Das Provisorium. Wolfgang Hilbigs Roman als sozialwissenschaftliches Material


Diplomarbeit, 2002

109 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

I. Literatur und Politik
1. Der literarische als politologischer Text
2. Auffassung des Politischen: enger und weiter Politikbegriff
3. Wissenschaft und Literatur
4. Literatur und Wirklichkeit
a) Literatur als Als-ob-Welt
b) Soll und Ist. Die ideologische Wirklichkeit in der DDR
5. Zur Frage der Methode

II. Wolfgang Hilbig als Politologe
1. Biografie und Werk
2. Hilbigs Prosa als sozialwissenschaftliches Material?

III. Textanalyse: Das Provisorium
1. Zum Inhalt
2. Die besondere Erzählsituation des Textes
3. Thematische Ebene der Textwirklichkeit
a) Fremdheit, Orientierungslosigkeit, Selbstzerstörung
b) Osten - Westen
c) Der “Schrecken” der Vergangenheit
d) DDR: Determinismus, Nicht-Existenz, Aggression
e) Konsumkritik als Kritik des Westens
f) Literatur als Vergleichsfeld der beiden deutschen Gesellschaften
4. Exkurs: Sozialwissenschaftliche DDR-Forschung in der Bundesrepublik
5. Subjektive Dimension der Textwirklichkeit: zwischenmenschliche Beziehungen
a) Die soziale Relevanz der Machtgefüge
DDR (Mona)
BRD (Hedda)
b) C.s Verhältnis zu Frauen und seine Liebesunfähigkeit
c) Soziale Auflösung
IV. Fazit
1. Ergebnisse der Textanalyse
a) Osten und Westen: verschiedene Gleiche
b) Getrennt vereint?
c) Die Krise der Gesellschaft
d) Der literarische Text und die Wende: Chronik oder Erklärungsansatz?
e) Das Provisorium als Wende-Roman?
2. Literatur als politikwissenschaftliches Material. Eine Bilanz des Ansatzes

Literatur

1. Primärliteratur

2. Sekundärliteratur

Vorbemerkung

Die Idee, hier einen literarischen Text als Material für eine politikwissenschaftliche Untersuchung zu verwenden, hat zweifellos mit meiner zweiten Studienrichtung Germanistik zu tun. Im Laufe des Studiums ist es mir nur vereinzelt gelungen, meinem persönlichen Interesse an einer grundsätzlichen Verbindung der beiden Bereiche Politik und Literatur im gewünschten Maße nachzugehen. Auch wenn eine solche Verbindung sich oft aufdrängt und teilweise in der Natur der (literarischen) Sache zu liegen scheint, spielt sie in der konkreten politik- und auch der literaturwissenschaftlichen Forschungspraxis kaum eine Rolle. Ich wende hier also einen etwas unüblichen, interdisziplinären Ansatz an, um die sozialwissenschaftliche Relevanz von belletristischer Literatur und ihre Ergiebigkeit auch für die Politikwissenschaft zu erproben beziehungsweise zu demonstrieren.

Als nicht ganz problemlos, aber sehr spannend und interessant hat sich das selbständige Ausarbeiten des theoretischen Instrumentariums erwiesen, da nicht auf allgemein bekannte Rezepte zurückgegriffen werden konnte. In einer Patchwork-artigen Konstruktion habe ich daher verschiedene Herangehensweisen rezipiert, mir theoretische Begriffe entliehen, sie miteinander in Verbindung gebracht und mir so ein eigenes theoretisch-methodisches Gerüst zurecht gezimmert. Das Ergebnis wird in einem ersten grundlegenden Abschnitt zu Literatur und Politik vorgestellt.

War ursprünglich noch die Untersuchung mehrerer Texte aus dem Œuvre von Wolfgang Hilbig geplant, so habe ich mich schließlich doch für die Konzentration auf ein wesentliches und aktuelles Werk entschieden, dessen politischer und historischer Hintergrund überdies ganz eindeutig feststeht. An Hilbigs drittem Roman Das Provisorium wird dafür eine eingehende Untersuchung unternommen, in der auch vermehrt ganz konkret am Text gearbeitet wird: Dem zentralen Abschnitt der Textanalyse wird im Rahmen dieser Arbeit viel Platz eingeräumt.

Auf die übrigen Werke Wolfgang Hilbigs wird selbstverständlich Bezug genommen, und ebenso habe ich versucht, auch weitere literarische Texte anderer AutorInnen als ergänzende Quellen mit einzubeziehen. Diese Texte, die vorwiegend aus einer ähnlichen Situation beziehungsweise Schreibposition heraus entstanden sind - fast durchgehend Werke ostdeutscher AutorInnen, die der so genannten Wende-Literatur zugerechnet werden können und einen gewissen zeitlichen Abstand zu den beschriebenen Ereignissen Ende der 80er Jahre aufweisen -, dienen meiner Untersuchung teils als zusätzliche Belege und Vergleichsobjekte, teils als ergänzende Illustration.

Die politologische Relevanz des Hilbigschen Textes einerseits und des gesamten hier angewendeten Ansatzes andererseits soll schließlich im Vergleich mit der gängigen bundesdeutschen DDR-Forschung und mit aktuellen Ergebnissen der sozialwissenschaftlichen Transformationsliteratur gemessen werden.[1]

I. Literatur und Politik

1. Der literarische als politologischer Text

In dieser Arbeit soll versucht werden, Werke belletristischer Literatur, im besonderen den Roman Das Provisorium des ostdeutschen Schriftstellers Wolfgang Hilbig, als Material für eine politikwissenschaftlich ausgerichtete Untersuchung zu verwenden. Die Grundidee hinter diesem Ansatz beruht auf der Annahme, dass ein literarisches Werk Inhalte anders - durch eine andere Darstellungsweise und einen anderen Blickwinkel - beziehungsweise überhaupt andere Inhalte - Gedankenwelt, subjektives Empfinden, Gefühle und seelische Zustände der dargestellten Figuren - vermitteln kann als ein (sozial)wissenschaftlicher Text. Außerdem sind Bereiche und Situationen denkbar, in denen aus bestimmten Gründen auf Erkenntnisse der Sozialwissenschaften gar nicht zurückgegriffen werden kann, etwa wenn aufgrund großer zeitlicher Distanz kaum Quellen verfügbar sind, oder wenn die wissenschaftlichen Ergebnisse durch ideologische Determination verfälscht erscheinen. Solche sozialwissenschaftliche Lücken könnten ersatzweise von literarischem Material gefüllt werden. Aufgrund dieser alternativen Möglichkeiten scheint es also durchaus lohnend, literarische Texte auf möglichen sozialwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hin zu lesen, sie - über den Umweg einer gründlichen Leseweise und nachfolgender gezielter Auswertung - als soziologisches oder politologisches Material aufzufassen.[2]

Wichtigster Ausgangspunkt ist dabei, dass Literatur[3] immer Wirklichkeiten abbildet, also nie von gesellschaftlichen Verhältnissen isoliert steht, sondern immer in einem sozialen Zusammenhang gesehen werden muss: Produktion und Rezeption literarischer Werke können nicht unabhängig von den jeweiligen sozialen Gegebenheiten und Bedingungen gedacht werden, und das Ergebnis und Objekt dieser Prozesse selbst, der literarische Text, bildet diese Wirklichkeiten - auf welche Weise und in welcher Intensität auch immer - ab.

Im Idealfall könnte man unterstellen, dass LiteratInnen überdies mit einer besonderen soziologischen Kompetenz ausgestattet sind, einer erhöhten Sensibilität in Bezug auf gesellschaftliche Zusammenhänge, Machtmechanismen, Auswirkungen sozialer und historischer Gegebenheiten oder Veränderungen, weshalb ihren Texten in dieser Hinsicht bereits gewisses analytisches Potenzial zuerkannt werden kann. Aber selbst wenn diese Kompetenz nicht besonders ausgeprägt sein sollte, “[w]o vom Menschen die Rede ist, werden Einsichten in das Politische im gesellschaftlichen Zusammenleben nicht fehlen.” (Krippendorff 1990, 9.)

Eine der Grundannahmen dieses Ansatzes ist also, dass literarische Texte auf jeden Fall gesellschaftlich determiniert sind und daher auch Soziales und im weitesten Sinne Politisches abbilden (zum Verständnis des Politischen vgl. das folgende Kapitel).

