Diplomatische Beziehungen zwischen den österreichischen Habsburgern und der Hohen Pforte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Verteilung der außenpolitischen und diplomatischen Kompetenzen innerhalb der kaiserlichen Administration

3. Ständige und nichtständige Gesandte an der Hohen Pforte
3.1. Die nichtständigen Gesandtschaften
3.2. Die ständigen Gesandten
3.3. Die Stellung der Gesandten unter „völkerrechtlichem“ Aspekt

4. Die Grenzdiplomatie

5. Die osmanische Diplomatie in Wien

6. Dolmetscher und nachrichtendienstliche Tätigkeiten

7. Bedeutung der diplomatischen Beziehungen

8. Resumée

9. Quellenverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit wird im Allgemeinen mit der Entstehung eines europäischen Staatensystems in Verbindung gebracht. Die damit zusammenhängende „starke Intensivierung der Kontakte zwischen den Mächten“[1] führte auch in der Diplomatie zu Veränderungen: ausgehend vor allem von den oberitalienischen Stadtstaaten, deren geographische Nähe zueinander, das Fehlen einer übergeordneten Macht sowie innere Parteikämpfe ein hohes Konfliktpotential hervorbrachten, wurde es nämlich deutlich, daß Informationen bzw. Informiert-sein besonders im Ringen um Koalitionen einen nicht zu überschätzenden Vorteil bedeuten konnten.[2]

Diese Erkenntnis bewirkte eine Neuerung auf dem Feld der diplomatischen Beziehungen, nämlich die Einführung der ständigen Gesandten. Kannte das Mittelalter nur nichtständige, d.h. außerordentliche Gesandtschaften, die von Fall zu Fall Verhandlungen durchführten oder Repräsentationsaufgaben zu erfüllen hatten[3], wurde es nun nach und nach zur Praxis der entstehenden europäischen Staaten, „zur Befriedigung des Bedürfnisses nach internationaler Information“[4] ständige Botschafter[5] zu Regierungen anderer Staaten zu entsenden.

Den Anfang machte hierbei Mantua, das 1341 einen ständigen Gesandten an den kaiserlichen Hof Ludwigs des Bayern entsandte.[6] Bis zur Zeit des Friedens von Lodi (1454) hatten sich alle größeren Mächte Italiens dieses außenpolitische Mittel angeeignet und untereinander Botschafter ausgetauscht.[7] England, Frankreich, Kastilien-Aragon und der habsburgische, d.h. österreichisch-burgundische Länderkomplex übernahmen diese diplomatische Neuerung um 1500[8], während die Länder Osteuropas oder Skandinaviens weiterhin das altbekannte System bevorzugten[9]. Die neue Art der Diplomatie war also, vor allem für die politisch entwickelteren Staaten, der Ausdruck eines neuartigen Staatswesens.[10]

Die Ausnahme, die diese Regel bestätigte und spätestens seit 1521/26 eine wichtige Rolle in der europäischen Politik innehatte, war das Osmanische Reich, das zwar eines der politisch entwickeltesten Länder war[11], aber aus seiner Position als einzige militärische Macht, die keine gegnerische Koalition zu fürchten brauchte[12], sowie aus Stolz keine ständigen Residenten entsandte[13]. Dies galt sowohl für „befreundete“ Staaten wie Frankreich[14] als auch für Staaten, mit denen es im 16. und 17. Jahrhundert immer wieder zu Konflikten kam, wie Spanien oder Venedig zur See oder die österreichischen Habsburger zu Land. Gerade bei letzteren mag dies verwundern, da sich-abgesehen von den diversen offiziell erklärten Kriegen-aufgrund der gemeinsamen Grenze seit des Untergangs des eigenständigen Königreiches Ungarn in der Schlacht von Mohács 1526 immer wieder und auch in Waffenstillstandszeiten Zwischenfälle ereigneten, die auf beiden Seiten Proteste und diplomatische Spannungen hervorriefen.[15] Trotzdem unternahm die Hohe Pforte bis 1795 nicht den Versuch, die diplomatischen Beziehungen zu Österreich durch Entsendung eines ständigen Botschafters auf eine freundlichere Basis zu stellen.[16]

Das Ziel dieser Arbeit ist es nun, diese diplomatischen Beziehungen zwischen „einem der diplomatisch am wirksamsten organisierten Staaten, nämlich dem Hause Österreich“[17] und einem auf diesem Feld eher an bekannten Praktiken festhaltenden Staat, dem Osmanischen Reich, während des 16. und 17. Jahrhundert zu untersuchen, um festzustellen, welcher Art sie waren, was für Konsequenzen sich aus ihnen ergaben und wie groß der tatsächliche Einfluß der Diplomatie auf das Verhältnis der beiden Mächte untereinander war.

