Gesellschaften als „Disziplinargesellschaften“ definiert werden können ...“4.

III. Die Langlebigkeit des Gefängnisses

Ein wichtiger Bestandteil von Foucaults Werk ist die Frage, warum sich das Gefängnis im 19. Jahrhunderts als Bestrafungsmethode durchgesetzt hat, und wie es sich bis in die heutige Zeit, trotz massiver Kritik erhalten hat. So sprachen sich viel Reformjuristen gegen das Gefängnis aus, weil es für jedes noch so verschiedene Verbrechen die gleiche Bestrafungsform verwendete und weil es auf die Öffentlichkeit keine abschreckende Wirkung ausübte, da die Strafe im Verborgenen abgegolten werden mußte. Auch aus ökonomischer Sicht sprach gegen das Gefängnismodell, daß es viel Geld kostete und der Gesellschaft nur Kosten aber keinen Nutzen, wie die etwa Strafarbeit einbrachte. Man war der Meinung, daß diese Strafform die Laster der Verurteilten sogar noch vermehrte, die Gefangenen nach der Haftentlassung nicht gebessert waren. Kritik fand auch die Tatsache, daß die Insassen der Willkür der Wärter ausgeliefert sein konnten sowie die Form der Strafe im allgemeinen, die Freiheitsberaubung und ständige Überwachung wurde als menschenverachtend bezeichnet. Trotz all dieser Hindernisse löste die Strafhaft sämtliche anderen Formen der Züchtigung in einem Zeitraum von weniger als zwanzig Jahren ab. „Das Gefängnismodell setzte sich durch, weil sich in ihm eine Machtwirkung entfaltete, die sich in den anderen gesellschaftlichen Bereichen schon längst ausgebreitet hatte, die Disziplinarmacht, deren Vollzugsform „die politische Ökonomie des Körpers“(ÜuS S.37) ist“5. Die Haftstrafe zielt nicht nur darauf ab, den Körper einzusperren und zu isolieren, sondern ihn auch gleichzeitig vollständig zu kontrollieren, durch ständiges Überwachen und rigoros einzuhaltende Zeitpläne. Das Gefängnis arbeitet mit Dressurmethoden, die das Verhalten des Verurteilten abändern sollen. Diese Disziplinierungstechniken hielten im Strafvollzug nur deshalb so schnell Einzug und lösten die Reformerära ab, weil die ganze Gesellschaft schon von ihnen durchdrungen war. Die moderne Gesellschaft hatte sich schon vorher zu einem riesigem Gefängnis verwandelt, in der Machtmechanismen walteten, wie sie die Strafanstalt später übernahm. Als Beispiel dafür dienen Foucault die Fabriken, Schulen, Vereine, Klöster usw. Das Gefängnis ist also nur eine Kopie der äußeren Welt, und deshalb auch so schnell von der Bevölkerung akzeptiert worden.

[...]


1 FOUCAULT,MICHEL: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main, 1976. : im weiteren Text abgekürzt mit ÜuS.

2 KNEER, GEORG: Rationalisierung, Disziplinierung und Differenzierung. Sozialtheorie und Zeitdiagnose bei Habermas, Foucault und Luhmann, Opladen, 1996. S.248

3 KNEER, GEORG, S.249

4 DELEUZE, GILLES: Foucault, Frankfurt am Main, 1987. S.40

5 FINK-EITEL, HEINRICH: Foucault zur Einleitung, Hamburg, 1992. S.75

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Michel Foucaults Überwachen und Strafen im Kontext von Macht, Wahrheit, und Norm.
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Michel Foucaults Überwachen und Strafen
Note
2,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V7187
ISBN (eBook)
9783638145213
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundzüge der Soziologie, Foucault, Überwachen und Strafen, Norm, Macht, Wahrheit.
Arbeit zitieren
Magister Artium Roland Sonntag (Autor:in), 2000, Michel Foucaults Überwachen und Strafen im Kontext von Macht, Wahrheit, und Norm., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7187

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