Bei der Durchsicht ähnlich ausgerichteter Untersuchungen zu DDR-Literatur habe ich diesen Ausgangspunkt wiedergefunden, und auch in der Theorie und schließlich in der praktischen Vorgangsweise werden sich gleichartige Ansätze zeigen.[4] In diesen Untersuchungen wird Literatur nicht nur unter den besonderen Bedingungen der kulturellen Situation in der DDR literaturwissenschaftlich aufgearbeitet, sondern durch die Literatur sollen Erkenntnisse über die Gesellschaft dieses Staates gewonnen werden. Die AutorInnen der genannten Arbeiten gehen ebenfalls davon aus, dass Literatur auf jeden Fall Ausdruck der sozialen Realität ist[5], arbeiten sehr viel direkt an den literarischen Texten, was auch in der vorliegenden Untersuchung geschehen wird, und konstruieren ihre Methode meist erst in der konkreten Arbeit am Text.

Johannes Haupt geht es in seiner Untersuchung zum 17. Juni 1953 in der DDR-Literatur vor allem um einen “strukturelle[n] Zusammenhang von Literatur und Politik” (Haupt 1991, 9). Seine Ausgangsthese fasst er selbst wie folgt zusammen:

Produktion und Rezeption literarischer Texte erfolgt grundsätzlich im Kontext und unter den spezifischen Rahmenbedingungen der sie einbettenden gesellschaftlichen Strukturen, der sie umgebenden politischen Macht, wie auch immer dieses System politisch ausgerichtet sein mag. (Haupt 1991, 10.)

Literatur steht daher laut Haupt immer in Beziehung zu bestimmten Machtpositionen, eine Veränderung dieser Positionen ändert in der Folge auch die Bedeutung der Literatur, beispielsweise die ihr zugeschriebene Gefährlichkeit.[6]

Irma Hanke hebt in ihrem Ausgangspunkt berechtigterweise besonders die subjektive Dimension der literarischen Darstellungsweise hervor. Sie definiert Literatur im Grunde als die Verarbeitung subjektiver Eindrücke und Erlebnisse der AutorInnen. Gleich im ersten Satz ihrer Untersuchung stellt sie fest: “Literatur heißt: Sichtbarmachen von Erfahrungen.” (Hanke 1987, 7.) Das Ergebnis literarischer Verarbeitung individueller Erlebnisse, die ja durch historische Ereignisse und soziale Bedingungen determiniert werden, also der literarische Text, erlaubt wiederum Rückschlüsse auf die politische Kultur einer Gesellschaft (vgl. Hanke 1987, 8).

Literatur gilt allerdings als Ausdruck dieser Wirklichkeit, nicht als ihr Abbild. Das heißt, es werden im Werk Strukturen der abgebildeten Realität deutlich. Erklärt wird der Text, nicht die Wirklichkeit, aber durch die Erklärung des Textes wird Realität fassbar. (Hanke 1987, 25)[7]

Hier wird versucht werden, das Verhältnis von Literatur und abgebildeten Realitäten theoretisch mit dem Begriff der Als-ob-Welten (vgl. Dörner 2000, 58-59) zu erfassen - doch dazu später in Kapitel 4. a) Literatur als Als-ob-Welt.

2. Auffassung des Politischen: enger und weiter Politikbegriff

Die Praxis der politikwissenschaftlichen Forschung und vor allem der Lehre (vgl. Greven 1994, 285) scheint - zumindest im deutschsprachigen Raum - von einem engen, institutionalistischen Begriff von Politik dominiert zu werden. Dieser Politikbegriff orientiert sich relativ streng an konkreten staatlichen und überstaatlichen Institutionen, wie sie durch Verfassungen und Völkerrecht oder andere Satzungen bestimmt werden, sowie an weiteren im engeren Sinne politischen Organen wie Parteien, Verbänden, Gewerkschaften und Ähnlichem.[8] Mit diesem engen, an Institutionen verhafteten Verständnis von Politik und einer entsprechenden Auffassung auch ihrer Wissenschaft sind bestimmte sozial- und politikwissenschaftlich sehr wohl relevante Bereiche gar nicht fassbar, wie besonders die feministische Forschung aufzeigt (vgl. z.B. Rosenberger 1999).[9] Subjektive und private Dimensionen von Herrschaft werden in einem solchen traditionell engen Politikverständnis in ihrer gesellschaftlichen Relevanz nicht anerkannt, ja durch den vorgegebenen Fokus auf Institutionen schon prinzipiell ausgeklammert. Sieglinde Rosenberger nennt hier beispielsweise die gatekeeper -Funktion von patriarchalischen Familienstrukturen, die “[...] den Zugang zu jenen Institutionen und Prozessen [regeln], die ihrerseits die Rahmenbedingungen für zwischenmenschliches Beisammensein gestalten, nämlich zur Politik.” (Rosenberger 1999, 55.)

Wenn in der Politikwissenschaft auch ein Bewusstsein für diese Einschränkungen gegeben scheint, so werden in der Praxis die Konsequenzen offensichtlich nur zaghaft gezogen, etwa von Karl Rohe, der sich trotz der zunächst geschilderten Auswirkungen eines engen Politikbegriffs schließlich prinzipiell für einen solchen ausspricht (Rohe 1994, 140) und nur eine “vorsichtige Ausweitung” (Rohe 1994, 144) desselben zulassen will.

Angesichts der skizzierten Implikationen eines engen Begriffes des Politischen und unter Berücksichtigung der hier verfolgten Aufgabenstellung, die im Rahmen der Politikwissenschaft eher unüblich erscheint und die Grenzen der Disziplin teilweise wohl auch überschreiten wird, muss dieser Arbeit ein weites Verständnis von Politik zu Grunde gelegt werden. Es ist wohl bereits eingangs angeklungen, dass der Politikbegriff im Rahmen dieser Untersuchung ein möglichst offener, sehr weiter sein sollte, der viele verschiedene Bereiche des Sozialen umfasst. Insbesondere sei darauf hingewiesen, dass vom engen Rahmen alltagspolitischer oder zeitgeschichtlicher Ereignisse - wie sie vereinfachend mit explizit ‘politischer Literatur’ (vgl. Krippendorff 1990, 9 u. Fischer 1996, 1538) in Verbindung gebracht werden - abgesehen, beziehungsweise auch darüber hinausgedacht werden sollte. Die Untersuchung von Politik und Sozialem in literarischen Texten sollte nicht auf das bloße Aufzeigen von darin eingearbeiteten politischen Ereignissen und Persönlichkeiten oder auf die Rekonstruktion darin versteckter Anspielungen und zeitgeschichtlicher Bezüge beschränkt werden. Ich denke, dass literarischen Texten ein allgemeinerer und gewissermaßen auch theoretischer Aussagewert zuerkannt werden sollte, der oft nicht so unmittelbar sichtbar ist, für eine politikwissenschaftliche Analyse jedoch aufschlussreiches Material darstellen kann.

Johannes Haupt führt darüber hinaus gerade auch bei der Untersuchung von DDR-Literatur einen besonderen Grund für die Notwendigkeit eines weiten Politikbegriffes an:

Aus naheliegenden Gründen wandte man sich dem Zusammenhang von Politik und Literatur in der DDR weitaus früher zu als im Westen. War man doch daran interessiert, Literatur “erzieherisch” einzusetzen und ein gezielt entworfenes Geschichts- und Politikbewusstsein herauszubilden und zu vermitteln. Aus diesem Grunde ist auch der Politikbegriff für unseren Zusammenhang der DDR-Literatur insofern zu erweitern, als in ihr Politik zumeist als “Geschichte” im weitesten Sinne (nationale Vergangenheit, Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklung usw.) vermittelt wird. Literarische Werke, die existente gesellschaftliche Strukturen und Ereignisse aufgreifen, spiegeln damit unwillkürlich real-historische Züge ihrer jeweiligen Gesellschaft wider und sind dadurch in unserem Zusammenhang politisch zu nennen. (Haupt 1991, 27-28.)

Ein möglichst weiter, offener Politikbegriff erlaubt naturgemäß auch ein einfacheres Miteinbeziehen literarischer Werke als Quellen für sozialwissenschaftliche Untersuchungen (vgl. Mantl 2000, 13-14).

3. Wissenschaft und Literatur

Erstens könnten wir die literarische Darstellung als eine andere Form der Wirklichkeitsbeschreibung verstehen, die der wissenschaftlichen gleichrangig ist und genau so viel an Erkenntnis vermittelt wie die wissenschaftssoziologische. Dahinter steckt die Frage, ob die Sozialwissenschaften einen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit an sich besitzen, ob wir - etwas enger - die Gültigkeit wissenschaftlicher Prinzipien für bestimmte, aber eben nicht für andersartige Erkenntniszwecke als prioritär annehmen sollen oder ob wir - in der Geste der weltmännischen Beliebigkeit - gar verschiedene “Modelle” der Wirklichkeitsannäherung in unbegrenzter Toleranz nebeneinander stellen. (Prisching 2000, 32-33.)