Zu den Themen „Diplomatie in der frühen Neuzeit“ im Allgemeinen sowie „Diplomatische Beziehungen zwischen Habsburgern und Osmanen“ im Besonderen existiert aufgrund der intensiven Forschung über ein Jahrhundert hinweg eine reichhaltige Menge an-auch neuester-Literatur, vor allem in Aufsatzform. Bei Darstellungen des österreichisch-osmanischen Verhältnisses findet man dabei eher spezielle Untersuchungen kurzer Zeitspannen, z.B. anhand der z.T. wöchentlich nach Wien geschickten Berichte (Relationen) von Gesandten in Istanbul[18], als Überblicksdarstellungen, die die Entwicklung über längere Zeit hinweg betrachten. Auch konzentrieren sich die Darstellungen eher auf die österreichische Diplomatie, eine Tatsache, die an den nur mangelhaft erschlossenen osmanischen Quellen liegen mag.

Diese Arbeit kann wegen des beschränkt zur Verfügung stehenden Umfanges nicht alle Facetten der diplomatischen Geschichte der beiden Staaten detailliert behandeln[19], sondern wird sich auf die wichtigsten Gebiete konzentrieren: Den Anfang bildet hierbei eine Untersuchung der Kompetenzverteilung bezüglich der außenpolitisch-diplomatischen Vorgehensweise innerhalb der habsburgischen Administration. Es folgt eine Darstellung der Geschichte der habsburgischen Gesandten in Istanbul sowie der Bedingungen, auf die sie dort trafen, wobei auch die Einhaltung bzw. Nicht-Einhaltung „völkerrechtlicher“ Grundsätze betrachtet wird. Ein wichtiges Gebiet österreichisch-osmanischer Beziehungen war die Grenzdiplomatie, da hier ebenfalls intensive Kontakte stattfanden, weswegen auch sie kurz erwähnt werden sollte. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den Grundsätzen der osmanischen Diplomatie und ihren Auswirkungen auf die Verbindungen zu den österreichischen Habsburgern, während anschließend wichtige „Nebenfelder“, nämlich die Dolmetscher und die nachrichtendienstliche Tätigkeit, betrachtet werden. Abschließend wird auf signifikante Entwicklungen und Veränderungen im offiziellen außenpolitischen Verhältnis der beiden Staaten zueinander eingegangen sowie die Arbeit in einem Resumée zusammengefasst.

2. Die Verteilung der außenpolitischen und diplomatischen Kompetenzen innerhalb der kaiserlichen Administration

Charakteristisch für die Behörden und Institutionen der kaiserlichen Administration, die für die orientalische Politik zuständig waren, waren Konkurrenzdenken und Kompetenzstreitigkeiten sowohl innerhalb dieser Behörden[20] als auch zwischen ihnen[21]. Verantwortlich hierfür waren vor allem die unklaren Kompetenzverteilungen: seit Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der Hofkriegsrat von der Hofkanzlei die gesamte Verwaltung der die Osmanen betreffenden Politik übernommen. Dies betraf insbesondere den schriftlichen Verkehr mit den in Istanbul anwesenden Diplomaten und Agenten, deren Berichte die Grundlagen für diplomatischen Sachfrage behandelnde Gutachten bildeten, die an die einzige entscheidungsbefugte Institution, den Geheimen Rat, weitergeleitet wurden. Neben der Tatsache, daß der Hofkriegsrat somit keine eigenständigen Entscheidungen treffen konnte, wurde er in seiner Arbeit auch dadurch behindert, daß ihm nicht ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung standen (seine Ausgabenkompetenz war auf 150 Gulden pro Jahr beschränkt). Zur Beschaffung weiterer Gelder, z. B. zur Bezahlung seines im Ausland tätigen Personals, war er auf die Hofkammer angewiesen, was aufgrund des umständlichen Instanzenweges sowie der mit der üblichen Geldknappheit der Hofkammer und der allgemein schlechten Finanzlage zusammenhängenden Schwierigkeit, Gelder aufzutun, mehrere Monate in Anspruch nehmen konnte.

Der durch die Aufteilung der das Osmanische Reich betreffenden Kompetenzen auf drei verschiedene, „ungenügende Verwaltungseinrichtungen“[22], des dadurch entstehenden umständlichen und lange dauernden Wegs der zu behandelnden Sachfragen durch die Instanzen, durch die Probleme bei der Geldmittelbeschaffung sowie durch die große Entfernung nach Istanbul oft entstehende Zeitverlust konnte für den dort weilenden Residenten dreierlei bedeuten: zum einen mußte er auf finanzielle Mittel warten, die ihm entweder als Sold zustanden oder auf die er zum Unterhalt des diplomatischen Verkehrs mit der Pforte angewiesen war, zum anderen blieb er ohne Weisungen oder Nachrichten von der ihm übergeordneten Behörde. Dies konnte dann drittens zur Folge haben, daß er seine sich erarbeitete Stellung bei der Pforte verlor, da diese annahm, er habe das Vertrauen seiner Regierung verloren.[23]

[...]


[1] Vgl. Ernst, Fritz: Über Gesandtschaftswesen und Diplomatie an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, in: Archiv für Kulturgeschichte 33 (1951), S. 65.

[2] Mattingly, Garrett: Renaissance Diplomacy. London 1955, S. 55-63.

[3] ebd., S. 26-33. Vgl. auch Queller, Donald E.: The Office of Ambassador in the Middle Ages. Princeton 1967.

[4] Fueter, Eduard: Geschichte des europäischen Staatensystems von 1492-1559. München – Berlin 1919, S. 5

[5] Für höhere Diplomaten gab es mehrere, in der Bedeutung gleiche Bezeichnungen wie legatus (Gesandter), ambaxiator (Botschafter) oder orator. Mattingly, S. 29/30.

[6] ebd., S. 71.

[7] ebd., S. 101.

[8] Vgl. ebd., S. 138-190. Von einem fest ausgebauten Netzwerk ständiger Botschafter in modernem Sinne kann allerdings noch keine Rede sein, nur zu den politisch wichtigen Staaten bestanden derartige Verbindungen, die zudem nicht kontinuierlich waren. Höflechner, Walter: Diplomatie und Gesandtschaftswesen am Ende des 15. Jahrhunderts, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23 (1979), S. 13.

[9] Fueter, S. 7.

[10] Mattingly, S. 55.

[11] Vgl. Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 31996, S. 84-114.

[12] Fueter, S. 7.

[13] Teply, Karl: : Türkische Gesandtschaften in Wien (1488-1792), in: Österreich in Geschichte und Literatur Bd. 20 (1976), S. 15.

[14] mit dem seit 1535 eine vertraglich abgeschlossene Beziehung bestand. Vgl. Hurewitz, J. C.: Diplomacy in the Near and Middle East. A Documentary Record. Princeton – New York – Toronto – London 1956, Doc. 1: Treaty of Amity and Commerce: the Ottoman Empire and France (February 1935).

[15] Einen anschaulichen Bericht solcher Spannungen gibt der Dolmetscher und Diplomat Osman Aga: Osman Aga: Zwischen Paschas und Generälen. Bericht des Osman Aga über die Höhepunkte seines Wirkens als Diwansdolmetscher und Diplomat (Osmanische Geschichtsschreiber Bd. 5, hg. von Richard Kreutel). Graz – Wien – Köln 1966.

[16] Teply: Türkische Gesandtschaften..., S. 15.

[17] Fueter, S. 7.

[18] Als Beispiele seien genannt: Meienberger, Peter: Johann Rudolf Schmid zum Schwarzenhorn als kaiserlicher Gesandter in Konstantinopel in den Jahren 1629 – 1643. Ein Beitrag der diplomatischen Geschichte zwischen Österreich und der Türkei in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Geist und Werk der Zeiten 37): Frankfurt 1973 oder Nehring, Karl: Adam Freiherrn zu Herbersteins Gesandtschaftsreise nach Konstantinopel. Ein Beitrag zum Frieden von Zsitvatorok (1606) (= Südosteuropäische Arbeiten 78). München 1983.

Bei diesen Darstellungen relativ kurzer Zeitspannen ist natürlich Vorsicht vor unzutreffenden Verallgemeinerungen geboten. Ich werde trotzdem versuchen, aus den verschiedenen Werken die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, um dadurch einen Überblick über das Thema geben zu können.

[19] So kann auf die militärisch-politischen Entwicklungen ebenso wie auf die Reisewege, die Unterkünfte, die Bedeutung der Ehrengeschenke oder auf die protokollarischen Spitzfindigkeiten, die sich die Diplomaten ausdachten, um die vermeintliche Überlegenheit ihres Herrschers auszudrücken, nur kurz oder gar nicht eingegangen werden.

[20] Barker, Thomas M.: Doppeladler und Halbmond. Entscheidungsjahr 1683. Graz – Wien – Köln 1982, S. 169.

[21] Hier und im Folgenden dieses Kapitels vgl. Meienberger, S. 73-78.

[22] ebd., S. 77.

[23] Vgl. die Finalrelation Nr. 1 des gewesenen Residenten Schmid vom 20.8.1643, abgedr. in:Meienberger, S.167.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Diplomatische Beziehungen zwischen den österreichischen Habsburgern und der Hohen Pforte
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
26
Katalognummer
V71893
ISBN (eBook)
9783638686419
ISBN (Buch)
9783638717427
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diplomatische, Beziehungen, Habsburgern, Hohen, Pforte
Arbeit zitieren
M.A. Johannes Staudenmaier (Autor), 2001, Diplomatische Beziehungen zwischen den österreichischen Habsburgern und der Hohen Pforte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/71893

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