Etwas polemisch weist hier Manfred Prisching auf die konkurrierenden Ansprüche von Sozialwissenschaften und künstlerischer Literatur in Bezug auf den Zugang zu Realität und die Beschreibung derselben hin.[10] Im Folgenden soll der Versuch einer groben und schematisierten Gegenüberstellung von PolitologInnen und LiteratInnen, der spezifischen Rollen, der jeweiligen Arbeitsbereiche und Vorgangsweisen und auch der daran geknüpften Erwartungen unternommen werden, um relevante Unterschiede aufzuzeigen. Zu den angeführten Zuschreibungen lassen sich wohl jeweils auch Gegenbeispiele und Ausnahmen finden, aber es geht hier mehr darum, grundsätzliche, etwas verallgemeinerte Gegensätze zu benennen, die für den ‘Normalfall’ Geltung beanspruchen, um die unterschiedlichen Positionen und Möglichkeiten von LiteratInnen und PolitologInnen klarzumachen. Literatur- und Wissenschaftsbetrieb haben beide bestimmten Regeln zu folgen, doch der Grad beziehungsweise die Qualität der Normierung ist in bestimmten Bereichen erheblich verschieden.

Der größte und in unserem Zusammenhang bedeutendste Unterschied liegt wohl darin, dass die Arbeitsweise von PolitologInnen bestimmten konventionellen Normen gehorcht - eben den Normen des wissenschaftlichen, genauer des sozialwissenschaftlichen Betriebes -, und dass in noch höherem Maße das Ergebnis dieser Arbeit, also meistens ein wissenschaftlicher Text, im Normalfall relativ streng vorgegebene Formkriterien erfüllen muss. Im Gegensatz dazu sind die Arbeitsweisen von SchriftstellerInnen und gerade die Ergebnisse ihrer künstlerischen Arbeit weit weniger durch im Voraus definierte Regeln bestimmt, als dies im wissenschaftlichen Betrieb der Fall ist. Würden alle literarischen Texte eine ziemlich einheitliche, genormte Form aufweisen und sich allein durch die behandelten Themen unterscheiden, wäre es mit der Literatur bald vorbei.

Wissenschaft beansprucht in einem gewissen Maße immer noch, objektiv und allgemeingültig zu sein, auch wenn die Objektivität - besonders in den Geistes- und auch in den Sozialwissenschaften - nun eigentlich Nachvollziehbarkeit und Nachprüfbarkeit oder auch nur eine gewisse, argumentativ begründete Plausibilität meint und die ‘Allgemeingültigkeit’ nur mehr eine relative sein kann, die sich jeweils auf einen bestimmten, genau festgelegten Rahmen bezieht.

Diesen Anspruch auf Objektivität und umfassende Gültigkeit hat Literatur nur in eher seltenen Fällen. Hier wird vor allem Subjektivität aufgezeigt, sei es nun die vermittelte der AutorInnen selbst oder die unmittelbar dargestellte ihrer literarischen Figuren. Durch die subjektive Darstellungsweise ergibt sich ein völlig anderer Blick auf das Beschriebene, der natürlich keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen kann. Literatur bleibt so im Gegensatz zum Bemühen der Wissenschaft fragmentarisch, präsentiert nicht das Ganze, sondern kleine Wirklichkeitsausschnitte, kann dafür aber detailreicher und realitätsnäher beschreiben.

Überdies erlaubt die andere Art des Ausdrucks auch einen anderen Zugang zum Dargestellten. PolitologInnen müssen sich notwendig durch einen bestimmten Grad an Abstraktion vom untersuchten Objekt entfernen, um es überhaupt erst ins analytische Blickfeld zu bekommen.[11] Durch die Abstraktion muss jedoch auf bestimmte Momente verzichtet werden (z.B. eben subjektive Aspekte oder vereinzelte Erscheinungen); die Analyse gewinnt zwar an objektiver, allgemeiner Aussagekraft, verliert jedoch bestimmte Inhalte. LiteratInnen können hingegen eine größtmögliche Nähe zum Dargestellten beibehalten und dadurch gerade das schildern und schließlich untersuchen helfen, was durch die wissenschaftliche, analytische Beschreibung ausgeklammert und vernachlässigt wird. So schreibt etwa der “Altmeister der DDR-Soziologie” (Haupt 1991, 92) Jürgen Kuczynski über die soziologische Bedeutung von Literatur:

Wenn man in hundert Jahren über die so großartig widerspruchsvolle Realität unseres sozialistischen Aufbaus [...] nachlesen will, dann wird man zu unseren Romanen dieser Zeit greifen, die wirklich die verschiedensten Züge des Lebens widerspiegeln [...], denn man wird nur relativ wenige gesellschaftswissenschaftliche Werke finden, die sich nicht in der Glätte der Abstraktion oder in samtiger Schönfärberei verlieren. (zit. n. Haupt 1991, 92; Auslassungen bei Haupt.)

Der entscheidende Punkt ist dabei - und das soll hier anhand von Wolfgang Hilbigs Werken noch gezeigt werden -, dass die literarische Darstellung etwas anderes leisten kann, als eine wissenschaftliche Untersuchung, dabei jedoch Einsichten ermöglicht, die von hohem sozialwissenschaftlichen Interesse sein können.[12] So kann Literatur die Beschreibung konkreter Auswirkungen von sozialen und politischen Dynamiken, wie etwa Herrschaftsverhältnissen, auf (ganz bestimmte) Individuen vermutlich besser und auf jeden Fall eindrücklicher leisten als die abstrahierende Verfahrensweise der (Politik-)Wissenschaft.[13]

Manfred Prisching fasst diesen alternativen Ansatz der Realitätsbeschreibung im Gegensatz zum gängigen wissenschaftlichen Arbeiten wie folgt zusammen:

[...] es geht um rationalistische Wissenschaftstheorie [oder] um wissenschaftlich-pluralistische Bescheidenheit [...]. Im ersten Fall wird unterstellt, dass (beispielsweise) ein kritischer Rationalismus mit seinen vernünftigen Prinzipien wissenschaftlicher Falsifikation und Bewährung der “privilegierte” Zugang zur Wirklichkeit sei, weil er Methoden verpflichtet sei, die eine höchstmögliche Entsprechung von Objekt und Beschreibung gewährleisten. Im zweiten Fall bleibt der harte Kern dieses Zugangs erhalten, aber es wird zugestanden, dass der wissenschaftliche Zugang nur einer von mehreren möglichen, vielleicht für das Leben der Menschen nicht einmal der wichtigste sei; Menschen leben aus ihrer Wahrheitserkenntnis, aber vor allem durch Liebe, Freundschaft, Gefühl, und auch Welterleben in diesen Dimensionen hat seine gleichberechtigte Funktion. (Prisching 2000, 33, Fußnote 6.)

Kornelia Hauser bringt den hier beschriebenen Unterschied zwischen Wissenschaft und Literatur prägnant auf den Punkt: “Die Stärke des literarischen Materials ist auch darin zu sehen, dass es zeigen kann, was es wissenschaftlich nicht weiß.” (Hauser 1994, 201.)

4. Literatur und Wirklichkeit

a) Literatur als Als-ob-Welt

Vor der konkreten Untersuchung am literarischen Material muss hier natürlich die Frage des Zusammenhangs zwischen Wirklichkeit und deren Beschreibung gestellt werden: Wie wird Realität, vermittelt durch die Wahrnehmung und Darstellung von LiteratInnen, in belletristischen Texten wiedergegeben? Mit welchen Kategorien und Begrifflichkeiten können WissenschaftlerInnen diese vermittelte Realität aufschlüsseln und in welcher Art und Weise die so gewonnenen Erkenntnisse erneut beschreiben?

In Anlehnung an Fredric Jameson lässt sich Literatur als eine narrativisierte Form von Realität verstehen. Wie Jameson feststellt, können historische und somit natürlich auch soziale Prozesse überhaupt nur in textualisierter, narrativisierter Form, allgemeiner gesagt also als beschreibend vermittelte Realität, erschlossen werden. Der Zugriff auf Realität mittels literarischer Texte kann demnach für die Sozialwissenschaften eine zusätzliche Erkenntnisquelle darstellen, die sich nicht prinzipiell, sondern nur in der Art der Beschreibung von anderen Textualisierungen unterscheidet.

Geschichte ist kein Text, keine Narration, weder als Schlüsselerzählung noch sonstwie, sondern sie ist uns als abwesende Ursache unzugänglich, es sei denn in textueller Form; somit erfolgt unser Zugang zur Geschichte und zum Realen selbst notwendigerweise mittels ihrer vorherigen Textualisierung, d.h. über Narrativisierung im politischen Unbewussten. (Jameson 1988, 29-30.)[14]

Diese Textualisierungen stellen keine kongruenten Nachbildungen der Realität dar - diese bleibt unzugängliche “abwesende Ursache” -, sondern sie sind Abbilder mit eigenen innertextuellen Wirklichkeiten. Andreas Dörner erfasst dieses Verhältnis mit dem Begriff der “Als-ob-Welten”, der beide Aspekte mit einschließt: die Abbildung von ‘tatsächlichen’, außertextuellen Realitäten und die autonome Wirklichkeitskonstruktion im - wie auch immer gearteten - Text (Dörner 2000, 58-59 u. 95).[15] Dörner bezieht die Als-ob-Welten vor allem auf Medien und Produkte der populären Massenunterhaltung, das Wesen der Unterhaltung ist für ihn durch diesen spezifischen Realitätsmodus bestimmt. Wie von Dörner selbst angedeutet (Dörner 2000, 59 u. 160; vgl. Dörner/Vogt 1994, 176-178), muss das Konzept der Als-ob-Welten jedoch nicht allein auf massenmediales Entertainment beschränkt bleiben, sondern kann auch auf die eher mit Ernsthaftigkeit konnotierte Belletristik angewendet werden.[16] Der Begriff der Als-ob-Welt erlaubt einen Umgang mit textuellen Wirklichkeiten als relativ autonomen Einheiten, die zu den vermittelten ‘externen’ Realitäten in Beziehung stehen, darüber hinaus aber im Simultionsmodus Alternativen zu diesen gewährleisten.

Als-ob-Welten bleiben dabei stets auf die Logik der Alltagswelt als “ausgezeichnete Wirklichkeit” [...] bezogen, haben aber einen anderen Erkenntnisstil. Sie sind (relativ) freigestellt von der Dringlichkeit des alltagsweltlichen pragmatischen Motivs, sind losgelöst von den raum-zeitlichen Regeln, denen unser Alltagsleben unterliegt, und sie bieten vor allem über die Identifikation eine Möglichkeit, ganz unterschiedliche Rollen und Erfahrungsräume durchzuspielen [...]. (Dörner 2000, 59.)

Eine wichtige Instanz fiktiver Als-ob-Welten auf Seiten der RezipientInnen ist die Möglichkeit der Identifikation mit den im Text dargestellten AkteurInnen. Die eigenständige Wirklichkeit eines literarischen Werkes gewährleistet also nicht bloß deskriptive Information, sondern ermöglicht über die Identifikation zusätzlichen Erfahrungsgewinn mit teilweise erlebnishaftem Charakter durch das Nachleben oder Ausprobieren verschiedener Situationen, die sich im Als-ob-Modus als Wirklichkeitsalternativen anbieten (vgl. Dörner 2000, 163).

Die fiktive Als-ob-Nachbildung der Wirklichkeit erlaubt zugleich auch ihren SchöpferInnen einen flexibleren Umgang mit den zu vermittelnden Realitäten. AutorInnen von Als-ob-Welten eröffnet sich durch die gegebenen Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Rahmen ein autonomer Bereich der Wirklichkeitserprobung; konkret hingewiesen sei hier auf die Möglichkeiten, Inhalte in einem besonderen experimentellen Feld darzustellen und bestimmte soziale Konstellationen durchzuspielen, weiters durch Selektion von bestimmten Wirklichkeitsausschnitten und Reduktion um als störend oder überflüssig erachteter Momente eine Konzentration des Beschriebenen zu erreichen, die größere Klarheit und wiederum Eindrücklichkeit gewährleisten kann.[17]

Die autonome Konstruktion (und eben nicht nur Rekonstruktion) von Wirklichkeiten[18] in den Als-ob-Welten literarischer Texte kann mit einem Gewinn an Stärke der vermittelten Eindrücke und mit einem besonderem Fokus auf das Dargestellte einhergehen. Das Abweichen von der wissenschaftlichen, objektiven ‘Gesamt-Wahrheit’ kann also einen Gewinn an spezifischen Inhalten bedeuten, die ich vor allem auf einer subjektiven Ebene erkennen möchte. In Wolfgang Hilbigs Romanen und Erzählungen besteht dieser - postulierte und folglich noch nachzuweisende - Gewinn wohl vor allem in der eindrücklichen Darstellung des Leidens der Individuen an den politischen und sozialen Verhältnissen, ihrer Verurteilung zum Außenseitertum und zur Bewegungslosigkeit, ihrer von den äußeren Umständen bedingten Unfähigkeit, aktiv und selbstbestimmt zu handeln.

Während Andreas Dörner die Als-ob-Welten in massenwirksamen Unterhaltungsmedien über quantitative Kriterien wiederum an die Resonanz darin vermittelter Politikbilder zurückbindet - er untersucht die Bedeutung politischer Modelle in kommerziell erfolgreichen Kinofilmen und Fernsehserien der USA (Dörner 2000) -, kann in dieser Arbeit einerseits nicht auf ähnlich gesicherte Rezeptionsdaten zurückgegriffen werden, vor allem aber sind Hilbigs Produktionsabsicht und die Rezeption seiner Werke nicht ohne weiteres mit denjenigen von Hollywoods FilmemacherInnen vergleichbar: Die möglichst populäre und breite Wirksamkeit der Unterhaltungsprodukte - für Dörners Vorhaben ein entscheidendes Kriterium (Dörner 2000, 165) - ist bei Hilbigs Literatur nicht gegeben. Hier soll also unter Berücksichtigung der genannten Eigenschaften und Möglichkeiten von Als-ob-Welten diejenige, die uns Wolfgang Hilbig in Das Provisorium bietet, in ihrer eigenständigen, politikwissenschaftlich verwertbaren Aussagekraft untersucht werden.

b) Soll und Ist. Die ideologische Wirklichkeit in der DDR

In Bezug auf die DDR scheint die Erforschung der sozialen Realität über Literatur in besonderem Maße gerechtfertigt zu sein. Das ganze Staatswesen war geprägt durch eine starke ideologische Normierung, die jedoch nur einen Soll-Zustand pries und den Ist-Zustand zu verdrängen versuchte. Was uns also durch offizielle Äußerungen, wissenschaftliche Arbeiten oder durch Massenmedien aus der DDR übermittelt wurde, unterliegt dieser starken Ideologisierung und Parteilichkeit und ist selbst maßgeblich beteiligt an der steten Reproduktion von bloß “simulierter Wirklichkeit”[19]. Als Realität erscheint ein starrer Sollzustand, der sich nach der schon im Voraus formulierten Ideologie zu richten hatte.

Das, was war, zu begreifen und kritisch aufzuheben, ist auch Aufgabe eingreifender Sozialwissenschaften. Und wenn - wie Hölderlin formulierte - das, was bleibt, die Dichter stiften, ist die soziologische Bearbeitung von belletristischer Literatur ein berechtigter und wichtiger Zugriff auf den Stoff “Wirklichkeit”; besonders dann, wenn die theoretische Selbstbeschreibung der Gesellschaft bloß als Ideologieproduktion zu verorten ist. (Hauser 1994, 12.)

Natürlich war auch die Literaturproduktion der DDR stark von diesen ideologischen Normierungen und in der Praxis von den Mechanismen der Zensur bestimmt. Trotzdem konnte mit Hilfe künstlerischer Mittel der Darstellung die Zensur teilweise umgangen oder überlistet werden. LiteratInnen schafften es immer wieder, prekäre Ist-Zustände aufzuzeigen, leise zwischen den Zeilen oder auch ganz konkret Kritik an System und Ideologie zu üben. Manche SchriftstellerInnen konnten sich einen derart populären und wichtigen Status erschreiben, dass die Zensurbehörden und die Verlage sich nicht erlauben konnten, alle Manuskripte zurückzuweisen. Überdies stand vielen AutorInnen die Möglichkeit offen, in der DDR zurückgewiesene Werke im Westen zu publizieren, und über diesen Umweg konnten die Bücher wieder die LeserInnenschaft in der DDR erreichen.

Durch diese Möglichkeiten erlangte die DDR-Literatur den Status einer “Ersatzöffentlichkeit”, die teilweise Aufgaben der Massenmedien übernahm.[20] In der Literatur konnte sich eher das abspielen, was man als eine kritische Öffentlichkeit im staatlich gelenkten Rundfunk und in der Presse vermisste.[21]

Selbstverständlich beanspruchte der Staat aber auch, die Fähigkeiten der SchriftstellerInnen in seine Dienste zu nehmen. Der künstlerischen Literatur wurde ein großer Stellenwert bei der Erziehung und Vorbereitung des Volkes für die zukünftige sozialistische Gesellschaft beigemessen, und die Arbeiten der so instrumentalisierten LiteratInnen wurden mit dieser offiziell verankerten Zielsetzung vor Augen (um)geschrieben. Kornelia Hauser plädiert deshalb dafür, Literatur aus der DDR als “zwischen der Alltagswirklichkeit und staatlicher Ideologieproduktion angesiedelt” (Hauser 1994, 14) zu sehen .[22]

Literatur setzt sich implizit oder explizit mit sozialen Mächten auseinander, in denen Wirklichkeit (oder, wie ich für die DDR herausarbeite, simulierte Wirklichkeiten) verkörpert werden. Insofern besteht zum einen die Hoffnung, durch die Literatur Wissen über die reale Wirklichkeit zu gewinnen, zum anderen über die ideologische (simulierte) Wirklichkeit bzw. die in den jeweiligen gesellschaftlichen Bereichen gewonnenen Mischungsverhältnisse beider Wirklichkeitsebenen, die in Kompromissformen erlebt werden. Die literarischen Texte werden als Dokumente behandelt, die gesellschaftliche Referenten, gesellschaftliche Mächte denotieren. (Hauser 1994, 205.)

Angesichts dieser besonderen Bedingungen kann davon ausgegangen werden, dass gerade in DDR-Literatur bzw. auch in den Texten ostdeutscher SchriftstellerInnen, deren Lebens- und Schreiberfahrungen maßgeblich von der DDR geprägt wurden, viel an Realitätsbeschreibung und Analyse der Gesellschaft einfließt, also ein Mehr an Wirklichkeitsbezug vorhanden ist - auch wenn die Form dieses Bezugs ganz und gar nicht eindeutig ist.[23] Es gibt also guten Grund anzunehmen, dass eine Literatur, die von ihrer Rolle als Ersatzöffentlichkeit im Umfeld einer simulierten Wirklichkeit maßgeblich geprägt wurde, als Material für eine Untersuchung, wie sie hier versucht wird, besonders ergiebig sein könnte.

Wolfgang Hilbigs Werke lassen sich allerdings von Begriffen wie DDR-Literatur[24] oder gerade auch Ersatzöffentlichkeit nur schwer vereinnahmen. Hilbig - und ebenso die nächste Generation jüngerer AutorInnen[25] - reagierte auf diesen doppelten Anspruch an die Literatur (erzieherische Aufgabe für den Staat und kritische Öffentlichkeit) mit einer Art autonomer Verweigerungshaltung, einem sprachlichen Rückzug ins Poetische und einer thematischen Isolation[26] beim gleichzeitigen Versuch, nicht in die übliche, durch Privilegierung erkaufte Abhängigkeit vom Staat zu geraten. Diesem Gestus einer von der DDR enttäuschten und desillusionierten Generation von LiteratInnen, die im Gegensatz zu den älteren VertreterInnen der so genannten Ankunftsgeneration (vgl. Emmerich 2000, 145-146) nicht an eine positive Veränderung des real existierenden Sozialismus glaubte[27], wurde - teilweise auch von der westlichen Kritik - mit Vorwürfen begegnet (Belanglosigkeit und politische Irrelevanz, manieristische Verspieltheit, Stichwort: ‘Glasperlenspiele’). Natürlich ist aber diese Haltung in ihrer Verweigerung eine politische Position, die in Reaktion auf die spezifischen Bedingungen der DDR, eben in Opposition dazu entstanden ist. Auch Wolfgang Hilbigs Schreiben kann daher als maßgeblich von den besonderen Bedingungen in der DDR beeinflusst gelten, und wir können vermuten, dass in die genannte isolierte Form der Literatur gleichfalls sensible, kritische Wahrnehmung der Wirklichkeit vermehrt Eingang gefunden hat.

5. Zur Frage der Methode

Nach der Erläuterung der Zielsetzung und der Abklärung des theoretischen Rahmens der Untersuchung stellt sich nun die Frage der konkreten methodischen Vorgangsweise. Hier hat sich schon aus eigener Erfahrung bei der Behandlung literarischer Texte in einem politikwissenschaftlichen Kontext der Eindruck eingestellt, dass sich eine allgemeingültige Methode für diesen Ansatz nur schwer erarbeiten lässt. Auch die zu Rate gezogene Sekundärliteratur[28] bestärkte mich schließlich in meiner Ansicht, dass die konkrete Arbeitsweise sich erst in Konfrontation mit den zu untersuchenden Texten ergeben kann. Strengen methodologischen Anforderungen im Sinne einer noch vor dem Kontakt mit dem Forschungsmaterial genau festgelegten Vorgangsweise kann hier kaum entsprochen werden, und ich möchte mich daher der Feststellung von Kornelia Hauser anschließen:

Meine Fragen an die Literatur waren von den Lesweisen selbst gezeichnet. Forschungs- und Darstellungsprozess waren auseinandergerissen; die Methode ist insofern “unrein”, als sie nicht erdacht, begründet und dann angewendet wurde, sondern die Anwendung zum Teil ihre Begründung ausmacht und die Analyse der Texte erst die Methode, als durch das Material aufgezwungen und als tatsächlich unterstellter theoretischer Zusammenhang von “Einzelfall” und generalisierender Aussage, freilegte. (Hauser 1994, 33.)[29]

Das bedeutet, dass die ‘Methode’ nur eine situative sein kann, die sich mit Augenmerk auf die gewählte Fragestellung vorrangig nach den Bedingungen und Vorgaben der vom untersuchten Material gebotenen Textrealität richten muss - nach inhaltlichen, aber auch nach formalen Kriterien. Die Vorgangsweise wird im Analyseprozess selbst entwickelt und wohl auch verändert und kann erst im Nachhinein vollständig beschrieben werden.

In diesem Zusammenhang gilt es selbstverständlich auch, ästhetische Kriterien zu berücksichtigen. Literarische Texte werden durch eine politikwissenschaftlich ausgerichtete Leseweise, wie sie hier versucht wird, natürlich nicht ausschließlich auf eine einzige Bedeutungsdimension reduziert. Der soziale, im weitesten Sinne politische Gehalt, der in dieser Arbeit besonders interessiert und deshalb gegenüber dem künstlerischen Aspekt hervorgehoben wird, besteht immer neben und in Zusammenhang mit den literarischen, künstlerischen Qualitäten der Texte. In eine literaturwissenschaftliche Untersuchung spielt immer auch politisches und soziologisches Wissen hinein, ohne dass dies eigens ausgewiesen würde[30], während eine politikwissenschaftlich ausgerichtete Lektüre belletristischer Texte zwar ästhetische Kriterien mit berücksichtigen, jedoch in der analytischen Beschreibung notwendig den künstlerischen Aspekt der Texte eher vernachlässigen wird[31].

Werden literarische Texte als Aussagen ernst genommen und zurückgebunden an die gesellschaftliche Formation, in ihren je besonderen ideologischen und historischen Denkformen, können sie zum sozialwissenschaftlichen Material werden, ohne dass ihre literarische Autonomie in Frage gestellt wird. Der Doppelcharakter der Texte durchzieht ihre Bearbeitung als Problem [...]. Der literarische Text wird in dieser Arbeit [...] als konkrete Reflexion von Wirklichkeit gefasst. (Hauser 1994, 175; vgl. auch 181.)

Der theoretische Zugang, die Idee des Ansatzes wurde abgesteckt, das Erkenntnisinteresse, künstlerische Literatur als sozialwissenschaftliches Material auszuwerten, steht fest. Die ‘Methode’, um dieses Ziel zu erreichen, wurde erst in der Konfrontation mit den literarischen Texten erarbeitet. Rückblickend sei hier also meine Vorgangsweise geschildert: Diese bestand zunächst - und damit ist wohl auch schon der wichtigste Punkt genannt - in einem aufmerksamen Leseprozess, in welchem versucht wurde, die Textwirklichkeit einerseits inhaltlich zu erfassen (was wird gesagt, konkreter Inhalt, Thematik), sie andererseits aber auch wirken zu lassen (wie wird es gesagt, Atmosphäre, Stimmungen). Die weitere Analyse orientierte sich an zentralen Schwerpunkten, die in der Textwirklichkeit selbst ausgemacht wurden.[32] Diese Schwerpunkte, ihre Darstellung im Text und die daraus sich ergebenden Schlussfolgerungen in der Textanalyse wurden schließlich mit der sozialwissenschaftlichen Forschungslage und Ergebnissen politikwissenschaftlicher Untersuchungen in Verbindung gesetzt: mit der bundesdeutschen DDR-Forschung vor 1989 und ihrer (selbst)kritischen Aufarbeitung in den 90er Jahren sowie mit aktuellen Untersuchungen der Transformationsforschung.

Ich habe versucht, in dieser Arbeit häufig auch das literarische Material, also Textausschnitte aus Wolfgang Hilbigs Roman, selbst sprechen zu lassen, was ausführliches Zitieren praktisch unvermeidbar macht. Literaturwissenschaftliche Sekundärliteratur wurde für die politikwissenschaftlich ausgerichtete Untersuchung lediglich als eine zusätzliche Informationsquelle, sozusagen als Hintergrundwissen, mit einbezogen.[33]

II. Wolfgang Hilbig als Politologe

1. Biografie und Werk

Nach Kenntnis der Biografie und der Texte Wolfgang Hilbigs - insbesondere des Romans Das Provisorium, in dem manche KritikerInnen eine nur dürftig kaschierte Autobiografie erkennen[34] - ist natürlich die Möglichkeit gegeben, seine Werke nur mehr autobiografisch lesen zu wollen, Hilbigs Hauptfiguren mit dem Autor selbst zu verwechseln und etwa gar mit voyeuristischem Blick auf intime Enthüllungen zu hoffen. Freilich steht außer Frage, dass seine literarischen Texte häufig starke autobiografische Züge tragen, eine Gleichsetzung von Kunstfiguren mit ihrem Schöpfer kann aber trotzdem problematisch sein.[35]

Hier sollen zwar aus den behandelten Texten keine privaten Details über das Leben Wolfgang Hilbigs zu Tage gefördert, sondern allgemeinere Erkenntnisse von sozialer und politischer Relevanz gewonnen werden; dass jedoch in die literarischen Werke Hilbigs offensichtlich viel an eigener Lebenserfahrung eingeflossen ist, kann diese für den hier verfolgten Ansatz nur noch geeigneter erscheinen lassen. Auch das Leben des Schriftstellers und dessen künstlerische Verarbeitung kann als ein besonderer Zugang zu sozialen Wirklichkeiten und somit als politikwissenschaftlich verwertbares Material aufgefasst werden.

Wolfgang Hilbigs bisheriger Lebenslauf wird hier deshalb in der gebotenen Kürze zusammengefasst, da er als ein weiteres Indiz für seine Kompetenz und Sensibilität bei der Beschreibung subjektiver Auswirkungen von Machtverhältnissen gelten kann.[36] Was uns in seinen Werken begegnet, wird häufig tatsächlich auf selbst Durchlebtem und Gefühltem beruhen; die eigene Erfahrung erklärt und ermöglicht wohl erst die Eindringlichkeit und auch die Wahrhaftigkeit des Geschilderten.

Wolfgang Hilbig wird 1941 in Meuselwitz im sächsischen Braunkohlenrevier geboren.[37] Seine Mutter ist als Verkäuferin berufstätig, der Vater wird bei Stalingrad vermisst. Er wächst daher vorwiegend bei den Eltern seiner Mutter auf. Der Großvater ist Bergarbeiter polnischer Herkunft, sein Analphabetismus befremdet den jungen Hilbig, der sich auf jede verfügbare Lektüre stürzt, da er seine Zeit häufig alleine verbringen muss. Nach der Volksschule erfolgt in einer dreijährigen Lehrzeit die Ausbildung zum Bohrwerksdreher. Nach dem Militärdienst arbeitet Hilbig in verschiedenen Berufen in der Industrie (Werkzeugmacher, Hilfsschlosser, Außenmonteur), zuletzt ist er mehrere Jahre als Heizer tätig. Neben der Brotarbeit schreibt er schon seit jungen Jahren und wird 1964 von seinem Betrieb in einen “Zirkel schreibender Arbeiter” delegiert.

Durch erste Erfolge als Autor Ende der 70er Jahre wird es ihm möglich, sich aus der Arbeit in der Industrie zurückzuziehen; seit 1980 lebt Hilbig als freier Schriftsteller in Leipzig und Ostberlin. In Zusammenhang mit seiner ersten Buchveröffentlichung bei einem westdeutschen Verlag gelangt er 1978 mehrere Wochen in Untersuchungshaft (vorgeblich wegen “Rowdytum”) und wird nach Erscheinen des Buches im Westen aufgrund eines Devisenvergehens zu einer Geldstrafe verurteilt.

1985 erfolgt der Wechsel in die BRD: Hilbig erhält ein einjähriges Visum für die Bundesrepublik, kehrt erst im Laufe des Jahres 1987 in die DDR zurück, das Visum wird ihm nochmals verlängert. Nach wiederholtem Wechsel des Wohnortes (Hanau, Nürnberg, Edenkoben) lebt Hilbig seit 1994 wieder in Berlin.

Wolfgang Hilbig ist spätestens seit den 60er Jahren schriftstellerisch tätig. Erste Veröffentlichungen von Gedichten erfolgen in inoffiziellen Literaturzeitschriften, die erste selbständige Veröffentlichung ist der Gedichtband abwesenheit, 1979 bei S. Fischer in Frankfurt am Main erschienen. Seither wurden publiziert: weitere Gedichtbände (die versprengung, Bilder vom Erzählen); drei Romane: Eine Übertragung (1989), der viel beachtete Stasi-Roman “Ich” (1993) und Das Provisorium (2000); zahlreiche Erzählungen, darunter Die Angst vor Beethoven, Die Weiber, Alte Abdeckerei und Die Kunde von den Bäumen.

[...]


[1] An dieser Stelle sei noch darauf verwiesen, dass wörtliche Zitate aus der benutzten Sekundärliteratur sowie Auszüge aus der Primärliteratur einheitlich nach den Regeln der neuen Rechtschreibung wiedergegeben werden. Weitere von mir vorgenommene Veränderungen der Zitate stehen ausschließlich in eckigen Klammern, etwa “[...]” für Auslassungen, “[-]” für einen nicht als solchen wiedergegebenen Absatz. Hervorhebungen folgen in der Regel dem Originaltext und sind daher nicht nochmals als solche ausgewiesen. Für drei wichtige Werke Wolfgang Hilbigs werden folgende Kürzel verwendet: Pr für Das Provisorium (Hilbig 2000), Ich für “Ich” (Hilbig 1995b) undüfür Eine Übertragung (Hilbig 1989).

[2] Ekkehart Krippendorff versucht nicht ohne Grund, künstlerische Literatur für die Politikwissenschaft nutzbar zu machen: “Anderswo, etwa in Kunst und Literatur, wurde nämlich oft intensiver, differenzierter und subtiler über das Machtproblem als Hauptthema des Politischen nachgedacht als in den dafür ‘zuständigen’ wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere der Politikwissenschaft. Und vor allem: mit größerem ‘Erfolg’: mit schärferem, durch methodologische Beschränkungen weniger verstelltem Blick.” (Krippendorff 1990, 8.)

[3] Bei der Verwendung des Begriffes “Literatur” in dieser Arbeit lehne ich mich an eine Definition Werner Rossades an: “Der Begriff ‘künstlerische Literatur’ steht für Geschriebenes, das im Unterschied zu wissenschaftlichen, journalistischen und anderen geschriebenen Texten dem Bereich der Kunst zurechenbar ist, als ‘Sprachkunst’ oder ‘Wortkunst’, wofür sonst der inzwischen leicht antiquierte Begriff ‘Dichtung’ oder der heutigem deutschen Sprachgebrauch nach eher abwertende ‘Belletristik’ steht, auch ‘schöngeistige Literatur’ und womöglich ‘Schöne Literatur’ [...].” (Rossade 1982, 1.) Die im Folgenden gleichbedeutend verwendeten Ausdrücke Literatur, künstlerische Literatur, Belletristik oder Ähnliches beziehen sich also auf diese Begriffsbestimmung.

[4] Die wichtigsten Werke, auf die ich mich hier stütze: Hanke 1987, Haupt 1991, Hauser 1994 und Rossade 1982.

[5] Vgl. z.B. Kornelia Hauser, die “[...] gesellschaftlich bedingte literarische Texte voraussetzt, in die sich kollektive und individuelle Interessen und Absichten eingeschrieben haben.” (Hauser 1994, 176.) Auch Werner Rossade setzt die soziale Relevanz literarischer Texte als unbezweifelbar voraus: “Was sie [die vorliegende Untersuchung] voraussetzt, ist der gesellschaftliche Bezug künstlerischer Literatur, der indes heute wohl von niemandem ernsthaft bestritten wird.” (Rossade 1982, 3.)

[6] So etwa im Falle der systemkritischen Literatur aus der DDR: “Jene Literatur, die lange zensiert gewesen war, weil sie als ‘gefährlich’ gegolten hatte, verlor einen Gutteil ihrer Bedeutung mit eben diesem Status der Gefährlichkeit - der Stellenwert dieser Bücher passt sich gewissermaßen jener Bedeutung an, die der bestehende machtpolitische Organismus ihr selbst zuordnet. Dies ist ein ‘struktureller Zusammenhang’ zwischen Literatur und Politik, der - gerade aufgrund der politischen Wende in der DDR vom November 1989 - an diesem gesellschaftlichen System paradigmatisch erörtert werden kann.” (Haupt 1991, 11.)

[7] Vgl. dazu im Nachwort: In literarischen Aussagen wird “[...] Realität doch nicht nur abgebildet, sondern auch gedeutet. Abbildung und Deutung liegen dabei vielfach auf sehr unterschiedlichen Niveaus literarischer Erkenntnis, die in der vorliegenden Untersuchung auf eine gemeinsame Ebene dargestellter Realität herunternivelliert werden.” (Hanke 1987, 315.)

[8] Siehe z.B. Wichard Woyke, der in einem einführenden Text über die Untersuchungsgegenstände der Politikwissenschaft zusammenfassend feststellt: “Zu den konventionellen Themenfeldern des Faches zählen immer noch die politische Soziologie, die Analyse des Regierungssystems und der internationalen Beziehungen. Weniger Berücksichtigung finden traditionell wichtige Gebiete wie Verbände, Parteien, Wahlen und Außenpolitik.” (Woyke 1992, 68.)

[9] “Ein enger auf Institutionen und kompetitive Eliten des politischen Systems gerichteter, letztlich darauf beschränkter Politikbegriff bietet prinzipiell keine konzeptionelle Grundlage, um die gesellschaftliche Positionierung der Geschlechter zu analysieren.” (Rosenberger 1999, 60.)

[10] Auch die zweite von Manfred Prisching angebotene Möglichkeit, um Literatur als ergänzendes oder alternatives Material für wissenschaftliche Untersuchungen verwenden zu können, wird hier präsent gehalten: “Zweitens können wir die Unterschiedlichkeit der Zugangsweisen von literarischer und sozialwissenschaftlicher Darstellung wahren, ohne danach zu trachten, lange über die Adäquatheit von Zugangsweisen zu diskutieren. Aber wir können aus ‘Neugier’ versuchen, Parallelitäten und Differenzen festzustellen, also die Korrektheit der jeweiligen Beschreibungen abzutasten. In diesem Falle steht weder das ‘Wahrheitskriterium’ der Wissenschaft noch jenes der Literatur zur Diskussion, sondern es wird die belletristische Literatur als ‘erweiternder’ Zugang zur Realität verstanden, ohne lange über Superioritäten zu streiten.” (Prisching 2000, 33.)

[11] Hauser 1994, 174: “Realismus in der Literatur ist beschreibbar als Denken der Wirklichkeit im Unterschied zum Denken über Wirklichkeit, das eher den kritischen Wissenschaften zugeschrieben werden muss.”

[12] Vgl. dazu auch den teilweise ähnlich ausgerichteten Ansatz der Diplomarbeit von Friederike Rumschöttel. (Rumschöttel 2001, insbesondere 10.)

[13] Zu berücksichtigen wäre als spezieller Fall die Möglichkeit von nicht standardisierten, qualitativ interpretierten Interviews in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Auch hier wären die Darstellung emotioneller Elemente und ein Fokus auf subjektive Faktoren und Auswirkungen denkbar. Erst die vermittelnde, kommentierende und analysierende Stimme der WissenschaftlerInnen aber bringt die Interviews in eine wissenschaftlich akzeptable, genormte Form. In dieser Hinsicht verfährt die vorliegende Untersuchung mit Wolfgang Hilbigs Texten natürlich ganz ähnlich. Es kann also nicht darum gehen, literarischen Texten den Vorzug vor Interviews oder anderen gängigen Erhebungsinstrumenten der Sozialwissenschaften zu geben, sondern es soll hier auf die eher stiefmütterliche Behandlung von Belletristik in der Politikwissenschaft hingewiesen und Literatur als aufschlussreiches Material, als wertvolle Quelle für die Sozialwissenschaften gezeigt werden.

[14] Johannes Haupt greift auf ein ähnliches Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit zurück wenn er (mit Verweis auf Heinrich Mohr) die ursprüngliche Gleichsetzung von zwei Möglichkeiten der Narrativisierung von Realität, Dichtung und Geschichtsschreibung, in Erinnerung ruft: “[...] Heinrich Mohr [weist] zurecht darauf hin, dass literarische Fiktion und Bericht von Wirklichem ursprünglich identisch waren. Erst vorsokratische Philosophen trennten die ‘dichterische Erfindung’ von der eigentlichen Geschichtsschreibung, der ‘Beschreibung auf Grund von Erfahrung’, wie die sinngemäße Übersetzung der ‘Historie’ lautet. [...] Stefan Heym beispielsweise geht gar davon aus, dass Literatur ohne Zeitgeschichte ‘nicht denkbar’ sei, dass sie letztlich nichts anderes sei als ‘gestaltete Geschichte der Zeit, in welche der Autor hineingeboren wurde’.” (Haupt 1991, 16-17.)

[15] Beispiele für solche Texte der Als-ob-Welt sind fiktionale Narrationen (Roman, Spielfilm, Fernsehserie) oder auch durch bestimmte Regeln geschaffene Spielwelten (Sport, Quiz, Game-Show). (Dörner 2000, 59.)

[16] Diese pauschal zugewiesene Ernsthaftigkeit ließe sich natürlich als die spezifische Unterhaltungsqualität künstlerischer Literatur fassen - ganz abgesehen davon, dass ‘hohe Literatur’ ja auch sehr lustig sein kann. Hinter solchen Unterscheidungen steht die hierzulande immer noch gebräuchliche Trennung von so genannter E- und U-Kultur, die mit fragwürdigen Wertungen einhergeht. In der langen Tradition politisch relevanter Als-ob-Welten hat Literatur allerdings im Vergleich zu den ungemein präsenteren Massenmedien Film und Fernsehen hinsichtlich Breitenwirkung unbestreitbar verloren: “Die antike Tragödie stellte für die attische Demokratie ein wichtiges Forum kollektiver politischer Reflexion dar [...]. Die großen Epen, die in der Regel vorgelesen und somit ebenfalls kollektiv rezipiert wurden, boten für die ständische Ordnung des hohen Mittelalters ein wichtiges, didaktisch ausgerichtetes Repräsentations- und Reflexionsmedium [...]. Im 20. Jahrhundert haben Theater und Epik freilich den Medien Film und Fernsehen das Feld überlassen.” (Dörner 2000, 163.)

[17] Dörner betont die politische Relevanz der Reduktion: “[...] Als-ob-Welten [sind] in der Regel durch eine reduzierte Komplexität gekennzeichnet und somit besonders orientierungsfreundlich. Diese Orientierungsfreundlichkeit aber macht das Unterhaltende wiederum politisch bedeutsam: Politikbilder, Deutungsmuster, Wahrnehmungsfolien der Unterhaltungskultur sind deshalb ein so wichtiges Moment von politischer Kultur, weil sie Mediennutzern in angenehmen, entspannten und von Alltagslasten befreiten Situationen eingängige Materialien zur Wahrnehmung, Deutung und Sinngebung von politischer Realität vermitteln.” (Dörner 2000, 59.)

[18] vgl. Hauser 1994, 200: “Literarische Texte oszillieren zwischen Realitätsbeschreibung und der Herstellung von Wirklichkeit.” Hanke 1987, 315: “Erfundene Realitäten also werden da präsentiert - aber eben solche, die sich mit vorgefundener Wirklichkeit auseinandersetzen, als Abbildung von Alltag und als Deutung von Alltag, die in dieser Gesellschaft entstand.”

[19] Der Begriff der “simulierten Wirklichkeit” spielt in einigen der genannten Untersuchungen eine zentrale Rolle (vgl. z.B. Hauser, 15-16). Auch in Wolfgang Hilbigs Werken stellt die Simulation von Wirklichkeit ein wichtiges Thema dar (vgl. dazu Welzel 1998, 86 u. 92). Besonders in “Ich”, sozusagen Hilbigs Stasi-Roman, hat die Realität fiktiven Charakter; die Hauptfigur ruft es aus: “Welch eine Simulation war doch diese Wirklichkeit!” (Ich, 56; vgl. auch Jung 1994, 42; Wehdeking 2000b, 50-51.)

[20] Zur Rolle der Literatur als “Ersatzöffentlichkeit” vgl. besonders Haupt 1991, 16 u. 76-78.

[21] Johannes Haupt fasst zusammen: “Literatur übernahm in der DDR nicht-fiktionale, außerliterarische Funktionen des Journalismus, schuf auf diese Weise eine kritische Öffentlichkeit, die in den Pressemedien undenkbar war. Und: Die DDR-Autoren wussten um diesen Vorsprung gegenüber den Journalisten, sie persiflierten diesen Zustand auf ironische, manchmal bittere Weise in vielerlei Werken.” (Haupt 1991, 85.)

[22] Hauser schreibt weiter: “Gegen meinen ursprünglichen Plan erhielt in den Umbruchsprozessen 1989 und 1990 für mich die Literatur zunehmend den Stellenwert von einem - subjektiven - Mehr an Wirklichkeitsbeschreibung und -durchdringung. Ihre Sprache war gegen die offizielle Sprachdoktrin mit ihren Parolen und Maßgaben gerichtet; sie suchte das Lebendige gegen das Starre und Bewegungslose zu setzen, sie bemühte sich um Bewegung von Themen und Kritik.” (Hauser 1994, 14-15.)

[23] “Der Frage: was lässt sich abbilden, geht allerdings die Frage: was lässt sich wahrnehmen, voraus. Literatur beschreibt Bilder der Wirklichkeit. Sie reflektiert insofern zumindest den Erfahrungshorizont des Schriftstellers - den persönlich-beruflichen wie den der ‘Zeitgenossenschaft’ auch im politischen Sinne.” (Hanke 1987, 130.)

[24] Wolfgang Hilbigs Werke - auch die vor der Wende oder vor seiner Ausreise in den Westen entstandenen - sind nicht ohne weiteres der DDR-Literatur zuzuordnen. Hilbig gehört in einem zweifachen Sinn nicht dazu: Erstens nahm er am Literatur betrieb der DDR nicht teil (keine Veröffentlichungen in DDR-Verlagen) und hatte sich auch ganz bewusst von den Mechanismen der dortigen Kulturpolitik losgesagt (vgl. Endler 1992, 321-322). (Adolf Endler zitiert hier auch aus einem Brief Hilbigs an den Stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke vom Jahr 1981, in welchem Hilbig gegen Kontrolle und Zensur protestiert.) Und zweitens können aus künstlerischen, ästhetischen Gründen Hilbigs Texte vom Begriff ‘DDR-Literatur’, wie er in der westlich geprägten Literaturwissenschaft verwendet wurde, kaum vereinnahmt werden, z.B. aufgrund Hilbigs Rezeption und literarischer Verarbeitung der Moderne oder wegen seiner “ganz eigenen Sprache [...], die die DDR-Lyrik sonst nicht kennt” (Emmerich 2000, 389).

[25] Die so genannten AutorInnen vom Prenzlauer Berg. Die Zuordnung zum Prenzlauer Berg ist natürlich auch eine Pauschalisierung. Uwe Kolbe meint, dass all jene AutorInnen, “auf deren Schreibweise das Etikett DDR nicht zu kleben war” (Kolbe 1994, 10), von der Kritik zum Prenzlauer Berg gezählt wurden.

[26] Das äußert sich bei Hilbig einerseits in seiner zum Teil sehr lyrischen Prosa und andererseits durch die Einengung des erzählerischen Blickwinkels und die Konzentration auf eine einzige Hauptfigur.

[27] Hilbig beschreibt diese Haltung der älteren etablierten DDR-LiteratInnen in Das Provisorium mit dem Begriff der “kritischen Solidarität”, die offenbar besonders vom Westen gefordert wurde. (vgl. Pr, 127-128.)

[28] Hier sei vor allem auf Kornelia Hauser (Hauser 1994) und Werner Rossade (Rossade 1982) verwiesen.

[29] Ganz ähnlich Werner Rossade, dessen ‘Methode’ im Wesentlichen darin besteht, dass bei ihm die Untersuchung selbst “topisch” vorgeht, “[...] in dem Sinne, dass sie weniger mit deduktiv-systematischen Ableitungen nach einem vorausgestellten axiomatischen Schema arbeitet als mit elastischen heuristischen Kategorien, die aus dem Stoff und seinen Beschaffenheiten selbst gewonnen werden und die der Spezifik künstlerisch-literarischer Texte - im Vergleich zu wissenschaftlichen etc. - möglicherweise besonders angemessen sind.” (Rossade 1982, 35.)

[30] “Der Unterschied von literatur- sozialwissenschaftlicher Betrachtungsweise liegt praktisch nur in der bezeichneten unterschiedlichen Akzentuierung, ohne dass zwischen beiden eine starre Grenze bestünde.” (Werner Rossade 1982, 2.)

[31] “Wir wollen festhalten, dass der Versuch, Kunstwerke als Quellenmaterial für historisch-gesellschaftliche Vorgänge zu nehmen, dem ästhetischen Gegenstand nicht zur Gänze gerecht wird. Es bleibt die Funktion von Kunsttheoretikern und Literaturwissenschaftlern, formale, stilistische und interpretative Analysen vorzunehmen, unangetastet. Aber Kunstwerke sind ein Teil der Gesamtkultur einer Gesellschaft, sie steht in Wechselwirkung mit Religion, Politik, Wissenschaft und anderen Teilbereichen. Es bleibt die Vielfalt der Zugänge reizvoll: Man kann ein Kunstwerk genauso gut als autonomes Produkt wie als gesellschaftlich geprägtes Element betrachten, und jede Zugangsweise wird neue Erkenntnisse bescheren.” (Prisching 2000, 32, Fußnote 3.)

[32] Auch hierin möchte ich mich an die Vorgangsweise von Kornelia Hauser halten: “Wenn ich den Texten eigene Fragestellungen aufzwinge, entsteht das Problem, dass sie bloß zum Beweismaterial des eigenen ‘Systems’ degradiert werden könnten. Um diese Falle zu vermeiden, wird - soweit dies möglich ist - wie bei einem narrativen Interview mit Leitfaden dem Material ‘zugehört’ und der Versuch der Herstellung eines Zusammenhangs innerhalb des Materials gesucht.” (Hauser, 175.) Zu einem weiteren wichtigen methodischen Problem, nämlich der Rückführung der im literarischen Text abgebildeten Realität in eine wissenschaftlichen Form, vgl. Hauser 1994, 176-177.

[33] Auch Ekkehart Krippendorff kann sich aufgrund seines Erkenntnisinteresses und seiner Fragestellung an die Texte kaum auf (literaturwissenschaftliche) Sekundärliteratur berufen, und versucht also vor allem die Texte selbst “zum Sprechen zu bringen” (Krippendorff 1990, 11).

[34] Der autobiografische Hintergrund der Romanhandlung ist offensichtlich, wie sich auch im Vergleich des hier gebotenen Lebenslaufes mit der noch folgenden Inhaltsangabe von Das Provisorium erkennen lässt.

[35] Jan Faktor etwa identifiziert die Hauptfigur in “Ich” weitgehend mit dem Autor und liest den Text überdies psychologisch. Ergebnis dieser Interpretation ist, dass Faktor in dem Roman einen einzigen, verzweifelten Aufschrei des Autors nach Geborgenheit und Aufnahme in die soziale Gemeinschaft erkennen will. (Faktor 1994, 75-79.) Wolfgang Hilbig sagt zu diesem Problem in einem Interview: “Wenn man Ich-Erzählungen schreibt, wie ich es früher meistens tat, wird man dauernd mit der Figur verwechselt. Es kann ein Marsmensch sein, der in der Ich-Form erzählt: Trotzdem wird der Autor mit ihm gleichgesetzt.” (Böttiger online.)

[36] Aus demselben Grund greift auch Ekkehart Krippendorff in seinen politikwissenschaftlichen Analysen von Literatur teilweise auf die Biografien der behandelten Autoren zurück, so etwa bei Jaroslav Haðek (Krippendorff 1990, 103-106) oder bei Balzac (vgl. Krippendorff 1990, 50-70).

[37] Zu den biografischen Angaben vgl. Hilbig 1994a, 11-13; Beckermann 1994, 93-113; Heß online.

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Das Provisorium. Wolfgang Hilbigs Roman als sozialwissenschaftliches Material
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Politikwissenschaft, Wien)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
109
Katalognummer
V7189
ISBN (eBook)
9783638145237
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfgang Hilbig, Politik und Literatur, Literatur und Politikwissenschaft, DDR, BRD, sozialwissenschaftliches Material
Arbeit zitieren
Arno Raffeiner (Autor), 2002, Das Provisorium. Wolfgang Hilbigs Roman als sozialwissenschaftliches Material, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7189

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